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    Medien

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Das Symptom ist diese Diagnose
    Frank Schirrmachers Sachbuch Payback über unseren Umgang mit dem Computer

    Frank Schirrmacher. Foto: Tim Wegner © Karl Blessing Verlag Am Anfang war das Geständnis. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher gibt zu: „Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin.“In Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen geht der Autor dieses im November 2009 im Blessing Verlag erschienenen Bestsellers der Frage nach: Wie können wir unser Leben gemeinsam mit den immer mächtiger werdenden Maschinen arrangieren, ohne von ihnen aufgefressen zu werden?

    Ein fehlerhaftes Lesevergnügen

    Schon nach wenigen Seiten fällt der Blick des aufmerksamen Lesers auf stilistische Defizite und auf die ersten Rechtschreibfehler: Abgesehen von sprachlich unglücklich formulierten, ja geradezu schlechten Sätzen (auf Seite 147 heißt es beispielsweise: „[…] und sie führte dazu, dass wir über unser Hirn und unsere Instinkte über die Erforschung von Tieren verstehen wollten“),gibt es einige Sätze, die man einer persönlichen, schläfrig dahingeschriebenen Tagebuchnotiz oder einem zehnjährigen Schüler beim Diktatschreiben verzeihen könnte, nicht allerdings dem renommierten Herausgeber einer großen deutschen Tageszeitung. Auf Seite 27 heißt es: „Es ein Mythos [sic], dass sich hinter den Plagen mit dem digitalen Lebensstil ein Generationenkonflikt verbirgt.“ Im zweiten Kapitel, das einen kleinen historischen Exkurs über die Entstehung von Computern gibt, schreibt Schirrmacher: „`Eine neue Generation ist ein neues Hirn´, hat Gottfried Benn gesagt, und manchmal baut sie auch neues [sic]. Wie die beiden Jungen Sergej Brin und Larry Page, die siebzig Jahre nach Alan Turing mit Lego spielen und eines Tages daraus ein Kasten [sic] bauten, der nichts weniger war, als der erste Server der Welt.“ (S. 25). Und auf Seite 80 zeigt sich ein Fehler, der das auffälligste Indiz für ein nachlässiges, undurchdachtes Schreiben ist: „Nehmen wir den maschinenzentrierten Blick auf die Welt ein oder den menschenorientierten Blick? […] Auf [diese] Frage lautet die Antwort eindeutig: Ja.“Und schließlich eröffnet Schirrmacher den letzten Absatz seines Werkes mit folgender Formulierung: „Der Computer beendet eine lange Geschichte, in denen [sic] Organismen ihre Informationen in Speichern ausgelagert haben.“

    Insgesamt 28 Fehler auf 211 Seiten, hinzu kommen Übersetzungsfehler und wirre, unglückliche Formulierungen, die die Bedeutungen mancher Sätze in dunkles, undurchdachtes Buchstabendickicht hüllen und zahlreiche Unklarheiten offenlegen – eine erschreckende Bilanz für ein Buch, das sich zum jetzigen Zeitpunkt (Februar 2010) bereits seit über zehn Wochen auf den oberen Rängen der Sachbuch-Bestsellerlisten hält. Jede bedeutende Tageszeitung hat Payback rezensiert; die kritischen Ansätze, die in der TAZ, der Zeit und der Süddeutschen zu finden sind, haben offensichtlich keine großen Wellen geschlagen und wurden durch mildernde Fazits weiter geglättet. Was sagt der enorme Erfolg dieses Buches über die begeisterten Leser und über diejenigen Kritiker aus, die Payback empfehlen und loben?

    Die „geistigen Anforderungen unserer Zeit“, die für den Autor eine Überforderung darstellen, resultieren in diesem zu Papier gebrachten Fall offenbar in einer Reduzierung der Inhalte auf das Maximum an Einfachheit für den Leser. Schirrmacher versucht, komplizierte und für den Nichtinformatiker unverständliche Vorgänge durch Beispiele und Statistikresultate einfach darzustellen; dagegen spricht nichts – diese Vereinfachung beherrscht er gut. Doch gerade in dieser Einfachheit geht Schirrmacher etwas zu weit: Denn wenn er dem Leser auf Seite 184 erklärt, dass Präsens ein anderes Wort für Gegenwartsform sei, lässt dies den Schluss zu, Payback richte sich an ein Publikum mit dem Bildungsniveau achtjähriger Kinder. 

    Sehen wir uns nun die Informationen an, die hinter der stilistischen Oberfläche verborgen liegen. Welche bahnbrechende These steckt in diesen 211 scheinbar hastig niedergeschriebenen Seiten? Befindet sich, um mit Schirrmachers darwinistischer Metaphorik des Überlebenskampfes und der Nahrungssuche zu sprechen, hinter der Maus ein Büffel (S. 129)?

    Der Mensch als Informationsfresser

    Wir sind stolz auf unsere Selbstpräsentation bei Facebook, stürzen uns gierig und mit pochendem Herzen auf das neue iPad, können nicht mehr ohne Internet und Handy leben: Wir sind süchtig nach Technologien und lieben das virtuelle Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Klick und wir haben etwas gekauft, ein Klick und wir haben die passende Antwort, ein Klick und wir ändern unser Leben. Dass dabei nicht alles auf Zufall beruht, dass wir ein Stück unserer Entscheidungen längst an die unsichtbaren Mächte hinter unseren flimmernden Flatscreens abgegeben haben, die uns lesen und unsere Bedürfnisse sogar bereits vorhersagen können, bevor wir sie als solche wahrnehmen – genau davor warnt nun Schirrmacher. Wir werden aufgefressen von dem Faszinosum Technik, wir verlieren unsere Fähigkeiten zu Intuition, Spontaneität, Kreativität, wir geben das Denken an die Maschinen ab, können Wichtiges nicht mehr von Unwichtigem unterscheiden, haben längst verlernt, wie man ein Buch liest und befinden uns zwischen SMS-Vibration und You´ve got mail in ständiger Alarmbereitschaft, die unseren Organismus überfordert. Wir existieren kaum noch außerhalb des Netzes, ja ein Austritt aus der Facebook-Community sei sogar das Ende der sozialen Existenz, behauptet Schirrmacher. Nicht jedes der von ihm gemalten Horrorszenarien lässt sich in all seiner angsteinflößenden Schwärze nachvollziehen; doch die Warnungen vor der Abhängigkeit und der Veräußerung des Denkens sind berechtigt und nachvollziehbar. Selbst die auf den ersten Blick etwas exotisch wirkende Darwin-Metapher, der Daseinskampf um die Informationen, ist ein interessanter Ansatz: Wir sind ständig auf der Jagd nach Beute (in diesem Gedankenspiel die Informationen). Nur der Bestinformierte hat gute Überlebenschancen. Doch der Preis für den Kampf ums Überleben im Informationsdschungel ist die Aufmerksamkeit, sind unsere Instinkte: Wir verlieren sie, indem wir den Fokus nur noch auf feste, uns als unhinterfragbare Wahrheiten erscheinende Informationen richten. Das darwinistische Fazit lautet: Unser Magen ist zwar voll; in ihm tummeln sich viele leckere Informationen. Unser Hirn verkümmert aber mit jedem Fressakt mehr: Es kann nicht mehr unterscheiden, was wichtig ist und was unwichtig, wird mit jeder Mahlzeit mehr zu einem einer Maschine ähnelnden Organismus.

    Nachdem auf über 150 Seiten die Entwicklung des Computers dargestellt, einzelne neurobiologische und psychologische Forschungspositionen resümiert und darüber hinaus die Gefahren für unser Selbstbild, mit denen wir zunehmend konfrontiert sind, hergeleitet wurden, richtet der Leser nun umso gespannter den Blick auf die Lösung, die Schirrmacher aus dieser verzwickten Abhängigkeitssituation bietet: Wir müssen unsere Einstellung zu den Computern ändern, wir müssen die „Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“, das die Maschinen uns so clever abgeluchst haben – so lautet Schirrmachers Plädoyer für „die große Stunde der Philosophie“ (S. 215). Denn in ihnen stecke auch eine gewaltige Chance: Sie können uns helfen, indem wir durch den Umgang mit ihrer Perfektion eine Abgrenzung zu uns selbst schaffen, uns als Menschen erkennen, als unvollständig und sich in begrenzten Bahnen bewegende Wesen, die den Maschinen allerdings auch etwas voraushaben: Spontaneität, Flexibilität und Kreativität. Wenn wir lernen, mit Unsicherheiten umzugehen, wenn wir einen kritischen Umgang mit der omnipräsenten Technik erlernen, aufrechterhalten und unseren Kindern weitergeben, dann droht von den Maschinen keine Gefahr mehr.

    Als eine Zusammenfassung der neuesten Entwicklungen in der technologischen, neurobiologischen und psychologischen Welt, als ein erneuter Anstoß zum Nachdenken, zum Infragestellen unseres Umgangs mit Technik und speziell mit Computern erfüllt dieses Buch durchaus seinen Zweck. Manche Beispiele und Statistiken sind interessant; sie finden in Schirrmachers Sachbuch eine knappe Zusammenfassung und Darstellung. Leider weist seine Argumentationsstringenz Defizite auf; er klammert sich an pauschale Aussagen und nimmt Induktionen vor, die unangebracht erscheinen. Auch neue Ideen fehlen – seine Kulturkritik enthält keine revolutionären, nicht einmal lange Zeit unausgesprochenen Ansätze und Thesen, die ein Buch zu diesem Thema rechtfertigen würden. Die wesentlichen Aussagen ließen sich in einem kurzen Feuilletonessay zusammenfassen und befinden sich bereits – ausreichend komprimiert – im Klappentext des Buches.

    Letztendlich scheitert Payback weniger am Inhalt als an der Umsetzung, die in deutlichem Widerspruch zu den darin proklamierten Thesen steht: Aufmerksamkeit, selbständiges Denken, Wiedergewinn der Lesefähigkeit – interessanterweise lässt es Schirrmacher genau daran missen, wie an der schwankenden Argumentation, der fehlenden Stringenz und den nachlässigen Formulierungen erkennbar wird. Dieses Buch, das sich höchst bescheiden als der rettende Grashalm aus dem Sumpf einer sich den auffressenden neuen Technologien weihenden Gesellschaft versteht, ist nicht das Ende, sondern in grasgrünes Papier eingeschlagenes Exponent des Problems. Es zeugt mehr von Aufmerksamkeitsdefiziten, als dass es sinnvolle Mittel und Anregungen enthält, diese zu bekämpfen. Es sei denn…

    Ein Rettungsversuch

    Es sei denn, Frank Schirrmacher hat Payback als Test konzipiert, um Aufmerksamkeit, Rechtschreibfähigkeit und Argumentationsschärfe des in der computerverseuchten, nicht mehr nachdenken wollenden Gesellschaft lebenden Lesers zu testen. Das Urteil eines aufmerksamen, diesen Test bestehenden Lesers könnte nur lauten: Mangelhaft. Eine mögliche Konsequenz dieser Erkenntnis wäre eine Zuwendung zum Internet, denn selbst dort, wo Blogs und Emailmassen milliardenfach miteinander konkurrieren, gibt es Texte, digitale Bücher, die besser geschrieben, besser korrekturgelesen sind, tatsächlich neue Ideen beinhalten und eine triftigere Argumentationsfähigkeit aufweisen. Und das Beste: Sie gibt es gratis und sie sind weniger grellgrün.

    Doch sollte Schirrmacher wirklich darauf abgezielt haben, seine Leser mit diesem Buch auf die Probe zu stellen, ob sie noch in der Lage sind, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden: Die Leser, die Rezensenten, alle, die dieses Buch gelobt haben, sind durchgefallen und haben damit den Erweis erbracht, dass sie das Lesen verlernt und ihre Intuition und einen Teil ihres kritischen Verstandes verloren haben – irgendwo hinter ihrer Tastatur, hinter dem flimmernden Bildschirm, in den Weiten des World Wide Web.
    Simone Falk
    ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

    Frank Schirrmacher: Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen, Karl Blessing Verlag, München 2009

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2010

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