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    Jugend

    Islam im Klassenzimmer

    Copyright: Edition Körberstiftung
    Sanem Kleff (Hrsg.): Islam im Klassenzimmer
    Der Umgang mit Muslimen gehört zum deutschen Schulalltag. Oft wird die Religion als Ursache vieler Schulprobleme angesehen, viele Muslime begründen mit dem Islam ihre Einstellung gegenüber schulischen Aktivitäten wie Klassenfahrten oder Schwimmunterricht.

    Alles auf die Religion zu reduzieren, ist jedoch zu simpel. Meist ist eine schwer zu entwirrende Gemengelage aus Religion, Tradition und Islamismus am Werk.

    Große Pause an der Hauptschule. Die Klassenlehrerin Gisela Meier sammelt das Geld für die Klassenfahrt an die Nordsee ein. Drei Tage vor der Abreise haben immer noch nicht alle Schülerinnen und Schüler bezahlt. Fatma Ayde-mir hat schon vor Tagen versprochen, das Geld mitzubringen, hatte es aber heute auch nicht dabei.

    Jetzt reicht es der Lehrerin. Sie will nicht länger warten und ruft bei den Eltern an. Die Mutter meldet sich: Ja, sicher, sie schickt das Geld gleich morgen. Am nächsten Tag schaut Fatma verlegen, sie hat wieder kein Geld mitgebracht. Nun wird sie nicht mitreisen können. Kollegin Meier ist sauer. Sie kann nicht verstehen, warum die Eltern nicht einsehen, welche Bedeutung Klassenfahrten für die Entwicklung ihrer Kinder haben. Sie will zumindest eine Erklärung. Bei einem Hausbesuch erfährt sie, dass der Vater Fatma nicht erlaubt, an Klassenfahrten teilzunehmen. Vor zwei Jahren durfte Fatma noch mitfahren. Jetzt sei sie aber mit fünfzehn in einem Alter, in dem das nicht mehr ginge. Keine weiteren Erklärungen.

    Gisela Meier sitzt am nächsten Tag im Lehrerzimmer und berichtet den Kolleginnen. Das sei bei muslimischen Familien so, da könne man nichts machen, das kenne man schon. Ab einem bestimmten Alter dürften muslimische Mädchen sich eben nicht aus der Kontrolle der Familien entfernen. Dieses Erklärungsmuster hat in deutschen Lehrerzimmern Hochkonjunktur. Eine Erklärung, die scheinbar keine Unklarheiten lässt, was aber leider nicht bedeutet, dass sie tatsächlich zutrifft.

    Das Schwierige am Islam

    Warum darf Fatma nicht mit auf Klassenfahrt? Wie soll ich den Sportunterricht gestalten, wenn sieben von zwölf Mädchen regelmäßig nicht mitmachen wollen? Warum will Mahmut aus der zehnten Klasse an dem Lehrergespräch über seine Schwester aus der Achten teilnehmen? Soll ich die Mathearbeit aufschieben, weil die Hälfte der Klasse fastet? Das regt mich auf: Hüseyin vertritt lautstark die Ansicht, dass sich freizügig bekleidete Schülerinnen nicht beklagen dürften, wenn sie von den Jungs angemacht werden. Unerträglich, wie respektlos die muslimischen Jungs mit uns Lehrerinnen umgehen! - So oder ähnlich hören sich die Fragen und Klagen in deutschen Lehrerzimmern an.

    Beim Umgang mit dem Islam und mit muslimischen Schülern werden meist sehr unterschiedliche Probleme, Fragen und Antworten vermischt. Deshalb will ich einen Vorschlag machen, wie das Durcheinander strukturiert werden könnte als Grundlage für die Entwicklung von Handlungs- und Lösungsansätzen für den schulischen Alltag.

    Download SymbolSanem Kleff: Islam im Klassenzimmer (pdf, 55 KB)

    Sanem Kleff ist Vorstandsmitglied von Aktioncourage e.V. und Leiterin des europäischen Projekts Schule OHNE Rassismus – Schule MIT Courage in Deutschland.

    Aus: Islam im Klassenzimmer. Edition Körberstiftung, Hamburg 2005. S. 21 – S. 31

    Januar 2007

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