Foto: Kai Wiedenhöfer

    Reisende Kulturen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Die Unwägbarkeit des Reisens – Von Iran nach Afghanistan

    Annemarie Schwarzenbach, Kabul 1939. © Photo: Unknown.
Aus: Unsterbliches Blau (Immortal Blue), Scheidegger & Spiess, Zürich 2003.»Unser Leben gleicht der Reise ...«, und so scheint mir die Reise weniger ein Abenteuer und Ausflug in ungewöhnliche Bereiche zu sein als vielmehr ein konzentriertes Abbild unserer Existenz.

    Es ist lange her, zwei Monate oder zweieinhalb, und gehört schon wieder der Vergangenheit an. Und doch war es im gleichen Sommer, dessen Ende ich jetzt in Kabul erlebe, der Hauptstadt Afghanistans, und im Verlauf der gleichen Reise, die mich über viele Grenzen, Hauptstädte und Stationen aller Art bis hierher geführt hat. Das schweizer Autokennzeichen und das kleine Schweizerkreuz an meinem Ford beweisen mir nötigenfalls, dass sich alles programmgemäss und so vollzog, wie ich es in meinen Tagebuchnotizen verzeichnet finde. Und es ist manchmal nötig. Vielleicht ist mein Sinn für die Realität nicht sehr stark entwickelt, vielleicht fehlt es mir an sicherem und beruhigendem Instinkt für die handgreiflichen Gegebenheiten unseres Erdendaseins, ich kann Erinnerungen nicht immer von Träumen unterscheiden, und oft verwechsle ich Träume, die in Farben, Gerüchen, plötzlichen Assoziationen wieder lebendig werden, mit der unheimlich-heimlichen Gewissheit eines Vorlebens, von dem mich Zeit und Raum nicht anders und besser trennen als ein leichter Schlaf in der Frühstunde.

    »Unser Leben gleicht der Reise ...«, und so scheint mir die Reise weniger ein Abenteuer und Ausflug in ungewöhnliche Bereiche zu sein als vielmehr ein konzentriertes Abbild unserer Existenz: ansässig in einer Stadt, Bürger eines Landes, einem Stand oder Gesellschaftskreis verpflichtet, einer Familie und Sippe angehörig und verwachsen mit allen diesen Gegebenheiten gewobenen »täglichen Lebens«, fühlen wir uns oft allzu sicher, glauben unser Haus für alle Zukunft gebaut, sind leicht verführt, an eine Beständigkeit zu glauben, die dem einen das Altern zum Problem macht, dem anderen jede Veränderung äußerer Umstände als Katastrophe erscheinen lässt. Wir vergessen, dass es sich um einen Ablauf handelt, dass die Erde in ständiger Bewegung ist und dass wir von Flut und Ebbe, Erdbeben und Ereignissen weitab von unserem sicht- und greifbaren Umkreis mit betroffen werden: Bettler, Könige, Figuren des gleichen, großen Spiels. Wir vergessen es, vorgeblich um unseres Seelenfriedens willen, der denn auch auf rieselnden Sand gebaut ist. Wir vergessen es, um uns nicht fürchten zu müssen. Und die Furcht macht uns hartnäckig; wir nennen Wirklichkeit nur, was wir mit Händen greifen können und was uns direkt betrifft, und leugnen die Gewalt des Feuers, wenn es schon brennt im Nachbarhaus, aber nicht bei uns. Krieg in anderen Ländern? Zwölf Stunden, zwölf Wochen nur von unseren Grenzen entfernt? Gott behüte, das Grauen, das uns manchmal ankommt, man verspürt es auch beim Lesen von Geschichtsbüchern, Zeit oder Raum, es bleibt sich gleich, was immer uns davon trennen mag.

    Kinder in Turkestan/Afghanistan, Oktober 1939. © Photo: Annemarie Schwarzenbach.
Aus: Unsterbliches Blau (Immortal Blue), Scheidegger & Spiess, Zürich 2003.Die Reise aber lüftet ein wenig den Schleier über dem Geheimnis des Raums - und eine Stadt magisch-unwirklichen Namens, Samarkand die Goldene, Astrachan oder Isfahan, Stadt des Rosenöls, wird wirklich im Augenblick, da wir sie betreten und mit unserem lebendigen Atem berühren. Das Pflaster von Damaskus hallt unter unserem Schritt, die Hügel von Erzurum leuchten im Abendschein, die Minaretts von Herat tauchen auf am Ende der Ebene. Aber eine Choleraseuche hält uns in Iran fest, und was eben noch eine flüchtige Vision war, eine Atempause, wird zu einer Episode, einem Abschnitt gelebten Daseins. In Kabul schließen wir Freundschaften, richten uns häuslich ein, kennen den Russen, der europäisches Brot bäckt, und den Gulam Haidar, der Füllfedern, Luftpost-Briefcouverts und Veramon zu verkaufen hat. Schon haben wir unsere täglichen Gewohnheiten, finden den Heimweg im Dunkeln, und es hängt schließlich nur von einem Zufall ab, dass wir nicht den Rest unseres Lebens hier verbringen: hier oder anderswo, am Rand des Kaspischen Meeres beispielsweise, wo das Klima höllisch ist und der Kaviar spottbillig, das Malariafieber gratis.

    Haben wir, früher einmal, Sitten und Gebräuche fremder Völker studiert? Gut und recht, aber wir lernten nicht, wie der Afghane seinen Turban windet, und wussten nicht, wie der tägliche Pilaw schmeckt in einem Land, wo man täglich Reis und Schaffleisch zu essen bekommt und Tee zu trinken, und nie einen Tropfen Alkohol. Auf der Reise wechselt das Antlitz der Wirklichkeit mit den Bergen, Flüssen, mit der Bauweise der Häuser, der Anlage der Gärten, mit der Sprache, der Hautfarbe. Und die Wirklichkeit von gestern brennt noch im Abschiedsschmerz, die von vorgestern ist, eine abgeschlossene, nie wiederkehrende Episode, was vor einem Monat war, ist Traum und Vorleben. Und endlich begreift man, dass der Ablauf eines Lebens nicht mehr enthält als eine beschränkte Anzahl solcher »Episoden«, dass es von tausendundeinem Zufall abhängt, wo schließlich wir unser Haus bauen dürfen — der Friede unserer armen Seelen aber ist ein köstlich Gut der Freiheit, dem man nicht nachjagen, um das man weder feilschen soll noch verhandeln mit den Diktatoren, die unsere Häuser in Brand stecken, unsere Felder zerstampfen und die Cholera aussäen können von heute auf morgen.

    Fürchterliche Ungewissheit? Fürchterlich nur so lange, als wir ihr nicht ins Auge zu blicken vermögen. Die Reise aber, die vielen als ein leichter Traum, als ein verlockendes Spiel, als die Befreiung vom Alltag, als Freiheit schlechthin erscheinen mag, ist in Wirklichkeit gnadenlos, eine Schule, dazu geeignet, uns an den unvermeidlichen Ablauf zu gewöhnen, an Begegnen und Verlieren, hart auf hart. »Die Reise nach Kabul«, die sich auf der Landkarte einzeichnen lässt, wenn auch nur in großen Zügen, und in Kilometerzahlen berechnen, wenn auch nur ungefähr, ist in meiner Erinnerung schon ein feingewobener Teppich, gewoben Stunde um Stunde aus lebendigem Atem, Schweiß und Blut, und unwiederbringlich verloren, denn die Zeit trägt Siebenmeilenstiefel, seitdem ein Ereignis weitab von meinem Weg: der Krieg, eingegriffen und mich und wohl die meisten meiner Mitmenschen überfallen hat wie Blinde und Taube.

    Zwei Monate ist es her oder zweieinhalb. Der gleiche Sommer, Ende Juli, und ich hatte das iranische Hochplateau verlassen und war über den Firuzkuh-Pass hinuntergefahren in die dichten Urwälder, den feuchten Dschungel, die überschwemmten, von Moskitoschwärmen bedeckten Reisfelder Mazanderans bis zur blassblauen, von trauernden Dünen gesäumten Küste des Kaspisees. Fruchtbares, melancholisches, aus Frühleben, Träumen und den Erinnerungen letzter Jahre vertrautes Land, wo der Schah Baumwollspinnereien, Mustergüter und Tabaktrocknereien errichten ließ. Die in dämmernder Armut vom Ertrag ihrer Reisfelder lebenden Bauern wurden zur Fabrikarbeit angehalten, mit Chinin versorgt, der Reis wurde durch Tee ersetzt, einheimische Seidenkokons verwertet; im Fischerdorf Mesched-i-Sehr ein Palacehotel gebaut, Schweizer Hoteldirektoren und Färbermeister, Seidenweber und Köche wurden engagiert. Kinder müssen in 12-Stunden-Schichten arbeiten, die Zehnjährigen werden mit einem halben Kran oder zirka 15 Rappen täglich, die größeren mit zwei Kran täglich entlohnt, aber dafür werden die begabtesten unter ihnen in Abendschulen zu perfekten Webern und Spinnern, sogar Vorarbeitern ausgebildet, und vieles andere mehr.

    Ich verbrachte die Nacht bei einem Schweizer, seine Frau kochte uns Kaffee, während wir in der feuchten Schwüle auf der Terrasse saßen und ich mir erzählen ließ über Land und Leute und den Segen der Fortschrittsarbeit: Denn seit meinem letzten Besuch vor vier Jahren hatte sich viel verändert. Am nächsten Morgen verließ ich Mazanderan, das Kaspische Meer blieb zurück, der Dschungel öffnete sich. Keine Strohdächer mehr, keine Reisfelder, keine Tierschädel auf Hagen. Dann hörten die Tabakfelder auf und damit die Besitzungen des Schahs. Dann die Maisfelder, die den Bauern geblieben waren. Noch gab es Weiden - irgendwo, in einer sanften Hügelmulde, ein Dorf, Bäume, Brot. Auf der Straße ging ein blondbärtiger Mann, in hohen Stiefeln, die Hacke über der Schulter. Ich hielt den Wagen an; der Mann, blauäugig, antwortete karg, auf russisch: Jawohl, er war von drüben gekommen, aus Russland, mit anderen Muschiks.

    Sie hatten daheim nicht mehr leben können, die Rotgardisten hatten ihnen die letzte Kuh genommen und die Kreuze und Heiligenbilder aus ihren Hütten. Jetzt hatten sie hier, in Iran, ein neues Dorf. Es gab Schwarzbrot und Honig; ob wir welchen kaufen wollten? Aber es gab keine fahrbare Straße zum Dorf, und dem Russen war es recht, als wir uns trennten und ich meinen geraden Weg fortsetzte: nach Osten, einem weiten Horizont entgegen.

    Die Luft war dünn und trocken. Ein heißer Wind erhob sich. Jetzt gab es keine Bäume mehr, kein Gras, kein Feld, kein Dorf, keine Hütte, keinen Zaun, kein Wasser. Die Erde wurde gelb. Der blasse Himmel senkte sich plötzlich wie ein schwerer Baldachin, unter welchem alles Leben erstickte, und im rasch hereinbrechenden Abend färbte er sich violett und schwefelgelb, rostbraun, feuerrot — das Schauspiel war schön, aber beklemmend wie eine Vision in der »Göttlichen Komödie«. Und ich wusste jetzt, was mich vorher Bücher und Landkarte nur ungenügend gelehrt hatten: dass ich die tropische Senkung des Kaspischen Meeres verlassen hatte und die Turkmenensteppe betrat — den Anfang jener riesigen Steppen und Wüsten, die sich hinziehen durch ganz Zentralasien bis in den Fernen Osten. Und ich sah diesen Bereich zum ersten Mal. Heimat der Nomaden, der schwarzen Zelte, der Jurten. Aber in Iran waren die Nomaden zur Seßhaftigkeit gezwungen im Rahmen des Fortschrittsprogramms, die Stämme ihrer Führer beraubt und beinahe schon ausgerottet. Und die Teppiche der Pendinischen und der Teke-Turkmenen, ihre bunten Satteltaschen und Zeltstreifen, ihre schnellen Pferde? Zu meiner Linken sah ich, an einem Horizont, der jetzt erloschen und bleifarbig war, ein paar elende Ziegenfilzzelte und die sonderbar gravitätischen Silhouetten einiger magerer Kamele. Ein Hund bellte. Und vom Kaspisee her, aus Westen, kamen mit langsamem Flügelschlag weiße Geier. Das war alles.

    Die Steppe breitete sich aus in Ödnis, Schweigen, die Hitze war tödlich, die Nacht vereinigte sich mit diesem »Anfang Asiens« zu einer düsteren Vision. Da tauchte, vor mir, in gerader Linie, unzweifelhaft also am Ende meines Wegs, der Gumbad-i-Gabus auf.

    Der Mongolenturm, Grabmal eines Chans, gigantisch und schlicht, und ich dachte nicht darüber nach, ob im Gehäuse seines spitzen Dachs noch der gläserne Sarg hänge, wie die Legende der Steppe es will. Mir genügte das überwältigende Wahrzeichen des Menschen, der die Armut und allen menschlichen Massen abholde Größe der Steppe nicht gefürchtet hatte. Ich atmete tief und versuchte, trotz allem, das Leben zu grüßen...

    Annemarie Schwarzenbach wurde 1908 in Zürich geboren. Ab 1930 Freundschaft mit Erika und Klaus Mann. 1931 bis 1933 als freie Schriftstellerin zeitweise in Berlin. Vorderasienreisen. 1935 kurze, unglückliche Ehe in Persien. 1939 Reise nach Afghanistan. Die Journalistin, Schriftstellerin und Fotoreporterin starb 1942.

    Copyright: Goethe-Institut e.V., Fikrun wa Fann
    September 2008

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