Photo: Otto Dix

    Deutsche Orientalistik

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann ist eine Kultur-
    zeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und islamisch geprägten Kultur-
    kreisen fördert und mitgestaltet. Autoren aus Deutschland, Europa und der islamischen Welt kommen neben anderen internationalen Stimmen zu Wort. Fikrun wa Fann bietet neben Information und Dialog mit den und innerhalb der islamisch geprägten Kulturkreise ein literarisches Forum für aktuelle gesellschaftspolitische Debatten.

    "Licht ins Dunkel"
    Der Koran als philologischer Steinbruch

    Owusu-Ankomah: Mouvement No.39, 2004. From the exhibition Africa Remix, Hayward Gallery, London. Reproduction from the catalogue.Christoph Luxenbergs Buch „Die syro-aramäische Lesart des Koran“ hat eine breite Debatte über den sprachlichen Zustand und das richtige Verständnis des überlieferten Korantexts ausgelöst. Im Interview erläutert der Sprachwissenschaftler seine Vorgehensweise, seine wissenschaftlichen Standpunkte und seine Absichten. Er respektiert die muslimische Überlieferung, möchte jedoch nicht darauf verzichten, Koranstellen zu diskutieren, die aus linguistischer Sicht bislang nur unzureichend geklärt worden sind.

    Christoph Burgmer: Herr Luxenberg, ihre Veröffentlichung mit dem für viele Laien kryptisch klingenden Titel „Die Syro-Aramäische Lesart des Koran. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koranprache" hat hohe Wellen geschlagen. Weltweit berichteten die Zeitungen über ihre Forschungsergebnisse. Es gab zum Teil heftige Reaktionen und Diskussionen, es folgten Kongresse und Seminare. Stimmen aus aller Welt, Wissenschaftler, Laien, Muslime und Nicht-muslime melden sich kommentierend zu Wort. Mit dem Nebeneffekt, dass die Koranforschung, lange Jahrzehnte in den stillen Studierstuben einiger weniger westlicher und arabischer Wissenschaftler betrieben, plötzlich wie ein Phönix aus der Asche wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit, einer weltweiten und allgemeinen Öffentlichkeit rückt.

    Ihr Buch ist ein Bestseller, und dies, obwohl es in Deutsch geschrieben und veröffentlicht ist und obwohl es äußerst schwierig zu lesen und zu verstehen ist. Warum entschlossen Sie sich dazu, den Koran mit sprachwissenschaftlichen Methoden zu untersuchen?

    Christoph Luxenberg: Man muss voranschicken, dass man in der abendländischen Koranforschung schon seit langem weiß, dass viele Passagen im Koran unverständlich sind. Man folgt damit den Interpretationen arabischer Korankommentatoren. Aber genau diese „dunklen Stellen" im Koran sind der Ausgangspunkt meiner Arbeit.
    Denn die bisherigen Versuche sie zu deuten, geschahen nicht auf philologischer Basis, sondern beruhen vielmehr auf Mutmaßungen. Mutmaßungen können jedoch nie die Grundlage einer wissenschaftlichen Methode sein. Ich versuche, diese Stellen mit philologischen Methoden zu klären und zu belegen.

    ...

    Christoph Burgmer: Welchen Stellenwert hat der Koran für Sie als Sprachwissenschaftler?

    Christoph Luxenberg: Der Koran ist nach meiner Überzeugung der erste Versuch, sich in Schriftarabisch auszudrücken. Dieses Schriftarabisch hatte noch kein Vorbild. Die Initiatoren dieser arabischen Schriftsprache muss-ten also Elemente ihrer Kultursprache verwenden und man kann annehmen, dass diese Kultursprache das Aramäische war und nicht das Arabische.

    Das Koranarabisch kann man also als arabisch-aramäische Mischsprache ansehen. Ich würde nicht so weit gehen, darin einen Versuch wie das Esperanto zu sehen. Aber das Ziel war gleich. Die Schreiber wollten, wie die Erfinder des Esperantos auch, möglichst vielen Menschen eine gemeinsame, verständliche Schriftsprache zugänglich machen. Dabei wurden auch Dialekte miteinbezogen, deren Verwendung die arabischen Philologen und Kommentatoren selbst schon früh erkannt haben.

    In meinen Augen ist jedoch das, was sie für Dialekt hielten, eben genau die Verbindung von arabischen und aramäischen Elementen. Sie wurden durch weitere Lehnwörter, z.B. aus dem Persischen oder Griechischen ergänzt. Während diese Lehnwörter jedoch nur singuläre Erscheinungen im Koran darstellen, ist die Vermischung von arabischen und aramäischen Elementen für die Koranprache prägend.

    Christoph Burgmer: Wurde die sprachhistorische Vielfalt, die den Koran kennzeichnet, in der Koranforschung berücksichtigt?

    Christoph Luxenberg: Die abendländische Koranforschung hat sich zunächst auf die arabische Tradition verlassen. Sie hat also versucht, den Koran im Einklang mit der arabischen Tradition zu erforschen. Darüber hinaus ist es natürlich ihr Verdienst, dass sie herausgefunden hat, dass viele Lehnwörter im Koran Verwendung finden. Es gibt sogar Sammlungen dieser Lehnwörter. Eine ganze Anzahl von ihnen ist richtig hergeleitet.

    Es gibt aber auch solche, die falsch gelesen, also verlesen sind und neu interpretiert werden müssen. Im Ansatz war man jedoch bemüht, die erkannten Lehnwörter etymologisch zu erklären. Dabei stellte man den aus der Tradition heraus interpretierten Sinn der Textpassage nicht in Frage. Man konnte es sich nicht vorstellen, dass die Koransprache etwas anderes sein sollte als konsistentes Altarabisch.

    Blieb die Passage auch mit der neuen Worterklärung unverständlich, wurde dies damit entschuldigt, dass man es ja schließlich mit Altarabisch zu tun habe, welches man heute nicht mehr bis ins Detail verstehen könne. So ist niemand aufgefallen, dass dieses Arabisch einen aramäischen Ursprung hat. Man erkannte also die aramäischen Elemente nicht oder schätzte ihren Einfluss gering ein. Man wollte der Koranprache unter allen Umständen eine klassisch arabische Form zuweisen. Dem waren auch die Zweifel unterzuordnen. Alles musste wie echtes Arabisch aussehen. Es ist dieser unbedingte Wille, im Koran die klassische Form des Arabischen sehen zu wollen, die eine vorhandene aramäische Schicht des Korantextes verdeckt hat.

    Ich hoffe, dass man sich durch meine Forschung über die Verwandtschaft der beiden Sprachen klar wird. Und dass man sich in der Semitistik wieder stärker der aramäischen Sprache zuwendet, nicht nur um den sprachlichen, sondern auch den komplexen kulturellen Zusammenhang dieser Sprachen untersuchen zu können. Ich könnte mir vorstellen, dass dies in Zukunft sicherlich zu Aufsehen erregenden neuen Forschungsergebnissen führen wird.

    Christoph Burgmer: Wie groß ist Ihrer Meinung nach der aramäische Sprachanteil am Koran?

    Christoph Luxenberg: Was sich am Koran ändern wird, lässt sich quantitativ auf etwa 30 Prozent einschätzen. Aber dieser Anteil besagt eigentlich nicht viel. Qualitativ wird sich einiges ändern. Mit qualitativ meine ich, daß theologische Inhalte des Koran neu überdacht werden müssen. Dies würde selbstverständlich zu ganz anderen Ergebnissen fuhren. Voraussetzung ist, dass die islamische Theologie dazu bereit ist, den Koran neu zu lesen, das heißt, den Koran wirklich so zu verstehen, wie er sich selbst verstanden hat, nicht wie man ihn später interpretiert hat. Ich unterscheide hier scharf zwischen Korantext und späterer Koranexegese, denn der Korantext ist etwas anderes als die spätere Koranexegese.

    Christoph Burgmer: Nun haben schon einige Artikel über ihre Lesart des Koran in manchen Ländern heftige Reaktionen ausgelöst. In Pakistan stampfte man eine ganze Newsweek-Ausgabe ein, weil die Zeitschrift in einem Artikel über ihre Forschungsarbeit berichtete. Wie ist nach ihrer bisherigen Erfahrung die Reaktion der Muslime auf die neuen Forschungsergebnisse?

    Christoph Luxenberg: Meine bisherige Erfahrung ist, dass gläubige Muslime regelmäßig bereit waren, diese neue Deutung zu akzeptieren. Dies betrifft die neu zu lesenden Textpassagen, die von der islamischen Tradition abweichend zu lesen sind. Ich gehe ja nicht soweit zu behaupten, dass es Mohammed oder den Koran nicht gegeben hätte. Die Existenz des Koran ist eine historische Talsache. Nun geht es darum, diese historische Tatsache in ihrem historischen Rahmen, das heißt auch historisch zu sehen, historisch-kritisch den Text zu untersuchen. Kritik heißt nicht, dass ich dieses Buch verunglimpfen will, sondern nur, es aufgrund sprachhistorischer Erkenntnisse richtig zu verstehen.

    Was man aus meiner Interpretation macht, liegt außerhalb meines Einflusses. Das liegt ganz in der Hand der muslimischen Theologen. Der Koran ist nun mal in zahlreichen Passagen unveränderlich und damit ist es das Wort Gottes auch. Ich behaupte niemals, dass es nicht das Wort Gottes ist. Allerdings muss man zu der Einsicht kommen, dass dieses Wort Gottes im Laufe der Geschichte, insbesondere durch die Fehllesungen und durch die falsch gesetzten Punkte verändert wurde. Es ist also nicht das Wort Gottes, das verändert wurde, sondern es wurde von Menschen falsch interpretiert.

    Christoph Burgmer im Gespräch mit Christoph Luxenberg

    Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns!
    kulturzeitschriften@goethe.de

      Bestellen

      Jetzt bestellen

      Interessierte Leser können Fikrun über den Goethe-Webshop bestellen.
      8,50 € versandkostenfrei
      Zum Goethe-Webshop ...

      Antragsformular

      Institutionelle Empfänger oder Personen in islamisch geprägten Ländern, die im journalistischen oder kulturellen Bereich aktiv sind, können ein kostenloses Abonnement beziehen.
      Zum Antragsformular ...

      Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt

      Politik, Kultur, Gesellschaft: Informationen und Diskussionen auf Deutsch, Arabisch und Englisch

      Zenith Online

      Orient im Netz: kritisch, originell und ausgewogen