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    Liebe

    Der Kuss und das Wort - Orientalische Liebesszenen

    Junge Menschen im Iran. Copyright: Kai WiedenhöferJunge Leute im Iran. Copyright: Kay WiedenhöferDem Westen gilt die islamische Welt meist als prüde und verklemmt. Doch so lustfeindlich ist der Islam ganz und gar nicht – zumindest nicht innerhalb der Ehe. Doch auch unverheiratet nehmen sich junge Verliebte gern ihre Freiheiten, auch wenn das bedeutet zu kämpfen. Doch was wäre schon die Liebe, wäre sie nicht kompliziert?

    Samira wohnt noch bei ihren Eltern in der Altstadt von Damaskus. Über ihrer Wohnung ist gerade ein frisch vermähltes Pärchen eingezogen. Augenrollend erzählt Samira, dass sie in letzter Zeit schlecht einschlafen kann, denn jeden Abend das gleiche Theater: Es beginnt mit dem Klappern von High-Heels auf Parkett, das sie durch die Decke bis in ihr Schlafzimmer hört. Dann dringt ein rhythmisches Quietschen in ihr Ohr, von Stöhnen begleitet, zweistimmig. Samira selbst ist von solchen Szenen weit entfernt, denn obwohl sie gerade 32 geworden ist, ist sie noch nicht verheiratet, und somit unberührt.

    Sex außerhalb der Ehe ist in der ganzen islamischen Welt verpönt und in manchen Ländern sogar per Gesetz verboten. In Saudi-Arabien wird Ehebruch wird mit dem Tode bestraft, Verstöße gegen die Geschlechtertrennung immerhin mit Peitschenhieben, und überall wimmelt es von Sittenwächtern in Zivil. Das erstickt jede Romantik im Keim. Schnell ist das westliche Klischee zur Hand, der Islam sei prüde und verklemmt. Doch selbst in Saudi-Arabien gibt es kein Gesetz, das sich in das Sexualleben innerhalb der Ehe einmischt. Denn da ist alles erlaubt – ja sogar erwünscht.

    Ewig lockende Weiblichkeit

    Dass die Orientalen sehr sinnlich veranlagt sind, behauptete schon al-Ghazali. Der persische Religionsphilosoph pries bereits Ende des 11. Jahrhunderts die sexuelle Befriedigung als einen der unschlagbaren Vorteile einer Ehegattin – Neben dem Kochen, Putzen und Kinderkriegen. Im 12. Buch seiner Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften, „Von der Ehe“, schreibt er über den Geschlechtstrieb: „Die mit seiner Befriedigung verbundene Lust [...] soll nämlich auf die im Paradies verheißenden Wonnen hindeuten. Denn es wäre nutzlos, einem eine Wonne in Aussicht zu stellen, die er niemals empfunden hat.“ Das Paradies als ewiger Orgasmus. Der Hafen der Ehe schützt einen Mann aber auch zuverlässig vor der Verführungskraft anderer Frauen. Zum Beweis zitiert al-Ghazali einen Prophetenausspruch: „Wenn ein Weib kommt, so ist es, als ob ein Teufel käme. Wenn darum einer von euch ein Weib sieht und es gefällt ihm, so gehe er zu seinem Weibe, denn er wird bei ihr dasselbe finden wie bei jener.“ Klar, schon Muhammad kannte den Grundsatz: Appetit kann man sich holen, aber gegessen wird zu Hause. Aber warum eigentlich Teufel? Arabische Feministinnen, wie die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi, sehen in der islamischen Tradition der Ehe vor allem einen Ursprung: die Angst des Mannes vor der ewig lockenden Weiblichkeit. Mit ihren Reizen kann die Frau den Mann um den Verstand bringen, ihn beherrschen und ihn vor allem von seinen wichtigen religiösen Pflichten ablenken.

    Dies geschieht auch beinahe in der biblischen Geschichte von Joseph dem Träumer. Suleika ist die schöne und raffinierte Frau des Potiphar, der den kleinen Joseph einst bei sich aufnahm. Sie verliebt sich in Joseph, der zu einem attraktiven jungen Mann heranwächst, und kann dann einfach nicht von ihm lassen. Im Koran wird der Lebensweg Josephs in der 12. Sure erzählt, der Sure „Joseph“. Vor allem wegen ihrer sehr erotischen Version der Verführungsszene ist sie besonders beliebt. Eines Tages waren die beiden zufällig allein im Haus. Und so heißt es: „Nun wollte die (Frau), in deren Haus er war, dass er sich ihr hingebe. Sie schloss die Türen ab und sagte: ‚Komm her!’“ Und tatsächlich hätte Joseph nicht übel Lust, den Verführungskünsten seiner Herrin zu erliegen, doch ein Zeichen Gottes hält ihn davon ab. So entschließt er sich zu flüchten, rennt wie wild zur Tür, sie ihm hinterher, um ihn aufzuhalten und reißt ihm dabei fast das Hemd vom Leib. Wie es der Zufall so will, steht just der nichts ahnende Ehemann vor der Tür. Prompt dreht die Verschmähte den Spieß um, und behauptet, Joseph wollte sie verführen und müsste sofort bestraft werden. Doch die Beweislage spricht gegen sie und Joseph wird vorerst verschont. Dem um ein Haar gehörnten Ehemann bleibt nur zu sagen: „ Das ist (wieder einmal) eine List von euch (Weibern). Ihr seid voller List und Tücke ...“

    Fast wäre Joseph der schönen Suleika erlegen. Doch er hatte Glück, denn Gott war auf seiner Seite. Sein Beispiel zeigt dennoch, wie gefährlich die Frau als listige Verführerin dem Mann werden kann. In der Ehe muss sie deshalb ihre Grenzen kennen und sich ihrem Mann unterordnen. Ist sie erstmal domestiziert, hat der Mann – frei nach al-Ghazali – endlich Zeit für wichtige Dinge: das fromme Gebet, das religiöse Studium, ein Wasserpfeifchen und politische Gespräche im Kaffeehaus mit den Kumpeln.

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    Kamila Klepacki lebt als freie Journalistin mit Schwerpunkt Orient in Hamburg.

    August 2007

    Copyright: Goethe-Institut, Fikrun wa Fann