Foto: Kai Wiedenhöfer

    Deutsche Orientalistik

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Plädoyer für den Trialog
    Zur Zukunft der Islamwissenschaft

    Das Fach, das sich der Erforschung der islamischen Welt widmet, ist ein Ungetüm. Das Spektrum der Themen, Disziplinen, Methoden und historischen Epochen, das es abzudecken sich vornimmt, ist um vieles zu weit, um sinnvoll in einem einzigen Zusammenhang erforscht und gelehrt zu werden. Die Absurdität ihres Anspruches erweist sich sofort, wenn man sich zur Islamwissenschaft ein Pendant vorstellt: ein einziges Fach, das die Religion, Kultur, Geschichte, Sprache, alte wie neue Literatur, Philosophie, die heutige politische Wirklichkeit, ja die Musik, das Theater, das Recht, die Geschichte der Naturwissenschaften sowie alle anderen für die Geistes- und Sozialwissenschaften relevanten Aspekte nicht nur der europäischen, sondern weltweit aller christlichen Konfessionen, Kontinente, Nationen und ethnischen Minderheiten behandelt, und dies ausgerechnet unter einem Titel wie "Christliche Wissenschaft" oder "Christenwissenschaft", also mit der impliziten Annahme, daß alle diese Phänomene einen Bezug zur Religion hätten und mit Blick auf diese studiert werden sollten. Mochte am Ausgang des 19. Jahrhunderts ein Gelehrter die zugänglichen Quellentexte und Forschungsarbeiten des Faches noch halbwegs übersehen, kann heute kein Islamwissenschaftler das gesamte Spektrum abdecken, und nur wenige versuchen es noch.



    Die Problematik, die dem Fach Islamwissenschaft – ähnlich wie anderen Regionalwissenschaften, die allerdings nicht mit dem zusätzlichen Ballast beschwert sind, den Bezug zur Religion im Titel zu führen – eingeschrieben ist, dürfte inzwischen von kaum jemanden noch bestritten werden. Reflektiert worden ist auch und vor allem, wie verheerend sich das religiös-theologische Vorzeichen, unter dem das Fach betrieben wird, auf das öffentliche Bild der vom Islam mitgeprägten Kulturen ausgewirkt hat. Seit die frühe Orientalistik den Islam als autonome anthropologische Größe behandelte, welcher der Muslim willenlos ergeben sei, und die Religion der Muslime zur Ursache ihrer Unterlegenheit und strukturellen Reformunfähigkeit erklärte, wurde die muslimische Urgeschichte zum Deutungsmuster auch der Gegenwart. In verblüffender Analogie zu islamistischen Auffassungen nahm man einen islamischen Urzustand an und betrachtet die Geschichte und die Kultur vorrangig unter der Frage, inwiefern sie der frühislamischen Norm entspreche beziehungsweise zu einem Abweichen von ihr geführt habe. Nicht religiös determinierte Phänomene, Diskurse und Strömungen wurden so fast automatisch als heterodox gedeutet, anstatt in jener Autonomie wahrgenommen zu werden, die etwa Shakespeare, dem Zweiten Weltkrieg oder der Phänomenologie des Geistes zukäme, die eine religiöse Dimension wohl haben, jedoch unmöglich auf diese zu reduzieren oder gar allein von der Bibel aus zu verstehen sind. Dieser essentialistische Blick ist zwar innerhalb der Islamwissenschaft längst in Frage gestellt, beherrscht aber noch immer weite Teile der öffentlichen Darstellung. Der Islamwissenschaftler Aziz al-Azmeh sieht hier "fast eine Art Komplizenschaft zwischen westlichen Kommentatoren und isla-mistischen Ideologen", da auf beiden Seiten die Urbegründung jedes Phänomens in der islamischen Welt in den religiösen Quellentexten angesiedelt werde (Die Islamisierung des Islams, Frankfurt 1996). Eine Betrachtung von solcher Normativität würde sich in bezug auf die Geschichte und Gegenwart der "christlichen Welt" von selbst diskreditieren.

    Gelegentlich explizit, jedenfalls aber implizit versuchen die meisten deutschen Islam-wissenschaftler heute der religiösen Determinierung des Faches, die in seinem Namen angelegt ist, zu entkommen, in dem sie sich als bloße Regionalwissenschafter des Nahen und Mittleren Ostens begreifen. Die religiösen und literarischen Quellentexte werden im Grundstudium behandelt oder oft auch nur gestreift und spielen danach nur noch für jene – immer weniger werdenden - Studenten und Lehrer eine hervorgehobene Rolle, die sich auf theologische oder kulturelle Fragestellungen konzentrieren. Eine solche Spezialisierung auf einzelne, weitgehend selbstständige Bereiche innerhalb der Islamwissenschaft, die mit dem Islam selbst häufig nichts mehr zu tun haben, erscheint schon aus arbeitsökonomischen Gründen unausweichlich, vollzieht sich allerdings noch weitgehend unreflektiert. Sie ist keinem Konzept, sondern den begrenzten Kapazitäten an den einzelnen Seminaren geschuldet sowie der Erwartung der Öffentlichkeit, Antworten zu geben auf aktuelle politische Fragestellungen.

    Daß die islamwissenschaftliche Forschung in ihren verschiedenen Ausrichtungen heute vorwiegend als Regionalstudium betrieben wird, lässt in Deutschland – mit einiger Verspätung gegenüber den Vereinigten Staaten – den Problemhorizont der area studies aufziehen. Während sich die – in ihrem Selbstverständnis universalen - systematischen Disziplinen wie die Geschichte, die Literaturwissenschaft, die Theologie oder die Rechtswissenschaft gemessen an ihrem empirischen Repertoire zu partikularen westeuropäischen Regionaldisziplinen entwickelt haben, wird die Forschung zur restlichen Welt an institutionell schwach ausgestattete und methodisch überforderte Disziplinen wie die Islam- Afrika- oder Asienwissenschaften delegiert.

    Die Folgen dieser Entwicklung sind in doppelter Hinsicht bedenklich: Islamwissenschaftler nahmen lange Zeit die zentralen Veröffentlichungen, die innerhalb der entsprechenden Hauptdisziplin Aufsehen erregen, allenfalls am Rande zur Kenntnis und hinkten in ihrer Methodik, Fragestellung und sogar im Stil oft um Jahrzehnte zurück: Sammelbände, die sich methodisch in ostentativer Naivität mit arabischer oder persischer Literatur beschäftigen, ohne sich auch nur in Fußnoten auf gegenwärtige Diskussionen innerhalb der allgemeinen Literaturwissenschaft zu beziehen, gehörten und gehören ebenso zum Bild wie die Philologen des klassischen Arabisch, die in den Medien zu aktuellen politischen Vorgängen Stellung nehmen müssen, nur um jenen journalistischen "Experten" nicht gänzlich das Feld zu überlassen, die ihre mangelnden sprachlichen und historischen Kenntnisse mit aufbrausenden Vorurteilen aufwiegen. Am ehesten noch ist es der sozialwissenschaftlich orientierten Islamwissenschaft gelungen, Anschluss zu finden an die Diskussionen innerhalb der entsprechenden Hauptdisziplinen; die zunehmende Attraktivität der sozialwissenschaftlichen Islamforschung, die sich in der Lehrstuhlvergabe und der Zahl der Studenten manifestiert, dürfte einen Grund auch darin haben, dass sie ihre eigene Relevanz über das eigene Fach hinaus zu vermitteln begonnen hat. (...)

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    Von Navid Kermani

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