Foto: Kai Wiedenhöfer

    Migration

    Globale Migration – Migration in Europa

    Ben Plefka: aus der Serie 'Räume der Begegnung' 2002/2003. Copyright: edition Körber-Stiftung, Hamburg 2003
    Ben Plefka: aus der Serie 'Räume der Begegnung' 2002/2003. Copyright: edition Körber-Stiftung, Hamburg 2003
    Europa ist ökonomisch und politisch mit der ganzen Welt verbunden und, geografisch betrachtet, der westliche Ausläufer des Eurasischen Kontinents, und die Menschen sind eine migrierende Spezies. Damit sind bereits die wesentlichen Voraussetzungen für die Integration Europas in das weltweite Migrationsgeschehen genannt.

    Europäer sind in nahezu jedem Winkel der Erde zu finden, sei es als Touristen, Geschäftsleute oder Auswanderer und deren Nachfolger, und ebenso sind Menschen aus nahezu jedem Winkel der Erde in Europa zu finden. Die Welt ist zusammengewachsen, Entfernungen sind relativ geworden, die Welt ist in Bewegung, politisch, geografisch und physisch. Es sind neue Migrationssysteme und neue Migrationskanäle entstanden sowie neue Muster und Typen zu beobachten. Die Wanderung von Menschen korrespondiert mit dem Fluss von Informationen, Geld und Waren. Diese Bewegungen verlaufen allerdings nicht in Einbahnstraßen, sondern prinzipiell in beide Richtungen. Migration ist sowohl Voraussetzung als auch Konsequenz der Globalisierung. Doch nur die wenigsten Menschen migrieren über große Distanzen, etwa von einem Kontinent auf einen anderen, oder über längere Zeiträume, also beispielsweise für ein ganzes Leben. Dies ist - genauso wie die großen Europäischen Emigrationen von über 60 Millionen Menschen nach Amerika und Australien - eher die Ausnahme. Die meisten Menschen wandern innerhalb ihres Staates, etwa von einer Stadt in die andere. Die, die über internationale Grenzen hinweg wandern, gehen überwiegend nur in den Nachbarstaat oder eine benachbarte Region.

    Deshalb sind die Wanderungen nach Europa vor allem interregionale Wanderungen, also von Ost- nach Westeuropa, innerhalb Skandinaviens oder rund um den Mittelmeerraum. Zudem wandern die meisten Menschen nur über kurze Zeiträume. Urlaub ist die am häufigsten anzutreffende Form, gefolgt von Geschäftsreisen, auch das Studium im Ausland oder ein Aufenthalt als Au-pair-Mädchen sind beliebte Varianten. Ob in den USA oder in Europa, temporäre Migration ist am häufigsten anzutreffen. Die meisten Menschen, die zum Arbeiten in ein anderes Land gehen, tun dies heutzutage nur für eine kurze Zeit, eher Monate als Jahre, sie kommen eventuell öfter, bleiben aber kürzer. Das Bonmot von Simmel, „Menschen kommen heute und bleiben morgen", passt nicht mehr; „Menschen kommen heute und gehen morgen wieder" muss es inzwischen heißen. Migration kann Überlebensstrategie sein: Flucht vor Verfolgung, der Ausstieg aus der Armutsfalle sind plausible Verhaltensweisen. Migration ist aber auch eine ökonomische Strategie: die Suche nach dem Ort, wo für die eigene Arbeitskraft die optimale Vergütung zu erzielen ist. Migration kann eine Form des Protestes sein, die besagt, „ich protestiere gegen die Bedingungen, die an meinem Geburtsort vorherrschen, ich mache nicht mehr mit, ich gehe weg." Migration ist Konsequenz der ungleichen Verteilung des weltweit zur Verfügung stehenden Wohlstandes. Migration ist Ausdruck lebenslangen Lernens, man sammelt Erfahrungen im Ausland.

    Migration ist aber auch die Migration von Wissen; immer häufiger sind es deshalb Fachkräfte, die migrieren, und zwar in jede nur denkbare Richtung. Es kann aber geschehen, dass die gesetzlichen Regelungen und die Aspirationen der Menschen in Konflikt geraten, in dem Fall agieren Migranten nicht selten außerhalb der Gesetze. Migration ist Ausdruck sozialen Wandels, Migration trägt zum Wandel der involvierten Staaten und Regionen bei, und Migration selbst wandelt sich. Durch Migration werden die Bevölkerungen Europas beständig mit Menschen aus anderen Regionen angereichert und verändern ihre Zusammensetzung. Aus dem Auswandererkontinent Europa wurde ein Einwandererkontinent. Die Entsendestaaten von „Gastarbeitern", Spanien, Italien und Portugal, aber auch Österreich sind heute selbst Ziel der neuen „Gastarbeiter", beispielsweise aus Südosteuropa, Afrika, Südamerika und Asien. Staaten wie Polen, Ungarn oder die Türkei sind inzwischen gleichermaßen Auswanderungs- und Einwanderungsstaaten. In Polen dürften inzwischen ebenso viele, wenn nicht mehr, Ukrainer arbeiten als wiederum Polen in Deutschland. Migration verändert beständig ihre Richtung, ja kehrt sich sogar um, wie die Geschichte Europas zeigt. Zu den augenfälligsten Paradoxa gehört, dass Migrationen mit großer Sorge betrachtet werden, während sie doch gleichzeitig maßgeblich zum Aufstieg Europas zu einem der wohlhabendsten Erdteile beigetragen haben. (...)

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    Erschienen im Katalog der Ausstellung Projekt Migration, DuMont Literatur und Kunstverlag, Köln 2005.

    Frank Düvell
    ist Sozialwissenschaftler und beschäftigt sich mit dem Thema Migration. Gegenwärtig lehrt er an der Universität Bremen.

    Juni 2006

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