Foto: Kai Wiedenhöfer

    Kultur und Klima

    Augenblick Afghanistan
    Angst und Sehnsucht in einem versehrten Land

    Das Staatliche Museum für Völkerkunde München zeigt noch bis zum 15. September 2013 die Ausstellung Augenblick Afghanistan. Den Kuratoren ist ein einfühlsames Porträt gelungen, welches in ganz neuen Perspektiven Alltagseindrücke deutscher Bundeswehrsoldaten mit denen einheimischer Fotografen verbindet.

    Erstmalig versucht nun ein deutsches Museum, das Sujet Afghanistan auch aus der Perspektive der deutschen Bundeswehrsoldaten im Einsatz am Hindukusch darzustellen. Obwohl Soldaten seit jeher auch als kulturelle Mittler gelten können und mit ihren Briefen, Berichten und mitgebrachten Objekten ferne Länder näher rückten, sind sie, jedenfalls was Afghanistan betrifft, bislang kaum selbst zu Wort gekommen. Nach langen internen Debatten haben sich die Kuratoren am Münchener Museum für Völkerkunde nun dafür entschieden, auch die Perspektive der Soldaten darzustellen ‒ ein mutiger Schritt, zumal ein Museum für Völkerkunde nur selten Gegenwartsproblematiken thematisiert. In Tonbandaufnahmen, ergänzt durch offizielles Bildmaterial sowie persönliche Objekte, werden überraschende Einblicke in das Leben der Soldaten im Kampfeinsatz gewährt.

    Einheimische Fotografen

    Doch bei der Ausstellung Augenblick Afghanistan geht es um mehr. Die Eindrücke der fremden Soldaten werden durch die Perspektive junger einheimischer Fotografen sinnvoll ergänzt. Bereits die höfische Elite im Afghanistan des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts hatte viel Interesse an der Fotografie gezeigt und sich gegenseitig in Fotos porträtiert. Von den Sowjets zu Politpropaganda missbraucht und von den Taliban komplett verboten, erfährt die Fotografie seit 2002 nun wieder zunehmend an Beliebtheit. Ausländische Stiftungen tragen mit der Gründung von Medieninstituten, der Organisation von Festivals, Workshops und Ausstellungen ihren Teil zur Qualifizierung und Verbreitung des Bildmaterials bei. So sind auch die in München gezeigten Aufnahmen im Rahmen eines gemeinsam mit dem Goethe-Institut Kabul Anfang 2012 ausgeschriebenen Fotowettbewerbs entstanden. Junge Künstler sollten versuchen, ihre Alltagserfahrungen in Fotografie zu übersetzen. Der mit der massenmedialen Darstellung von Kriegsgeschehen und afghanischer Misere vorbelastete Betrachter wird auch hier überrascht.

    Augenblick Afghanistan, das heißt: Kein analysieren, politisieren und erklären, sondern Fragen aufwerfen und Blickwinkel erweitern. In einer ausgewogenen Mischung verschiedener museumspädagogischer Vermittlungsformen wird Afghanistan nahe gebracht, wie es sich im Jahr 2012 darstellt. Die räumliche Gestaltung, angelehnt an afghanische Farbwelten und Landschaftsformen, ist eine Einladung zum Einfühlen in die teilweise verwirrende Vielschichtigkeit der Materie. Mit groß an die Wand geworfenen Schlagworten wird versucht, Ordnung zu schaffen und Verstehenshilfe anzubieten.

    Überzeugend trotz Problematik

    Im Rahmen des Begleitkatalogs hätte man, zumal eine ethnologische Institution als Herausgeberin zeichnet, sowohl in Autoren- als auch Themenwahl etwas mehr Gendersensibilität erwarten können. Nur zu oft mussten Lebenswelten afghanischer Frauen als Argumentations- und Legitimationshilfe für den ausländischen Kampfeinsatz herhalten und hätten hier etwas mehr qualifizierte und differenzierende Aufmerksamkeit verdient. Auf dieser Ebene müssen auch einige der Bilduntertitel kritisiert werden, die darauf abzuzielen scheinen, das westliche Bild des Islams zurechtzurücken und von dessen Missbrauch und frauenfeindlicher Pervertierung durch Extremisten sauber zu trennen. Manche Formulierungen sind jedoch unglücklich gewählt, was bereits einige heftige Reaktionen des Publikums provozierte.

    Dennoch, die Schau überzeugt. Sie eröffnet neue Perspektiven und ermöglicht die reflektierte Auseinandersetzung mit einem Land, welches wahrlich mehr zu bieten hat als Chaos und Krieg. Afghanistan – Land der Gegensätze und der Ungewissheiten, Land des kulturellen Reichtums und der atemberaubenden Landschaften.

    Bis Ende 2014 sollen alle ausländischen Kampftruppen vom Hindukusch abgezogen sein. Danach wird die afghanische Gesellschaft zeigen müssen, ob sie bereit ist für den Weg in Selbstständigkeit, Verantwortung und Frieden. Und spätestens dann wird es Zeit für einen neuen Augenblick Afghanistan.

    Die Ausstellung Augenblick Afghanistan findet noch bis zum 15.9.2013 im Staatlichen Museum für Völkerkunde München statt. Der Begleitkatalog „Augenblick Afghanistan – Angst und Sehnsucht in einem versehrten Land“ wurde herausgegeben von Tobias Mattern und Christine Stelzig.
    Nouria Ali-Tani
    ist Politik- und Islamwissenschaftlerin und beschäftigt sich mit Gegenwartsthematiken arabisch-islamischer Gesellschaften. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf den Lebensrealitäten von Frauen.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2013

    Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns!
    Mail Symbolkulturzeitschriften@goethe.de

    Links zum Thema

    Fikrun wa Fann als E-Paper

    Fikrun wa Fann als E-Paper

    Lesen Sie das Fikrun Heft 99 „Kultur und Klima“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader! Zum Download ...

    Bestellen

    Antragsformular

    Institutionelle Empfänger oder Personen in islamisch geprägten Ländern, die im journalistischen oder kulturellen Bereich aktiv sind, können ein kostenloses Abonnement beziehen.
    Zum Antragsformular ...