Foto: Kai Wiedenhöfer

    Kunst und Orient

    „Kunst ist eine Weltsprache“

    'Heinz Mack vor seinem Bild', Copyright: Ute MackHeinz Mack. Copyright: Ute MackDas Werk des Malers und Bildhauers Heinz Mack zeugt von seiner ganz individuellen Auseinandersetzung mit den Verbindungen zwischen „Orient und Abendland“. Dem Publikum gefällt's - ob in Berlin oder Teheran.

    „Wer sich selbst und andere kennt, / wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / sind nicht mehr zu trennen.“ Dies schrieb Johann Wolfgang Goethe 1819 in seiner Gedichtsammlung „West-östlicher Diwan“. zenith sprach mit Heinz Mack, der Goethes Gedichtband neu illustrierte und dafür nach Teheran eingeladen wurde, der Stelen in der Wüste platzierte und zuletzt unter dem Titel „Transit zwischen Okzident und Orient“ im Berliner Pergamonmuseum ausstellte.

    zenith: Herr Mack, wie würden Sie das Licht in der Wüste beschreiben?

    Heinz Mack: Physikalisch gesehen ist das Licht der Wüste ein außerordentlich klares, transparentes und intensives Licht. Es hat aber auch einen moralischen Aspekt. Es ist traumhaft schön, aber gleichzeitig unbarmherzig und kritisch, ein Licht, in dem man nichts verstecken kann. Wer sich in diesem Licht behaupten will, muss einen starken Charakter haben.

    Für Ihr berühmtes „Sahara-Projekt“ von 1958 stellten Sie Stelen aus lichtreflektierenden Materialien in der nordafrikanischen Wüste auf. Woher stammte die Idee?

    Eine Initialzündung war die Skulptur „Endlose Säule“ des berühmten rumänischen Bildhauers Constantin Brancusi, dessen Atelier ich 1957 nach seinem Tode sehen durfte. Zum anderen habe ich schon sehr früh gegen die Institution der Museen und der Kunstgalerien rebelliert. Museen erschienen mir wie Friedhöfe der Kultur, dort hat die Kunst keine Chance frei zu atmen. Also habe ich mich gefragt: Wie wird sich meine Skulptur behaupten, wenn Sie in einen offenen Raum kommt, der vollkommen frei ist von kulturellen Bezügen? Das war der Raum der Wüste.

    In der Hinsicht ist die Wüste ein Extrem.

    Ja, in das Innere der Wüste vorzudringen ist sehr beschwerlich - dorthin, wo kein Grashalm mehr wächst, wo kein Vogel mehr fliegt, wo nur noch Sand und Licht ist. Aber das ist Absicht, ich wollte ja einen Raum, wo die menschliche Zivilisation noch keine Spuren hinterlassen hat. Als Transportmittel meiner Kunst habe ich Filme, Fotografien und Bücher veröffentlicht. Mein Film „Tele-Mack“ war sogar sehr erfolgreich und wurde auch mit Preisen ausgezeichnet. Ich nenne das „einen Tourismus der Imagination“, der rein optisch stattfindet.

    In der Wüste waren meine Kunstwerke plötzlich winzig klein

    Wie haben Sie Ihre Kunstwerke vor dieser Naturkulisse in Szene gesetzt?

    In der Wüste waren meine Kunstwerke plötzlich winzig klein. Um die Dimension zu beherrschen, muss man inszenieren, also mit filmischen und fotografischen Mitteln überhöhen. Zum Beispiel haben wir 50 kleine Spiegel in einem strengen Ordnungssystem zu einer Plantage im Sand aufgestellt. Der Sand spiegelt sich in den Spiegeln, die Spiegel werfen helle Lichtschatten und dunkle Schatten-Schatten. Das ganze wird dann zu einer merkwürdigen, artifiziellen Vegetation. Das eigentliche Thema ist natürlich das Licht - Thema meines gesamten künstlerischen Daseins - das im Raum der Wüste besondere Auswirkung hat.

    Ihrem Lebenslauf entnehme ich Arbeitsaufenthalte in Marokko und Algerien, in der afrikanischen Tenere-Wüste, Ägypten, Oman, Iran. Woher kommt Ihr Interesse an dieser Region?

    Ein innerer Kompass hat mir schon sehr früh gesagt: Orientiere dich nicht nur Richtung Westen, orientiere dich auch Richtung Osten. Das war auch eine Art Protesthaltung gegenüber der kulturellen Hegemonie vonseiten der Amerikaner. Für den internationalen Kunstmarkt mag das in Ordnung sein, aber Gott sei Dank hat sich die Welt ein wenig globalisiert. Die Kulturräume im Osten haben mich einfach fasziniert.

    Und was meinen Sie mit der„Wahlverwandtschaft“ zwischen Ihrer Kunst und der islamischen Kunst?

    Die gesamte orientalische Kunst hat etwas gemeinsam: Sie ist gegenstandslos. Es heißt: Der Mensch, den Gott geschaffen hat, ist so gut und so schön, dass es eine Beleidigung wäre, wenn der Mensch durch figürliche Darstellung seinerseits kreativ werden würde. Meine Kunst ist seit 50 Jahren ebenso gegenstandslos, da es darin nichts Darstellendes oder Imitierendes gibt. Das sieht man auch am Sahara-Projekt, bei dem sich die Skulpturen durch die Reflexion praktisch im Licht auflösen - materiell sind diese Lichterscheinungen nicht fassbar. Außerdem verwende ich orientalische Motive, wie das Ornament. Meine Kunst bleibt dabei vollkommen autonom, basierend auf meinen eigenen Paradigmen und Erfahrungen, findet aber auf natürliche Weise in der orientalischen Kunst eine hochinteressante Nachbarschaft.

    Weil ihm Ihre Illustration von Goethes „West-östlichen Diwan“ (1998) so gefallen hat, lud der ehemalige iranische Staatspräsidenten Mohammed Chatami Sie ein, 2001 im Teheraner Museum für Zeitgenössische Kunst auszustellen.

    Ja, als erster westlicher Künstler seit dem Sturz des Schahs 1979.

    „Die Zeit“ bezeichnete die Ausstellung als „Sternstunde deutscher auswärtiger Kulturpolitik“. Sie nahmen automatisch die Rolle eines „Kulturdiplomaten“ ein.

    Diese Einladung hatte natürlich auch eine politische Dimension. Mit der Ausstellung wurden Türen geöffnet, die vorher geschlossen waren – und die waren sehr geschlossen! Ich denke, dass wir gut daran tun, uns mit dieser spirituellen und hochpoetischen Welt auch kulturell – und nicht nur politisch – auseinanderzusetzen. Das ist natürlich eine geistige Herausforderung.

    Die Ausstellung musste dreimal verlängert werden.

    Ihre Kunst kam in Teheran sehr gut an. Lag das an dem „islamischen Geist“, den man in Ihren Werken sah?

    Die Ausstellung war wahnsinnig erfolgreich, dreimal musste sie verlängert werden. Aber ich muss betonen: Letztendlich habe ich europäische Kunst in Teheran gezeigt. Dennoch hatten die Besucher dort überhaupt keine Probleme mit meiner Ausstellung. Ich denke, die Iraner waren fasziniert, weil es sich um eine künstlerische Sprache handelte, die ihnen entgegenkam.

    Ihre letzte Ausstellung „Transit zwischen Okzident und Orient“ im Berliner Museum für islamische Kunst war Ihre bisher erfolgreichste – mit 120.000 Besuchern. Ist Kunst eine Möglichkeit, kulturelle Grenzen zu überwinden?

    Kunst ist eine Weltsprache. Vorher war sie nur auf den Westen bezogen – nun öffnet sie sich Richtung Osten. Dieser Dialog muss natürlich ergänzt werden. Die derzeitige Kultivierung von Ängsten gegenüber dem Islam finde ich beunruhigend. Natürlich ist der Terrorismus eines der grausamsten Dinge, die man sich vorstellen kann - wir haben ja selbst Terroristen im eigenen Land gehabt. Doch nur weil dieser Terrorismus im Namen des Islams agiert, ist darum nicht der gesamte Islam zu verdammen. Die Terroristen sind eine absolute Minderheit.

    Hilft Ihre Kunst dabei, eine andersartige Kultur zu akzeptieren?

    Die Kunst ist nicht dazu da, Rollen zu übernehmen. Die Kunst muss für sich bleiben. Aber wenn sie auf indirekte Weise eine humanistische Haltung einnimmt, die eben den anderen nicht nur duldet, sondern versteht und akzeptiert, dann kann daraus eine interessante und fruchtbare Beziehung entstehen. Denn wenn ich mich für andere interessiere, besteht auch eine dialektische Chance, dass andere sich für mich interessieren. Darum finde ich es in Ordnung, wenn man mich an dieser Stelle „Botschafter der Kulturen“ nennt. Vielleicht ist es mir gelungen, etwas zu vermitteln, was sonst vielleicht nicht vermittelt worden wäre. Und das ist ja wohl die Aufgabe eines Botschafters, oder?

    Heinz Mack
    Heinz Mack – Maler, Bildhauer, Objektkünstler, Grafiker, Bühnenbildner und Fotograf – wurde 1931 in Lollar/Hessen geboren. Nach seinem Studium an der Kunstakadamie in Düsseldorf und seinem Philosophiestudium in Köln, initiierte er mit Otto Piene die avantgardistische Künstlerbewegung ZERO. Seine Reisen führten ihn nicht nur in den Nahen und Mittleren Osten, er lebte auch drei Jahre in New York, reiste nach Japan oder in die Arktis. Werke des Künstlers finden sich in über 100 Museen des In- und Auslandes und wurden weltweit in über 170 Einzelausstellungen gezeigt. Heinz Mack, der am 8. März seinen 76-jährigen Geburtstag feierte, wohnt heute in Mönchengladbach und zeitweilig auf Ibiza.

    Von Linny Bieber

    August 2007

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