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    Medien

    Mediengesellschaft – Wissensgesellschaft?
    Wie das Islambild deutscher Medien entsteht

    Tim Otto Roth: Tristan QR. QR Mosaik auf weissen Kacheln, 2009 Zahlreiche Studien in den USA, in europäischen Staaten, in der islamischen Welt und darüber hinaus haben mit Hilfe verschiedener Methoden und mit unterschiedlichen inhaltlichen Akzenten auf islamophobe Tendenzen in der westlichen Medienberichterstattung hingewiesen. Es kann daher nicht verwundern, dass eine Reihe prominenter Persönlichkeiten und Institutionen bereits vor Verzerrungen des Islambildes der westlichen Öffentlichkeit und insbesondere westlicher Medien gewarnt haben. Der frühere Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, wies nach den Attentaten des 11. September 2001 auf die wachsende Islamophobie des Westens hin, die er ebenso verurteilte wie den noch immer vorhandenen Antisemitismus. Der British Council hat Aufklärungshandbücher für Journalisten herausgegeben, in denen eine differenzierte Deutung des Islam und der islamischen Welt vorgestellt wird, und die OECD betreibt ähnliche Projekte. Der frühere Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, meinte, dass dem negativen Islambild der deutschen Öffentlichkeit die gleichen Fehlinformationen zugrunde lägen, die früher zur Verachtung der Juden geführt hätten.

    „Aufgeklärte Islamophobie“

    Zwar ist der Begriff der Islamophobie umstritten, da nicht jede Form einer Fehldeutung der islamischen Welt auf einer psychologischen Abwehrhaltung begründet sein muss, sondern auch nicht-intendierte Fehlinformationen eine Rolle spielen. Dennoch lassen sich viele Strukturmerkmale der Medienberichterstattung in unterschiedlichen westlichen Mediensystemen nachweisen, die darauf schließen lassen, dass eine selektive Wahrnehmung negativer Ereignisse und Entwicklungen vorherrscht – ein typisches Merkmal eines „Feindbildes“ also. Zwar weist der deutsche Mediendiskurs keine propagandistische Einheitlichkeit auf und es fehlt auch eine aggressive Handlungsdimension, die von einer vollständigen Ausprägung des in der Soziopsychologie angesiedelten Feindbildbegriffs zeugen würde. Dennoch ist gerade das Verhältnis des Fortlebens zentraler alter Klischees des Islam bei gleichzeitiger Differenzierung des Islambildes in einigen Randbereichen das eigentliche Signum der Medienberichterstattung. Der Islam hat im Westen seit 1400 Jahren eine schlechte Presse, und die moderne Mediengesellschaft hat mit dieser Tradition nicht gebrochen, sondern sie revitalisiert die alte Vorstellung vom Orient-Okzident-Gegensatz in der Gegenwart ständig. Es gibt durchaus differenzierende kleinere Medien: das Internet, einen heterogenen Buchmarkt sowie auch gelegentlich antizyklische Tendenzen im Diskurs der großen Massenmedien über den Islam. Das Gesamt der Medienberichterstattung verkörpert jedoch eher eine Form der „aufgeklärten Islamophobie“ als eine Trendwende zur echten Aufklärung des über Jahrhunderte einseitig negativ geprägten Islambildes, das im Westen nach wie vor das internationale und das innenpolitische Klima vergiftet.
     
    Der folgende Beitrag gibt einen knappen Überblick über einige Inhaltstendenzen des Islambildes deutscher Medien und über dessen Entstehungsbedingungen. Es wird deutlich gemacht, dass sicherlich keine einfachen Kausalitäten wirken, sondern ein ganzes Geflecht von Einflüssen besteht, die das heutige Medienbild des Islam prägen. Dabei machen sich nicht nur kulturell erlernte Stereotypen bemerkbar, die der einzelne Journalist in die Berichterstattung einbringt. Die Medien unterliegen auch den Zwängen, Routinen und Interessen der heutigen Medienökonomie sowie deren komplexen Interaktionen mit politischen und gesellschaftlichen Systemumwelten, die letztlich auch den Medienrezipienten einschließen und Fragen nach dem Entwicklungsstand der deutschen multikulturellen Gesellschaft aufwerfen, einschließlich der primären und sekundären Sozialisation in Familie, Schule, Berufsleben und sozialem Umfeld. Auch die Rolle deutscher Eliten und Meinungsführer wird zu reflektieren sein, die nicht in ihrer Gesamtheit als „globale Eliten“ betrachtet werden können und die häufig zu Stichwortgebern bei der medialen Reproduktion des „Feindbildes Islam“ werden.

    Vom Islambild zum Islamdiskurs

    Mediendiskurse zeichnen sich sowohl durch Mikro- als auch durch Makrostrukturen aus. Als Mikrostrukturen bezeichnet man alle inhaltlichen Merkmale eines Textkorpus, die im einzelnen Text nachweisbar sind, also etwa im einzelnen Zeitungsartikel oder im Radio- oder Fernsehbeitrag. Makrostrukturen sind solche, die entweder die durch Vergleich gewonnene systematische Beschreibung der Gesamtmenge der Texte ermöglichen oder aber Beziehungen und Interaktionen zwischen Texten in den Vordergrund rücken. Nur wenn man alle Ebenen im Blick behält, lassen sich generalisierbare Aussagen über das Islambild deutscher Medien formulieren.

    Es ist unmöglich, alle Mikrostrukturen zu ermitteln. Nachweisbar aber ist, dass in den großen deutschen Print- und elektronischen Medien bis heute Bilder und Argumentationen verbreitet sind, die auf ein hochgradig selektives und negativ vereinheitlichendes Islambild hinweisen. Verschiedene Arbeiten haben sich mit zeithistorischen Islamdiskursen der Medien beschäftigt, etwa anlässlich der Iranischen Revolution von 1978/79, oder aber sie haben die aktuelle Medienlandschaft diskursanalytisch untersucht. Die Iranische Revolution war das Erweckungserlebnis für die deutschen Medien. Bis dahin gab es zwar Nahostberichterstattung, aber der Islam war ein Randthema für die Medien. Das Aufkommen des politischen Islam hat dies grundsätzlich verändert. Die diskursiven Mikrostrukturen, die während der Revolution entwickelt wurden, haben sich mit Modifikationen bis heute erhalten. Immer wieder findet man etwa seitdem in deutschen Medien die Annahme einer Untrennbarkeit von Politik und Religion im Islam (die auch umstrittene Orientalisten wie der Berater von George W. Bush, Bernhard Lewis, vertreten). Verbreitet ist auch die Gleichsetzung von politischem Islam mit radikalem Fundamentalismus und von Fundamentalismus mit Terrorismus und Extremismus. Sabine Schiffer hat sich mit den Selektionsmechanismen des Ausblendens, Hervorhebens, Wiederholens und des Pars-Pro-Toto Symbolismus ausgiebig beschäftigt. Es gehört wohl zu den absoluten Ausnahmen, wenn gerade die letzten beiden Phänomene in deutschen Medien sprachlich und argumentativ auseinandergehalten werden. Hier herrscht nicht nur eine selektive Wahrnehmung, sondern auch eine Psycho-Logik im Sinne von Worst-Case-Annahmen vor. Wenn nämlich der Islam gleichzusetzen ist mit Politik, die Politik identisch ist mit Fundamentalismus und dieser mit Extremismus, dann ist die Folgerung logisch, dass dem Islam in seiner Gesamtheit Gewaltbereitschaft unterstellt werden muss – womit man die Verbindung zwischen dem aktuellen Mediendiskurs und der verbreiteten These Samuel Huntingtons vom „Kampf der Kulturen“ gefunden hat. Huntington behauptet ja nichts anderes als einen grundsätzlichen und gewaltsamen Antagonismus zwischen dem Islam und dem Westen (die „blutigen Grenzen“ des Islam) – eine essentialistische Position, die politisch einseitig ist, weil sie kooperative Interaktionen ausblendet, und die kulturtheoretisch naiv ist, weil sie subkulturelle Differenzen (des Islam) negiert.

    Kultureller Rassismus?

    Ein markanter Unterschied zwischen den Wahrnehmungen im Kalten Krieg und dem zeitgenössischen Islambild kommt auch in der Bildsprache der Medien zum Ausdruck. In einer nahezu identischen Ikonographie werden hier seit der Iranischen Revolution Bilderwelten entfaltet, die von Motiven wie radikalisierten islamischen Massen, blutigen Geißelprozessionen und tief verschleierten Frauen geprägt sind. Ein Vergleich der Ausgaben der deutschen Illustrierten Stern von 1979 und von heute würde das rasch belegen. Die inhaltlich vorbereitete These der Untrennbarkeit von Religion und Politik wird hier subtil durch die Kennzeichnung der religiösen Irrationalität des Gegenübers gestützt. Während die Sowjetunion als Staat wahrgenommen wurde, dessen Führung zwar ideologische Ziele hegte, darüber hinaus aber als moderner Staat fungierte, ist im Islambild die staatliche Akteurskomponente auch bildlich aufgelöst. Neben bestimmten Führungsfiguren (z.B. Usama Bin Ladin) werden „die Muslime“ bildlich inszeniert, was suggeriert, dass eine Kluft zwischen Staat und Volk, die in der westlichen Wahrnehmung des Kalten Krieges vorherrschte, beim Islam nicht existiert. Aus dem Feindbild des staatlichen Gegenübers wird also ein Kollektivbild mit krypto-rassistischen Zügen, wobei der Kulturalismus einer einheitlichen Sicht einer Religion und ihrer Angehörigen den älteren biologischen Rassismus ersetzt: ein Vorgang, den Etienne Balibar bereits vor zwei Jahrzehnten als „Rassismus ohne Rassen“ bezeichnet hat. Dennoch ist, wie bereits ausgeführt, diese Art der inhaltlichen Analyse nur ein erster Schritt zum Verständnis des medialen Islambildes, denn solche Untersuchungen sagen nichts über die Häufigkeit und Gewichtung entsprechender Konstruktionen im gesamten Mediendiskurs aus. Mediendiskurse sind komplexer und bilden nicht nur die entsprechenden Strukturen ab. Es ist daher unmöglich, von solchen Fallstudien zu Gesamtaussagen über das Islambild deutscher Medien zu gelangen. Dies ist umso schwieriger, als sich im modernen Mediendiskurs auch immer wieder alternative Frames nachweisen lassen, die zielgenau die Versäumnisse des etablierten Mediendiskurses aufdeckten und sich um eine neue Differenzierung nach dem Motto „Islam ist nicht gleich Islam“ bemühen, etwa als die Zeitschrift Die Woche nur zehn Tage nach den Attentaten des 11. September 2001 in einem Leitartikel Feindbild Islam vor ideologischer Aufrüstung warnte. Setzen solche neueren positiven Tendenzen die negative Psycho-Logik des Gewaltbildes des Islam außer Kraft? Sicherlich nicht, sie sind bestenfalls Ausweis einer aktuellen Rivalität zwischen alten Feindbildern, die ständig erneuert und aktualisiert werden, und neueren Gegendiskursen.

    Dass sich hieraus noch lange kein allgemeiner Pluralismus ableiten lässt und ein Medienbild des Islam entsteht, bei dem man es bewenden lassen könnte, zeigt ein anderer methodischer und theoretischer Zugang zu der Materie, der als Thematisierungs- oder Agenda-Ansatz bezeichnet wird. „Themen“ sind Cluster von Frames, die sich um ein klar, das heißt physisch und zeitlich abgrenzbares Ereignis ranken oder aber allgemeine Problemstrukturen beschreiben (z.B. Menschenrechte), die eine den Diskurs ordnende Funktion haben. Themen bestimmen nicht, was wir sagen (dafür gibt es die Frames), aber sie zeigen an, worüber wir reden, bzw. im vorliegenden Fall: worüber die Medien reden, was auf der Medienagenda steht und was nicht. In der modernen Kommunikationswissenschaft ist das „Agenda-Setting“ das zentrale Paradigma der Medienwirkung geworden, weil es nicht behauptet, dass die Medien das Denken und Verhalten von Menschen vollständig beeinflussen können, wohl aber, dass sie eine steuernde Wirkung auf die soziale und öffentliche Kommunikation ausüben. Von den Themen der Islamagenda der Medien darf man daher annehmen, dass sie beeinflussen, worüber die Menschen beim Thema Islam nachdenken und was sie mit dem Islam assoziieren.

    Analyse der Presse

    Eine Langzeituntersuchung der deutschen überregionalen Presse im Zeitraum der 1940er bis 1990er Jahre (n>12.000) hat ergeben, dass etwa die Hälfte aller Beiträge den Islam im Kontext eines Gewaltereignisses oder eines entsprechenden Themas (z.B. Terrorismus) erörtern. Weitere etwa zehn Prozent thematisieren den Islam im Zusammenhang mit Konflikten, die allerdings ohne physische Gewalt ablaufen können (z.B. Repression durch Tradition). Dieser Negativwert ist der höchste aller anderen erhobenen Themen der Berichterstattung über Nordafrika sowie Nah- und Mittelost. Eine aktuelle Studie über das Islambild bei ARD und ZDF der Jahre 2005 und 2006 zeigt, dass diese Tendenz im Fernsehen nach den Ereignissen des 11. September 2001 noch höher auszufallen scheint. Bei mehr als achtzig Prozent aller Sendungen und Beiträge über den Islam in öffentlich-rechtlichen Magazinsendungen stehen negative Themen wie Terrorismus, internationale Konflikte, religiöse Intoleranz, Fundamentalismus, Frauenunterdrückung, Integrationsprobleme und Menschrechtsverletzungen im Vordergrund.

    Wir dürfen also mit Fug und Recht schlussfolgern, dass im heutigen Mediendiskurs über den Islam zwar gelegentlich aufgeklärte Meinungen in Erscheinung treten, dass aber Menschen, oder genauer gesagt: Medienrezipienten, in überwältigender Weise dazu bewogen werden, den Islam mit Negativthemen in Verbindung zu bringen. Anders ausgedrückt: Die Medien vermeiden die explizite Gleichsetzung von Islam und Gewalt, wahrscheinlich aus Gründen politischer Korrektheit, aber sie legen diese Annahme strukturell sehr nahe. Denn welche andere Schlussfolgerung soll bei der Erörterung von Themen wie „Islam und Terrorismus“ – letztlich einem absoluten Minderheitenphänomen, das aber in deutschen Medien das größte Einzelthema darstellt – herauskommen als die, dass vom Islam eine akute Gefahr ausgeht? Selbst bei gelungener Kommunikation über das Thema mag man das Phänomen des Terrorismus besser verstehen. Aber eine positive Wertigkeit lässt sich dem Thema wohl kaum abgewinnen.

    Zu wenig Positives

    Schon eine große UNESCO-Studie zum Vergleich der Auslandsberichterstattung in verschiedenen Ländern hat nahe gelegt, dass das Hauptproblem der Auslandsberichterstattung nicht die Tatsache ist, dass über Negatives, sondern dass viel zu wenig über Neutrales und Positives berichtet wird. Dem zugespitzten Islambild deutscher Medien fehlt ein relativierender Informationskontext, der den Rezipienten in die Lage versetzt, den Stellenwert eines Phänomens wie den religiösen Extremismus richtig einzuordnen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die noch immer starken Traditionen des gewaltfreien Widerstandes im Islam sind eigentlich nie Thema in den westlichen Medien. Den Hindu Mahatma Gandhi kennt im Westen jeder. Kaum jemand aber kennt Badschah Khan: ein Muslim, der in Pakistan zigtausende Menschen zu friedlichen Protesten mobilisierte, der einer der engsten Weggefährten Gandhis war und für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde. Deutsche Medien widmen sich intensiv der Frage der islamistischen Selbstmordattentate. Selten allerdings wird die tägliche gewaltfreie Widerstandsarbeit auch vieler islamistischer Organisationen in Demonstrationen, Sitz- und Hungerstreiks erwähnt. Die Genese des Islambildes deutscher Medien zeigt ein ganz überwiegendes Desinteresse am Islam als Religion und der Vielfalt seiner gesellschaftlichen Äußerungsformen. Dies gilt übrigens analog für die Wahrnehmung des Judentums, das vielfach auf Holocaust und Zionismus beschränkt wird. Das Medieninteresse konzentriert sich in hohem Maße auf radikale Facetten des Islam; einer Religion, die im Wesentlichen die Funktion zu haben scheint, als radikaler ideologischer Gegenentwurf zur westlichen Gesellschaft zu dienen. Erneut zeigt sich hier, wie Huntingtons Kulturenkampf kommunikativ konstruiert wird.

    Aus dieser Situation scheint es nur zwei logische Auswege zu geben: entweder verschwindet der politische Islam wieder von der Bildfläche, was Autoren wie Gilles Kepel für möglich halten. Den deutschen Medien würde dann die thematische Anreizstruktur fehlen, der Islam wahrscheinlich wieder in der medialen Versenkung verschwinden und der Weg möglicherweise frei für positive Bilder des Orients. Oder aber es gelänge, mit Hilfe der auf die und in den Medien wirkenden Gesellschaftskräfte eine Normalisierung des Islamdiskurses auch unter den Bedingungen der Re-Islamisierung herbeizuführen.
     
    Die erste Entwicklungsvariante nimmt Bezug auf die Tatsache, dass der Islam im heutigen Mediendiskurs eine außergewöhnlich hohe Beachtung erfährt, die, aus historischer Warte betrachtet, keineswegs kulturpermanent ist. Vor der Iranischen Revolution von 1978/79 wurde über den Islam in deutschen und anderen westlichen Medien kaum berichtet, sieht man von wenigen Ausnahmen wie der Pilger- oder Fastenzeit ab. Orientberichterstattung, die es reichlich gab, war keine Islamberichterstattung, sondern sie orientierte sich an einer Vielzahl von Themen- und Ereignisstrukturen. In den fünfziger Jahren etwa herrschte der exotische Orientalismus in den deutschen Medien vor, etwa wenn die Liebesbeziehungen des iranischen Schahs Mohammed Reza Pahlevi oder des Aga Khan Titelgeschichten bei Der Spiegel oder Stern auslösten. Derlei Berichte waren zwar mit Klischees beladen, aber sie waren auch unterhaltend und wurden positiv aufgenommen. Die Unterhaltungsberichterstattung über den Orient verschwand in „Schockwellen“ aus der deutschen Presse, die sich vom Sechs-Tage-Krieg von 1967 über die Iranische Revolution bis zum 11. September 2001 ausbreiteten.
    Bei der Diskussion des medialen Islambildes darf dennoch nicht außer Acht gelassen werden, dass dieses nur einen Teilbereich der deutschen Orientberichterstattung ausmacht, die, im historischen Längsschnitt betrachtet, erheblichen thematischen Schwankungen unterlag. Zwei Bereiche sind zu erkennen, die es erschweren, die Eigenschaften des heutigen negativen Islambildes der Medien als konstantes Phänomen zu bezeichnen:

    • Das Medienbild des Islam weist, wie eben aufgezeigt, zeitgenössische Schwankungen auf, wobei ein Vergleich vor und nach der Iranischen Revolution nahe legt, dass sich ein Feindbild des Islam im vollen Umfang lediglich in Zeiten hoher Politisierung (politischer Islam) herausbildet.
    • Auch innerhalb politisierter Phasen des Islambildes – im vorliegenden Fall also seit 1978/79 bis in die Gegenwart – kann der Mediendiskurs über den Islam kurzfristig Strömungsunterschiede etwa im Rechts-Links-Gefüge der Medien ausprägen. Solche „Strömungsdebatten“ konnten etwa in der Affäre um Salman Rushdie, während der Kontroverse um die deutsche Orientalistin Annemarie Schimmel oder im jüngeren „Karikaturenstreit“ nachgewiesen werden. Sie weisen auf unterschiedliche Sensibilitäten. Die Rücksichtnahme auf religiöse Symbole etwa ist im konservativen Lager oft größer als im links-progressiven Lager. Strömungsdebatten eröffnen kurzfristig auch den „kleinen Traditionen“ der deutschen Orientbetrachtung, etwa der deutschen Orientalistik, die Möglichkeit, sich in den Medien zu äußern, da sie in diesen Zeiten aktiv als Gesprächspartner gesucht werden.

    Ob von solchen kurzfristigen Öffnungen der Medien für differenziertere Islambilder eine breite aufklärende Gesellschaftswirkung ausgeht, ist zu bezweifeln, zumal sich derartige Diskurse vor allem in der Elitenpresse niederschlagen, aber nicht in der Boulevardpresse. Allerdings zeigt die große Nachfrage nach orientalistischen und anderen relevanten Studiengängen und Abschlüssen, die solchen Kontroversen folgt, oder die Vielzahl der nachfolgenden Konferenzen, die im so genannten intermediären Sektor der Öffentlichkeit (Stiftungen, Vereine etc.) abgehalten werden, dass sich eine minoritäre, aber zum Teil bildungselitäre Gegenöffentlichkeit ständig neu bildet und verjüngt.

    Mediengesellschaft – Wissensgesellschaft

    Es macht wenig Sinn, die Debatte über das Islambild deutscher Massenmedien aus dem wesentlich breiteren Kontext des deutschen Islambildes insgesamt herauszulösen. Die strukturellen Ursachen, die zur derzeitigen Islamberichterstattung geführt haben, liegen nämlich nur zum Teil bei den Medien selbst. Aus historischer Perspektive ist sehr leicht nachzuweisen, dass die meisten heute bestehenden medialen Negativbilder des Islam in nuce bereits seit Jahrhunderten im deutschen Kulturraum virulent sind. Ein synchroner Vergleich des Medienbildes mit anderen Segmenten der Gesellschaft – dem Islambild von Politik, Bildungseinrichtungen, Kirchen und anderen intellektuellen Eliten und, was heute nicht außer Acht zu lassen ist, mit dem über das Internet popularisierten Islamdiskurs – würde sehr rasch zeigen, dass die Massenmedien Fernsehen, Rundfunk und Presse lediglich ein Baustein einer kompletten Wissensgesellschaft sind, die mehrheitlich dazu tendiert, den Islam als Negativ- oder Feindbild der Moderne zu konservieren.        

    Man kann aus theoretischer Sicht Einflüsse auf Medieninhalte auf drei verschiedenen Ebenen ansiedeln:

    • Mikroebene: Einflüsse der im Journalismus handelnden Individuen, vor allem der Journalisten selbst, deren individuelle wie auch berufliche Sozialisation sich in der Medienproduktion bemerkbar macht;
    • Mesoebene: Einflüsse der Medienorganisationen, ihrer Ressourcen, Informationsprozesse und sozialen Interaktionen, die sich auch typologisch unterscheiden lassen, etwa im Rahmen des Dualismus von privaten und öffentlich-rechtlichen Medien;
    • Makroebene: Einflüsse der Gesellschaft auf die Medien, wobei zwischen den Interaktionen mit so genannten Systemumwelten (z.B. Bürger- und Elitenmeinungen) und mit Umweltsystemen (z.B. politisches System, Wirtschaftssystem) zu unterscheiden ist.

    Die Kritik am Islambild deutscher Massenmedien hat in den letzten Jahrzehnten vor allem auf der theoretischen Mikroebene angesetzt. Mit Nachdruck sind gerade in den neunziger Jahren die Stereotypen führender deutscher Journalisten kritisiert worden, allen voran Peter Scholl-Latour und Gerhard Konzelmann, die über Jahrzehnte die deutsche Nahostberichterstattung des Fernsehens dominiert haben. Sendereihen wie Das Schwert des Islam von Peter Scholl-Latour während des Golfkrieges von 1991 lassen schon im Titel die Dominanz kulturalistischer und essentialistischer Weltbilder (der Islam als Akteur, die Einheitlichkeit des Islam etc.) erkennen. Weitergehende Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die Annahme, deutsche Journalisten ließen in ihre Islamberichterstattung persönliche Klischees einfließen, auch im Werk anderer Journalisten bestätigte. Einer der Gründe für den hohen Eigenanteil der ideologischen Prägung journalistischer Arbeit dürfte in der Tatsache zu suchen sein, dass aus der professionellen Journalistenausbildung in aller Regel kein Korrektiv erwächst. Die stereotype Grundhaltung der primären und sekundären Sozialisation in Familie, Schule und sozialen Milieus wird durch die professionelle Sozialisation des Journalismus nicht ausgeglichen.

    Während Journalisten zwar allgemeine Maximen der Neutralität, Objektivität und Ausgewogenheit erlernen, fehlt ihnen in aller Regel das Hintergrundwissen, um alternative Standpunkte zum Islam zu entwickeln, die sie zu pluralistischer – kritischer wie auch würdigender – Berichterstattung befähigen würde. Keine der deutschen Journalistenschulen bietet heute regelmäßig Schulungen zum Thema Islam an. Insbesondere die Auslandsberichterstattung ist zunehmend zu einer „Restgröße“ des deutschen Journalismus geworden, was sich auch in der handwerklichen Ausbildung niederschlägt. Inwieweit einschlägige Fachstudien, die Journalisten vielfach vor ihrem Volontariat oder einer anderen Ausbildung absolvieren, entsprechendes Wissen bereitstellen, müsste im Einzelnen noch untersucht werden, da der Anteil der Islamexpertise etwa im Rahmen einer politologischen Ausbildung je nach Hochschulstandort sehr unterschiedlich ausfallen kann. Fachstudien über den Islam sind bei deutschen Journalisten aber sicher randständig.

    Organisation oder Individuum?

    Mikrotheoretische Betrachtungen, die den Journalisten ins Zentrum stellen, liefern keine hinreichenden Erklärungen für den derzeitigen Zustand des Islambildes deutscher Medien. In der Journalismustheorie fragt man sich seit langem, ob das Individuum der Medienorganisation oder die Organisation dem Individuum überlegen ist, wenn es um das Geltendmachen von Einflüssen geht. Der Grund für die Unsicherheit liegt im spezifischen Charakter des heutigen Journalismus begründet, der als Grenzberuf zwischen freier individueller Profession und industrieller Lohnabhängigkeit fungiert. Während der Journalismus einerseits wie andere Professionen nur der eigenen Standesethik Rechenschaft schuldet und die Selbststeuerung durch Berufsverbände und Presseräte hoch entwickelt ist, ist es die Medienorganisation, die ihm den materiellen Rahmen vorgibt, ohne den er nicht publizieren kann. Anders ausgedrückt: Das Medienunternehmen ist zwar auf die kreative, intellektuelle und sprachliche Eigenständigkeit seiner Journalisten angewiesen, kann aber im Falle einer als zu groß befundenen Abweichung von der Betriebsnorm mit materiellen Sanktionen drohen, die vom Journalisten ganz überwiegend antizipiert und durch selbst-zensorisches Verhalten vermieden werden. Auch der aufgeklärteste Journalist kann daher an den Apparaten der Medien scheitern oder in ihnen eine Randexistenz fristen, vor allem wenn die kommerziellen Entscheidungen eines Mediums in eine andere Richtung weisen.

    Nur so ist es auch zu erklären, dass zwar einerseits die Ära der Dominanz einiger weniger Auslandsjournalisten in Deutschland seit Jahrzehnten vorbei ist, weil es immer mehr Medienprodukte gibt und heute ein breiter Strom von Journalisten im Print- und elektronischen Sektor an der Konstruktion des Islambildes beteiligt ist, andererseits aber eine Zunahme an individueller Freiheit nicht zu erkennen ist. Die alten Themen- und Diskursmuster des Islambildes der Medien funktionieren auch unter sich permanent erneuernden Produktionsbedingungen. Nicht einmal die leicht zunehmende Zahl von gelernten Arabisten, Orientalisten sowie von muslimischen Einwanderern hat daran substantiell etwas ändern können. Zum einen sind die genannten Gruppen zahlenmäßig noch immer eine kleine Minderheit. Zum anderen unterliegen auch sie organisatorischen Interessen und Pressionen. Ein Medium wie die Illustrierte Stern, das in den letzten Jahren einige Orientalisten engagiert hat, muss sich in letzter Instanz am Markt verkaufen und behaupten. Gerade unter dem Druck der „Pressekrise“ und der wirtschaftlich begründeten Boulevardisierung schwinden die durch berufliche Qualifikation hinzugewonnenen Freiheiten gleich wieder. Nichts dürfte dem Islambild deutscher Medien mehr schaden und es stärker einer negativen Einseitigkeit aussetzen als die Tatsache, dass der berühmte Nachrichtenwert „Konflikt“ sich auch bei wechselndem Personal kontinuierlich systemisch in den Medien auswirkt.

    Marktlogiken wirken sich auch in einem anderen Bereich aus, etwa bei den immer knapper werdenden Ressourcen für Auslandskorrespondenten und der dadurch gestärkten Stellung von Nachrichtenagenturen als externen Informationsquellen. Es sind diese Agenturen und Knotenpunkte des Mediendiskurses, die maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass das Islambild der großen deutschen Massenmedien so einförmig von wenigen sich ständig wiederholenden Themen und Argumentationsmustern beherrscht wird. Agenturen leisten zwar durch das Zur-Verfügung-Stellen von zentralen Themen und Materialien einen wichtigen Dienst für die Entstehung eines „öffentlichen Gesprächs“, dessen Bildung und Genese durch zu große thematische Heterogenität und eine zu radikale Definition journalistischer Eigeninteressen gefährdet würde. Es besteht allerdings zugleich die Gefahr, dass unter dem Zeit- und Finanzdruck der Medien Sekundärquellen der Agenturen weder ordentlich überprüft noch vielfältig und intensiv interpretiert werden. Die entstehenden Abschreiberituale des Journalismus, in der älteren Kommunikationswissenschaft häufig noch euphemistisch als „sekundäres Gatekeeping“ tituliert, sind nicht nur im Bereich des Islambildes zu beklagen und fördern die inhaltliche Stagnation der Profession, die heute ganz offen von kritischen Journalisten beklagt wird.

    Es kommt ein weiterer Aspekt hinzu, der häufig übersehen wird. Journalisten orientieren sich nicht nur an externen Informationsquellen, sondern auch in hohem Maße an sich selbst. Innerhalb des Journalismus sind journalistische Meinungsführerschaften ausgeprägt, was gemäß der regelmäßig durchgeführten empirischen Untersuchungen darauf hinausläuft, dass Medien wie Der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und seit einigen Jahren auch BILD Themen und Meinungsbilder vorgeben, die im Rest der etablierten Massenmedien aufgegriffen und dupliziert werden. Zwar schließt die Orientierung an innerjournalistischen Meinungsführern Eigenpositionierungen nicht aus, die etwa aus der weltanschaulichen Differenzierung der Medien und einem entsprechenden Profilierungsbedarf im Rechts-Links-Spektrum der Gesellschaft resultieren können, aber thematische Impulse dürften sich stark durchsetzen: Themen, die Der Spiegel groß aufgreift, am besten als Titelgeschichte, lösen vielfach öffentliche Debatten aus; Themen, die ignoriert werden, sterben schnell ab. In jüngeren Jahren bediente etwa der Spiegel-Titel Mekka Deutschland – Die stille Islamisierung das Bild einer islamischen Unterwanderung Deutschlands. Das Beispiel ist umso bedeutsamer, als mehrere Studien nachgewiesen haben, dass gerade Der Spiegel den Islam mit Vorliebe in Verbindung mit den klassischen Negativthemen der Gewalt, des Terrors, der Unterdrückung und der religiösen Prägung islamischer Gesellschaften bringt.

    Der Einfluss der Hierarchien

    Neben den Einflüssen durch Agenturen und Meinungsführerschaften machen sich im Inneren der Medienorganisationen vielfach hierarchische Machtkonstellationen bemerkbar, die oft eine aus der Perspektive der Qualitätssicherung sehr fragliche Wirkung entfalten. Empirisch ist nachgewiesen worden, dass etwa im Bereich der großen überregionalen Zeitungen und politischen Zeitschriften die reguläre Tagesberichterstattung über den Islam in den Händen des jeweiligen Ressorts liegt (was allerdings nicht bedeutet, dass hier zwangsläufig Islamexperten tätig sind, aber zumindest ist die Ressortkompetenz sichergestellt). Gerade auf den Höhepunkten von Krisen und großen Debatten jedoch, die sich um den Islam ranken – z.B. in der Rushdie-Affäre, im Karikaturenstreit und ohnehin nach dem 11. September – schalten sich die Chefredakteure und Leitartikler als Hüter eines dezidiert Islam-kritischen und oft sehr verallgemeinernden Status quo der gesellschaftlichen Wahrnehmung ein. Ob der Chefredakteur der Zeit, Theo Sommer, während der Rushdie-Affäre 1989 vor dem „Ableger fremder Kulturen“ in unserer Mitte warnte oder der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, fast zwanzig Jahre später junge Muslime zur Hauptgefahr der Jugendkriminalität erklärt: Stets ist es dasselbe Muster, nach dem sich strukturkonservative Kräfte ihre publizistische Hegemonie in den entscheidenden Momenten sichern. Auf dem Titel und im Leitartikel die pauschale Islamkritik, auf „Seite 3“ dann, wenn man Glück hat, ein differenzierender Artikel und an einem sehr außergewöhnlichen Tag im Feuilleton auch noch ein Beitrag eines wissenschaftlichen Experten: hier sind die zumindest auf den Höhepunkten von Debatten gelegentlich erkennbaren Stärken, aber auch die sich selbst reproduzierenden Schwächen eines journalistischen Laientums in einer Kurzformel zusammengefasst.

    Der hier entstehende hegemoniale Diskurs wird durch ein Netzwerk informeller Beziehungen gestützt, die zwischen manchen Massenmedien und Intellektuellen besteht, die als Autoren auf Buch-, Presse und Rundfunkmärkten reüssieren, die in den Chefetagen der großen Medienhäuser hohes Ansehen als Prominente genießen und denen daher breiter Raum zur Darstellung ihrer sehr häufig nachdrücklich islamkritischen Positionen gegeben wird. Medien sind zur Legitimation und Fundierung ihrer Berichterstattung auf außermediale Eliten angewiesen, die sich nicht durch Bindungen zu spezifischen anderen Gesellschaftssystemen (wie etwa Parteien, Kirchen) auszeichnen und daher den Nimbus der geistigen Unabhängigkeit genießen. Sie fungieren quasi als die grauen Eminenzen des öffentlichen Diskurses. Problematisch an diesen Beziehungen ist allerdings bisweilen, dass die meisten bekannten Intellektuellen nicht dem etablierten Wissenschaftssystem entstammen, sondern mehr oder weniger Privatgelehrte ohne Qualitätssicherung durch eine akademische Gemeinschaft sind. Dies muss die Qualität ihrer vielfach originellen Analysen nicht zwangsläufig beeinträchtigen – eine Garantie, dass ihre Essays und Einwürfe auf der Höhe des wissenschaftlichen Forschungsstandes sind, gibt es allerdings nicht.

    Im Bereich des deutschen Islambildes tun sich in den letzten Jahren gerade ehemals eher linke Intellektuelle als vielfach fundamental islamkritisch hervor, etwa Alice Schwarzer, Ralph Giordano, Henryk M. Broder, Hans Magnus Enzensberger oder Günther Wallraff. Als besonderes Problem erweist sich, dass diese Leitfiguren progressiver Gesellschaftskritik beim Thema Islam den Schulterschluss mit der konservativen Sichtweise einer primär christlichen (oder christlich-jüdischen) Prägung der westlichen Politik und Gesellschaft üben. Diese Sichtweise wird seit Jahrzehnten etwa von der Spitze der deutschen Evangelischen Kirche vertreten sowie von führenden Politikern von Helmut Kohl bis Helmut Schmidt (etwa in der Frage der Türkeimitgliedschaft der EU). Henryk Broder warnt im Spiegel wie auch in seinen Büchern plakativ vor einer „Kapitulation“ vor dem Islam. Ralph Giordano wendet sich gegen den Bau von Moscheen, weil er die Integration des Islam für gescheitert hält. Alice Schwarzer spricht von einer islamischen „Unterwanderung“ des deutschen Rechtssystems. Die Gründe, die gerade diese früheren Vordenker einer modernen deutschen Toleranz- und Emanzipationskultur dazu veranlasst haben, ehemals rechtskonservative Positionen zu vertreten, sind sicher vielfältig, liegen aber wohl unter anderem in der Tatsache begründet, dass sie die einmal errungenen Tugenden (z.B. Emanzipation, Aussöhnung mit den Juden) nicht mehr durch häufig noch sehr viel konservativere Einwanderer gefährdet sehen möchten: eine Einstellung, die nicht berücksichtigt, dass sich demokratische Öffentlichkeit ständig erneuert und gerade dadurch eine gesellschaftsintegrative Wirkung entfalten kann. Die einseitige Meinungsführerschaft einer hegemonialen Bildungselite hat einen großen, wenn nicht gar bestimmenden Einfluss auf das Islambild der Medien, was natürlich auch bedeutet, dass es besonders wichtig wäre, gerade mit diesen Kreisen einen intensiven Dialog über den Islam zu beginnen, der über die großen und aufgeregten Debatten hinausweist. Zwar gibt es ohne Frage eine Vielzahl von publizistischen Stimmen, die auf ein ausgewogenes Islambild drängen – man denke stellvertretend an den deutsch-iranischen Intellektuellen Navid Kermani. Diese Persönlichkeiten verfügen jedoch bei weitem nicht über den Bekanntheitsgrad, die Präsenz und den meinungsführenden Einfluss wie die oben genannten Intellektuellen.

    Einfluss der Politik

    Wenn mit dem Nachdenken über die Rolle von Meinungseliten bereits die Ebene der makrotheoretischen Betrachtung erklommen ist, so wäre weiterhin zu fragen, welchen Einfluss etwa das politische System auf das Medienbild des Islam ausübt. Das politische System ist im systemtheoretischen Sinn ja ein Umweltsystem der Medien. Die Zusammenhänge sind auch hier sehr vielfältig, zumal viele markante Äußerungen von Politikern über den Islam auch ihren Weg in die Medien finden: Man denke nur an die häufigen Ausführungen des Innenministers Wolfgang Schäuble etwa über die terroristische Gefahr, die von islamischen Konvertiten ausgehe. Belege für solche Stereotype und Feindbilder im politischen Raum ließen sich beliebig vermehren, belegt etwa durch die Äußerungen des damaligen Bayrischen Innenministers Günther Beckstein über die „anatolische Bauform“ einer geplanten Moschee, die nicht zum „Empfinden eines halbwegs normalen Menschen“ passe. Allerdings besteht in der veröffentlichten politischen Meinung zum Islam in Deutschland keineswegs ein islamophober Konsens. Nicht nur die auf Ausgleich mit dem Islam zielenden Positionen der Bundespräsidenten Herzog und Rau, sondern auch zahlreiche andere politische Stellungnahmen zum Islam aus unterschiedlichen politischen Lagern lassen und ließen neben oft generalisierender Kritik auch Respekt und Dialogbereitschaft erkennen. Innenminister Schäuble ist auch hier ein Beleg, etwa in seinem Versuch, mit der Deutschen Islamkonferenz die gesellschaftliche Anerkennung voranzutreiben.

    Schäuble verkörpert paradigmatisch eine Kultur des politischen Establishments, in der ein undifferenziertes Islambild zwar missbraucht wird, zugleich aber verbesserte Beziehungen zu Muslimen und die Anerkennung des Islam in Deutschland gesucht werden. Dieser pragmatische Stil der politischen Eliten weist auf die Tatsache hin, dass das politische System in der Außenpolitik über gute Beziehungen zu zahlreichen islamisch geprägten Staaten verfügt und in der Innenpolitik Kontakt zur muslimischen Gemeinschaft zumindest in seinen organisierten Teilen zunehmend herstellt. Jochen Hippler hat unter Hinweis auf die amerikanische Politik eine ähnliche funktionale Duplizität herausgearbeitet. Das „Feindbild Islam“, so Hippler, sei kein durchgehendes Ideologem der amerikanischen Politik, sondern es werde situativ nur dann konstruiert, wenn es gelte, die eigene Bevölkerung im Konflikt mit einem islamisch geprägten Staat zu mobilisieren. Was in dieser Analyse erkennbar wird, ist die Koexistenz eines latent vorhanden Feindbildes in Medien und Öffentlichkeit mit einem rational aufgeklärten politischen Apparat.

    Diese Grundanalyse wird durch die Vielfalt der Islamäußerungen auch im deutschen politischen System gestützt, muss allerdings in mancher Hinsicht differenziert und ergänzt werden. Erstens gibt es auch Beispiele dafür, dass die Medien die Aktivitätsrichtung des politischen Handelns umdrehen können: etwa während des so genannten „kritischen Dialogs“ der Bundesregierung mit Iran in den 1990er Jahren, als erst eine negative Stimmungslage in der Öffentlichkeit die Bundesregierung zu einem Abrücken von diesem Prozess veranlasste – ein eher seltener Mechanismus, der die prinzipielle Möglichkeit starker politischer Medieneffekte in ganz spezifischen Situationen (geringe politische Involvierung, Distanz von akuten Sicherheitskrisen etc.) erkennen lässt. Zweitens liegen bis heute keine Untersuchungen darüber vor, inwieweit Islamophobie auch bei einzelnen Politikern politische Entscheidungen beeinflussen kann. Die Vorstellung vom politischen System und den in ihm agierenden Personen als rationalen Akteuren ist theoretisch umstritten, da Werte, Perzeptionen und Sozialisation ein Bestandteil politischen Entscheidungshandelns sind. Drittens entsteht die politische Versuchung einer Funktionalisierung eines Negativbildes des Islam nicht vollständig willkürlich und utilitaristisch, wie Hippler suggeriert, da bestimmte politische und ideologische Konstellationen der Instrumentalisierung des Feindbildes Islam Vorschub leisten können: etwa die Existenz eines islamischen Fundamentalismus oder die Konjunktur von Kulturkampfideologien (à la Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“). Ohne Fundamentalismus und westliches Kulturkampfdenken wäre das Islambild deutscher Medien wohl kaum so zugespitzt, wie es derzeit ist. 

    Gerade den letzten Aspekt könnte man als „Zeitgeist“-Faktor beschreiben, an dessen Ausprägung die Medien maßgeblich beteiligt sind. Als abschließender Aspekt der Entstehungsbedingungen des Islambildes deutscher Medien muss die Wechselwirkung von Medien und Gesellschaft näher beleuchtet werden. Zu fragen ist, ob die heutigen Medien in einem zivilgesellschaftlichen Umfeld operieren, das man als halbwegs aufgeklärt mit Blick auf den Islam betrachten kann. Eine kritische und differenzierte Systemumwelt würde es den Massenmedien von Presse, Radio und Fernsehen erschweren, vereinfachte Sichtweisen zu kolportieren und darüber hinaus Stimuli für eine pluralistische Debatte in das Mediensystem übersenden. Wie, so könnten andererseits Journalisten fragen, soll sich ein ausgewogener Journalismus entwickeln, solange kulturalistische Streitschriften wie Oriana Fallaci „Wut und Stolz“ oder Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ an jedem Bahnhofskiosk reißenden Absatz finden?

    Ausgeprägte Ängste

    Die Lage der Zivilgesellschaft ist zu komplex, um hier zufrieden stellend beantwortet zu werden. Vorhandene Demoskopie weist uns allerdings darauf hin, dass Aversionen und Ängste gegenüber dem Islam bei etwa zwei Dritteln der deutschen Bevölkerung sehr ausgeprägt sind. Schulbuchuntersuchungen der achtziger Jahre ergaben eklatante Mängel bei der Vermittlung relevanten Wissens in deutschen Schulen – eine Situation, die sich in einigen Fächern und Lehrplänen mancher Bundesländer verbessert hat, die aber einer grundsätzlichen Evaluation bedarf. Die Schule ist der Ort, an dem der heranwachsende kritische Medienkonsument entsteht – oder eben auch nicht. Hier müssen die intellektuellen Grundlagen eines kritischen, aber pluralistischen Islamverständnisses gelegt werden. Die deutsche Bildungsgesellschaft, dies gilt auch zum Teil für die Wissenschaft, steht hier noch eher am Anfang der Entwicklung solider Wissenskulturen, die sich auch gegen im Kulturerbe tief verwurzelte Islambilder durchsetzen müssen; man denke nur an Martin Luthers Islamapologetik oder Max Webers umstrittene Islamrezeption.

    Ob die neue Ära der vermeintlichen Globalisierung hier Abhilfe schaffen wird, ist fraglich. Menschen reisen zunehmend, aber ob der Tourismus generell zu einem Abbau von Stereotypen beiträgt, ist sehr umstritten, da entscheidend ist, welche Art von Kontakt mit der „fremden“ Kultur hergestellt wird. Geht es um Natur und antike Kultur oder um Land und Leute, und wenn ja, um welche Leute und wie wird der Kontakt kommunikativ gestaltet? Andere Interaktionsmöglichkeiten stimmen hoffnungsvoller, etwa die Ausweitung einer Internet-Öffentlichkeit, die differenzierte Gegenöffentlichkeiten entstehen lassen könnte. Schon heute haben es Informationen, die von den klassischen Medien nicht aufgegriffen werden, leichter, sich über das Internet zu verbreiten, das allerdings zugleich ein Einfallstor für extreme Islamophobie ist.
    Kai Hafez
    ist Politikwissenschaftler und Professor für Vergleichende Medienforschung an der Universität Erfurt. Seine letzte Buchveröffentlichung ist: Heiliger Krieg und Demokratie. Radikalität und politischer Wandel im islamisch-westlichen Vergleich, Transcript Verlag, Bielefeld 2009.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2010

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