Foto: Kai Wiedenhöfer

    Reisende Kulturen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann ist eine Kultur-
    zeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und islamisch geprägten Kultur-
    kreisen fördert und mitgestaltet. Autoren aus Deutschland, Europa und der islamischen Welt kommen neben anderen internationalen Stimmen zu Wort. Fikrun wa Fann bietet neben Information und Dialog mit den und innerhalb der islamisch geprägten Kulturkreise ein literarisches Forum für aktuelle gesellschaftspolitische Debatten.

    Warum reisen Menschen?

    © Photo: Santiago SierraDer Philosoph und Schriftsteller Alain de Botton über Erwartungsdruck, das Nord-Süd-Gefälle und Enttäuschungen am Grand Canyon. Ein Gespräch.

    Herr de Botton, warum reisen Menschen?

    Menschen reisen, um sich in Erinnerung zu rufen, dass sie nicht alles wissen und dass die Welt größer, geheimnisvoller und aufregender ist, als es scheinen mag, wenn man den ganzen Tag zu Hause sitzt. Das Reisen ist eine ständige Erinnerung an all die Dinge auf der Welt, über die wir staunen.

    Haben wir im täglichen Leben vergessen, dass das Leben staunenswert ist?

    Ja. Das ist die ständige Gefahr dessen, was wir Alltag nennen. Durch die Macht der Gewohnheit gewöhnen wir uns an die außergewöhnlichsten Dinge. Wenn man zum Beispiel das erste Mal selbst ein Auto fährt, ist man beeindruckt und denkt, wie erstaunlich das ist. Aber nach zehn Jahren denkt man überhaupt nicht mehr darüber nach. Wer zum ersten Mal ein Kind bekommt, denkt: Mein Gott, ist das fantastisch, Kinder zu haben. Aber im Laufe der Zeit gewöhnt man sich daran. Alle außergewöhnlichen Ereignisse werden im Alltag gewöhnlich. In dieser Situation bietet uns das Reisen die Gelegenheit, uns relativ leicht daran zu erinnern, wie außergewöhnlich viele Dinge sind.

    Die meisten von uns verbinden Reisen mit Glück. Woran liegt das?

    Das ist eine relativ moderne Assoziation. In den entwickelten Volkswirtschaften haben die Menschen heutzutage das nötige Geld, um sich angenehme Reisen leisten zu können. Sie reisen, um sich ein schöneres Leben zu machen, als sie es zu Hause hätten. Das ist es, worum es im Tourismus geht: um vergnügliches Reisen. Oft wird das Reisen auch mit der Entdeckung spannender, besserer und schönerer Orte verbunden. Wenn man aus einem Land im Norden stammt, verbindet man Reisen häufig mit Sonne; wenn man aus einem sehr heißen Land stammt, verbindet man es eher mit gemäßigterem Klima. Wir suchen beim Reisen Dinge, von denen wir im alltäglichen Leben nicht genug haben, und darum finden wir es angenehm.

    Verändern uns diese schönen Erfahrungen?

    Sie garantieren keine Veränderung. Manchmal ist es erstaunlich, Menschen zu treffen, die durch die ganze Welt gereist sind. Man fragt sie, wie es war, und sehr oft hat es den Anschein, als seien die Erfahrungen an ihnen abgeprallt. Ich erinnere mich daran, das Buch eines Astronauten gelesen zu haben, der ganz langweilig beschrieb, wie es war, ins Weltall zu reisen. Reisen garantiert keine innere Wandlung, und ich denke, das ist eins der Paradoxe des Reisens. Mitunter trifft man Menschen, die nicht viel gereist sind. Aber was sie dabei gesehen haben, hat sie sehr verändert. Im Gegensatz dazu gibt es auch weit gereiste Menschen, die in ihren Beobachtungen fremder Orte und Menschen völlig banal sind.

    Gibt es Dinge, die eine innere Wandlung beim Reisen garantieren?

    Ich glaube, eine der größten Herausforderungen beim Reisen ist es, zu lernen, was man wirklich sehen möchte. Viele Menschen schlucken unverdaut eine Art von Vision dessen, wohin sie reisen sollten und was sie sehen sollten, auch wenn das nicht wirklich zu ihnen passt. Sie sind in Rom und denken, sie müssten diese oder jene Sehenswürdigkeit besuchen; oder in New York meinen sie, in ein bestimmtes Museum gehen zu müssen. Dabei interessiert sie das aber gar nicht sonderlich. Vielleicht kann man das mit dem Begriff „Kulturschuld" beschreiben - ein Gefühl, reisen zu müssen, etwas Bestimmtes zu sehen, um angesehen zu sein. Diese „Kulturschuld" verhindert häufig eine natürlichere und spontanere und somit lebensverändernde Herangehensweise an das Reisen.

    Was verrät das gewählte Reiseziel über eine Person?

    Es sagt uns etwas darüber, was einer Person fehlt, was ein Mensch am dringendsten innerlich braucht. Eine der großen Reisen der abendländischen Kultur war Goethes Italienreise. Da ist ein Mann, dem gewisse Dinge in seinem Temperament fehlen, der nach Italien reist und die fehlenden Seiten in sich entdeckt. Schematisch ausgedrückt, erhascht er einen eher sensorischen Einblick in seine Seele. Er kommt aus einem christlichen Land aus dem Norden, und er entdeckt plötzlich den Süden, die Welt der Heiden und die Sinnlichkeit. Goethes Reise zeigt auf höchst dramatische Weise, was uns auf Reisen passieren kann - Dinge zu entdecken, die uns in unserem normalen Leben fehlen.

    Goethes Italienreise war auch eine große Bildungsreise. Bildet Reisen heutzutage noch?

    Bei vielen Menschen ist das nicht mehr so. Aber genau das sollte und könnte Reisen tun. Bildung ist ein ziemlich trockenes Wort, das an etwas Mühsames denken lässt. Bildung könnte aber oft eher eine Art Entdeckung sein, die weniger schmerzhafte Konnotationen hat. Ich finde, die Idee, dass wir bereichert von einem Ort zurückkehren, ist die beste Betrachtungsweise des Reisens.

    Wissen wir heute durch die Medien nicht schon alles über die Welt?

    Wir wissen durch die Medien ein bisschen Bescheid über den Rest der Welt. Wenn man die Medien in diesem Kontext kritisieren will, dann dergestalt, dass sie uns oft nur oberflächliches Wissen vermitteln. So meinen wir zu wissen, wie Amerika ist oder Pakistan. Aber wir wissen es nicht wirklich. Einer der fantastischen Aspekte des Reisens besteht für mich darin, dass die eigenen Klischees infrage gestellt oder zumindest nuanciert oder ergänzt werden. Oft hat man ja gerade wenn man nur sehr wenig über einen Ort oder eine Person weiß, die lebhaftesten Fantasien. Nehmen Sie zum Beispiel Menschen, die sehr wenig reisen. Die stellen sich vielleicht vor, dass die Pazifikinseln das Paradies sind. Und wenn sie dann wirklich auf diese Inseln reisen, erkennen sie, dass diese Orte Probleme wie alle anderen auch haben. Es gibt diesen besonderen Hang, sich Perfektion vorzustellen, oder aber auch Gräuel an Orten, die wir mit unseren eigenen Augen nicht gesehen haben.

    Warum gibt es einen so großen Unterschied zwischen dem, was wir uns vor der Reise über das Ziel vorstellen, und dem, was wir in der Wirklichkeit vorfinden?

    Das große Traumbild besteht darin, dass wir meinen, wir kämen komplett verändert von einer Reise zurück. Man fährt für eine Woche irgendwo hin, kommt zurück und alles ist anders. Das ist der Trugschluss. Auch daraus ergibt sich ein Aspekt, den man vom Reisen lernen kann: Die menschliche Persönlichkeit weist einfach große Kontinuität auf. Wir verändern uns nicht so leicht, wir entwickeln uns langsam, nicht durch plötzliche Erkenntnismomente. Natürlich gibt es sie, aber im Großen und Ganzen ist es eher eine Evolution als eine Revolution.

    Geht es auch darum, sich zu vergewissern, in welcher wunderbaren Welt man zu Hause lebt, was man mag, wer man ist?

    Ja, ich denke schon. Weil Reisen manchmal auch beängstigend ist, beruhigt uns die Vorstellung vom Nachhausekommen. Mit der Freude auf die Rückkehr kann man einem schlechten Urlaub noch etwas Positives abgewinnen.

    Was sind die enttäuschendsten Aspekte des Reisens?

    Eine der größten Herausforderungen des Reisens ist es, wie man eine Erfahrung dauerhaft erhält. Manchmal erleben wir woanders etwas, das uns wichtig und wertvoll erscheint, und wir möchten das gerne festhalten. Wir machen viele Fotos, kaufen ein Souvenir. Wir wollen, das etwas bleibt nach unserer Heimkehr, und das ist oft sehr schwierig. Die für mich beste Art eine Erinnerung zu bewahren ist die, sie vernünftig zu verdauen. Also richtig hinzuschauen, genauer, als vielleicht nur ein Foto zu machen.

    Was war Ihre enttäuschendste Erfahrung beim Reisen?

    Ich habe oft die Angst, etwas vermeintlich Wunderbares nicht so wunderbar zu finden. Ich glaube, viele Menschen kennen dieses Gefühl: Man steht am Grand Canyon oder vor dem Kolosseum in Rom und soll nun etwas Wunderbares verspüren, und es passiert einfach nichts.

    Man befindet sich also in Vorfreude auf eine besondere Stimmung, aber sie tritt nicht ein.

    Ja. Vielleicht merkt man auch erst drei Wochen später, dass es eigentlich etwas Besonderes war. Aber der Erwartungsdruck ist so groß, dass er eine spontane Reaktion erdrückt und verhindert.

    Reisen wir zu viel mit Reiseführern? Bereiten wir uns zu sehr vor?

    Reisen erfordert eine gewisse Spannung zwischen dem Nicht-Alles-Wissen und dem Nicht-Nichts-Wissen. Wer zum Beispiel keine Ahnung von Geschichte hat, kann nicht wirklich wissen, wohin er reist und was er dort alles sehen könnte. Wenn man aber zu sehr informiert ist, zu genau weiß, was man alles sehen und fühlen müsste, kann das auch hemmend sein. Ein Problem des modernen Reisens ist, dass der Gedanke an eine spontane Entdeckung stark gefährdet ist, weil man alles auf einer Webcam oder in einer Broschüre sehen kann, bevor man überhaupt dort hinfährt.

    Wie ist der Massentourismus in unsere Gesellschaft gekommen?

    Menschen sind schon immer gereist. Erste Erscheinungen im Sinne von Massentourismus setzten im 18. Jahrhundert ein. Damals gab es in der englischen Aristokratie eine Form von Massentourismus: Sie machten alle ihre große Reise nach Italien, das war Tradition. Die Zahlen waren nicht übermäßig, aber sie waren innerhalb dieser bestimmten sozialen Gruppe bedeutend. Und dann begann im England des frühen 19. Jahrhunderts der Massentourismus, als die Seebäder aufkamen. Dem folgten andere Länder wie Deutschland, Holland und Frankreich. Das 19. Jahrhundert war also die Zeit, in der Menschen in signifikanter Zahl zu reisen begannen. Allerdings waren das oft Reisen innerhalb eines Landes und nicht so sehr in andere Länder. Der Beginn dessen, was wir heute als Massentourismus bezeichnen, kam erst Mitte des 20. Jahrhunderts in der Nachkriegszeit auf.

    Inwieweit bestimmen Phänomene der Moderne, etwa das Stadtleben oder die Industrialisierung, den Wunsch zu reisen?

    Eines der Ordnungsprinzipien der Moderne ist die Routine, und das Reisen ist eine Unterbrechung dieser Routine. So ist es auch normal, dass es in Gesellschaften, die Routine und Pünktlichkeit hoch schätzen, auch ein entsprechendes Verlangen nach einer Flucht aus dieser Gewohnheit gibt. Man kann den Wunsch nach Reisen definitiv als eine Art Kehrseite einer sehr geregelten und vorhersehbaren Welt sehen. Unsere Gesellschaften sind relativ sicher. Es ist unwahrscheinlich, dass man umkommt oder dass Lebensmittel knapp werden. Unser Leben ist vorhersehbar. So entsteht ein Verlangen nach neuen Eindrücken, das es in gefährlicheren Gemeinschaften, wie sie in den meisten Teilen der Welt heute noch existierten, so nicht gibt.

    Reisen wir nicht zu schnell und zu effizient, um der Routine wirklich zu entgehen? Entwickelt man nicht auch beim Reisen eine Routine?

    Auch hier gibt es einen Gegensatz: Die Menschen wollen Aufregung, aber nicht zu viel Aufregung. Das ist wohl tief in der menschlichen Psyche verwurzelt: Wenn wir es zu bequem haben, wollen wir etwas Raueres, wenn es zu hart ist, wollen wir es bequemer. So ähnlich ist es auch beim Reisen. Wenn es zu vorhersehbar wird, wollen die Menschen einen sogenannten Abenteuerurlaub. Wer im 18. Jahrhundert reiste, begab sich auf eine Abenteuerreise. Man setzte sich der Gefahr von Tod oder Diebstahl aus, vielleicht stürzte das Pferd von den Klippen - das kam einem Abenteuer ziemlich nah. Aber heutzutage laufen die Dinge erstaunlich reibungslos, daher nimmt die Nostalgie nach rustikaleren Elementen immer mehr zu. Manche schlafen im Urlaub im Zelt, was sie vorher nicht getan hätten, sie erleben so eine neue Verbindung mit der Erde.

    Wie verändert sich heute das Reisen? Wie beeinflussen etwa Umweltprobleme unsere Reisen?

    Die Menschen erkennen, dass Reisen einen falschen Preis gehabt hat, der nicht die Auswirkungen auf die Natur, die wahren Kosten, widerspiegelt. Ich denke, es wird eine Art Neujustierung der Kosten geben. Das Fliegen etwa wird vielleicht durch Umweltsteuern wieder teurer werden. Historisch gesehen leben wir in einer für das Reisen sehr günstigen Zeit, da es von nun an künftig teurer werden wird. Menschen werden nicht mehr so viel reisen, vielleicht kommt es dadurch zu einer Rückbesinnung auf näher liegende Reiseziele. Ich glaube nicht, dass die Menschen jemals aufhören werden zu reisen. Aber vielleicht wird es sozial weniger akzeptabel werden, für ein Wochenende nach New York zu fliegen.

    Manche Menschen besichtigen Orte wie Ground Zero oder die Tsunami-Gebiete. Was ist der Grund für solche Reisen?

    Ich glaube, es ist eine Erinnerung daran, dass wir alle sterben müssen. Um diese Aufgabe kümmerten sich früher die organisierten Religionen. Wo diese an Wichtigkeit verloren haben - zumindest im europäischen Bewusstsein -, brauchen wir Erinnerungen an unsere Sterblichkeit und die Trivialität der meisten unserer Interessen. Was könnte es da Besseres geben, als einen Friedhof zu besichtigen, ein Massengrab oder ein Katastrophengebiet, das, besonders in Kombination mit ein bisschen Shopping oder einem netten Hotel, uns perfekt an die Vergnügungen des Lebens erinnert und an die ständige Nähe des Todes und der Zerstörung all dessen, was uns lieb und wichtig ist.

    Also ist Katastrophentourismus eine andere Form, sich die schönen Seiten des Lebens zu vergegenwärtigen?

    Ja, vielleicht. Es ist eine andere Art der Wertschätzung. Nachdem man den Ort einer Katastrophe besichtigt hat, verlässt man ihn und ist umso mehr bereit, all das zu schätzen und wahrzunehmen, was im Leben nicht so schrecklich ist.

    Der französische Anthropologe Franck Michel sagt, Sextourismus sei eine Art der Rekolonisierung. Er glaubt, Menschen suchen nach Macht, wenn sie in ferne Länder reisen und dort Sex kaufen.

    Dieser Zusammenhang trifft sicher bei manchen Menschen zu. Ich glaube aber nicht, dass Sextourismus ein Massenphänomen ist. Es gibt sicher ein viel verbreiteteres Phänomen, nämlich das Verlangen, im Urlaub eine Beziehung zu finden, entweder nur für die Ferien oder langfristiger. Ich glaube, das ist eine tief sitzende Reisefantasie, und sie hängt mit dem zusammen, worüber wir bereits sprachen: mit der Suche nach etwas, was fehlt: im eigenen Land, im eigenen Leben. Häufig zieht es uns in Länder, deren Menschen irgendwie attraktiv erscheinen, und ich glaube nicht, dass man das unbedingt als eine Form von Kolonialismus sehen muss. Die Tatsache, dass Goethe sich zu italienischen Frauen hingezogen fühlte, war nicht unbedingt eine Form von Kolonialismus. Man müsste wahrscheinlich ein Akademiker sein, um das so zu deuten. Viel eher geht es hier wohl um die Anziehung von Gegensätzen.

    Warum haben so viele Menschen dieselben Traumziele?

    Es scheint, als gäbe es von Land zu Land verschiedene Lieblingsziele. Häufig hat das mit dem Verlangen zu tun, etwas ins Gleichgewicht zu bringen, wobei es hier Unterschiede zwischen Nord und Süd gibt. Briten und Deutsche lieben Italien, während Italiener besonders gern nach Schweden reisen. Weltweit versuchen Menschen durch Reisen, etwas psychologisch zu kompensieren,

    Betrifft das nicht vor allem Menschen in der westlichen Welt? Weshalb gehen Menschen in anderen Teilen der Welt auf Reisen?

    Ich würde die Welt nicht so sehr in West und Ost, sondern eher in entwickelt und unentwickelt einteilen. Sobald ein Land eine gewisse wirtschaftliche Entwicklung erreicht, sind die Motive zu reisen sehr ähnlich. In Japan oder Südkorea gibt es viele derselben Gedanken und Impulse, was das Reisen betrifft wie bei uns. In sehr unterentwickelten Ländern gibt eine völlig andere Sicht des Reisens. Dort gibt es keinen Tourismus, die Menschen reisen, um Familienmitglieder zu besuchen, oder sie machen eine Pilgerfahrt. Aber man findet dort nicht das, was wir Tourismus nennen würden.

    Viele Länder sind gastfreundlicher als zum Beispiel Deutschland oder Großbritannien. Verreisen wir auch deshalb, um das Gefühl zu haben, an einem anderen Ort willkommen zu sein?

    Ja. Natürlich ist es immer schön, willkommen geheißen zu werden. Die scheinbar gastfreundlichsten Menschen leben in den Wüsten. Wenn diese Menschen dann doch mal jemanden treffen, ist das Anlass zum Feiern und ruft den Wunsch hervor zu teilen. Im Gegensatz dazu sind Stadtbewohner die auf den ersten Blick am wenigsten gastfreundlichen Menschen. Somit erscheint mir Gastfreundschaft als eine Konsequenz dessen, wo man lebt. Wenn Menschen reisen, suchen sie nach Freundschaft und emotionaler Bindung, wie sonst auch. Aber es wäre töricht, heute irgendwo hinzureisen, um Freunde zu finden, denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass das eintritt.

    Haben Sie ein Traumziel?

    Ja, aber ich möchte nicht dort hinreisen. Für viele Menschen ist das Traumziel ein Ort, an den sie wirklich gerne reisen würden, aber ihnen fehlt das Geld oder die Zeit. Ich habe einige Traumziele, an die ich nicht wirklich reisen will, ich möchte nur von ihnen träumen.

    Verraten Sie uns trotzdem, wo sie liegen?

    Ich träume gerne davon, wie es wäre, im Winter in den hohen Norden Kanadas zu reisen. Diese Trostlosigkeit und Öde und Weite scheinen mir wunderbar, aber ich glaube nicht, dass ich jemals dort hinfahren werde.

    Worin liegt für Sie das Glück beim Reisen?

    Zum Beispiel in der Ankunft in einer neuen Stadt. Wenn man bedenkt, wie erstaunlich es ist, dass all das an diesem Ort schon immer stattfand und ich nie wusste, dass es diese besondere Straßenseite, diesen Basar oder dieses Cafe gab. Dass all diese Menschen leben und ich nie von ihnen wusste, und da sind sie plötzlich. Das ist eine Erfahrung, die einem die Augen öffnet.

    Das Interview führten Jenny Friedrich-Freksa und Falk Hartig

    Alain de Botton wurde 1969 in der Schweiz geboren. Er hat in Cambridge Geschichte und Philosophie studiert und lebt in London. 2002 erschien sein Buch „Kunst des Reisens" im Fischer Taschenbuch Verlag.

    Copyright: Goethe-Institut e.V., Fikrun wa Fann
    September 2008

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