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    Geschlechterrollen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann ist eine Kultur-
    zeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und islamisch geprägten Kultur-
    kreisen fördert und mitgestaltet. Autoren aus Deutschland, Europa und der islamischen Welt kommen neben anderen internationalen Stimmen zu Wort. Fikrun wa Fann bietet neben Information und Dialog mit den und innerhalb der islamisch geprägten Kulturkreise ein literarisches Forum für aktuelle gesellschaftspolitische Debatten.

    Zur Emanzipation „der“ muslimischen Frau
    Polarisierungen und Ambivalenzen in einer kontroversen Debatte

    Mädchen in einem islamischen Internat auf Java. © Susanne Schröter Die Gleichstellung von Mann und Frau ist zu einem Prüfstein für die Akzeptanz des Islam in den westlichen Gesellschaften geworden. Dabei sind jedoch viele davon überzeugt, dass Islam und Emanzipation per se nicht vereinbar sei. Ihr Urteil scheint von vorneherein festzustehen. Warum gibt es trotz vielfach vorgefasster Meinungen dennoch solch ein anhaltendes Interesse an diesem Thema? Warum weckt es so viele Emotionen? Es fragt sich also nicht nur, welche unterschiedlichen Auffassungen hier vertreten werden, sondern auch welche Funktion diese Diskussion selbst hat. Um diese Fragen zu erörtern, soll im Folgenden anhand von zentralen Kontroversen wie der zur Gleichheit und Differenz im Geschlechterverhältnis und auch der zu Freiheit und Unterdrückung einige Widersprüche und Ambivalenzen aufgezeigt werden. Anschließend werden unterschiedliche Positionen von Seiten der Muslime dargestellt und schließlich gefragt, welche Funktion dieser Diskurs für die Mehrheitsgesellschaft haben kann.

    Gleichheit versus Differenz im Geschlechterverhältnis

    Das islamische Kopftuch provoziert viele deshalb, weil es ohne Umschweife die Verschiedenheit der Geschlechter betont. Damit wird ihre Ungleichheit festgeschrieben. Das ist jedenfalls die Erfahrung, die wir in weiten Bereichen unserer Gesellschaft machen. Je stärker sie in typisch weibliche und typisch männliche unterteilt werden, desto mehr haben die Frauen das Nachsehen; sei es, dass sie im Beruf schlechter bezahlt werden, sei es, dass ihnen im Privatbereich die Hauptlast der Haus-, Erziehungs- und Pflegearbeit überantwortet wird. Es scheint also, dass sie ihre Gleichstellung nur dann durchsetzen können, wenn sie auch die Geschlechterdifferenzen überwinden.

    Das heißt jedoch nicht, dass die Aufhebung der Geschlechterdifferenz nun in den westlichen Gesellschaften einvernehmlich zum Programm erhoben wurde. Vielmehr gehen viele, wie z.B. Konservative und Christen von einer unterschiedlichen Wesenheit von Mann und Frau aus, die es ihrer Meinung nach auch zu bewahren gilt. Aber selbst  in feministischen Kreisen gibt es Strömungen, die von grundsätzlichen Unterschieden zwischen Frauen und Männern ausgehen – ohne jedoch das Ziel der Gleichstellung der Geschlechter aufzugeben. Auch wenn die Mehrzahl der Feministinnen einer solchen Position wohl skeptisch gegenübersteht, so führt das heute kaum mehr zu Diskussionen und politischen Auseinandersetzungen. Dagegen löst das muslimische Modell der Geschlechterdifferenz heftige Debatten aus und wird nahezu einhellig verurteilt.

    Eine solche Verurteilung schafft Einigkeit über alle unausgesprochenen Differenzen und eigenen Ambivalenzen hinweg. Man erspart sich selbstkritische Reflexionen und komplizierte Diskussionen und setzt sich in der Regel auch nicht mit den verschiedenen muslimischen Positionen auseinander. Vielmehr wird das eigene konservative Geschlechtermodell auf sie projiziert. So verbinden die meisten mit dem muslimischen Konzept ein traditionelles Geschlechterverhältnis nach westlichem Zuschnitt, indem sie vermuten, dass sich unter dem Kopftuch eine rechtlose Hausfrau oder eine katholische Bäuerin ohne Schulbildung verberge.

    Tatsächlich aber sind Muslima in Deutschland, die sich für ein Kopftuch entscheiden, in der Mehrzahl junge selbstbewusste Frauen, wie eine Untersuchung der Konrad Adenauer-Stiftung gezeigt hat. Diesen Frauen ist die eigene Berufstätigkeit sehr wichtig und sie streben für sich gleichberechtigte Modelle der Partnerschaft an. Sie gleichen hierin in hohem Maß der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Ein Rückschluss vom Kopftuch auf die Unterdrückung von Frauen ist also nicht zulässig, zumindest wenn man Berufstätigkeit und Bildungsinteresse als Maßstab nimmt.

    Das gilt nicht nur für die westlichen Gesellschaften. Auch in Iran, wo das Kopftuch den Frauen von einem totalitären Regime aufgezwungen wird, ist seit der Revolution 1978 der Anteil der berufstätigen Frauen und Studentinnen erheblich angestiegen. Ja, Verhüllung und öffentliche Präsenz war bereits während der Revolution zum Markenzeichen der rebellierenden Frauen geworden. Auch hier wäre es kurzschlüssig, Verschleierung und Hausfrauenrolle in eins zu setzen, vielmehr scheint im Gegenteil der Tschador den Frauen geholfen zu haben, neue Räume zu erobern. D.h. sie benutzten dieses traditionelle Symbol von Weiblichkeit und transferierten es in andere Kontexte. Weiblichkeit wurde so mit dem öffentlichen Raum verknüpft.

    Interessant ist, dass auch türkische Frauen in Deutschland die Geschlechterdifferenz stärker betonen als ihre deutschen Kolleginnen, indem sie etwa die Berufstätigkeit stärker mit Weiblichkeit verbinden. Die Frauen mit türkischem Hintergrund versuchen deshalb, eher durch Markierung ihrer Weiblichkeit Akzeptanz im Beruf zu finden, während die deutschen Frauen eher glauben, sich Männlichkeitsnormen anpassen zu müssen. Die Ursache für diese Unterschiede ist sicherlich in kulturellen Traditionen zu suchen, die im Falle muslimisch geprägter Gesellschaften stärker die Geschlechtersegregation betonen und äußere Trennlinien zwischen den Geschlechtern ziehen, während christlich geprägte Gesellschaften eher auf die Internalisierung von geschlechtsspezifischen Normen setzen.

    Die Indienstnahme traditioneller Symbole wie Schleier oder Kopftuch für die Eroberung neuer Räume ist jedoch auch riskant, denn es besteht dabei immer auch die Gefahr, patriarchal vereinnahmt werden. Das zeigt sich besonders deutlich in Iran, wo diese Strategie den Frauen nicht nur den Zugang zu Öffentlichkeit und Beruf erleichtert, sondern auch zur Stärkung einer männlichen Gewaltkultur geführt hat.

    Demgegenüber scheint der Weg zur Gleichstellung durch Überwindung der Geschlechterdifferenz der einfachere zu sein. Aber auch dieser Weg ist riskant. Unter patriarchalen Bedingungen bedeutet die Aufhebung der Geschlechterdifferenz im Zweifelsfall die Unterwerfung unter männliche Vorstellungsmuster. Das Beispiel der Berufstätigkeit zeigt dies. Insofern bedarf es auch und gerade aus feministischer Perspektive der Differenz. Sie ist notwendig, um die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven von Frauen deutlich zu machen, also als Quelle von Kritik und Widerstand. So erklärt sich auch, warum oft gerade Feministinnen die Unterschiede nicht nur betonen, sondern sie mithilfe von Frauenräumen und in Form spezifischer Frauenkulturen auch immer wieder neu herstellen.  

    Das bedeutet, dass sowohl das Konzept der Geschlechtergleichheit wie auch das der Geschlechterdifferenz spezifische Gefahren in sich birgt – allerdings jeweils auch spezifische Chancen. So besteht die Gefahr bei der Betonung der Geschlechterdifferenz darin, traditionelle patriarchale Vorstellungsmuster zu stärken, während die Chance darin liegt, Weiblichkeitsvorstellungen und ihre Symbole durch neue Praxen zu verändern. Die Überwindung der Geschlechterdifferenz birgt hingegen die Gefahr, dass sich die Frauen patriarchalen Normen unterwerfen müssen, während die Chance darin besteht, dass sie sich möglichst reibungslos Zugang zu Ressourcen und Machtpositionen verschaffen können. Insofern sind beide Konzepte widersprüchlich. Das gilt auch für das Konzept der Freiheit.

    Widersprüchliche Freiheiten

    Die Freiheit der westlichen Frauen wird vielfach darin gesehen, dass sie im Gegensatz zu den Muslima in der Wahl ihrer Kleidung völlig frei seien. Abgesehen von den Grenzen, die ihnen das Modediktat dabei setzt, zeigen sich jedoch gerade dann, wenn die Frauen sich freizügig zeigen wollen, neue Zwänge: Der Körper darf nicht zu dick oder zu dünn seien, nicht zu alt oder zu schlaff. Nacktheit bedarf der sorgfältigen Pflege. „Bevor der Westen der Frau erlaubte, sich zu entblößen, musste sie lernen, ihre Blöße wie ein Kleid zu tragen“, schreiben Christina von Braun und Bettina Mathes in ihrer Publikation Verschleierte Wirklichkeit. Diese Zurichtungen des Körpers bis hin zur plastischen Chirurgie markieren den Prozess der Unterwerfung unter Schönheitsnormen, die ebenso viel mit Selbstzwängen wie mit Befreiung zu tun haben.

    Interessant ist in dem Zusammenhang, dass die westliche Kleidung auch für die türkischen Frauen keineswegs per se Befreiung bedeutete, als sie zu Beginn des letzten Jahrhunderts von Kemal Atatürk per Dekret durchgesetzt wurde. Im Orient war Schönheit Jahrhunderte lang mit weißer Haut, runden Formen, langsamen Bewegungen und langem Haar verknüpft worden. Nun trat an dessen Stelle das europäische Schönheitsideal der schlanken, energischen, Korsett tragenden Frau mit kurz geschnittenen Haaren. Dieser aktiven Frau mit ihrem aufrechten, dynamischen Körper, wurde dabei, wie die türkische Soziologin Nilüfer Göle schreibt, so sehr ihre Geschlechtlichkeit abgesprochen, dass ihr beinahe eine männliche Identität aufoktroyiert wurde. Die kemalistische Frau habe zwar den Gesichtsschleier abgelegt, "dafür aber ihre Geschlechtlichkeit ‚verhüllt', in der Öffentlichkeit sich selbst eingepanzert, sich ‚unberührbar', ‚unerreichbar' gemacht". Sie musste sich also qua Selbstdisziplinierung einen männlichen Habitus zulegen.

    Eine einfache Polarisierung in Freiheit und Zwang ist schließlich auch in Bezug auf die sexuelle Befreiung fragwürdig. Auch hier scheint die Freiheit neue Zwänge hervorzubringen. So hat das westliche Modell nicht nur zu einer größeren Selbstbestimmung der Frauen geführt, sondern auch zu extremen Formen der Sexualisierung der Öffentlichkeit, der Kommerzialisierung der Sexualität und zu neuen Formen von Gewalt und sexueller Ausbeutung. Der „Fortschritt“ dieser Befreiung wurde   also mit massiven „Rückschritten“ erkauft.

    Diese Beispiele zeigen, dass Freiheit kein absoluter Wert ist, sondern sowohl durch die Zwänge der Selbstkontrolle als auch durch neue Formen von Gewalt relativiert werden kann. Entscheidend ist nicht nur die Freiheit, etwas tun oder lassen zu können, sondern inwieweit frau/man auch die Konsequenzen einer solchen Wahl kontrollieren oder zumindest mitbestimmen kann. Insofern überrascht es auch nicht, dass Frauen keineswegs immer ihre „Freiheit“ wählen, sondern sich oft auch dagegen entscheiden. Viele Frauen ziehen es vor, zu Hause zu bleiben und für Mann und Kinder zu sorgen, ja sogar in ihre Familie zurückzukehren, selbst wenn sie von ihren Männern misshandelt wurden. Offensichtlich sind für sie die Konsequenzen der „Freiheit“ schwerer zu tragen, als sich mit den Bedingungen ihrer „Unfreiheit“ zu arrangieren.
    Deshalb fragt sich auch in Bezug auf die muslimischen Frauen, ob von ihnen etwa  umstandslos das Ablegen des Kopftuchs gefordert werden kann, selbst wenn es ein Symbol für Unfreiheit wäre. Muss man den Frauen nicht auch die Freiheit zugestehen, ihre „Unfreiheit“ wählen zu können?

    Das heißt nicht, dass Freiheit und Unfreiheit sich relativieren, und es letztlich gleichgültig wäre, welche Bedingungen herrschen. Natürlich muss Gewalt und Zwang angeprangert werden – dies allerdings in jeder Form. In der Gegenüberstellung von „westlicher“ Freiheit und „islamischer“ Unterdrückung wird die Welt auf einfache Weise in gegensätzliche Pole eingeteilt und dabei die Spannung einer jeweils widersprüchlichen Gegenwart aufgehoben. Dabei wird im westlichen Selbstbild das Risiko des Scheiterns negiert, während den Muslimen das Potenzial der Transformation abgesprochen wird.

    So ist etwa für viele Islam und Feminismus nicht vereinbar. Tatsächlich gibt es jedoch innerhalb des Islam eine lange Auseinandersetzung über die Frage der Gleichstellung von Frau und Mann – auch anhand der Frage von Schleier bzw. Kopftuch.

    Islam und Feminismus ein Widerspruch?

    Die Frage von Schleier und Kopftuch hat in den verschiedenen islamischen Frauenbewegungen selbst eine große Rolle gespielt und vielfach Kontroversen ausgelöst. So forderte bereits 1899 der Ägypter Qassim Amin in seinem Buch Die Befreiung der Frau, das als Grundlagenwerk des arabischen Feminismus gilt, die Entschleierung der Frauen, und Huda Sha´rawi, die Gründerin der Ägyptischen Feministischen Union, legte bereits 1923 in einer spektakulären Aktion öffentlich ihren Schleier ab. Aber von Anfang an gab es in der arabischen Frauenbewegung auch andere Auffassungen, nämlich dass das Ablegen des Schleiers zu neuen Formen der Unterdrückung und Missachtung führe.

    Auch wurde vor allem von ägyptischen und iranischen Frauenrechtlerinnen schon vor der Zeit der Kolonisierung ein gleichberechtigter Zugang zu Öffentlichkeit und Beruf gefordert. Mit dem Kolonialismus wurde ihre Situation jedoch komplizierter, weil die Kolonialherren diese Forderungen ebenfalls aufstellten. Nun konnten sie von Seiten des heimischen Patriarchats als koloniale Forderungen diskreditiert werden. Das gilt auch heute noch, wenn der Feminismus generell als eine westliche Ideologie bezeichnet und muslimische Feministinnen des Loyalitätsbruchs bezichtigt werden.

    Die Vorstellung, es gäbe „die“ muslimische Stimme in Bezug auf das Thema Geschlechterverhältnis, ist ebenso abwegig, wie die, dass es „den“ Islam gäbe. Die Unterschiedlichkeit der Positionen hängt jeweils nicht nur von der unterschiedlich starken Religiosität ab, sondern hat auch mit unterschiedlichen politischen Einstellungen und ethnischen Kontexten zu tun. So gibt es z.B. viele Iranerinnen, die sich vehement gegen das Kopftuch aussprechen, weil sie es mit dem totalitären Regime in ihrer Heimat in Verbindung bringen. Andere wiederum sind von den Auseinandersetzungen zwischen Laizismus und Islamismus in der Türkei geprägt. Schließlich ist die Vielzahl der unterschiedlichen Meinungen auch Ausdruck der ständigen Umarbeitung von Positionen angesichts sich wandelnder Lebensverhältnisse, so etwa wenn sich die Nachkommen von muslimischen Einwanderern in westlichen Gesellschaften mit ihrer neuen Religiosität sowohl von der Tradition ihrer Eltern als auch vom Anpassungsdruck der Mehrheitsgesellschaft absetzen wollen.

    Dementsprechend gehen auch die Einschätzungen über das mögliche emanzipatorische bzw. repressive Potenzial des Islam weit auseinander. Islamische Feministinnen wie etwa Leila Ahmed sehen die Bedeutung des Islam vor allem in seinem ethischen Egalitarismus, der Frauen und Männer dieselbe Würde zuerkennt. Sie sind zwar verschieden, aber gleichwertig. Dementsprechend gibt es klare Rollenabsprachen, die den Frauen und Männern gleichermaßen Rechte und Pflichten auferlegen, die allerdings inhaltlich unterschiedlich sind. Das Prinzip der Geschlechtertrennung und der Grundsatz der Verschiedenheit muss ihrer Meinung nach nicht repressiv sein, wenn die Aufgabenteilung ausgeglichen ist. Für solche reformorientierte Feministinnen, für die auch Fatima Mernissi ein prominentes Beispiel ist, wurde der Koran aufgrund der über Jahrhunderte vorherrschenden patriarchalen Kultur einseitig übersetzt und interpretiert. Deshalb gelte es, ihn heute neu zu lesen. Demgegenüber gehen radikale Feministinnen davon aus, dass der Koran selbst den Primat des Mannes festschreibe und es deshalb auch nicht genüge, ihn neu zu  interpretieren, sondern dass er in Teilen auch neu formuliert werden müsse. 

    Dem stehen wiederum islamistische Feministinnen gegenüber, für die der Koran wesentlich auf die Gleichstellung der Geschlechter ausgerichtet ist. In den herkömmlichen Auslegungen sehen sie die Frauenrechte hinreichend berücksichtigt. Für sie liegen die Probleme in erster Linie im „Westen“. So sind sie davon überzeugt, dass die Unterdrückung der Frauen im Wesentlichen ein Resultat des Kapitalismus und westlicher Ideologie sei. Die Frauen würden hier ausgebeutet und zum Sexobjekt degradiert und der öffentlichen Belästigung preisgegeben. Für sie ist der Islam die Lösung, da er eine gerechte Ordnung verspreche.

    Diese verschiedenen Positionen sind u.a. Ausdruck der vielfältigen Auseinandersetzungen zwischen Reformkräften und Traditionalisten innerhalb des Islam, die vom Westen kaum zur Kenntnis genommen werden. Ja, für viele ist Religion und Emanzipation ohnehin per se ein Widerspruch. Das gilt für sie auch für einen christlichen Feminismus. In dem Fall müssten jedoch auch die säkularen Ideologien auf den Prüfstand gestellt werden. Und hier zeigt sich, dass säkulare Positionen in Politik, Wissenschaft und Alltag keineswegs ein Garant für Geschlechtergerechtigkeit sind – im Gegenteil, auch in sie ist in der Regel die Ungleichheit der Geschlechter eingeschrieben. Insofern kann auch der Säkularismus als solcher nicht die Lösung sein, sondern es gilt, sich mit den patriarchalen Ideologien in all seinen Erscheinungsformen auseinanderzusetzen. D.h. auch hier sind einfache Polarisierungen unangemessen. Deshalb soll zum Schluss gefragt werden, welche Funktionen solche Polarisierungen haben können.

    Schluss

    Polarisierungen bieten einfache Erklärungen. Sie befreien von Widersprüchen und inneren Ambivalenzen. Allerdings geht es im Fall der Gegenüberstellung „des“ Westens gegenüber „dem“ Islam nicht einfach nur um kognitive und emotionale Entlastungsstrategien, findet diese Kontroverse doch auch in einem eminent politischen Raum statt. D.h. hier werden Positionen ausgehandelt, die die gesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb der Mehrheitsgesellschaft wie auch ihre Beziehung zu den muslimischen Minderheiten mitbestimmen.

    In diesen Diskursen bietet „die“ muslimische Frau in der Regel eine Kontrastfolie, vor deren Hintergrund die Emanzipation „der“ westlichen Frau umso heller erstrahlen kann.  Die Schattenseiten westlicher Emanzipation mit ihren spezifischen Zwängen und neuen Formen von Gewalt können so leicht übersehen und somit die Risiken des Emanzipationsprozesses überspielt werden, denn nun bemisst sich diese „Emanzipation“ nicht mehr an der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, sondern am Abstand zwischen „der“ westlichen und „der“ islamischen Frau. Der Fokus der Aufmerksamkeit wird verschoben und so der Handlungsdruck aus dem Geschlechterverhältnis herausgenommen. Der Konfliktstoff wird gewissermaßen ausgelagert. Das kann zumindest teilweise erklären, warum so viele Menschen sich plötzlich für die Gleichstellung der Frau interessieren, sobald es um „die“ Muslima geht, denn damit können sie ihre eigene Fortschrittlichkeit unter Beweis stellen, ohne sich tatsächlich dafür engagieren zu müssen. Insofern ist die Debatte in dieser  polarisierenden Form auch kontraproduktiv für die einheimischen deutschen Frauen, denn nun scheint sich ihr Anliegen weitgehend erledigt zu haben. 
     
    In Bezug auf die Muslime blendet ein solcher Diskurs interne Debatten aus und nimmt kulturelle Transformationsprozesse nicht zur Kenntnis. Die pauschalisierende Zuschreibung von Rückschrittlichkeit hat dabei den Effekt, die Muslime dieser Gesellschaft fremd zu machen und sie als nicht zugehörig zu markieren. Das bedeutet in der Regel, dass ihnen auch der Zugang zu den verschiedenen gesellschaftlichen Ressourcen erschwert wird. So hat sich im Zuge der „Gastarbeiter-Ära“ in Deutschland eine ethnische Hierarchie etabliert. Die Aufgeregtheit der heutigen Debatte weist darauf hin, dass diese Ordnung ins Wanken geraten ist. So fordern junge Muslime zunehmend selbstbewusst ihre Chancen in der Gesellschaft ein. Das irritiert. Umso vehementer müssen sie nun an „ihren“ Platz verwiesen werden. Deshalb war auch das muslimische Kopftuch solange kein Problem, solange es die Putzfrau oder Bandarbeiterin getragen hat. Jetzt, da es auch Ärztinnen, Rechtsanwältinnen und Lehrerinnen anlegen, ruft es heftigen Widerstand hervor.  

    Eine grundlegende Paradoxie in der Debatte liegt ja darin, dass die muslimischen Frauen im Namen ihrer Emanzipation von attraktiven gesellschaftlichen Positionen fern gehalten werden. Insofern liegt eine wesentliche Schwierigkeit für die Mehrheitsgesellschaft darin, zu sehen, dass ihr Konzept von Emanzipation selbst repressiv und dass Widerstand gegen ihre Emanzipationsvorstellungen selbst emanzipatorisch sein kann.
    Birgit Rommelspacher
    ist Professorin für Psychologie mit den Schwerpunkten Interkulturalität und Geschlechterstudien in Berlin. Der Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift Politik und Zeitgeschichte (2009).

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Januar 2011

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