Foto: Kai Wiedenhöfer

    Sprache

    Der Geschmack der Wörter. Was passiert, wenn einer aus seiner Sprache auswandert

    Persischer Laden in Tel Aviv. Photo: Gundula Tegtmeyer Wörter wecken Assoziationen, Gefühle, haben einen Geschmack. Wenn man seine Muttersprache verlässt und in einer anderen schreibt, wird dies besonders deutlich. Der Sprechende fühlt sich wie ein Blinder zwischen zwei Flüssen.

    ‘Ab’, das persische wort für wasser, würde ich heute - nach 40 jahren abwesenheit vom persischen sprachraum - mit zwei a schreiben: ‘aab’. auf das wasser mußte man im iran oft lange warten, und das zweite a sollte die erwartungshaltung der durstenden wiedergeben. denn die sprache ist immer die sprache der durstenden, wenn sie keine folklore sein will. noch immer hat das deutsche wort „durst“ für mich keinen vorgeschmack, keine konsequenz; dazu regnet es zu oft in meinem deutschland. noch bis mitte der sechziger jahre war es nichts außergewöhnliches, wenn ein fremder an die tür klopfte und wasser verlangte. schon aus ehrfurcht vor den eigenen religiösen gefühlen hätte niemand dem fremden diesen wunsch versagt. er bekam das wasser, meist in einer blauen schale, die er wiederum aus ehrfurcht vor dem inhalt beidhändig hielt und an die lippen führte, nachdem er laut der schiitischen märtyrer gedacht hatte. waren doch diese heiligen märtyrer in der wüste von kerbela beinah verdurstet, bevor sie von den apostaten niedergemetzelt wurden.

    wasserhahn und blaue schale

    bis heute assoziiere ich mit dem wort ‘aab’ jene blaue schale und viel weniger den wasserhahn, der am ende einer auf der erde verlegten leitung inmitten der innenhöfe stand, einsam und nackt. das deutsche wort wasser hingegen erweckt in mir das bild eines rostfreien wasserhahns mit mischbatterien, aus dem man zu jeder zeit wie selbstverständlich wasser erhält.

    ‘nan’, das persische wort für brot, hat auch heute - im zeitalter der digitalisierung - seinen archaisch-mystischen wert nicht verloren. noch heute sprechen bauern in ärmlichen gegenden vom brot, wenn sie abendessen meinen. in der zeit meiner kindheit war damit das iranische fladenbrot gemeint: geröstet, dünn und etwa 80 zentimeter lang. das kind kaufte das brot und trug es nach hause, wie eine kladde in der hand. die großmutter bestellte stets ein brot mehr als nötig. wenn das kind vom bäcker zurückkam, mußte es - so war es erzogen worden -, jedem nachbarn und bekannten brot anbieten. es wäre direkt unhöflich, dieses anbieten abzulehnen. der nachbar blieb stehen, brach eine ecke des brotes ab, steckte es in den mund, neigte den kopf und ging weiter. die großmutter schwor auf das brot, auf das verzehrte brot. morgens, wenn das kind in die schule mußte, holte die großmutter das gestrige brot, inzwischen getrocknet, bespritzte es mit wasser, bis es wieder weich wurde, bestrich es mit schafskäse und rollte es zusammen; das kind steckte es in die schultasche neben die schulbücher und kladden. inzwischen kauft das kind in seinem deutschen exil ohnehin nur schwedisches knäckebrot; dieses braucht nicht mehr getrocknet zu werden. es ist immer gebrauchsfertig, wie vieles im norden, und völlig entzaubert.

    wolfgang. in berlin, vor einigen jahren, saß ich im kreis iranischer freunde. ein griechischer freund war auch dabei und seine cousine, nancy, die gerade deutsch lernte. ein deutscher freund trat hinzu und wurde uns beiden, nancy und mir, vorgestellt. als er der jungen griechin die hand reichte und seinen namen nannte, stammelte sie nur: „ wolfgang, ausgang, eingang.“ das laute gelächter der anwesenden irritierte sie noch mehr. mir wäre diese lautmalerische irritation schon nicht mehr passiert. wolfgang ist für mich nur noch ein name und hat keine verwandtschaft mit eingang oder ausgang. ist der berühmte blick des fremden gänzlich verloren gegangen?

    „um zu bleiben / braucht man hier / zwei lungen / für einen atemzug, / einen wurzelstock / für zwei erdklumpen, / zwei schatten / für eine sonne, / einen kuß für zwei hände.“

    das tempo der sprache

    seit jahren bin ich mit der deutschen sprache konfrontiert. seit jenem grauen tag im november 1965 am flughafen frankfurt ist mir das tempo der deutschen sprache in den eiligen schritten der passanten gegenwärtig. doch ich brauchte viele jahre, um zu verstehen, daß das tempo dieser sprache bedeutend langsamer ist als das meiner sprache. noch heute habe ich diesen tempowechsel nicht gänzlich begriffen - nicht wirklich, nicht körperlich - und spreche das deutsche zu schnell, einer vergewaltigung gleich für diese sprache. seit 1975, seit ich meine gedichte auf deutsch schreibe, fühle ich mich als gast und gefangener dieser sprache. gast, weil diese sprache mich aufgenommen hat, so gastlich sie konnte. gefangener, weil sie mir die möglichkeit geschenkt hat, mich auszudrücken: das heißt, meine freiheit zu suchen. seither kann ich die territorien der deutschen sprache nicht verlassen, ohne mich selbst zu verlassen. eine gefangenschaft, die wohl - hoffentlich - bis zum ende meines lebens währt. wie jeder gefangene schiele auch ich gelegentlich durch das gitter der grammatik auf jenes gefilde ohne regel - auf die muttersprache. und auch diese gefangenschaft verändert den blickpunkt und erweitert ihn zugleich. dennoch, der gefangene verliert seine eigene welt, seine alte, nicht; er konserviert sie. und somit wird er zu einem kompositum aus zwei welten, ein weltbürger ohne eigenes fenster: „ein blinder, / zwei flüsse ./ niemand altert / im niemandsland; / hier stirbt man nur. / die gehetzte sprache der verbannten / kennt keinen raum / für proportionen.“

    der gefangene zieht vergleiche zwischen den beiden sprachen beinah zwanghaft - und in solchen momenten haßt er sich selbst. die trennbaren verben - die es im persischen nicht gibt - zwingen den zuhörer, das ende des satzes abzuwarten, um den sinn mitzubekommen. rührt daher die außerhalb deutschlands sprichwörtliche höflichkeit der deutschen? der iraner mischt sich sofort ein, fällt seinem gesprächspartner öfters ins wort. denn die persische grammatik bestimmt den platz des verbums immer an zweiter stelle des satzes, unmittelbar nach dem substantiv. oder hat das verhalten des iranischen zuhörers mehr mit demokratischen gepflogenheiten zu tun, die im iran politisch bedingt nie langfristig zur entfaltung gekommen sind? ich jedenfalls ertappe mich oft dabei, daß ich auf persisch anders denke als auf deutsch. das dialogische denken auf deutsch steht gegen das monologische trachten im persischen. die logik der deutschen sprache gegen die mystik der persischen?

    in der schule haben wir unter prügelstrafe gelernt, nie das wort ich zu gebrauchen, sondern immer nur wir; pluralis modestiae. das deutsche ich hingegen kommt polternd daher und erfüllt den raum.

    das ich des deutschen duzt sein gegenüber selten, und wenn, dann nach exakten regeln. diese regeln deuten nicht nur auf gesellschaftliche konventionen hin; sie verraten auch oft den dünkel, der dahinter verborgen bleiben will. das persische neigt eher zum duzen und erlaubt gar eine zwischenform, irgendwo zwischen du und sie, von der grammatik gerade geduldet, in der gesellschaft weit verbreitet. zugleich erlaubt das persische die form, den gesprächspartner in dritter person singular anzusprechen. eine form, die im deutschen wohl seit der aufklärung verschwunden ist. soll man hier voreilig den viel bemühten schluß ziehen, jenes land und jene sprache, die ich noch als meine bezeichne, haben keine aufklärung durchgemacht? wird dieses vermeintliche defizit der aufklärung nicht aufgewogen durch die iranische mystik? jene bewegung, die ausgehend vom islam, den persönlichen weg zu gott und zu seiner schönheit sucht?

    die wortgrenze der vernunft

    als ich angefangen hatte, meine gedichte auf deutsch zu schreiben, kamen meine landsleute und fragten, warum ich meine gedichte in dieser „häßlichen“ sprache schreibe, und nicht in unserer schönen muttersprache? ich pflegte dann eine platte aufzulegen, gedichte von rilke und mörike, mit der stimme des unvergeßlichen oskar werner. selbst wenn meine gäste kein wort deutsch konnten; sie waren elektrisiert durch die wirkung dieser sprache. woher aber diese blinde liebe für die muttersprache? wer keine andere sprache kann; wie kann er überhaupt behaupten, seine muttersprache sei schön? in einer fremden sprache kann man alles nachholen, bis auf die kindheit, die laute der kindheit, die eine geborgenheit bieten. eine geborgenheit, die für spätere jahre entscheidend sein wird - auch und besonders sprachlich. denn die wortgrenze der vernunft ist bald erreicht in einer fremden sprache. heute noch, wenn man mich unsanft weckt, ist das erste wort, das mein mund entläßt, ein persisches. genauso wie das persische für mich die sprache des flüsterns ist, immer noch, auch wenn meine geliebte deutsche ist und kein wort persisch kann. auch hier ein eingeständnis an die kindheit und an die hingeflüsterte muttersprache.
    das persische schlendert daher, braucht mehr zeit und raum. das deutsche visiert mit dem verb das ziel an. der iraner „trägt hunger“ - in zeiten der not -, der deutsche hungert. das persische ist verschämt und drückt sich oft herum: „sardchane“, eigentlich nur „der kälteraum“ für das direkte, vielleicht zu direkte deutsche wort „leichenhaus“.

    noch heute geht es mir so, daß das persische freier, wilder mit mir umspringt. das deutsche verlangt, auch von seinem gast, eine ordnung, um nicht zu sagen zucht; denn ich muß schon beim ersten satz an die grammatik denken - nicht so wenn ich persisch spreche. das persische ergreift mich; zum deutschen greife ich. jede von diesen sprachen übt ihren zwang auf mich aus. das deutsche gebietet, präzis zu sein und zielstrebig, als hätte es ewig keine zeit. das persische läßt mir auf seinem wege zeit, um bilder einzufangen und sie wiederzugeben, auch wenn sie die prüfung nach unbedingter notwendigkeit nicht überstanden hätten. jede schenkt mir einen anderen freiraum. das deutsche den handlungsraum der verben, das persische den ausgedehnten raum des slangs, des idioms. denn der unterschied zwischen dem bühnenpersisch und dem straßenpersisch ist hundertfach größer als im deutschen.

    in jeder sprache kehrt man heim oder man bewegt sich fort - von zuhause. eines tages würde ich gerne im persischen heimkehren. bis dahin aber bewege ich mich fort, im deutschen. wo aber trägt mich meine gastsprache hin? zu einer staatenunabhängigen, von ihr und mir skizzierten freiheit. diese bewegung und ihr ziel sind meine einzigen besitztümer in der deutschen sprache; und die werde ich verteidigen mit allen mitteln, trotz grammatikalischer und phonetischer klippen.
    SAID,
    geboren 1947 in Teheran, lebt seit 1965 in München und schreibt auf deutsch. Von 2000 – 2002 war er Präsident des Deutschen PEN-Zentrums. Seine letzte Buchveröffentlichung ist die Erzählungssammlung „Der Engel und die Taube“. C. H. Beck Verlag, München 2008

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2009

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