Foto: Kai Wiedenhöfer

    Mauerfälle – 1989 und die Folgen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Jenseits des deutsch-deutschen Horizonts
    1989 global

    Studenten am Tianmen-Platz 1989; Foto: Sadayuki Mikami/APDas Jahr 1989 wird in Berlin mit dem Fall der Mauer, in Deutschland mit der deutschen Wiedervereinigung verbunden. Doch in einer Zeit des intensiven globalen Kulturaustausches, in der international vernetztes Denken eine immer größere Rolle spielt, erscheint ein erweiterter Horizont auf die Ereignisse von 1989 aus einer globalen Perspektive geradezu notwendig.

    Die von Mitteleuropa ausgehenden Entwicklungen des Jahres 1989 hinterlassen ein komplexes Erbe in der außereuropäischen Welt. Der tschechische Autor und Politiker Václav Havel, einer der Protagonisten der Demokratisierungsbewegung, spürte das weit reichende utopische Potential, als er feststellte: „Ich glaube, dass die Welt der Ideologien und Doktrinen unwiderruflich zu Ende geht. Wir stehen an der Schwelle einer Ära der Globalität, einer Ära der offenen Gesellschaft…“ (Václav Havel: Sommermeditationen, Berlin: Rowohlt 1992). Schnell zeichnete sich ab, dass fortan in der Welt keine Stellvertreter-Konflikte mehr für die USA oder die Sowjetunion geführt werden würden. Eine bipolare Weltordnung wandelt sich zu einer multipolaren Ordnung. Der Ostblock als mentaler oder realer Zufluchtsort für politisch Verfolgte, die etwa aus Chile in die DDR geflohen waren, aber auch als politischer Bezugspunkt für Oppositionelle der diktatorischen Regimes (z.B. in der Türkei) oder der jungen unabhängigen, sich neu formierenden afrikanischen Staaten (z.B. Algerien) fällt plötzlich weg. Und damit waren die Referenzpunkte einer Utopie, eines alternativen Modells, eines humanitären Sozialismus, eines ‚Dritten Wegs’ nicht mehr vorhanden. Die „Fünf-vor-Zwölf“-Stimmung des atomaren Wettrüstens zwischen den Blöcken fand ein Ende. Vor 1989 gingen Millionen im Zuge der Friedensbewegung in ganz Europa auf die Straße, getrieben von der Angst, ein Dritter Weltkrieg würde auf europäischem Boden als nukleares Inferno stattfinden. Erst mit der von Michail Gorbatschow eingeleiteten Ära von Glasnost und Perestroika konnte diese Furcht überwunden werden. Das Ende der Blockkonfrontation bewirkte auch eine beschleunigte Globalisierung der Finanzmärkte und die Verknüpfung von Marktwirtschaft mit liberalen Demokratien. Die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise sind derzeit weltweit zu spüren.

    Wirft man nun von Mitteleuropa aus einen Blick zurück in die Welt von 1989, so zeigt sich schnell, dass viele Ereignisse außerhalb Europas die Welt über den Tag hinaus bis heute und in aktuelle Prozesse von globaler Reichweite hinein verändert haben. Sie ereigneten sich ganz unabhängig vom Fall der Mauer, oder aber sie sind damit verbunden – in jedem Falle ergeben sich „globale Geschichten“, die manchmal sogar miteinander verflochten sind. Heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, sind diese Geschichten in der Gegenwart angekommen. Das klingt zunächst paradox – doch wie die Welt heute politisch und kulturell aussieht, wurde in enormem Maß durch die Entwicklung der letzten 20 Jahre bestimmt, an deren Anfang das Jahr 1989 als Wegmarke stand. Deshalb kann man wohl behaupten, dass das Jahr 1989 nicht nur eine deutsch-deutsche, nicht nur eine europäische, sondern eine wahrhaft globale und kulturelle Zäsur darstellt.

    Die nicht-deutsche Perspektive

    Um das zu zeigen, möchte ich zunächst die Menschen aus aller Welt in den Vordergrund stellen, die 1989 in Deutschland lebten: Für sie war der Fall der Mauer ein einschneidendes Ereignis – und zwar in beiden Teilen Deutschlands. Im Falle der Vertragsarbeiter aus den sozialistischen ‚Bruderländern’ in Ostdeutschland kann man ihre Geschichten nach Vietnam, Angola, Mosambik oder Algerien verfolgen; im Falle der ‚Gastarbeiter’ und ihrer Kinder in Westdeutschland bis in die Türkei und ins ehemalige Jugoslawien. Die Kontingentarbeiter aus den sozialistischen Bruderstaaten wie Vietnam, Mosambik oder Angola, aber auch die Studenten und Intellektuellen aus dem ‚nicht-kapitalistischen Ausland’ Algerien befanden sich innerhalb nur weniger Wochen in einer vollkommen veränderten Situation. Die positive Dynamik, die der Fall der Mauer bei der Mehrheit der Menschen in Deutschland auslöste, verkehrte sich für die Einwanderer aus aller Welt oft ins Gegenteil. Für sie bedeutete der Mauerfall oft Stagnation und Abwarten. Denn mit derselben Geschwindigkeit, wie sich die Stimmung der Leipziger Montagsdemos vom Diktum „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“ wandelte, wurde schnell klar, dass das Land, mit dem die sozialistischen Entsendeländer Verträge über Arbeitskräfte geschlossen hatten, nicht mehr lange existieren würde – das „Bruderland ist abgebrannt“. Was aber geschah zeitgleich im Westen? „Die Mauer fiel uns auf den Kopf“ – so lautet die Antwort vieler Gastarbeiter aus der Türkei und ihrer Nachkommen im Westteil Deutschlands. Diese Menschen hat man schlichtweg als Akteure im deutschen Geschichtsdenken vergessen, so die Migrationsforscherin Nevim Çil. Die Stimmung von 1989 kreierte eine gefährliche Illusion, „die Vorstellung eines Volkes von ethnischer Homogenität“ (Detlev Claussen, Oskar Negt, Michael Werz (Hg.): Jargon der Einheit, Frankfurt/M. 2000). Im Aufbau einer neuen, auf Herkunft beruhenden nationalen Identität entstehen – so der karibische Kulturtheoretiker Edouard Glissant – „neue Mauern“, in diesem Falle zwischen der deutschen und der nicht-deutschen Gesellschaft, die Menschen nach der Wende erst zu Ausländern macht. So sind nach den Brandanschlägen in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen stigmatisierte Fremde die ersten Opfer der Wiedervereinigung, und plötzlich wurde rassistische Gewalt zum ersten Testfall für die Demokratie in einem frisch vereinten Deutschland. Ein Neuanfang in der Definition von Zugehörigkeit wird verpasst, Außenseiter werden produziert und das Land befindet sich – so die These von Mark Terkessidis – seit 1989 weiterhin in einem kollektiven „Transit“.

    Bildgedächtnisse

    Erinnerung ist stets an ein Medium gebunden – und funktioniert im globalen Zeitalter vor allem visuell. Das Jahr 1989 ist in unser Bildgedächtnis eingegangen – viele internationale Foto- und Fernseh-Reporter haben uns die Schlüsselszenen des Jahres vermittelt. Es handelt sich um fotografische Augenblicke, die der Philosoph Walter Benjamin als Momente eines individuellen Blicks bestimmt. Einige solcher Kristallisations-Momente des Jahres haben sich wie Ikonen in das kollektive visuelle Weltgedächtnis eingegraben: Da ist die geballte Faust Nelson Mandelas, welche die Kraft dieses ungewöhnlichen Menschen zum Ausdruck bringt und den Beginn der Überwindung eines rassistischen Systems in Südafrika andeutet. Da ist der Sarg mit dem Leichnam Ayatollah Khomeinis, der während seiner Bestattung am 4. Juni 1989 von tausenden Menschen umringt ist und das Bewusstsein der Menschen im Iran heute, mehr als 30 Jahre nach der Islamischen Revolution, immer noch prägt. Und schließlich ist es das Bild des Demonstranten auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking am 3. Juni 1989, der sich dem Panzer entgegenstellt. Dieses Bild von Charlie Cole erhielt nicht von ungefähr den Titel „World Press Photo“. Über diese ikonografischen Schlaglichter hinaus kommen bei weiterer Recherche schlaglichtartig andere ‚Jahrestage’ ins Blickfeld: In Argentinien, Chile und Venezuela sind – zum Ende der Diktaturen – umfassende Veränderungen des wirtschaftspolitischen Systems mit einschneidenden Auswirkungen auf die Bevölkerung zu verzeichnen. In Kaschmir beginnt ein bis heute andauernder Aufstand.

    Der globale Blick auf das Gedenkjahr zeigt, dass es sehr verschiedene Reaktionen auf den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 gab. Er macht klar, dass unabhängig vom Mauerfall Ereignisse stattfanden, die das Leben der Menschen in der jeweiligen Region radikal veränderten. Im Iran gab es offenbar viel Sympathie für den Einsturz der Mauer – sah man sich doch als Schriftsteller oder Künstler selbst – nicht zuletzt aufgrund der von Ayatollah Khomeini am 14. Februar 1989 gegen Salman Rushdie verhängten Fatwa – all zu oft von Gefängniswänden oder anderen symbolischen Mauern umgeben, wie sie die Autorin Shahrnush Parsipour skizziert. Im Iran bedeute das Begräbnis des Ayatollah Khomeini eine Zeitenwende. Don de Lillo beschreibt diese Massenszene in seinem Roman Mao II 1991 als Trauer von historischer Dimension, als Trauer um einen Körper, den die Lebenden partout nicht zu den Toten gehen lassen wollen. Die Epoche, die sein Tod einläutete, dauert bis heute an – so die These des Kölner Autors Navid Kermani. Heute – jedoch in ganz anderer Weise – entwickelt eine junge Generation ihre eigenen Strategien des Umgangs mit dem Regime, was zuletzt nach den Wahlen im Juni deutlich wurde.

    China und Südamerika

    In China und unter den nach den blutigen Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 3. und 4. Juni 1989 ins Ausland emigrierten Chinesen herrschte tiefe Niedergeschlagenheit nach dem Fall der Berliner Mauer. Auch das heutige China ist noch immer durch die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens geprägt, auch wenn es in der zensierten Öffentlichkeit ein Tabuthema ist. Die Charta 08, ein 2008 erschienener Aufruf von führenden Intellektuellen zu mehr Demokratie, führt explizit die Forderungen nach mehr Demokratie aus dem Jahr 1989 weiter. Laut Wang Dan, dem ehemaligen Protagonisten des demokratischen Studentenaufbruchs, ist das ein Signal an Europa für ein mögliches China von morgen. Auch die aktuelle Wirtschaftkrise stellt die Zeit nach 1989 der ‚zwei Chinas’ – des sozialistischen und des kapitalistischen – in ein neues Licht. Verknüpft man die Geschichten des Jahres 1989, so wird in diesem Falle deutlich, dass die Montagsdemonstrationen auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig nur vor dem Hintergrund der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tian’nanmen-Platz im Juni zuvor so friedlich stattfinden konnte und eben nicht von Polizei und Militär unterdrückt wurde.

    Szene während eines Aufstands in Venezuela, März 1989; Foto: John Hopper/APIn Chile, Argentinien, Venezuela begegnete man angesichts der eigenen Probleme dem Fall der Berliner Mauer eher mit Indifferenz. Innensichten zeigen auch hier, wie sehr sich Mittel- und Südamerika – so die argentinische Kulturkritikerin Beatriz Sarlo – im Jahr 1989 ‚fern des Laufes der Geschichte’ fühlte: Argentiniens Kalender war aufgrund der Geldabwertung und der sich rasant entwickelnden Inflation ein anderer als der europäische. In Chile war die Ära Pinochet zu Ende gegangen, man befand sich in einer postdiktatorialen Transitionsphase und ein neoliberaler Wirtschaftskurs begann. In Venezuela rebelliert die Bevölkerung mit dem Volksaufstand von Caracazo gegen die Wirtschaftspolitik ihres neuen Präsidenten, die USA marschiert in Panama ein, in Peru kommt es zu einer Gewaltwelle des Sendero Luminoso.

    Afrika und Afghanistan

    Für Angola, Namibia und Südafrika war das Ende des Kalten Krieges die Zeit der Aufbrüche in Unabhängigkeit und Demokratie. Ein „globaler Moment“, wie ihn Andreas Eckert beschreibt, war die sich 1989 abzeichnende Entlassung Nelson Mandelas aus der Haft, die dann 1990 erfolgte. Sie bedeutete das Ende des rassistischen Regimes in Südafrika, den Übergang von der Apartheid zur Demokratie. Der Wegfall der kommunistischen Alternative Sowjetunion war ein wichtiger Rahmen für die Anerkennung des ANC. 1989 bedeutet aber auch, dass die europäische ‚Hinterhofpolitik’, in den ‚Zonen erweiterter Einflussnahme’ in Afrika endgültig vorbei war. In vielen Ländern herrschte auch hier zunächst eher Solidarität mit den Demokratiebewegungen, verbunden mit der Hoffnung, dass auch die Menschen im eigenen Land fähig sind, ihre eigenen Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Als Paradebeispiel für die Situation nach dem Ende des Kalten Krieges in Afrika mag Angola nach dem Abzug der kubanischen Truppen gelten. Hier wird einmal mehr deutlich, dass die Geschichte der Welt sich nicht auf die Geschichte des Westens reduzieren lässt. Auch die Rede vom ‚kurzen’ 20. Jahrhundert lässt sich als eurozentrische Sichtweise entkräften – vielmehr stellt der Filmwissenschaftler Manthia Diawara aus Mali ein „langes 20. Jahrhundert der Alpträume“ fest – so fand der Völkermord in Ruanda zeitgleich mit den Demokratisierungsbewegungen in Mitteleuropa statt – bis heute erinnerungspolitisch in der breiten Öffentlichkeit kaum aufgearbeitet.

    In Afghanistan ist man heute enttäuscht darüber, dass die eigene Leistung im Kampf gegen die sowjetische Besatzung nicht gewürdigt wurde und der Abzug der Roten Armee allein als Folge des Sieges der westlichen Ideologie über den Kommunismus gewertet wird. Die aktuelle Situation in Afghanistan kann man auch als Ergebnis der Ereignisse von 1989 interpretieren. Man hatte Angst davor, was geschehen mag, wenn die Sowjets abgezogen waren – und so bekräftigt auch Faheem Dashty, dass nach dem Abzug der Roten Armee die Kämpfe der verschiedenen Gruppen von Mudschaheddin heftiger als je zuvor waren. An der post-sowjetischen Phase, in der die Taliban erstarkten, zeigte Europa bis 9/11 kein Interesse. Die Perspektive der Post-Diktatur-Generation nach General Zia-al-Huq zeichnet der Journalist und Autor Mohamed Hanif nach, der sich ausgiebig mit dem Thema Pressefreiheit nach 1989 in Pakistan beschäftigt. Bis zum heutigen Zeitpunkt ist völlig unklar, wie sich die Situation in der im internationalen Politik-Jargon so genannten „Af-Pak-Region“ entwickeln wird. Eng mit den Atommächten Pakistan und Indien verflochten ist der Kaschmir-Konflikt, der 1989 nach gefälschten Wahlen begann und heute als gefährlichster Konflikt der Welt gilt.

    Sicherlich gäbe es nach diesen Schlaglichtern noch weitere Ereignisse des Jahres 1989 in der Welt zu nennen, doch möchte ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Zu groß sind dazu die Leerstellen, etwa in Bezug auf die arabischsprachige Welt, die lediglich am Beispiel Algerien berührt wird, wenn Jihan El-Tahri auf die Verlagerung der ‚Roten Gefahr’ zur ‚Grünen Gefahr’ hinweist, indem sie in ihrem Text die Verbindungslinien der algerischen Mudschaheddin in Afghanistan nach Algerien verfolgt. Auch die dramatischen Entwicklungen auf dem Balkan nach 1989, die auf brutale Art eine ganz entgegengesetzte Entwicklung darstellen als die friedlichen Revolutionen, wären ein eigenes Thema für sich: Die Gedenkveranstaltung Slobodan Miloseviçs auf dem Amselfeld im Sommer 1989 war de facto die Ankündigung des Krieges im ehemaligen Jugoslawien und damit der Beginn der tödlichen Ideologie der ‚ethnischen Säuberungen’. Der Anthropologe Arjun Appadurai beschreibt die Welt nach 1989 – die nicht nur in eine demokratische Richtung ging, sondern seit Beginn der 90er Jahre parallel in eine Spirale der ethno-nationalistisch geprägten Gewalt gerät – in seinem gleichnamigen Buch als Geographie des Zorns (2009).

    Produktion von Erinnerung

    Wenn man fragt, wer die Erinnerungen an das Jahr 1989 generiert, so wird klar, dass dieser Prozess ein Zusammenspiel von Einzelnen und Gruppen ist, von Zeitzeugen, Literaten, Historikern, Fotografen, Filmemachern und anderen. Ihre Erinnerungen sind immer subjektiv – so kann man auch schlecht abbilden, was geschehen ist, sondern immer nur bestimmte Blicke – den literarischen, den journalistischen, den wissenschaftlichen, den politischen, den zeithistorischen und den fotografischen – verfolgen. Historische Ereignisse haben ihre eigene Zeitlichkeit, ihre eigenen Räume, ihre Bedeutung kann für das Individuum unglaublich groß, für die Welt klein sein und doch stellen sie in der Retrospektive bedeutende Einschnitte dar, deren ‚histoires croisées’ manchmal erst aus dem Heute erkennbar werden – und das für eine Zeit, in der Globalisierung noch kein Begriff war. Die Simultaneität der Ereignisse im Jahr 1989 und ihre Auswirkungen zeigen, wie relativ unsere Standpunkte sind. Daher kann man nicht von einer Weltgeschichte im Sinne einer Universalgeschichte sprechen, sondern nur von einer Pluralität globaler Geschichten. Die Vielstimmigkeit verschiedener regionaler Zentren zu zeigen, bedeutet auch, die Europazentriertheit der Erinnerungspolitiken im Jahr 2009 aufzubrechen und die globale Dimension von 1989 deutlich zu machen.

    Susanne Stemmler
    ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und leitet seit 2008 den Bereich Literatur, Wissenschaft und Gesellschaft am Haus der Kulturen der Welt in Berlin. In ihrer Dissertation „Topografien des Blicks. Orientalismen in der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts“ beschäftigt sie sich mit dem europäischen Blick auf den Orient (2004, transcript verlag).
    Die Thementage „1989 – Globale Geschichten“, kuratiert von Nevim Çil, Navid Kermani, Manthia Diawara, Yang Lian und Silvia Fehrmann, fanden vom 19. bis 22. Februar 2009 am Haus der Kulturen der Welt in Berlin statt. Das Buch „1989 – Globale Geschichten mit kompletten und erweiterten Texten des Projekts“, herausgegeben von Susanne Stemmler, Valerie Smith und Bernd M. Scherer, ist 2009 im Wallstein Verlag erschienen.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Dezember 2009

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