Foto: Kai Wiedenhöfer

    Medien

    Das Gedicht des Tages direkt aufs Smartphone?
    Moderne arabische Literatur im World Wide Web

    Kastanienblatt mit Kalligrafie, Osmanisches Reich, 19. Jahrhundert. © VG Bildkunst 201 Eine der Top-Adressen für moderne arabische Lyrik im Internet ist derzeit Jehat (www.jehat.com). Das von einer bahrainischen Stiftung finanzierte, multimedial angelegte Portal informiert unter Leitung des Dichters Qassim Haddad in sieben Sprachen (darunter auch Deutsch, Französisch und Persisch) über aktuelle Tendenzen der arabischen Lyrik und bietet ausgewählte Gedichte in Übersetzungen, teilweise sogar zum Download direkt aufs Smartphone.

    Gleich danach rangiert Kikah (www.kikah.com). Das zweisprachige arabisch-englische Literaturportal wurde 2003 von dem in Großbritannien lebenden irakischstämmigen Schriftsteller Samuel Shimon ins Leben gerufen, der auch die englischsprachige Zeitschrift Banipal über arabische Literatur mitherausgibt. Anders als Jehat will Kikah nicht nur über arabische Gegenwartsliteratur informieren, sondern auch den Austausch zwischen den Weltliteraturen fördern, unter anderem durch Übersetzungen ins Arabische.

    Neben Jehat und Kikah gibt es zahlreiche weitere ambitionierte Quellen zur arabischen Gegenwartsliteratur im Netz, meist in arabischer Sprache wie die jemenitische Zeitschrift Anaween (www.anaween.net) oder die Zeitschrift des libanesischen Literatur-Verlages Dar Al Adab. Teilweise präsentieren sich die Internetauftritte auch auf Englisch oder sogar durchgängig multilingual.

    Die Motive, sich im Netz zu präsentieren, sind vielfältig. Kommerzielle, aber auch politische Interessen können eine Rolle spielen. So hat die palästinensische Autonomiebehörde auf ihrer Internetseite ein eigenes Kapitel mit Widerstandspoesie eingestellt (http://www.pal-poetry.gov.ps).

    Angesichts der Fülle der Angebote im Netz ist die Orientierung selbst für arabophone UserInnen oft nicht ganz einfach, und Hilfestellung ist noch rar. Angesehene internationale Zeitschriften zur arabischen Gegenwartsliteratur wie die englischsprachige Banipal (GB) oder die deutschsprachige LISAN (D/CH) realisieren zwar ansprechende eigene Internetpräsenzen. Aber auch sie bieten keine ausführlichen, regelmäßig aktualisierten Linklisten, die interessierten Usern einen ersten Einstieg in die arabischen Gegenwartsliteraturen via Internet ermöglichen würden.

    Umso mehr freut es, dass Literaturexperten der Universität Marburg die Lücke offenbar erkannt haben. Auf der Internetseite der Arabistik-Abteilung finden Interessierte unter dem Menüpunkt „Materialien“ eine Liste teilweise kommentierter arabischer Literatur-Links, die fast durchweg einen Klick wert sind (http://www.uni-marburg.de/cnms/arabistik/materialien/literatur).

    Technische Möglichkeiten noch wenig genutzt

    Bei der Suche nach arabischer Literatur im Internet trifft man gelegentlich auf literarische Blogs oder auf Blogs über Literatur. Prominente Beispiele sind das (nahezu hundertprozentig arabischsprachige) Onlinetagebuch des vielfach übersetzten ägyptischen Romanciers Alaa Al-Aswany (http://alaaalaswany.maktoobblog.com/) und der Blog der mehrsprachigen libanesischen Nachwuchsautorengruppe Beirut 39 (http://beirut39.blogspot.com/).

    Insgesamt nutzen bislang aber nur wenige Webauftritte zur arabischen Literatur die vielfältigen technischen Möglichkeiten, wie zum Beispiel interaktive Elemente, multimediale Präsentationsformen oder multiple Kommunikationskanäle vom Typ RSSfeed, podcast und twitter. Bei den meisten Webauftritten über arabische Literatur handelt es sich um lexikonähnliche Datenbanken oder um elektronische Versionen von Kulturzeitschriften, die eigentlich als Printprodukte konzipiert wurden und die teilweise noch parallel in Papierform erscheinen, wie z.B. die palästinensische Literaturzeitschrift Al Karmel (www.alkarmel.org) oder Banipal und Kalima. Ausnahmen sind der technisch relativ anspruchsvolle Auftritt der aus Oman stammenden, ausschließlich arabischen Kultur- und Literaturzeitschrift Nizwa (www.nizwa.com) und das unabhängige jordanische Multimediaportal Aramram (www.aramram.com), auf dem allerdings mehr Videos und Musik als Literatur zu finden sind.

    Internetpräsenz auf Arabisch und Englisch

    Wer sich im Netz über Tendenzen der arabischen Gegenwartsliteratur informieren möchte, muss zwar manchmal lange suchen, aber nicht unbedingt Arabisch können. Eine sehr lebendige, im Wachsen begriffene Quelle mit vielen Informationen über AutorInnen aus der arabischen Welt ist der englischsprachige Weltatlas des PEN-Clubs (http://penatlas.blogspot.com/).

    Das im November 2009 gestartete Online-Tagebuch Arabic Literature (in English) (http://arablit.wordpress.com/) von Marcia Lynx Qualey aus Kairo bietet mit seinen zahlreichen aktuellen Beiträgen, Querverweisen und Links auch Nichtarabophonen eine Möglichkeit, auf lockere Art erste Einblicke in das zeitgenössische arabische Literaturschaffen zu gewinnen.

    Die im US-amerikanischen Los Angeles herausgegebene digitale Version der Kunst- und Kulturzeitschrift Al-Jadid (nur auf Englisch) widmet sich zwar nicht ausschließlich der Kultur, doch die Berichte über neue Prosa und Lyrik aus der arabischen Welt nehmen breiten Raum ein (http://www.aljadid.com/).

    Zweisprachig auf Englisch und Arabisch, und parallel in digitaler und gedruckter Form, erscheint seit 2008 die Netzzeitschrift Kalima (Alkalimah). Herausgeber des akademisch orientierten Mediums für Autoren, Literaturwissenschaftler und Kritiker ist der Literaturprofessor Sabry Hafez, der an der School of African and Oriental Studies (SOAS) in London lehrt.

    Eine eher kommerzielle, ebenfalls zweisprachig englisch-arabisch angelegte interessante Informationsquelle ist Arab World Books (http://www.arabworldbooks.com). Hierbei handelt es sich um die Seite eines Buchclubs, der arabische Literatur im Original und in Übersetzungen anbietet und online vertreibt. Für die Auswahl der Bücher und die Inhalte der informativen Seite ist eine internationale Jury verantwortlich, der neben arabischen Autoren wie Gamal El-Ghitani auch nichtarabische Literaturwissenschaftler und Kritiker angehören: aktuell unter anderem die in Großbritannien lehrende Arabistikprofessorin Marilyn Booth.

    In englischer Sprache verfasst und somit auch für Nichtarabophone als Einstieg gut geeignet sind die Literaturseiten des Internetportals www.al-bab.com von Brian Whitaker. Auf der Seite über Belletristik (http://www.al-bab.com/arab/literature/lit.htm) hat der Arabist und Guardian-Korrespondent neben locker lesbaren Einführungstexten auch Listen mit weiterführenden Links zu einschlägigen Webseiten platziert, die allerdings teilweise der Aktualisierung bedürfen.

    Ausschließlich auf Arabisch und eher als Datenbank fungiert die Seite des  Arabischen SchriftstellerInnenverbandes AWU (Sitz in Damaskus, http://www.awu-dam.net), der ein Sprachrohr aller arabischer Literaturschaffender sein will, von dem sich allerdings aus politischen Gründen viele arabische AutorInnen nicht vertreten fühlen. Die klar gegliederte Seite enthält Details über die Mitglieder und über die Aktivitäten des Verbandes. Auch der Arabische Verband der InternetautorInnen informiert ausschließlich auf Arabisch.

    Arabische Literatur im Netz? Viele Chancen…

    Neben den enzyklopädisch angelegten Portalen und Vernetzungsinitiativen und jenseits kommerzieller oder politisch motivierter Projekte sind immer mehr einzelne arabische Autorinnen und Autoren mit persönlichen Homepages im Internet präsent, darunter manch bekannte Persönlichkeit wie z.B. die Libanesin Emily Nasrallah (http://www.emilynasrallah.com/), der verstorbene palästinensische Dichter Mahmoud Darwish (http://www.mahmouddarwish.com/) oder die marokkanische Essayistin und Romanautorin Fatema Mernissi (www.mernissi.net).

    Tendenziell nutzen eher junge und wenig bekannte Vertreterinnen der Zunft bewusst das WWW, um sich bekannt zu machen und ihre Arbeiten zu vermarkten, oder um neue Formen der Vernetzung und der Zusammenarbeit auszuprobieren. Eine algerische Dichterin berichtet, wie sie gemeinsam mit einem Kollegen aus Marokko einen Lyrikband verfasste – ausschließlich per Messenger und Email: „Die Zusammenarbeit war sehr effizient, denn es gab keine langen, teuren Postwege und wir mussten auch nicht reisen“, erzählt die junge Autorin begeistert. Allerdings sieht sie auch Nachteile: „Ich würde meinen Partner schon gern einmal persönlich kennenlernen“.

    Das Internet hat vor allem die Produktionsbedingungen und die Rezeption verändert. Junge Autorinnen und Autoren sind nicht mehr auf das Wohlwollen von Lektoren angewiesen, um einen Zugang zum Markt zu finden. Romane und Lyrik müssen nicht mehr notwendig für teures Geld auf Papier gedruckt werden, um die Leserschaft zu erreichen, sondern können per Mausklick global verfügbar gemacht werden. Das Publikum ist nicht mehr gezwungen, sich mit der oftmals begrenzten, unübersichtlichen Auswahl der heimischen Buchläden zufrieden zu geben, sondern kann sich online informieren, wo gerade welche Titel erschienen sind und wie man an die Bücher herankommt.

    Risiken

    Das Internet als Vehikel für schöne Literatur hat also viele Vorteile, aber auch einige Nachteile, die zum großen Teil kein Spezifikum der arabischen Welt sind. Wer selbstverfasste Inhalte einem globalen Publikum zur Verfügung stellt, muss darauf gefasst sein, dass diese kopiert oder gar in einer Weise verändert werden, die der ursprünglichen Intention zuwiderläuft. Weitere Probleme sind die mangelnde finanzielle Ausstattung, die personelle Fluktuation und die daraus resultierende mangelnde Kontinuität vieler Veröffentlichungen. Sponsoren oder Redaktionen kommen und gehen, die Netzpräsenzen bleiben als halbfertige Ruinen zurück. Ein weiteres Problem betrifft die Rezeption, sowohl im arabischen Kontext selbst als auch darüber hinaus. Wenn das Internet als Plattform für neue AutorInnen immer mehr an Bedeutung gewinnt, was ist dann mit den Autorinnen und Autoren, die nicht im Netz präsent sind? Werden sie noch wahrgenommen?

    Offene Fragen

    Das Internet hat bislang vor allem die Produktions- und Rezeptionsbedingungen arabischer Literatur verändert. Die Frage ist nun, inwieweit das neue Medium auf die Dauer auch die Inhalte der arabischen Literatur prägen wird. Wird die schiere Masse neuer Autoren zu einer Verflachung der Inhalte führen? Und wie wird sich die Rolle und die Funktion von Lektoren entwickeln, wenn AutorInnen ihre Werke direkt posten können, ohne sich mit einem Verlag, mit dessen Qualitätskriterien und seinen Marktstrategien auseinandersetzen zu müssen? Eine tiefergreifende Analyse und Bewertung der Auswirkungen des Internets auf die arabischen Literaturen der Gegenwart ist wünschenswert – ebenso wie die Schaffung eines mehrsprachigen Internetportals, das einen regelmäßig aktualisierten, möglichst vollständigen Überblick über die Präsenz der arabischen Literaturen erlaubt.
    Martina Sabra
    ist Journalistin mit dem Schwerpunkt arabische Welt und lebt in Köln.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2010

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