Foto: Kai Wiedenhöfer

    Geschlechterrollen

    Von den einen gehasst, von den anderen verehrt
    Der veraltete Blick aufs Geschlecht: Ibn al-Jauzi

    Kachel aus der Ausstellung „Die Aura des Alif“, Völkerkunde Museum München "Von Ibn Abbas: »Eine Frau fragte den Gesandten Gottes, Gott segne ihn und schenke ihm Heil: ›Was ist das Recht des Ehemanns gegenüber seiner Frau?‹ Er antwortete: ›Sie darf sich ihm nicht verweigern, selbst wenn sie auf dem Höcker eines Kamels sitzt.‹ Sie fragte abermals: ›Was ist das Recht des Mannes gegenüber seiner Frau?‹ Er sagte: ›Sie soll nicht einen Tag ohne sein Einverständnis freiwillig fasten. Tut sie es dennoch, versündigt sie sich und ihr Fasten wird nicht angenommen.‹ Nochmals fragte sie: ›Was ist das Recht des Mannes gegenüber seiner Frau?‹ Er sprach: ›Sie soll nicht aus ihrem Haus gehen außer mit seinem Einverständnis, tut sie es dennoch, verfluchen sie die Engel der Barmherzigkeit und die Engel des Zorns bis sie bereut und zurückkehrt.‹ Sie sagte: ›Bei Gott, nun bin ich gewiss, dass niemals ein Mann über mich herrschen soll.‹«" (Ibn al-Jauzi, Weisungen für Frauen, Kap. 64)

    Vor mehr als 800 Jahren verfasste in Bagdad einer der berühmtesten sunnitischen Gelehrten jener Zeit, Abd ar-Rahman ibn Ali ibn al-Jauzi (st.1200/1201), ein Buch über die Weisungen für Frauen. Erschreckt über die Ausmaße der Unkenntnis religiöser Pflichten und der rechten islamischen Lebensweise unter seinen Zeitgenossen und besonders unter den Frauen fertigte er das Buch als eine Art Leitfaden für die muslimische Frau an. In ihm stellte Ibn al-Jauzi alle aus seiner Sicht relevanten religiösen und rechtlichen Vorschriften für die Frauen seiner Zeit zusammen. Er spricht über Gebet, Pilgerfahrt, Fasten, Almosen, Menstruation und den Moscheebesuch ebenso wie über das Verhalten in der Ehe, den Umgang mit den Eltern und Kindern oder das Verbot der Abtreibung. Themen wie die Beschneidung der Frau, das Schlagen der Ehegattin, das Verbot, dem ehelichen Lager zu entfliehen und die Art und Weise des Geschlechtsverkehrs sind ebenfalls vertreten. Ibn al-Jauzi verfasste neben diesem Werk mehr als 500 Bücher, und sein umfangreiches Wissen sowohl im Bereich der Koran-, Hadith- und Rechtswissenschaft als auch in Geschichte, Literatur, Medizin und Predigtwesen machten ihn schon zu seinen Lebzeiten zu einem außergewöhnlichen Universalgelehrten. Vor allem wegen seiner Begabung, ein mitreißender Redner zu sein, zog er Massen von Zuhörern bei seinen Predigten, Ansprachen und Lehrveranstaltungen an. Die Faszination, die von ihm ausging, hält bis auf den heutigen Tag an und scheint sich sogar verstärkt zu haben. Viele seiner Werke sind in den letzten Jahren in der arabischen Welt ediert und mit kritischen Einführungen versehen herausgegeben worden, ebenso gibt es eine Reihe von Monografien über ihn. Diese Entwicklung mag nicht nur darauf hinweisen, welchen Rang Ibn al-Jauzi bis heute innehat, sondern sie kennzeichnet auch einen Trend, Werke klassischer Autoren für den Umgang mit modernen Problematiken fruchtbar zu machen.

    Stärkung islamischer Identität

    Die Herausbildung und Stärkung einer islamischen Identität zu fordern und zu fördern, die eine Alternative zu einer eher westlich geprägten Lebensweise bietet, scheint dabei ein wesentlicher Grund zu sein, warum neben all den anderen Werken Ibn al-Jauzis auch das Buch der Weisungen für Frauen in den letzten Jahren eine Reihe von Neuauflagen erfahren hat. Es war vermutlich Ali al-Muhammadi, der die Lawine ins Rollen brachte, als er 1981 eine kritische Edition des Buches herausgab. Seit diesem ersten Erscheinen in gedruckter Form hat das Buch mehrere Auflagen und weitere, unkommentierte Editionen erfahren. Angaben zu Auflagenstärke und Umlauf sind nicht zu ermitteln, allerdings wurde und wird das Buch zumindest im Libanon und in Marokko gedruckt und ist in Buchläden verschiedener arabischer Länder erhältlich. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Verbreitung des Werkes über das Internet. Dort kann es entweder käuflich erworben oder kostenlos heruntergeladen werden. Nach Angaben der Website Almeshkat, die das Buch seit 2006 zum Download anbietet, wurde es dort seitdem mehr als 11.300 Mal abgerufen.

    Der in Beirut angesiedelte Internetbücherversand An-nil wa-l-furat („Nil und Euphrat“) wirbt auf seiner Website für das Buch mit folgendem Text und folgt dabei einem Trend, die Brandaktualität dieses Buches herauszustreichen: „Dieses Buch »Weisungen für Frauen« zählt zu den Kostbarkeiten unter den islamischen Büchern, da es als eine echte juristische Enzyklopädie gilt, in der auf alle die Frau betreffende Bestimmungen, wie etwa gottesdienstliche Pflichten etc. Bezug genommen wird. Die Gültigkeit und Echtheit des Buches rührt vom Geist des Verfassers her, denn Ibn al-Jauzi gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in der Schule der Hanbaliten […] Die Bedeutung dieses Buches findet sich also darin, dass es der Frau Antworten auf all ihre Fragen verschafft und ihr Zeit und Mühe erspart, die sie aufbringen muss, um nach Antworten auf ihre Fragen in Dutzenden Rechtsbüchern und deren unzähligen Kapiteln zu suchen. Dieses Buch erspart ihr Zeit und Mühe, zudem nützt es Forschern und Interessierten in Frauenfragen, um mit den Bestimmungen vertraut zu werden.“

    Quelle der Rückständigkeit

    Ganz im Gegensatz zu dieser Preisung und positiven Darstellung steht die Bewertung des Buches durch Zahia Salhi, Direktorin des Instituts für Arab and Middle East Studies an der Universität Leeds. Sie beschreibt in einem Vortrag die Edition als Teil einer Medienkampagne, die Teil eines Diskurses in der muslimischen Welt sei: „’Hüter des Islam’, die behaupten, besorgt um dessen Zukunft zu sein und es sich zur Aufgabe machen, die muslimische Gesellschaft vor den Gefahren des Wandels und der Verwestlichung zu bewahren, investieren dabei umfassend in Publikationen über Frauen, wobei sie die Bewahrung des muslimischen Glaubens mit der Bewahrung der Frau gleichsetzen […] Durch ein schnelles Lesen von einigen Kapitelüberschriften kann man sich ein Bild verschaffen: Kapitel 26 »Rate Frauen, nicht auszugehen«, Kapitel 27 »Die Vorteile für die Frau, die im Haus bleibt«, Kapitel 31 »Der Beweis, dass es besser für eine Frau ist, Männer nicht zu sehen« und Kapitel 67, das dem Ehemann »das Recht gibt, seine Frau zu schlagen«. Das erstaunlichste Kapitel ist aber Kapitel 6, das der »Beschneidung der Frauen« gewidmet ist. In diesem Abschnitt beschreibt Ibn al-Jauzi ausführlich die Verstümmelungen des Körpers, denen Frauen unterworfen sind, wie das Beschneiden, das überhaupt nichts mit dem Islam zu tun hat und im Arabien des 7. Jahrhunderts vollkommen unbekannt war.“

    Hier stehen sich nicht nur Hochschätzung und Ablehnung eines Buches und dessen Autors, sondern zwei sehr viel weiter reichendere Differenzen im Umgang mit der Vergangenheit und der Tradition gegenüber. Nicht nur für den Forscher ist es von Interesse, sondern für jeden Einzelnen ist es von Belang, wie mit dem eigenen, vielleicht bereits fremd gewordenen kulturellen, geistigen und vor allem religiösen Erbe verfahren wird und wie man mit ihm umzugehen hat. Gerade Muslime werden bei ihrer Suche nach ihren Wurzeln, ihrer Identität und ihrem Zugang zu religiösen Wissensbeständen kritisch beäugt. Insbesondere die Bevorzugung des Religiösen und eine traditionelle Lebensweise wird in Europa häufig als Ausdruck von Antimodernität und Rückständigkeit betrachtet. Der westeuropäische Sonderweg einer starken Säkularisierung der Gesellschaft wird häufig als allgemeingültig propagiert, insbesondere in Auseinandersetzungen über islamische Lebensarten. Dabei gibt es auch unter Muslimen sehr unterschiedliche Vorstellungen zur Rolle der Frau und dem Anteil, den die Tradition und Religion im Leben spielen sollte. Überall schwingen sich vermeintliche Verfechter bzw. Verfechterinnen von Frauenrechten auf und vertreten Deutungshoheiten über die Selbstbestimmung und Lebensgestaltung muslimischer Frauen. Die einen warnen vor Verwestlichung und Sexualisierung, die anderen vor Unterdrückung und Patriarchat. Die einen sehen in der islamischen Tradition, insbesondere in Koran und Prophetenüberlieferungen ein nicht zu hinterfragendes Fundament, die anderen sehen in dieser postulierten Unantastbarkeit das Problem, an dem der Islam heutzutage allzu häufig krankt. Die Frage aber, die sich alle ernsthaft stellen müssen, betrifft den Umgang mit religiösen Traditionen und ihrem Stellenwert im Glauben und Leben. Welches Recht haben also Ibn al-Jauzis Ausführungen heutzutage und wo besteht das Recht, von ihnen verschont zu werden, sie rundweg abzulehnen und in der Vergangenheit ruhen zu lassen? Welcher Umgang muss mit diesem schwierigen Erbstück islamischer Religionsgeschichte gewählt werden? Es erscheint dabei zu einfach und zu pauschal, es als veraltet beiseite legen und den Autor als frauenfeindlich bezeichnen zu wollen, vor allem in Anbetracht all derjenigen, die dem Buch ungebrochene Aktualität zuschreiben und es nutzen. Ebenso ist allerdings die Annahme, dass ein Buch aus dem 12. Jahrhundert Antworten auf Probleme des 21. Jahrhunderts zu geben vermag, auch kritisch zu hinterfragen.

    Heutige Gültigkeit?

    Ali Mete verfasste zu Ibn al-Jauzis Buch, nachdem es im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung erschienen war, eine Rezension für das Internetportal der islamischen Gemeinschaft Milli Görü¢. Um die Relevanz des Buches beurteilen zu können, müssen, so Mete, drei Aspekte betrachtet werden: „die Absicht des Autors, die Frage der Verbindlichkeit seiner Aussagen und die Einordnung derer in die islamische Rechtstradition“. Er schreibt weiter: „Nicht nur aufgrund der Zeitgebundenheit rechtlicher Bestimmungen ist es nicht richtig, anzunehmen, dass das Werk eines muslimischen Gelehrten des Mittelalters auch für die Gegenwart uneingeschränkt Gültigkeit besäße. Die Aussage eines Gelehrten gewinnt nicht immer unmittelbare Gültigkeit, nur weil sie sich auf Verse [aus dem Qur’an] und Hadithe stützt. Dies deshalb, weil somit die Methoden der Rechtsfindung (usul al-fiqh), welche entwickelt wurden, um neue Ansätze für neue Umstände zu finden, übergangen werden. Dabei sind gerade diese, und unter ihnen insbesondere der Idschtihad [eigene Urteilsfindung], unumgänglich, um ein Leben gemäß dem Willen Gottes zu ermöglichen. So wie ein Verständnis islamischer Gebote ohne die Lebensumstände der ersten Adressaten des Qur’an und dessen Sprachgebrauchs nicht möglich ist, so ist auch dessen Übertragung und Anwendung in unserer Zeit ohne die im islamischen Recht entwickelten Methoden nicht fruchtbar.“ Mete fordert ferner, und zitiert dabei die Herausgeberin der deutschen Übersetzung, dass eine kritische Herangehensweise an das Buch nicht „»durch eine bloße, von außen an den Text herangetragene Geschlechterkonzeption geschehen« [kann], da dies nämlich meist auf die pauschale Ablehnung der sogenannten Traditionalisten trifft. Diese messen den Werken der Gelehrten generell einen gewissen Wert bei, wobei sie sich eher auf die Autorität des jeweiligen Gelehrten als auf seine Herangehensweise und die Relevanz eines Urteils für das Heute stützen.“ Metes Argumentation folgend ist die undifferenzierte Kritisierung des Autors und des Buches, ebenso wie die unkritische Übernahme des Inhalts weder hilfreich noch gewinnbringend. Vielmehr ist zweierlei wichtig: zum einen die Bewusstwerdung über die historischen Umstände, in denen das Werk entstanden ist, zum anderen die Vorsicht vor einer Interpretation, die heutige Vorstellungen zum Maßstab der Beurteilung eines historischen Werks nimmt. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich Fronten verhärten und polemische Diskussionsmuster ernsthafte Debatten ersetzen.

    Die Journalistin und Autorin Hilal Sezgin geht in ihrer Rezension härter mit dem Buch und seinem Autor ins Gericht und ist im Gegensatz zu Ali Mete als Muslima noch sehr viel direkter von dem Inhalt des Buches betroffen. Sie beschreibt darin den Versuch Ibn al-Jauzis, Frauen aus der Öffentlichkeit zu verbannen und unter männliche Hoheit zu stellen, wobei er allerdings auf Hadithe stößt, die seiner Überzeugung eher entgegenstehen: „»Wenn einer von euch von seiner Frau gebeten wird, zur Moschee gehen zu dürfen, soll er es ihr nicht verbieten.« Und: »Verbietet euren Frauen die Moscheen nicht, obwohl ihre Häuser besser für sie sind.« Wir wissen bei beiden Hadithen nicht, ob der Prophet Mohammed diese Worte exakt so gesprochen hat; wenn wir sie aber als Dokumente ihrer Zeit – also zunächst einmal der ihrer ersten Überlieferung, möglicherweise auch der Anfangszeit des Islams selbst – lesen, kann man hier einen Konflikt zwischen zwei widerstreitenden Überzeugungen feststellen: zwischen dem Kontrollbedürfnis bezüglich weiblicher Präsenz und Sexualität einerseits und dem Bewusstsein der spirituellen Gleichstellung der Frau andererseits. Man konnte ja schlecht übersehen, dass der Qur’an Frauen gleichberechtigt als Gläubige adressierte. Mist! Man hört Ibn al-Jauzi förmlich mit den Zähnen knirschen, dass sich ihnen der Gang in die Moschee nicht einfach verbieten ließ.“ Sezgin kommt zu dem Schluss: „Suhrkamp [der herausgebende Verlag] mag solche Texte weiterhin gern übersetzen und drucken. Arabisten allerdings lesen einen Text wie diesen – Interesse vorausgesetzt – ohnehin im Original oder auf Englisch, und uns gewöhnliche Gläubige bringt er auch nicht weiter. Legen wir dieses ekelerregende Buch also weg …“.

    So leicht aber kann das Buch nicht aus der Hand gelegt werden. Dafür ist die Verbreitung und Rekurrierung darauf zu fortgeschritten und ein Musterbeispiel für einen bestimmten Umgang mit islamischen, rechtlichen Texten. Denjenigen „Hütern des Islam“ muss der Wind aus den Segeln genommen werden, die in dem Buch eine autoritative und problemlos aktualisierbare Quelle sehen. Ebenso ist es eine nicht zu unterschätzende Aufgabe, der sich immer stärker Geltung verschaffenden Islamophobie, die sich besonders gern am Thema der Frauenunterdrückung abarbeitet und den Islam als eine in einem dunklen Mittelalter stehen gebliebene, nicht entwicklungsfähige Religion darstellt, entgegenzutreten.

    Historische Hintergründe

    Ibn al-Jauzi hat sein Buch in einer Zeit in Bagdad verfasst, die von politischen Wirren, religiösen Extremen und Naturkatastrophen geprägt war. Unter der Bevölkerung hatten in dieser Zeit zum einen Wundertäter, Volksprediger und Sufis und zum anderen Traditionalisten und Fundamentalisten großen Zulauf. Es scheint, als wäre die Sehnsucht nach festen Ordnungen und transzendenten Erlebnissen ein wichtiges Moment für diese Anziehungskraft gewesen, die Männer wie Frauen in ihren Bann zog. Obschon Frauen in der damaligen abbasidischen Gesellschaft keinen solchen Anteil mehr am öffentlichen Leben nahmen, wie es noch in der Frühzeit des Islam der Fall gewesen war, so scheinen sie dennoch, folgt man den Ausführungen Ibn al-Jauzis, zu den verschiedensten Gelegenheiten ihr Haus verlassen zu haben: sei es zum Einkauf, zur Teilnahme an sufischen Zusammenkünften, zum Besuch der Moschee, des Badehauses etc. Obschon an der aktiven Teilnahme am Lehrbetrieb der Medresen ausgeschlossen, gab es zahlreiche Frauen, die dennoch gebildet waren, sei es durch den Unterricht innerhalb der eigenen Familie, sei es durch informelle Veranstaltungen bei Gelehrten. Dem ungeachtet scheint es so, als wäre das Wissen um den Islam und seine Bestimmungen bei der Mehrzahl der muslimischen Frauen in Bagdad sehr gering und ihre Religiosität von vielerlei außerislamischen Elementen, wie etwa dem Wahrsagen, geprägt gewesen. Ibn al-Jauzi war in dieser Zeit ein Verfechter einer Besinnung auf die islamische Wertebestimmtheit des Lebens, die streng auf die Tradition ausgerichtet war und Extremformen vermied. Sein Buch für die Frauen liest sich deshalb auch wie ein Versuch, den Frauen ein Ideal- und Alternativmodell eines sinnerfüllten Lebens vor Augen zu führen, das sich vor allem an Prophetentradition und Gelehrtenmeinungen orientiert. Ibn al-Jauzis Ansichten sind dabei geprägt von der damals weit verbreiteten Überzeugung, dass das soziale und gesellschaftliche Leben nur dann gelingen kann, wenn der Mann der Frau überlegen ist, weil einerseits die Frau den Mann als leitende Hand bedarf und weil andererseits die Männer der sexuellen Macht der Frauen unterlegen sind.

    Ibn al-Jauzis Weisungen für Frauen ist kein bloßes Dokument muslimischer Frauenverachtung, sondern drückt eine historisch gewachsene Überzeugung eines bestimmten Geschlechterverhältnisses aus, das viele Muslime – wie etwa die zuvor zitierte Hilal Sezgin – heutzutage als inkompatibel mit frühislamischen ebenso wie mit modernen Vorstellungen betrachten. Das Buch bietet neben scharfen Spitzen gegen Frauen sehr viel mehr Material, das eine Unterdrückung von Frauen ad absurdum zu führen vermag. Sowohl die juristischen Winkelzüge bei umstrittenen Themen wie der Beschneidung der Frauen oder ihr Auftreten in der Öffentlichkeit als auch die Angriffe auf scheinbare Feinde eines orthodoxen Glaubenslebens, wie etwa Sufis, machen die Kasuistik des selbst ernannten Frauenpädagogen deutlich. Zudem sind die zahlreichen von Ibn al-Jauzi im letzten und längsten Kapitel angeführten Frauenviten bzw. Anekdoten, die von starken, gebildeten und auch gewitzten Frauen zu berichten wissen, durchaus dazu geeignet, ein differenzierteres Frauenbild zu entdecken. Es ist auch kein rein juristisches Kompendium, wie muslimische Verfechter des Buches fälschlicherweise suggerieren, sondern es handelt sich um einen Text, der sehr häufig die Form einer emotional geladenen Predigt annimmt. Dabei wird der Umgang mit Traditionen entsprechend angepasst, subjektiv ausgesucht und angeordnet. Etliche Themen werden ausgelassen und Ibn al-Jauzi besonders am Herzen liegende über die Maßen hervorgehoben, so dass die Betonung fast durchgängig auf den Pflichten, nicht aber auf Rechten der Frauen liegt. Dabei wird vor allem deutlich, dass das Buch tief in seinem historischen Kontext verwurzelt ist. Nichtsdestotrotz muss auch zur Kenntnis genommen werden, dass es eine Reihe von Kapiteln gibt, die durchaus als zeitlos zu begreifen sind, etwa die Regeln der rituellen Waschung, des Ablaufs des Gebets oder der Pilgerfahrt, die bis heute keine Änderung erfahren haben.

    Sicherlich sind die Lebensumstände und Gesellschaftsformen in Bagdad im 12. Jahrhundert nicht mit denen in Kairo, Tunis oder Berlin-Kreuzberg des 21. Jahrhunderts zu vergleichen. Nichtsdestotrotz gibt es zahlreiche Muslime, die die Entwicklungen in ihrer Umwelt als verfehlt betrachten und ebenso wie Ibn al-Jauzi ein an den islamischen Regeln ausgerichtetes Leben führen oder propagieren, das sich aus dem Koran und der Sunna herleiten lässt. Das – wiederum von einem Mann verfasste – weit verbreitete und auf Arabisch, Englisch und Spanisch erschienene Buch Die ideale Muslima von Muhammad Ali al-Hashimi ist dafür ein Beispiel, wie ein an diesen Quellen entwickelter Lebensentwurf für Frauen in der heutigen Zeit entworfen wird. Al-Hashimi verweist tatsächlich auch auf Ibn al-Jauzis Werk und zitiert ganze Abschnitte daraus, verfolgt mit seinem Buch darüber hinaus aber andere Stoßrichtungen. Inwiefern nun Frauen den Vorstellungen von Ibn al-Jauzi je komplett gefolgt sind oder al-Hashimis Entwurf vollständig zustimmen, lässt sich nicht klären, denn abwertende Stimmen hört man, vor allem in Europa, gemeinhin leichter als diejenigen der Zustimmung.

    Es führt kein Weg daran vorbei, sich tiefgehend und kritisch mit historischen Quellen, die als Ideengeber für die Gegenwart fungieren, auseinanderzusetzen und sie dabei nicht von vornherein als entweder sakrosankt oder irrelevant wahrzunehmen. Erst dann werden Denkprozesse angeregt und Impulse geliefert, die dazu führen können, bestimmte ererbte Lebensentwürfe auf ihre Relevanz in der modernen Welt zu prüfen bzw. Muslimen zugeschriebene Identitäten zu hinterfragen.
    Hannelies Koloska
    studierte Arabistik und evangelische Theologie und sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Seminars für Semitistik und Arabistik der Freien Universität Berlin am Sonderforschungsbereich 626 Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste in Berlin. Sie ist die Herausgeberin und Übersetzerin von Ibn al-Jauzis Buch der Weisungen für Frauen ins Deutsche, erschienen im Verlag der Weltreligionen, Frankfurt 2008.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Januar 2011

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