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    Sprache

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann ist eine Kultur-
    zeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und islamisch geprägten Kultur-
    kreisen fördert und mitgestaltet. Autoren aus Deutschland, Europa und der islamischen Welt kommen neben anderen internationalen Stimmen zu Wort. Fikrun wa Fann bietet neben Information und Dialog mit den und innerhalb der islamisch geprägten Kulturkreise ein literarisches Forum für aktuelle gesellschaftspolitische Debatten.

    Ist das Deutsche ein Sprachenmix?
    Die Rolle des Lateinischen, Französischen und Englischen in der deutschen Sprachgeschichte

    Professor am Katheder, 1340 In Zeiten der Globalisierung kann keine Sprache der Welt eine absolute, ursprüngliche Reinheit aufrechterhalten. Am Beispiel der Sprachgeschichte des Deutschen analysiert Uwe Pörksen, wie sich der Einfluß anderer Sprachen auswirkt.

    Bei der Gründung der Berliner Sozietät der Wissenschaften, der späteren Akademie, an der Leibniz maßgeblich beteiligt war, schrieb er in deren General-Instruktion, die Akademie werde Sorge tragen, dass „auch die uralte deutsche Hauptsprache in ihrer natürlichen, anständigen Reinigkeit und in ihrem Selbststand erhalten werde und nicht endlich ein ungereimtes Mischmasch und Undeutlichkeit daraus entstehe.“ Leibniz meinte das Durcheinander von Deutsch und Französisch in der Sprache seiner Zeit. Die Verhandlungssprache der im Jahr 1700 gegründeten Preußischen Akademie war dann allerdings bis ins späte 18. Jahrhundert Französisch. Es war die Epoche, in der Friedrich II. frühmorgens im Feldlager Racine auswendig lernte und äußerte, von einer deutschen Literatur könne man nicht reden.

    Wiederholt es sich ? Schwindet unsere „uralte deutsche Hauptsprache“ erneut? Entstehen wieder „Mischmasch und Undeutlichkeit“? Wird unsere Sprache überformt, auf manchen Gebieten zum Stillstand verurteilt, in ihrem „Selbststand“ getroffen? Wird Englisch für die nächsten Generationen die Universalsprache, der gegenüber andere Nationalsprachen den Zustand eines Dialekts annehmen? - Man liest solche Prognosen.

    Leibniz schrieb in der Regel Lateinisch oder Französisch. Er trat dafür ein, die „lingua europaea universalis et durabilis ad posteritatem“, die europäische Universalsprache, die eine dauerhafte Überlieferung sichert, zu erhalten. Nach seinem Tod erschien sein zur Zeit jener Akademiegründung verfasster Schubladenaufsatz unter dem Titel Unvorgreifliche Gedanken, betreffend die Ausübung und Verbesserung der deutschen Sprache, der mit dem schönen Satz beginnt: „Es ist bekannt, dass die Sprache ein Spiegel des Verstandes ist und dass die Völker, wenn sie den Verstand hochschwingen, auch die Sprache wohl ausüben, welches der Griechen, Römer und Araber Beispiele zeigen.“ Leibniz' Haltung ist die eines patriotischen Aufklärers, sein Thema: Eine wohl ausgeübte, das heißt, eine gut ausgebaute Sprache bedeute eine allgemeine Horizonterweiterung. An früherer Stelle heißt es: „Die Wissenschaft ist dem Licht gleich, und es ist ein allgemeines Interesse, dass es auf alle Einzelnen ausgegossen sei.“

    Die Unvorgreiflichen Gedanken sind eine kritische Bestandsaufnahme. Der Aufsatz diagnostiziert empfindliche Lücken im zeitgenössischen deutschen Wortschatz, ganze Felder der abstrakteren Wissenschaften, der „Regierungskunst“, das meint, der Politik jener Epoche, der Ethik und des Gefühlshaushalts seien nicht angebaut, und er fordert Ausbau, Ausbau der Sachprosa auf diesen Gebieten und eine umfassende Wörterbucharbeit. Er entwirft ein lexikographisches Programm, das bis heute nicht ganz eingeholt ist. Am Ende stellt er die Frage, was „bei der Sprache in deren durchgehenden Gebrauch erfordert wird“ oder „welche drei guten Beschaffenheiten bei einer Sprache verlangt werden“. Die erforderlichen Qualitäten sind in seinen Worten „Reichtum“, „Reinigkeit“ und „Glanz“. Diese traditionsreiche, sich durch das kommende Jahrhundert ziehende Trias erscheint bei Leibniz' ausführendem Organ, Gottsched, in der Form „Reichtum“, „Deutlichkeit“ - d.h., Verständlichkeit - und „Kürze oder Nachdruck“.
    Leibniz' Unvorgreifliche Gedanken sind der wohl sachhaltigste und wirksamste Aufsatz unserer Sprachgeschichte. Er formulierte eine allgemeinere Unzufriedenheit, eine verbreitete tiefe Besorgnis. „Aus dieser Unzufriedenheit“, schrieb Eric Blackall in seiner Darstellung der Sprachentwicklung des 18. Jahrhunderts, „ging eine der großen Literatursprachen des modernen Europas hervor [...] es war kein Wunder. Es war vielmehr ein stetiger und oft durchaus bewußt vorangetriebener Entwicklungsprozeß, an dem sehr unterschiedliche Kräfte teilhatten.“

    Der englische Einfluß

    Wir sprechen aus einer gründlich veränderten geschichtlichen Situation. Der Selbststand der deutschen Sprache steht nicht infrage. Sie hat einen denkbar vielseitigen Ausbau im Rücken, das Gerüst ist stabil und integrationsfähig. Es hat sich aber, lange Zeit lautlos, eine erhebliche Veränderung eingestellt. Das Englische ist auf kaum umstrittene Weise zur Weltsprache Nummer eins geworden, zur sogenannten „Lingua franca“. Unser Land ist heute in weitem Umfang zweisprachig. Dass es überdies vielsprachig ist, dass zahlreiche Sprachgemeinschaften in ihm leben, wäre ein weiteres großes Thema. Das unsere ist im Augenblick die Sprachberührung mit dem Englischen.

    Die weit überwiegende Mehrheit deutscher Wissenschaftler publiziert heute englisch. Wenn die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihren alljährlichen Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa verleihen will, steht sie vor einer schrumpfenden Auswahl möglicher wissenschaftlicher Disziplinien. Die Preisträger Adolf Portmann (1965), Werner Heisenberg (1976) und Carl Friedrich von Weizsäcker (1988) schrieben in der Regel deutsch, die deutsche Naturwissenschaftlergeneration nach ihnen schreibt englisch.
    Die Industrieunternehmen und die Ökonomie sind ein ähnlich weiträumiger Sektor, in dem das Englische sich durchsetzt. Auch der deutsche Schraubenverband ist kürzlich zum Englischen übergegangen.

    Die Technik, zumal die Kommunikationstechnik, ist fester Bestandteil des universalen Zeitalters und empfänglich für das internationale Vokabular. Es ist offensichtlich, dass diese Entlehnungsvorgänge außersprachliche Ursachen haben. Ihr Grund ist nicht ein Defizit der entlehnenden Sprachen. Was bisher als Hauptursachen von Entlehnungen gelten konnten, i.: die Übermacht des Nachbarn, 2.: sein Kulturvorsprung und sprachlicher Vorsprung, das sogenannte Kulturgefälle, 3.: sein Prestige, die Faszination, die zur Nachahmung reizt, ist längst übertroffen durch etwas Viertes: das Erfordernis und die technisch realisierte Gegebenheit internationalen Verkehrs. Daher die Begleiterscheinungen dieses Sprachwandels im alltäglichen Sprachgebrauch: Wenn Sie in den Ferien auf den Kanarischen Inseln waren, war das Wetter - im Vergleich - vielleicht so schön, dass sie Ihren „Flight“ „gecancelt“ haben und das „Ticket“ verfallen ließen.
    Auf der Bahnreise fällt es nicht mehr auf, dass wir im „Intercity“ fahren und an Bord begrüßt werden. Auf der Abfahrttafel liest man „Departure“, im Erlebnisbereich „cool drinks auf dem Wegweiser „Ausgang Citys wo jetzt das Reisezentrum eingerichtet ist, stand vor einiger Zeit „Servicepoint“.
    Wo in der vorigen Generation die Schreibmaschine stand, sind jetzt „Computer“ und Internet“, „Laptops“, „Beamer“ und „Powerpoint“ alltäglich.

    Unsere Nachbarn, gestandene Journalisten, spielen einmal in der Woche nicht mehr das, was wir einmal Federball nannten, sondern „Badminton“, sie „joggen“ nicht mehr, sondern fahren per „Mountainbike“ auf den Schauinsland (ein Berg!), wie blass würde dagegen Bergrad klingen; wir sollten uns „Nordic Walking“ überlegen, um „fit“ zu bleiben. Die „Youngsters“, die Twens“ wie sie auch einnmal hießen, die „Kids“, hatten einmal eine noch ausgeprägtere englische Phase. Da konnte man zum Beispiel auf dem Freiburger Mariensteg folgenn Dialog hören: „Ich bin ausgezogen“, sagt jemand. „Die parents?“, fragt Schulfreundin. „Nein“, antwortet er, „meine connections zur family sind total okay.“

    Was bedeutet die Entwicklung im Ganzen? Wie sieht sie sich an, wenn wir auf unsere Sprachentwicklung zurückblicken? Wird unsere Sprache, wenn sie auf den das öffentliche Gebiet bestimmenden Feldern nicht mehr ausgebaut wird, wenn sie mit der Weltentwicklung nicht Schritt hält, längerfristig zu einer Art Dialekt? Dialekte sind ja Sprachen, die deshalb so intim wirken, weil sie auf den öffentlichen Feldern nicht mehr weiter ausgebaut

    Oder ist der neue Entlehnungsvorgang eine doppelte Chance: Ist der Gebrauch des Englischen in Wissenschaft, Ökonomie und im Bereich der Kommunikationstechniken langfristig vernünftig und ein Vorteil, weil Englisch hier Anschluss und Zusammenschluss bedeutet, und gilt für die Zukunft, je präziser unsere Beherrschung des Englischen, um so besser in jeder Hinsicht, auch im Hinblick auf die Ausweitung und Verbesserung der deutschen Sprache?
    Sind die zahlreichen Entlehnungen in die Umgangssprache, ist die neue Sprachmischung ein Vorteil, weil sie unsere Sprache auf unsere wahrscheinliche Zukunft vorbereitet?

    Der Mythos einer einheitlichen Sprache

    Wir haben uns vorgenommen, in zwei Schritten auf dieses Thema zuzugehen, zunächst mit einem Blick in die Geschichte, und danach mit einer Erörterung der Gegenwart.
    Meine Ausgangsfrage ist: Was hat es in unserer Geschichte an einschneidenden Sprachberührungen gegeben, wie hat die Sprachgemeinschaft darauf reagiert?
    Dabei möchte ich zwei Vorfragen vorwegnehmen, auf zwei unklare Vorurteile eingehen, von denen ich glaube, dass sie die Sicht behindern: Was ist eigentlich durch die Entlehnungen aus anderen Sprachen betroffen — die Sprache als Gerüst, als System, oder als eingeübter, sich einstellender Gebrauch? Die Sprache als System ist das beweglichste, aufnahmefähigste Sozialgebilde, das der Mensch hat, und darum zugleich das widerstandsfähigste, konservativste: von unerschöpflicher Regenerationskraft. Sie arbeitet mit einem einfachen Kunstgriff, sie macht, wie Wilhelm von Humboldt sagt, von endlichen Mitteln einen unendlichen Gebrauch. Sie arbeitet auf der einen Seite mit flexiblen Einzelzeichen, den Wörtern, und auf der anderen Seite mit flexiblen Verknüpfungsregeln, mit Grammatik. Das Gerüst, Lexikon plus Grammatik, ermöglicht die verschiedensten, zum zeitweiligen Usus, zur sozialen Norm werdenden Wortgebräuche, die von der Sprachgemeinschaft akzeptiert werden oder gegen die sie sich wehrt.

    Das zweite die Sicht behindernde Vorurteil betrifft die Vorstellung von einer uralten, aus einem einheitlichen Material bestehenden Volkssprache. Unser Sprachraum war zu keiner Zeit einsprachig, unsere Sprache wohl niemals eine homogene Einheit. Dass der Mensch von Natur ein einsprachiges Wesen ist, das seine Muttersprache hat, durch sie seine Identität gewinnt -und was es sonst an Sprachen gibt, ist Fremdsprache —, ist ein Mythos des Nationalstaats, und dass es ursprünglich eine reine, unvermischte Sprache gab, ist in historischer Zeit nicht nachweisbar.
    Man kann unsere Sprachgeschichte unter dem Blickwinkel betrachten, wie diese Sprache dem Eindruck starker Sprachberührungen nachgibt, unter ihm an Gestalt gewinnt, von der Entlehnung profitiert, und wie sie andererseits in einer Art Gegenbewegung ihre eigene Kontur, den Selbststand, herausarbeitet. Beides ist, historisch nacheinander, bei der Berührung mit dem Lateinischen und Französischen zu beobachten. Ich versuche das in 10 Thesen zu skizzieren, die mehr als tausend Jahre übergreifen. Ich bitte um Verständnis, wenn ich nicht auf alle Einzelheiten eingehe.

    Thesen zur Mehrsprachigkeit des Deutschen:

    1. Zweisprachigkeit ist in der Geschichte der Weltkulturen ein Normalfall - das Deutsche hatte mehr als 1000 Jahre sein stärkstes Gegenüber in der lateinischen Schriftsprache und Sprachkultur (8. —18. Jh.).
    Das gilt für die Mehrzahl der europäischen Volkssprachen. Leider fehlt bisher eine vergleichende europäische Sprachgeschichte, die unter diesem Gesichtspunkt sehr aufschlussreich wäre. „Mehr Europa war nie“, schrieb Kurt Flasch in unserer Zeitschrift Valerio (2005) unter der Überschrift „Latein und Volgare. Ein historischer Präzedenzfall.“ Wir könnten, was das Gegenüber von Volkssprache und anderssprachiger Schriftkultur angeht, auch nach China oder Indien und Tibet, nach Java, in den arabischen und persischen Sprachraum blicken.

    2. Die Sprachberührung mit dem Lateinischen war von der bisher größten Tiefenwirkung.
    Sie schlug sich nieder:
    - als Verteilung der beiden Sprachen auf verschiedene Sozialsphären („Diglossie“). Kirche und Klöster, das Recht, die spätere Universität und weite Teile der Poesie, Verwaltung und diplomatischer Verkehr waren lange und weitgehend das lateinische Gegenüber der zumeist mündlichen Volkssprachen, und zwar:

    - als personale Zweisprachigkeit und Sprachmischung (Bilingualismus). Aus einer Basler Vorlesung des Paracelsus gibt es die Mitschrift: „Si vis curari, noli sprützen aquam in die fistel.“ Und Luthers berühmte Äußerung über sein Deutsch lautet in den Tischgesprächen: „Ich rede nach der Sechsischen Cantzley, quam imitantur omnes duces et reges germaniae; alle reichstette, fürsten höfe schreiben nach der Sechsischen Cantzelein unser churfürsten. Ideo est communissima lingua germaniae“. Luther war zweisprachig, er pendelte nicht nur in den Tischgesprächen zwischen dem Deutschen und dem Lateinischen wie durch eine offene Tür.

    - als Prägung der Grammatik. Dies Gebiet ist ungemein weit und zeigt die Tiefenwirkung der lateinischen Sprache. Dass zum Beispiel zur Bezeichnung der Zukunft das Hilfsverb „werden“ verwendet wird, ist lateinischer Einfluss. Bis ins Spätmittelalter gibt es die „deutsche Zukunft“ nicht als grammatische Kategorie, sie wird durch Adverbien wie „morgen“, „im kommenden Jahr“ oder durch Modalverben wie „dürfen“, „mögen“, „müssen“ usw. ausgedrückt;

    - als Prägung des Stils. Die Wissenschaftssprache zum Beispiel entwickelte sich unter diesem Einfluss in der Weise, dass die Fachausdrücke lateinischgriechisches Material verwenden und die übrige Füllung der Textseite sich des deutschen Wortschatzes bediente. Ich nenne das den „Fachwerkstil“;

    - als Erweiterung des Wortschatzes. Der Umfang dieser Erweiterung ist kaum abzuschätzen. Er betrifft Verben, Adjektive und Substantive. Schon das Wort „deutsch“ ist zuerst ein Zwitter, zusammengesetzt aus dem althochdeutschen Wort „theod“, „thiod“ (Volk, Leute) und der lateinischen Endung „-iscus“. „Deutsch“, „teutsch“, „tiusch“, „diutsch“ hieß also ursprünglich „theodiscus“ und bedeutete volkssprachig, volgare. Neben den Entlehnungen des lateinischen Worts („Objekt“, „Subjekt“ usw.) gibt es die sogenannten Lehnübersetzungen. Das Wort „Objekt“ wurde ursprünglich wörtlich wiedergegeben durch die Lehnübersetzung „Gegenwurf“, später „Gegenstand“. Beide Typen, sowohl die Entlehnung des lateinischen Wortes wie dessen Lehnübersetzung, sind seit tausend Jahren in großer Zahl wieder vergessen worden, waren sozusagen Eintagsfliegen oder Jahrhundertfliegen.

    3. Luthers Deutsch ist nicht aus einer selbständigen Entwicklung der mündlichen Sprachkultur hervorgegangen, für die er ein feines Ohr hatte, sondern war eine Lehnbildung der lateinischen Schriftkultur: eine Kunstsprache.
    Auch das Deutsche des Paracelsus erscheint in vielen Fällen wie die Rückseite einer lateinischen Tapete. Noch der Satzbau Theodor Mommsens, des ersten deutschen Nobelpreisträgers für Literatur, klingt, wenn man etwa seine Darstellung der römischen Kaiserzeit liest, lateinisch.

    4. Im 17., 18. und teilweise 19. Jahrhundert waren wir dreisprachig. Das Französische kam hinzu.
    Es hatte im 17. Jahrhundert, zur Zeit Ludwigs XIV und der Gründung der Academie Francaise, eine enorme Ausstrahlung, man baute und gärtnerte wie Frankreich, kleidete sich, speiste und parlierte, liebte französisch, deutsche Texte waren zeitweise so weitgehend französisch durchsetzt, dass unsere heutige Anglisierung sich dagegen harmlos ausnimmt. Der junge Leibniz schrieb (1682/83): „Ich rufe zu Zeugen an, was uns die halbjährigen Messen hervorbringen; darin ist oft alles auf eine so erbärmliche Weise durcheinander geworfen, dass manche sogar nicht einmal zu erwägen scheinen, was sie schreiben. Ja, es scheint, manche dieser Leute haben ihr Deutsch vergessen und Französisch nicht gelernt.“

    5. Auch das Französische hatte eine nachhaltige Wirkung. Peter von Polenz' großartige Sprachgeschichte (3 Bände) sieht sie in der Einbeziehung Deutschlands in den modernen, westeuropäischen Kulturzusammenhang.
    Der Entlehnungsvorgang erzeugte wie das Lateinische eine Diglossie. Ganze Sprachsphären wie die der Höfe und die der Aristokratie, der Architektur und des Gartenbaus, Teile der Wissenschaft und Philosophie, Konversation und Briefstil waren weitgehend französisch bestimmt.

    Die Zahl der Entlehnungen aus dem Lateinischen und Französischen wird um 1800 von Joachim Campe auf ein Fünftel des deutschen Gesamtvokabulars geschätzt. In seinem Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke von 1801 und 1813 unternimmt und übernimmt er 11000 Verdeutschungsversuche: Es entstand ein ungemein interessantes Wörterbuch. Die meisten Wörter Campes haben sich nicht durchgesetzt. Er übersetzte Mumie mit „Dörrleiche“, Kardinal mit „Purpurpfaff“, Paradies mit „Wonnegefilde“, Souterrain mit „Erdkammer“. Aber an die 300 Wörter, die bei ihm in der Übersetzungsspalte stehen, sind uns heute selbstverständlich: „Gesetzgebende Versammlung“ für Legislative, „Minderheit“ für Minorität, „verwirklichen“ für realisieren, „Tageszeitung“ statt Journal, „Stelldichein“ für Rendezvous. Sie werden bemerkt haben - die sogenannten Fremdwörter sind ebenfalls erhalten. Die Übersetzungen haben zwar die Sprache bereichert, aber nicht, wie er wollte, zugleich gereinigt von sogenannten fremden Ausdrücken. Die beiden Wörter haben einen verschiedenen Klang und einen unterschiedlichen Stilwert, genau genommen nicht die gleiche Bedeutung. Sie sind ein Beispiel dafür geworden, dass es keine Synonyme gibt. Campes ursprünglicher Impuls war allgemeine Aufklärung, die öffentliche Durchsichtigkeit der Sprache, die Beseitigung von Verständnisbarrieren. Insofern war er ein Schüler von Leibniz. Aber sein fremdwortfreies Deutsch wirkt seltsam steril.

    Seit den Napoleonischen Kriegen im frühen 19. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 20. wird der Purismus in Wellen von nationalen Motiven getragen Goethe war dessen entschiedenster Gegner. „Die Gewalt einer Sprache ist nicht, daß sie das Fremde abweist, sondern daß sie es verschlingt.“ „Ich verfluche allen negativen Purismus, daß man ein Wort nicht brauchen soll, in welchem eine andere Sprache Vieles oder Zarteres gefaßt hat.“ (Maximen und Reflexionen, Nr. 979 u. 980)

    Vergangenheit und Zukunft

    Wir kommen zu dem erwähnten zweiten Blickwinkel, zur aktiven Entwicklung des Selbststandes unserer Sprache:

    6. Seit dem Hochmittelalter wird in Schüben eine selbständige deutsche „Litera-tursprache“, eine schriftliche Kultursprache erarbeitet.

    Die Literatursprache der Stauferzeit um 1200, die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts und das 18. Jahrhundert sind die ergiebigsten Epochen, in denen die führenden Kulturträger und die Sprachträger jeweils wechseln.

    7. Der von Leibniz geforderte „durchgehende“ einheitliche Sprachgebrauch hat sich in Anlehnung an das Lateinische und Französische und im Gegenzug dazu herausgebildet, und zwar unabhängig vom modernen Staat, ohne zentrales Institut, ohne Akademie und Sprachaufsicht.
    Wir waren auch sprachlich eine Kulturnation, lange bevor es - seit Bismarcks Einigungskriegen - einen deutschen Staat gab.
    Das Bewusstsein eines unzureichenden Sprachzustandes im 17. Jahrhundert, also Sprachkritik und Sprachanalyse, und die ihnen folgende Wörterbucharbeit, Spracharbeit in Gesellschaften, Zeitschriften, Übersetzungen, in Prosa und Poesie sind zu einem wirksamen Faktor der Sprachgeschichte geworden. Die wirksamste Person war auf diesem Gebiet Gottsched, der eine Sprachkunst, Dichtkunst und Redekunst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vorlegte. Am Ende jenes Prozesses haben wir eine auf allen Feldern ausgebaute, differenziert ausgearbeitete und allgemein durchsichtige verständliche Standardsprache, nicht nur auf dem Gebiet der Dichtung, sondern auch auf dem der Sachprosa. Von einer „reinen“ Sprache kann nicht die Rede sein. Aber Leibniz' dreifache Forderung, Reichtum in fast jeder Richtung, allgemeine Verständlichkeit, Formbewusstsein, also Stil, scheint erreicht. Der bedeutende Sprachkritiker Carl Gustav Jochmann diagnostiziert freilich im frühen 19. Jahrhundert eine wesentliche Lücke: Es fehlt die Sprache eines politischen Bürgertums.

    8. Es war ein bewusstes, aktives, von vielen Seiten ins Werk gesetztes Tun, das sich in dieser Weise auswirkte.
    Die wichtigsten Gattungen bzw. Werkzeuge waren anscheinend die Übersetzung, wobei England sehr an Bedeutung gewinnt, der Ausbau der Sachprosa und dann die Schöne Literatur.

    9. Etwa 150 Jahre vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die 6oer Jahre des 20. ist unser Land vergleichsweise einsprachig, dominiert das Deutsche in fast allen Sphären.
    Es entsteht eine wissenschaftliche Sachprosa, welche die Öffentlichkeit erreicht, Teil einer Allgemeinbildung wird und in vielen Fällen neben ihrem Sachgehalt den Rang einer eigenen Literatur gewinnt.

    10. Seit fast einem halben Jahrhundert hat eine dritte, eingreifende Sprachberührung begonnen, die mit dem Englischen. Deren langfristige Tiefenwirkung ist wahrscheinlich.
    Uwe Pörksen
    ist emeritierter Professor für Sprache und Ältere Literatur der Universität in Freiburg, wo er heute lebt. Der vorliegende Text erschien erstmals im Jahrbuch 2007 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Wallstein Verlag, Göttingen 2008, S. 121-130

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2009

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