Foto: Kai Wiedenhöfer

    Mauerfälle – 1989 und die Folgen

    Das Land ist ja noch da
    Fotos aus der DDR

    1984, Berlin, Marx-Engels-Platz; Foto: Harald Hauswald20 Jahre Mauerfall sind in Berlin Grund genug für umfangreiche Fotoausstellungen über den Alltag in der DDR. Letzte Rätsel allerdings werden dort nicht gelöst.


    21. August 2009. Die Fotografie hat über unsere Erinnerungen allergrößte Macht. Doch was erzählt ein dokumentierter Augenblick realen Lebens den Nachgeborenen? Zumal über die DDR – ihren Alltag, ihre politischen Rituale, Zumutungen und Abgründe –, die zwar längst ein abgeschlossenes Sammelgebiet ist, um deren Deutungshoheit jedoch immer noch erbitterter Streit tobt. Es ist freilich ein Streit, der die Fotografen der Agentur Ostkreuz nie sonderlich interessiert hat. Sie wollen nichts besser wissen, aber sie haben immer schon genauer hingesehen als andere. Und sie waren so frei, mit ihrer Kunst das ziemlich unbequeme, ungeschminkte Leben zu zeigen, ganz ohne die Garantie eines Grundgesetzes, das kürzlich in einer Berliner Ausstellung zur ersten Voraussetzung wahrer Kunst erhoben worden ist.

    Fünf Ostkreuz-Fotografen – Sibylle Bergemann, Ute Mahler, Werner Mahler, Harald Hauswald und Maurice Weiss – haben jetzt im Berliner Haus der Kulturen der Welt einen strengen Erinnerungsparcours eingerichtet, mit 150 Schwarzweißfotografien, die seit den frühen siebziger Jahren entstanden sind, im Selbstauftrag oder bestellt von Zeitungen, aber nicht immer gedruckt. Der Titel der Schau klingt etwas krumm: „Ostzeit – Geschichten aus einem vergangenen Land“. Das Land ist ja noch da, die Menschen sind es auch, nur hat das große Welttheater vor 20 Jahren einen Kulissenwechsel erzwungen.

    Kämpfer gegen den Sturm

    Es sind viele Fotografien darunter, die man kennt, einige haben mittlerweile sogar den Status von Ikonen, wie etwa Sibylle Bergemanns tragikomische Serie zur Entstehung des Berliner Denkmals für Marx und Engels oder Harald Hauswalds gegen den Sturm, einen tatsächlichen und den der Geschichte, ankämpfenden Fahnenträger auf dem Alexanderplatz, auch Ute Mahlers verdrossene Antihelden, die unter ihrer Regierung, lebensfern entrückt auf Tribünen, wie befohlen an einem 1. Mai vorbeimarschieren.

    Fotos aus der DDR © FAZ.net
    Fotos aus der DDR © FAZ.net


    Doch immer wieder, wenn man glaubt, alles wiedererkannt zu haben, die Zeichen des Unterganges genauso wie die des beharrlichen Eigensinns, stößt der Betrachter auf unbekannte Bilder. Schockierend Werner Mahlers Erzählung von der brutalen Arbeit im Steinkohleschacht. Bei offensichtlich brüllender Hitze schuften nackte Bergleute, man wähnt sich im neunzehnten Jahrhundert, aber es ist das Jahr 1975 im vermeintlichen Arbeiterparadies DDR. Überraschend auch Sibylle Bergemanns ethnografische Studie zu uniformen, klaustrophobisch engen und seltsam unbelebt wirkenden Wohnzimmern in einem Plattenbau vom Typ P2.

    Stilsicher setzen sie eine verschwundene Welt wieder ins Bild, nie denunzierend, durchaus moralisch, immer ganz nah. Eine Nähe, die die Fotografierten zulassen, erwidern, nicht immer glücklich, aber immer voller Vertrauen. Diese verschwundene Welt folgte einem langsameren Takt, schied das Offizielle deutlich vom Privaten, das es zu verteidigen galt. Das heute oft vorschnell mit Tristesse übersetzte Grauschwarzweiß der großen DDR-Fotografie enthüllt dem, der genau hinschaut, in unendlich reichen Tönen eine erstaunliche Vielfalt, nur bürgerlich ist sie fast nie – und ein Wirtschaftswunder hat es auch nicht gegeben.

    Dokumente einer Parallelwelt

    Die fotografierte DDR-Gesellschaft ist zurzeit in Berlin in mehreren Ausstellungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten zu sehen, allesamt dem Jubiläum des Mauerfalls geschuldet. Unter dem programmatischen Titel „In Grenzen frei“ zeigt das Kunstgewerbemuseum Modefotografie Dokumente einer Parallelwelt, könnte man sagen, denn die Ästhetik der fotografierten Mode war eine andere als die der HO-Läden, und die schönen Frauen und Mädchen entsprachen sehr wohl dem Ideal der Fotografen und Designer, nicht aber dem der werktätigen Frau und Mutter nach SED-Richtlinien.

    In der Akademie der Künste haben Matthias Flügge und Thomas Heise kunstvoll eine „Übergangsgesellschaft“ in Szene gesetzt und dafür auch Fotografen gewonnen wie Ulrich Burchert, deren großartige Bilder nur wenigen bekannt sind. Burchert zeigt den Auszug von Fritz Cremers unvollendeter Plastik „50 Jahre Oktoberrevolution“ aus der Akademie im Februar 1989, sie wird durchs Mauerland geschleppt in ein Nirgendwo.

    „Übergangsgesellschaft“ setzt einen strengen Zeitrahmen: das bleierne letzte Jahrzehnt in der DDR. Es sind fast ausschließlich Porträts, eine ambitionierte Autorenausstellung, die alle zu versammeln sucht, die ostdeutsche Fotografie so einmalig gemacht haben, mit eigener, poetischer Sprache und natürlich in Schwarzweiß. Auf knappem Raum wird ein Gesellschaftspanorama entworfen, das die verschwundene Arbeiterwelt genauso dokumentiert wie den Reichtum des Privaten, die Kunst und den Alltag, das Aufbegehren und die Resignation – Dokumente fortschreitender Fremdheit im eigenen Leben. Die Revolte gegen das System, schreibt Matthias Flügge im allzu knappen Vorwort zur Ausstellung, sei lange Zeit vor allem eine Revolte der Melancholie gewesen. Zumindest war es eine Aufkündigung vorausgesetzten Einverständnisses mit einem schwierigen Alltag, wie man in den Gesichtern lesen kann, die in ihrer Gesamtheit ein Stagnationspuzzle ergeben.

    Die bildgewordene Revolte

    Neben Arno Fischers Bildern von der letzten Nacht vor der Wiedervereinigung hängen am Pariser Platz großartige Milieustudien von Roger Melis, dessen einsame Parteitagsrednerin den damals noch nicht einmal denkbaren Untergang nun bereits zu zeigen scheint. Auch in Christiane Eislers martialisch aufgeputzten Punks, die freundlich-unnahbar in die Kamera blicken, erkennt man das Paradoxe zum offiziellen Selbstbild der DDR: Diese Jungen sind die bildgewordene Revolte der letzten Mauergeneration. Wer so lebte, würde ausbrechen.

    Viele Bilder der Akademie-Ausstellung zeigen, wie sich die Wahrnehmung mit der Zeit verändert. Was hat die Fotografin Helga Paris gesehen, als sie den jungen Sascha Anderson fotografierte? Er hört jemandem zu, vielleicht bei einer der legendären nicht erlaubten Wohnzimmerlesungen. Wir sehen den andächtig lauschenden Mann, der fast verborgen in einer Ecke steht; ein Spiegel wirft sein Porträt verdoppelt zurück. Es ist das Jahr 1981, nicht zu denken an Andersons böses Spiel in der Doppelrolle, den Verrat bester Freunde und Künstlerkollegen an die Stasi, und doch assoziiert man heute genau das.

    Ein Prolog zur Übergangsgesellschaft zeigt Plakate von Lutz Dammbeck und Manfred Butzmann. Es sind keine Botschaften aus dem Zentralkomitee der SED, sondern aus jenem Leben, das die Leute wirklich umtrieb. Immer noch schockierend Butzmanns entlarvendes Plakat „Stalin hat uns glücklich gemacht“, eine Collage mit hymnischen Kinderaufsätzen, brav niedergeschrieben, als der Diktator starb. Darunter eine Notiz, wonach im Jahr des großen Terrors die Strafmündigkeit, auch für Todesurteile, auf zwölf Jahre herabgesetzt wurde. Die Ausstellung endet mit einem separaten Kinokabinett, das in seiner Enge und der Kakophonie sich überlagernder Stimmen die Besucher schnell erschöpft – dabei verdienten die Filme und Hörstücke eine eigene Schau.

    Ob sich dem Betrachter aus diesen Präsentationen noch einmal ein Bild zusammensetzt, das darüber aufklärt, wie es vielleicht gewesen ist, sei dahingestellt. Die große Akademie-Ausstellung hätte jedenfalls einen Katalog verdient, der dem sorgfältig edierten Ostkreuz-Band ebenbürtig ist. Stattdessen hat es gerade einmal für eine sehr sparsame Broschüre gereicht. Der Verweis auf begleitende Veranstaltungen kann diesen Mangel nicht wettmachen. Und man fragt sich, warum es nicht zu einer geschlossenen großen Ausstellung zur ostdeutschen Fotografie gekommen ist. Sie hätte uns im überbordenden Erinnerungsfuror dieses Jahres vielleicht diese Zeitkapsel DDR geöffnet, die trotz aller Vielfalt in den verschiedenen Ausstellungen die meisten ihrer Rätsel für sich behält.

    Regina Mönch
    ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
    © Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.8.2008.
    Übergangsgesellschaft. Porträts und Szenen 1980-90. Bis 11. Oktober am Pariser Platz; das Begleitheft kostet 3 Euro.
    Ostzeit. Geschichten aus einem vergangenen Land. Bis 13. September im Haus der Kulturen der Welt; der Katalog ist im Hatje Cantz Verlag erschienen und kostet 39,80 Euro.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Dezember 2009

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