Photo: Markus Kirchgessner

    Geschlechterrollen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann ist eine Kultur-
    zeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und islamisch geprägten Kultur-
    kreisen fördert und mitgestaltet. Autoren aus Deutschland, Europa und der islamischen Welt kommen neben anderen internationalen Stimmen zu Wort. Fikrun wa Fann bietet neben Information und Dialog mit den und innerhalb der islamisch geprägten Kulturkreise ein literarisches Forum für aktuelle gesellschaftspolitische Debatten.

    Das dritte Geschlecht in Pakistan
    Tänzer, Sänger und Performer

    Gogi, der Guru, 1992. © Jürgen Frembgen Es war im November 1989. Ich erinnere mich daran, dass ich in einem dieser knallbunt dekorierten Busse saß, die auf den Straßen von Karachi verkehren, als drei große, schlanke, langhaarige Gestalten das hintere Abteil betraten, das den Männern vorbehalten war. Sie waren auffällig in weibliche Kleidung gehüllt, trugen Seidenshirts und -Hosen, weiße Schals und goldene Ohrringe; ihre Frisuren bestanden aus zwei neckischen, langen, falschen Zöpfen; auf ihren Gesichtern glänzte das dick aufgetragene Makeup, das sie von den weiblichen Passagieren im vorderen Teil des Busses unterschied. Ihre Stimmen waren auffallend laut und kratzig, gleichzeitig jedoch sehr schrill mit weiblicher Intonation. Als ich die Person, die neben mir stand, betrachtete, fiel mir der Rest eines Stoppelbartes auf – gleichzeitig nahm ich die Konturen eines Büstenhalters, bunt bemalte Fingernägel und falsche Wimpern wahr. Alle drei trugen große Armbanduhren, die eher einem typisch männlichen Stil zuzuordnen waren. Einige der männlichen Passagiere begannen, die drei zu sticheln: „Warum leistet ihr nicht den Damen im Vorderteil des Busses Gesellschaft?“, und sie fügten kokett hinzu: „Aber ihr seid viel schöner!“ Gelächter, frivoles Gerede und übertriebene weibliche Gesten hörten erst auf, als die drei im Stadtzentrum aus dem Bus stiegen.

    Dies war meine erste Begegnung mit Individuen, die man keiner Geschlechtskategorie eindeutig zuordnen kann und die in Pakistan unter dem Namen khusre (Singular: khusra), einem Begriff aus der Punjabi Sprache, oder unter hijre (Singular: hijra), einem Begriff aus den in Südasien verbreiteten Sprachen Urdu und Hindi, bekannt sind. Darüber hinaus sind sie auch als khwaja sara bekannt, da sie zum Hofstaat des Mogulreiches gehörten. Die Gemeinschaft der khusre umfasst Individuen, die oft vereinfacht als Transvestiten, als rituell kastrierte „Eunuchen”, als Transsexuelle (damit sind Männer gemeint, die eine ernsthafte Krise in ihrer Geschlechtsidentität durchleben) und als Hermaphroditen bezeichnet werden, und schließt damit all diejenigen mit ein, die nicht in den binär ausgerichteten Geschlechtsrahmen der anglo-europäischen Gesellschaft und ihrer kolonialen Ethnographen passen. In ihrem bahnbrechenden Werk Neither Man nor Woman betont Serena Nanda, dass das Phänomen der hijra ein Magnet sei, „der Menschen mit vielen unterschiedlichen Cross-Gender-Identitäten, -Merkmalen und -Verhaltensweisen anzieht“. Abgesehen von einer vergleichsweise kleinen Anzahl von Hermaphroditen, die sowohl mit männlichen als auch mit weiblichen Merkmalen und funktionstüchtigen Fortpflanzungsorganen geboren werden, ist die reguläre khusra als ein Mann geboren, der sich durch weibliche Kleidung und verweiblichtesVerhalten auszeichnet. Obwohl eine solche Person oft als jemand beschrieben wird, „der mit der Seele einer Frau im Körper eines Mannes gefangen ist”, scheint es angemessener zu sagen, ihre Geschlechtsidentität sei weder männlich noch weiblich. Anthropologen theoretisieren solche Kontexte, indem sie den Begriff des multiplen Geschlechts oder die Kategorie des „dritten Geschlechts” benutzen. Letzteres ist als Kategorie nicht so neu, wie manche Wissenschaftler zu glauben neigen, denn es kann bis in die spätvedische Zeit in Indien (8. bis 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung) zurückverfolgt werden. So weisen auch schon alte Sanskrit-Texte auf das trtiya prakrti hin – das „dritte Geschlecht” oder die „dritte Art” –, um die klibas zu bezeichnen, die ihre männliche Rolle nicht akzeptierten und stattdessen weibliche Kleidung und Schmuck trugen, tanzten und sich wie Frauen verhielten. Für die antike indische Gesellschaft war es von entscheidender Bedeutung, dass diese Individuen keinerlei sexuelles Interesse an Frauen hatten und sich nicht fortpflanzten. Ihre Nachfahren sind die heutigen khusre und hijre, welche die von ihrer Gesellschaft definierten Grenzen zwischen den Geschlechtern auf ähnliche Weise überschreiten. Beide wurden aufgrund ihres weiblichen Kleidungsstils sowohl als „männliche Transgender” als auch als „Mannfrauen” bezeichnet, obwohl ich die lokalen Termini bevorzuge, um nicht Gefahr zu laufen, die rituelle Komplexität und die mythischen Andeutungen der Begriffe khusre und hijre zu mindern. Sie existieren als ein „drittes Geschlecht” (in Urdu tisri jins), das im Jahre 2009 vom Obersten Gerichtshof Pakistans als solches anerkannt wurde; zwar nicht unabhängig von der männlich-weiblichen Zweiheit, aber in Beziehung dazu und innerhalb ihrer bestehend. Ihre Anzahl wird heutzutage auf etwa vier Millionen in Indien und etwa 300.000 in Pakistan geschätzt.

    Rituelle Unterhaltungskünstler: Ein Treffen mit Gogi und ihren Schülern

    Ein paar Monate nach meiner Begegnung mit den hijre in Karachi, besuchte ich die nordwestliche Grenzprovinz Pakistans (heute: Pakhtunkhwa), und es war Neugier, die mich in Richtung von Peshawars verrufenem Dabgari Bazar zog, dem historischen Viertel der Musiker, Tänzerinnen und khusre. Als ich mich mit einigen der Unterhaltungskünstler  unterhielt, erfuhr ich, dass es Tradition sei, dass khusre während bestimmter Feierlichkeiten – wie der Geburt eines Sohnes, der rituellen Beschneidung eines Jungen und besonders bei Hochzeiten und Verlobungen – singen und tanzen. In einer Stadt wie Peshawar haben sie traditionelle Beziehungen zu den Familien und unterhalten ein exzellentes Informationssystem, um stets zu wissen, wann und wo das nächste fröhliche rituelle Ereignis stattfinden wird. In Ergänzung zu den Initiationsriten werden sie ebenfalls zu privaten Parties eingeladen, an denen nur Männer teilnehmen. Miro, die damalige Führerin und Haupt-Guru der khusre in Dabgari, riet mir, Lahore’s Hira Mandi oder „Diamond Market” zu besuchen, welches der wichtigste Ort in Pakistan ist, wenn man Personen des „dritten Geschlechts” treffen möchte. Um mehr über den wichtigen kulturellen Stellenwert der khusre und die geschlechtlich kodifizierte Bedeutung ihrer Gemeinschaft herauszufinden, reiste ich im April 1992 in Begleitung meiner Frau nach Lahore. Hier, im Herzen des Punjab, sind sie unter dem Namen khusre bekannt.

    Ein Musikinstrumentenhersteller, den ich zuvor getroffen hatte, um seine Kunst näher kennenzulernen, stellte uns seine Nachbarn vor – Gogi, die Guru dieser khusre-Hausgemeinschaft, etwa Ende Dreißig, ihre Lieblingsschülerin Mahwash und einen jungen, schüchternen Transvestiten, der in seiner Funktion als Dienstbote putzte, kochte und Besorgungen machte. Alle drei kauten Betel. Kleine Hühner trippelten auf dem Boden des Einzimmer-Apartments herum. In der Ecke stand ein Kühlschrank, an der Wand hing ein großer Spiegel und auf einem Brett stand ein kleiner Fernseher. Die Wände waren geschmückt mit Fotos von Gogi, gekleidet als hinreißende und verführend blickende Frau; sie hatte sogar schon ein paar Nebenrollen in Punjabi-Filmen gespielt. In Ergänzung zu Postern mit Abbildungen von Mekka and Medina, hingen dort zwei Plakate, die den Schrein des charismatischen Sufi Saint Lal Shahbaz Qalandar abbildeten, einem spirituell berauschten „Freund Gottes“, der Gott durch einen Trance-ähnlichen Tanz verehrte, und auf diese Weise zum Schutzheiligen aller Unterhaltungskünstler geworden war.

     Nachdem wir uns begrüßt hatten, schlang Mahwash einen gold-bestickten Schal um meine Frau und machte deutlich, dass sie sie auf diese Art als ihre „Schwester” adoptierte. Dann setzten wir uns gemeinsam zum Teetrinken nieder und begannen, über ihr Leben in Hira Mandi zu plaudern, insbesondere über ihre Auftritte.

    Indem sie laut in die Hände klatschte, demonstrierte Gogi uns mit einer lauten und hohen Stimme die typische Art und Weise, wie die khusre ihre Lieder darbieten. Darin wird die Botschaft für Braut und Bräutigam ausgedrückt, ihre ehelichen Pflichten nicht zu vergessen. Die Sprache dieser Fruchbarkeitslieder ist oft grob und mit sexuellen Anspielungen aufgeladen. Gogi fügte hinzu, dass sie ihr Publikum außerdem mit romantischen Filmsongs unterhielten. Das Singen und Klatschen wird mit einer kleinen Trommel begleitet. Im Falle der Geburt eines Jungen, werden seine Genitalien der Öffentlichkeit präsentiert. Weiter betonte Gogi, dass ihre Gruppe bei allen Arten von Familienfesten und fröhlichen Anlässen auftrete, um Fruchtbarkeit und Glück zu garantieren; ebenfalls treten sie beim Bau eines neues Hauses oder der Eröffnung eines neuen Geschäftes auf, auch wenn sie keine offizielle Einladung dafür erhielten. Sollte es jemand wagen, sie abzuweisen, ohne sie zu bezahlen, würden sie diese Person verfluchen – ein schlechtes Omen bei einem solch glücklichen Ereignis. Deshalb werden der khusra heilige Kräfte zugesprochen – und zwar nicht nur von den Muslimen in Pakistan, sondern auch von Hindus, Sikhs und Angehörigen anderer Glaubensrichtungen in Südasien. Sie spielt durch ihre Segenswünsche, durch das Schenken von Fruchtbarkeit und durch ihre Heilungsfähigkeiten eine glückverheißende Rolle. Immer noch bringen Mütter ihre kranken Babies oft zu der khusra, um sie von ihr heilen zu lassen. Gleichzeitig herrscht aber auch Angst vor der khusra und vor ihrer Fähigkeit, Flüche auszusprechen und Unheil zu verursachen. Dennoch werden, laut der pakistanischen Jungschen Psychologin Durre Ahmed, diese Gegensätze nicht als sich bekriegender „Widerspruch“ von Richtig und Falsch angesehen, sie sind vielmehr komplementär, versöhnlich und verfügen über heilende Potenziale innerhalb des transzendenten Ideals einer alles umfassenden, gleichgeschlechtlichen männlich-weiblichen Gottheit, verkörpert in dem griechischen Gott Hermes. Ihrer Meinung nach erscheint die khusra als ein mythisches Symbol des traditionellen Ideals einer Einheit innerhalb einer Vielheit – im Gegensatz zum ausschließlich männlichen Held der Moderne.

    Auf jeden Fall spielt der Körper eine zentrale Rolle in der „Konstruktion” des „dritten Geschlechts”, nicht nur in Bezug auf die Entmannung, sondern besonders wenn es darum geht, sich den weiblichen Kleidungsstil und die Kunst des Verschönerns anzueignen. Gogi fuhr fort und erklärte, dass sie normalerweise am Spätnachmittag damit begannen, sich schick anzuziehen, ihren Schmuck auszuwählen und ihr starkes Make up aufzutragen. Sie fügte hinzu, dass manche ihre Brust mit Creme einschmierten, um sie anschließend so sehr zusammenzudrücken, dass kleine, weiblich-aussehende Brüste geformt werden. Alle khusre, mit denen ich im Laufe der Jahre gesprochen habe, drückten ihren starken Wunsch nach diesem Symbol der Weiblichkeit aus. Viele versuchten, einen weiblichen Körper zu formen, indem sie weibliche Hormone schluckten oder sich sogar spritzten. Für die Anfertigung ihrer Kleider, fuhr Gogi fort, gingen sie regelmäßig zu einem speziellen Meister, bekannt unter dem Namen „Jo-Jo-Darzi“, der in einem anderen Teil vom Lahore lebt. Manchmal besucht Gogi einen nahegelegenen Schönheitssalon. Anschließend zieht sie mit ihrer „Dans Party“ zu einem abendlichen „Auftrag“ los (durchschnittlich etwa drei bis vier Mal wöchentlich), wo sie für das männliche Publikum im Disco-Stil tanzen. Ich fragte sie, ob sie dieselbe schillernde und bestickte Kleidung trugen, wenn sie auf dem Bazar Almosen sammelten, wie ich vorher zufällig bemerkt hatte. Sie verneinte und erzählte, dass sie sich auf dieser täglichen Tour in der ihnen zugeteilten Gegend in herkömmlicher weiblicher Kleidung zeigten, und dass der geringe Betrag, den sie von den Ladenbesitzern bekamen, kein „Almosen“ sei, sondern Gebühren (vadhai), die sie rechtmäßig einfordern konnten. Während des Ramadan kleideten sie sich ebenfalls als Frauen.

    Gogi bestätigte außerdem, dass ein Ritual stattfindet, wenn ein Neuzugang in die Gemeinschaft aufgenommen wird: In der Anwesenheit einer größeren Gruppe von khusre wird das linke Nasenloch der weiblich gekleideten Schülerin von ihrer Guru mit einer Nadel durchstochen, bevor ein schwarzer Faden hindurchgezogen wird. Dann wird sie mit Tüchern und Geld ausgestattet präsentiert und kauft von den Anwesenden Armreifen.

    Die khusra-Kaste

    In einem rituellen Kontext bilden die khusre eine professionelle Kaste: Wenn eine junge khusra ihre Familie verlässt, bricht sie ebenfalls die Verbindungen zu ihrer Punjabi-Kaste ab, tritt in einen neuen Haushalt ein, erhält einen neuen Namen und unterzieht sich manchmal – nicht immer – der rituellen Initiation, bei der ihre männlichen Genitalien entfernt werden (die so genannte nirvan-Operation). Die khusre betonen, dass dies getan wird, um das nafs zu töten, damit ist das „niedere Selbst“ oder die „tierische Seele“ in der Terminologie der Sufi-Tradition gemeint, die eine starke Strömung innerhalb der muslimischen Angehörigen des „dritten Geschlechts“ ist. Dokumentarfilme über Indien legen oft auf eine detaillierte, voyeuristische Art und Weise ihren Fokus auf diese riskante Operation, bei der eine alte, erfahrene khusra Penis und Hoden mit einem scharfen Messer abschneidet und die Wunde mit kochendem Öl und Kräutern übergießt, um Infektionen zu vermeiden. Sowohl in Pakistan als auch in Indien wird diese vollständige Entmannung mittlerweile auch unter klinischen Bedingungen in Krankenhäusern vollzogen. Auf dem Dabgari Bazar in Peshawar hörte ich von einer weiteren, weniger Aufsehen erregenden Initiation in diese Kaste, bei der der Kandidat sich auf einen hölzernen Penis setzt, der mit Öl beschmiert ist, und auf diese Art penetriert wird.   

    Vor Jahren erfuhr ich, dass Gogi, die Guru, niemals kastriert wurde, sie/er hat sogar einen Sohn und begann damit, sich wieder einen Bart wachsen zu lassen. Dies zeigt, dass die neu erlangte soziale Identität tatsächlich wichtiger ist als die rituelle Kastration. Die pakistanischen khusre begreifen sich selbst als eine eigene Gemeinschaft mit einer eigenen Identität. Ihre Kaste ist in verschiedene Einheiten oder Klans aufgeteilt, und sogar kleinere Abschnitte sind nach unterschiedlichen Orten oder einem Vorfahren benannt und unterscheiden sich durch eine Rangfolge. Dennoch fehlt den Verwandtschaftsgruppen der khusre, im Gegensatz zu anderen Punjabi-Kasten, eine permanente Zuschreibung. Daher können Individuen und kleinere Einheiten ihre Zugehörigkeit ändern und in einen neuen, von einer Guru geleiteten Haushalt eintreten. Diese ist sowohl der spirituelle als auch der finanzielle Förderer einiger Schüler, meistens sind es fünf oder sechs, manchmal aber auch weniger. Sie leben alle zusammen in ihrem Haushalt. Die Guru ist die unangefochtene Chefin des Haushaltes; sie trifft Entscheidungen und schlichtet Streit zwischen ihren Schülern. Letztere tragen oft eigenartig ausgefallene Frauennamen, wie Ashi, Lucy, Bobi, Goshi oder Anmol. Den Gewohnheitsregeln entsprechend müssen die Schüler ein Drittel ihres Einkommens an ihre Guru abgeben, außerdem machen sie ihr Geschenke, beispielsweise Schmuck und Süßigkeiten. Die Beziehungen zwischen den Haushalten und anderen Bereichen der khusra-Politik werden in größeren Versammlungen geregelt, die von einer Haupt-Guru, der chaudhry guru, geleitet werden. Innerhalb der Kastenhierarchie der khusre nehmen diejenigen Gurus die höchsten Ränge ein, die die größte Anzahl an Schülern und die schönsten, weiblich aussehenden Schüler haben. Für eine chaudhry guru ist es unverzichtbar, die Pilgerreise nach Mekka zu unternehmen. Nachdem sie dies getan hat, kleidet sie sich nur noch in Weiß, oder trägt zumindest keine auffälligen Farben mehr. Wenn eine Guru stirbt, muss ihre Nachfolgerin (in der Regel ihre älteste Schülerin) alle khusre aus Lahore zu einem dreitägigen Fest einladen, das nach der vierzigtägigen Trauerzeit stattfindet.

    Bezüglich der Rekrutierung von Nachwuchs für diese Kaste, zeugen sowohl Hörensagen als auch Erzählungen aus der kolonialen Literatur, dass die khusre Kinder mit „deformierten“ oder „schlecht entwickelten“ Genitalien für sich beanspruchen. Einer anderen Auffassung nach werden solche Kinder von den Eltern selbst an die Gemeinschaft übergeben. Von den jungen khusre in Peshawar und Lahore erfuhr ich allerdings, dass sie der Kaste beitraten, da sie sich von diesem speziellen Lebensstil – mit seinem cross-dressing und seiner Verehrung des Weiblichen – angezogen fühlten.

    Khusre bezeichnen sich selbst ausdrücklich als faqirs (Asketen). Wie der Anthropologe Georg Pfeffer aufzeigte, „die khusre haben ihre sexuelle Befriedigung und ihre erneuerbaren Kräfte für andere geopfert. So haben sie alle anderen befruchtet. Aus diesem Grund haben sie ein außergewöhnliches Glück”. Daher kann ihr khusra-Dasein auch als Opfer verstanden werden, indem sie ihr Geschlecht im Dienste Gottes und der Humanität an die Welt gaben. Diese Identität und Selbstdarstellung nahm ich erst wahr, als ich älteren khusre begegnete, die nicht mehr tanzten oder auftraten, sondern ein asketisches Bettlerdasein führten. Wenn die khusre alt werden und ihre Attraktivität einbüßen, müssen viele von ihnen in erbärmlichem Zustand leben, denn der soziale Rang einer Guru wird nur von wenigen erreicht. Daher müssen sie als Diener für andere khusre arbeiten. Diejenigen, die als Hausangestellte für pakistanische Familien aus der Oberschicht arbeiten, haben hingegen mehr Glück.
                   
    Getreue Hausangestellte: Neeli

    Überall in der Tiefebene Pakistans sind khusre als Hausangestellte und Köche hoch angesehen. In der Kolonialzeit arbeiteten sie oft als Köche für die Armee, und manche arbeiten auch heute noch in diesem Bereich in der Öffentlichkeit: In der Stadt Abbotabad gab es beispielsweise in den 1960ern eine berühmte kabab-Herstellerin und khusra, die noch immer liebevoll erinnert wird, da sie am Straßenrand ausgezeichnetes Fleisch zubereitete. Ebenso betonen die Hausherren die Ehrlichkeit und Fürsorge ihrer khusre-Dienstboten.

    Neeli, 2010. © Jürgen FrembgenNeeli, die Dienstbotin meiner Gastgeber in Lahore, arbeitet seit etwa fünfzehn Jahren in diesem Haushalt; mittlerweile ist sie Anfang Vierzig. Nachdem sie in der Stadt Jhang im Herzen des Punjabs aufgewachsen war, kann sie sich noch immer nicht in der Metropole wohlfühlen. Die Hausherrin vertraut ihrer sanftmütigen, fleißigen und sorgfältigen Angestellten. Manchmal hat Neeli, der Transvestit, den Drang, ihre khusre-Freunde zu sehen. Dann verschwindet sie auf mysteriöse Art und Weise für Tage oder sogar Wochen am Stück, bevor sie reumütig wieder zurückkehrt. Sie trägt ein einfaches Shirt und Hosen wie ein durchschnittlicher männlicher Pakistani, lediglich ihre Haare lässt sie ein bisschen länger wachsen. Nur gelegentlich kleidet sie sich weiblich, um Gäste zu unterhalten, die sie entzückt, indem sie tanzt und die Gesten der Heldinnen der Bollywood-Filme imitiert.

    Durch die Moderne an den Rand gedrängt

    Jahrhunderte lang erfüllten die khusre ihre traditionellen sozialen und rituellen Rollen, bis die Moderne einen Bruch herbeiführte und letztendlich einen teilweisen Verlust ihres symbolischen Status verursachte. Daher werden sie im sexuell puritanischen Pakistan, das zunehmend vom „moralischen Terror” der wahhabitisch inspirierten Islamistischen Bewegungen dominiert wird, nicht mehr so oft zu Familienfeiern eingeladen wie früher. Diese Tatsache trieb sie zunehmend in die Prostitution, (die stets eine geheime Einnahmequelle für sie gewesen war), und in die Bettlerei. Ihr Betteln am Straßenrand in Lahore oder Karachi, in der Nähe von Ampeln oder auf Märkten und Bazaren, ist häufig aggressiv, manchmal sogar böse. Manche schlagen sich als Zirkusfreaks durch und tanzen im „Brunnen des Todes“, während sie von Motorrädern umkreist werden, die die vertikalen Wände der Arena entlang rasen. Khusre werden häufig von der Polizei belästigt oder misshandelt, und ihnen widerfährt selten Recht, wenn sie vergewaltigt oder wenn sie Opfer eines kriminellen Übergriffes wurden. In letzter Zeit haben die Mullahs des orthodoxen, schriftgemäßen Islam das „dritte  Geschlecht”, das seit frühester Zeit ein integraler Bestandteil der traditionellen südasiatischen Kultur gewesen war, heftig verdammt. Das Resultat ist, dass ihnen nun zunehmend mit Missachtung begegnet wird und sie sogar Opfer gewalttätiger Angriffe sind. Indem sie Sprüche des Propheten Muhammad zitieren, der verweiblichte Männer (al-mukhannathin) verfluchte, geben sie ihr Bestes, die khusre zu stigmatisieren.

    Aber obwohl sie in diesen schweren Zeiten der Talibanisierung immer mehr an den Rand gedrängt werden, scheint die heilige Kraft der khusre immer noch durch, wenn sie Freude, Vergnügen und Segen bringen, aber auch, wenn sie jemanden verfluchen. In Pakistan gehen sie weiterhin auf ihre Pilgerreisen zu ihren geliebten Sufi-Heiligen, wie Lal Shahbaz Qalandar, Barri Imam, Madho Lal Husain, Bullhe Shah und anderen, wo sie stolz ihre spektakulären Tanzauftritte vollführen, bei denen sie mit ihren langen Haaren herumwirbeln.

    Gesellschaftsaktivisten innerhalb der pakistanischen khusre, so wie Bindiya Rana aus Karachi, die Gründerin der Gender Interactive Alliance, und Laila Naz aus Lahore, die die Sathi Foundation gegründet hat, sind heutzutage die führenden Vertreter, die sich für eine Stärkung ihrer Gemeinschaft einsetzen. Ihre Ziele liegen unter anderem darin, computergestützte, nationale Ausweise (CNIC) auszustellen, die Sensibilisierung in Bezug auf HIV/AIDS voranzutreiben, die Ausbildung handwerklicher Fähigkeiten zu fördern, Seniorenheime für ihre Gemeinschaften zu errichten und die Menschenrechte des dritten Geschlechts in Pakistan zu sichern.
    Jürgen Wasim Frembgen
    Der Islamwissenschaftler leitet die Islamabteilung des Münchener Museums für Völkerkunde. Er hat zahlreiche Bücher über Pakistan publiziert, zuletzt den Reisebericht über eine Pilgerfahrt unter dem Titel Am Schrein des Roten Sufis.

    Übersetzerin: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Januar 2011

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