Foto: Kai Wiedenhöfer

    Migration

    Religion und Migration

    Moschee in Gelsenkirchen/Mosque in Gelsenkrichen, Germany. Copyright: Liebthal
    Moschee in Gelsenkirchen/Mosque in Gelsenkrichen, Germany. Copyright: Liebthal
    Das Verhältnis von Religion und Migration lässt sich nach zwei Seiten ausleuchten. Welche Bedeutung hat Religion im Kontext der Migration? Und: Welche Bedeutung besitzt Migration für Religion? Gewöhnlich steht die erste der beiden Fragen im Vordergrund: Es wird dann gefragt, welche Bedeutung Religion für die Selbstorganisierung und Mobilisierung von Migranten spielt - und die zweite Frage wird nur gestreift. In diesem Text wird ein anderer Schwerpunkt gesetzt: Es soll also gefragt werden, wie die Erfahrung der Migration der religiösen Suche eine bestimmte Ausrichtung verleiht - welche Fragen sie aufwirft und welche Antworten sie nahe legt.

    Wer sein Heimatdorf verlässt, um irgendwo im Ausland Arbeit zu suchen, hat viele Übergänge und Brüche zu bewältigen: Den Wechsel von einer bäuerlichen Existenz zu einem Leben als Industriearbeiter, den Übergang von einer dörflichen Lebenswelt mit einem hohen Maß sozialer Einbindung zu einer urbanen Situation mit großen Freiheiten und anderen Unsicherheiten, den Bruch zwischen der nationalen Kultur des Herkunftslandes und der Kultur des Einwandererlandes, das Verlassen einer weitgehend religiös geprägten Lebenswelt und das Fußfassen in einem weitgehend säkularisierten Universum. Diese Brüche prägen die Dynamik der individuellen Biografien und der Familiengeschichten von Migranten. Sie spiegeln sich in den Spannungen zwischen den Generationen. Einer im Herkunftsland und der Heimatregion verbundenen Elterngeneration steht eine im Einwanderungsland aufgewachsene zweite Generation gegenüber. Die erheblichen individuellen und kollektiven Bewältigungsleistungen, die all dies den Migranten abverlangt, werden dadurch erschwert, als die unmittelbare Umgebung in der Regel denkbar schwierig ist. Die Wohnungen, die von Einwanderern bezogen werden, finden sich in der Regel in den billigsten Gegenden der Städte, in den von der Mittelschicht weitgehend geräumten Arbeiter- und Elendsvierteln. Die Berichte aus den Einwanderervierteln - Brooklyn und das Berliner Scheunenviertel der 1920er Jahre, die Banlieue in Marseiile, Lyon und Paris, Neukölln, Kreuzberg und der Wedding -zeichnen alle ein ähnliches Bild von Anomie, hoher Arbeitslosigkeit, Delinquenz, Jugendgangs, überforderten Schulen, Drogen und Alkoholproblemen, Straßengewalt, zerbrochenen Familien und Prostitution.

    Gotteshäuser in der Migration

    Diese Viertel sind die Orte, an denen sich Einwandererreligionen entfalten und die sie prägen. Die Hinwendung zur Religion ist zunächst ein Weg, Antworten auf die migrationsbedingten Probleme zu finden. Dies spiegelt sich im Charakter der Gotteshäuser. Die storefront churches, die jüdischen Winkelbetstuben, die Hinterhofmoscheen sind weit mehr als Gotteshäuser, in denen man sich zum Gebet trifft: Es sind Gemeindezentren und Selbsthilfeorganisationen: Anlaufstellen für Neuankömmlinge, Versorgungskassen für Notfälle, soziale Clubs und Informationsbörsen. Hier werden Wohnungen und Arbeitsplätze vermittelt und Autos verkauft. Nicht zuletzt sind es Orte, an denen die Normen und Werte der Religion an die nächste Generation weitervermittelt werden. Die engen Beziehungen, die hier wachsen, werden nicht selten durch Heiraten weiter verstärkt und stabilisiert. Für die Gemeindeangehörigen sind diese Gotteshäuser Inseln in dem sie umgebenden Chaos. Am sinnfälligsten ist dies, wenn sie, wie so oft der Fall, zwischen Nachtclubs, Bordellen und Kneipen angesiedelt sind. Wenn man die Schwelle dieser Kirchen, Synagogen, Moscheen betritt, verlässt man diese Umgebung und betritt einen Raum, in dem Herkunftsland und Heimatregion in Gerüchen, Umgangsformen und Einrichtungsstil präsent sind. Auf einmal fühlt man sich in die Türkei, nach Griechenland, nach China versetzt. Die tiefe Kluft zwischen diesem Raum und der weiteren Umwelt liefert einen ersten Schlüssel für das Verständnis der Religiosität der ersten Generation. Es ist eine defensive Religiosität, die bestimmt ist von dem Wunsch, den Ängsten des Verlorengehens in der Fremde, den Sinnkrisen, die jeden Migranten heimsuchen („Was mache ich hier eigentlich?"), und der Angst vor der Entfremdung von den Kindern, für die man letztlich emigriert ist, etwas entgegenzusetzen. Man wendet der Mehrheitsgesellschaft den Rücken zu und begegnet ihr mit äußerstem Misstrauen. Dies führt oft zu einem Prozess der zirkulären Verstärkung: Man schottet sich ab-und je mehr man sich unter Seinesgleichen befindet, desto weniger lässt man sich auf die Mehrheitsgesellschaft ein, desto grotesker erscheinen die Gefahren, bis man an jeder Ecke Sex-and-drugs-and-Rock'n'roll wittert, vor denen man vor allem die Kinder schützen muss. Aber auch die Mehrheitsgesellschaft beobachtet mit Skepsis und Misstrauen die Fremden, die sich oft in fremdartiger Kleidung - schwarzen Kaftanen, weißen Talaren, grünen Turbanen - in den Hinterhöfen versammeln. In solchen Gemeinden wächst eine konservative, nicht selten rigorose Religiosität, die zu Ritualismus und Regelfetischismus tendiert. (...)

    Download SymbolKompletter Artikel zum Herunterladen in englischer Sprache
    (pdf, 199 KB)

    Erschienen im Katalog der Ausstellung Projekt Migration, DuMont Literatur und Kunstverlag, Köln 2005.

    Werner Schiffauer
    ist Professor für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europauniverstität Viadrina in Frankfurt (Oder). Er hat mehrere Bücher über die Türkei, Migration und Islam in Europa veröffentlicht.

    Juni 2006

    Copyright: Goethe-Institut, Fikrun wa Fann

    Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns!
    kulturzeitschriften@goethe.de

      Bestellen

      Antragsformular

      Institutionelle Empfänger oder Personen in islamisch geprägten Ländern, die im journalistischen oder kulturellen Bereich aktiv sind, können ein kostenloses Abonnement beziehen.
      Zum Antragsformular ...

      Zenith Online

      Orient im Netz: kritisch, originell und ausgewogen

      Migration und Integration

      Migration verändert Kulturen. Das Goethe-Institut reflektiert diese Entwicklungen in Deutschland und weltweit und engagiert sich bei der sprachlichen Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern.