Foto: Kai Wiedenhöfer

    West-östliche Kinemathek

    Die Bilder bewegen sich wieder
    Film und Kinolandschaft in Afghanistan

    Afghanistan wird im Westen allgemein als politisches Problem wahrgenommen. Dass es dort ein Kulturleben mit viel versprechenden Filmen und Filmprojekten gibt, wird meist übersehen. Martin Gerner hat in Köln ein Afghanisches Filmfestival ins Leben gerufen und erzählt von der Situation vor Ort.


    'Osama' von Siddiq Barmak (2003). Copyright: Delphi
    "Osama" von Siddiq Barmak erhielt 2004 in den USA den Golden Globe Award als bester internationaler Film. Der Streifen hat seitdem in den Staaten und in Europa einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. Sich den Namen seines Regisseurs zu merken, des wohl bekanntesten zeitgenössischen afghanischen Filmemachers, fällt den Zuschauer indes schwerer. Die Frage sei erlaubt, was damals neben diesem "ersten Film nach der Taliban-Ära" wie betont wird, noch gefeiert wurde. Waren es die Bilder dessen wovon der Westen bis heute überzeugt ist die afghanische Bevölkerung befreit zu haben? Ging es um die Rückkehr Afghanistans in die Reihe der Kulturnationen? Oder um den Neubeginn des afghanischen Kinos?



    Das Ende der Taliban zur "Stunde Null" des afghanischen Films würde es vor dem Hintergrund seiner Geschichte nicht treffen: "A country which used to produce a revolution as often as a film", heißt es 1983 im International Film Guide über Afghanistan. Ausnahmezustand als (Kino)Alltag, fremd- und selbstverschuldetes Trauma.

    Ob der Staatsstreich Dauds 1973, die russische Besatzung, Mujahedin-Zeit oder jüngst die Taliban, die eine Vielzahl an Filmkopien verbrannten während die meisten Originale gottlob gerettet werden konnten: Zensur pflastert den Weg über Jahrzehnte. Ein absurd-tragischer Höhepunkt propagandistischer Zweckentfremdung der Filmkunst in einer Vielzahl von Revolutionen, Okkupationen und Coups war das kurze Interregnum von Präsident Haifzullah Amin. Nachdem dieser sich im September 1979 an die Staatsspitze gemordet hatte, lies er in einem Spielfilm den Weg seiner Machtergreifung nachspielen, wobei er selbst die Hauptrolle innehatte. Auch seine Familie und Minister mussten die Wirklichkeit krampfhaft nachstellen. Ein ebenso erschauderndes wie skuriles Kapitel afghanischer Filmgeschichte. Heute sind Doku-Soaps über Helden und Schufte im Trend, damals ging es um Leben und Tod. Auch Filmschaffende als Teil der Intelligentsia wurden damals bedroht, inhaftiert, gefoltert. Regungen der Selbstzensur überdauern bis heute.

    Mehr noch: "Auch jetzt noch müssen Filme in Afghanistan durch die Zensur", meint Norbert Spitz, Leiter des Goethe-Instituts in Kabul. Politisch wird mittlerweile vergleichsweise freizügig verfahren, wie auch die neu-enstandene Medienlandschaft zeigt. Reibungsfläche sind z.B. Dialoge und Bilder, die vor der in Afghanistan geläufigen Interpretation des Islam und seiner Tradition Kontroversen auslösen. In Atiq Rahimis "Chak o Chakestar'/Earth and Ashes" läuft eine vom Kriegstrauma geplagte Frau vollkommen entblößt durchs Bild. Die Szene wurde zur Premiere des Films im Ariana-Kino gezeigt. Bei weiteren Vorführungen in Sälen von Kabul fiel sie dann der Schere zum Opfer. Bei der Darstellerin handelt es sich um eine Iranerin.
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    Von Martin Gerner

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