Foto: Kai Wiedenhöfer

    Sprache

    Ein Land, eine Nation, eine Sprache: Indonesisch als kleinster gemeinsame Nenner im größten Inselstaat der Welt

    Wahrsagebuch aus Nordsumatra
    In kaum einem Land der Welt herrscht ein ähnlich komplexes Sprachgewirr wie in Indonesien: Rund 500 Ethnien sprechen in etwa genauso viele verschiedene Sprachen und Dialekte.


    Bei der Staatsgründung Indonesiens nach dem zweiten Weltkrieg war daher die Schaffung einer Nationalsprache oberstes Gebot. Und obwohl „Bahasa Indonesia“ bis heute von viele Bewohnern Indonesiens nur wie eine Fremdsprache gelernt wird, ist es eine Erfolgsgeschichte.

    „Ohne Indonesisch wäre ich in meinem eigenen Land aufgeschmissen. Manchmal verstehe ich schon in der nächsten Stadt die Leute nicht mehr, wenn sie in ihrer lokalen Sprache reden“, sagt Paul Kadarisman. Dabei stammt der 34-jährige Fotograf selbst aus einer multi-ethnischen Familie: Der Vater kommt aus der zentraljavanischen Sultansstadt Surakarta, die Mutter aus Manado, der Hauptstadt Nordsulawesis. Seine Verlobte lebt auf Bali. „Auf Javanisch kann ich mich noch einigermaßen verständigen. Minahasa (die Sprache Manados) verstehe ich nur ein bisschen, Balinesisch kann ich gar nicht. Meine eigene Sprache ist ganz klar Indonesisch.“ Kadarisman selbst ist in der indonesischen Hauptstadt Jakarta groß geworden und spricht den üblichen Slang der Betawi – der so genannten Ureinwohner Batavias, wie die Kapitale unter der holländischen Kolonialherrschaft hieß. Allerdings sind die Betawi kein indigener Stamm, sondern eine Mixtur von Einwanderern verschiedenster Herkunft: Kulis, Händler und Glücksritter aller Art, die über Jahrhunderte von den mehr als 17.000 Inseln des Archipels zusammenströmten, dazu kamen chinesische und malaysische Kaufleute und Matrosen. Die Umgangssprache Jakartas ist daher eine Mischung aus genauso vielen Sprachen wie die Ethnien seiner Einwohner – und repräsentiert somit bestens das moderne Indonesien.

    In kaum einem Land der Welt herrscht ein ähnlich komplexes Sprachgewirr wie in Indonesien: Rund 500 Ethnien sprechen in etwa genauso viele verschiedene Sprachen und Dialekte. Schon zu vorkolonialen Zeiten war daher eine lingua franca nötig, eine gemeinsame Verkehrs- und Handelssprache, damit sich die Volksstämme im Gebiet des heutigen Malaysia und Indonesien untereinander verständigen konnten. Seit dem ersten Jahrhundert nach Christus bereits kommunizierten die Bewohner der vielfältigen Inselwelt auf Malaiisch – der Sprache der Anwohner um die Straße von Malakka, die schon damals einen der wichtigsten Seehandelswege darstellte. Malaiisch war sowohl die Hofsprache des mächtigen Sriwijaya-Königreichs auf Sumatra (9.-13. Jahrhundert) als auch des reichen Sultanats Malakka (14./15. Jahrhundert) im heutigen Malaysia. Dank dieser lingua franca konnten sich die Weltreligionen auch in diesem Teil der Erde effektiv verbreiten: erst der Hinduismus und Buddhismus, dann der Islam und schließlich das Christentum.

    Auch als die Niederländer den Archipel ab dem 17. Jahrhundert nach und nach kolonialisierten, blieb Malaiisch die allgemeine Verständigungssprache. Im Gegensatz zu anderen Kolonialmächten zwang die Vereinigte Ostindische Handelskompanie (VOC) den Einheimischen ihre Sprache nicht auf. Nur wenige höhere Beamte und Intellektuelle lernten niederländisch. „Die Europäer kamen hierher, um Handel zu treiben – also brauchten sie auch eine Sprache für Händler“, erklärt der amerikanische Südostasienwissenschaftler Ron Hatley. „Mit Niederländisch wären sie bei den Inselvölkern nicht sehr weit gekommen – und in eine Feudalsprache wie Javanisch passt nicht auf den Basar. Malaiisch dagegen ist eine sehr egalitäre Sprache.“

    Malaiisch, aus dem sich später Indonesisch und Malaysisch entwickelten, gehört zur austronesischen Sprachfamilie, zu der unter anderem auch die Sprachen Madagaskars (Malagasy), der Philippinen (Tagalog) und der Maori auf Neuseeland gehören. Rund 200 Millionen Menschen sprechen heute weltweit Indonesisch oder Malaysisch – unter anderem auch in Brunei und Singapur, im Süden Thailands und der Philippinen, in Osttimor und auf den australischen Kokos- und Weihnachtsinseln. Damit ist Malaiisch eine der sieben meist gesprochenen Sprachen der Welt. Einige Ausdrücke sind in den globalen Wortschatz übergegangen, zum Beispiel Gong, Orangutan, Sarong, Sago oder Amok. Malaiisch ist keine komplizierte Tonsprache wie etwa Chinesisch oder Thai. Die malaiische Grammatik kennt weder Konjugationen und Deklinationen, noch unterscheidet sie Geschlechter oder verschiedene Höflichkeitsstufen, die – wie etwa im Javanischen – den sozialen Status von Sprecher und Adressat genau abgrenzen. „Malaiisch ist eine sehr direkte Sprache, bei der die Gesprächspartner auf gleicher Augenhöhe stehen“, erklärt Kiswondo, Literatur- und Sozialforscher an der Sanata Dharma Universität im zentraljavanischen Yogyakarta. „Das war sicherlich auch ein Faktor, warum die Unabhängigkeitsbewegung sich für Malaiisch als Nationalsprache entschieden hat. Wichtiger noch war allerdings die Tatsache, dass so keine lokal begrenzte Sprache bevorzugt wurde und alle Volksstämme zumindest sprachlich gleichberechtigt waren.“

    Ein Land, eine Nation, eine Sprache

    Dass das verbindende Element der gemeinsamen Sprache ein entscheidender Faktor für die Einheit des Vielvölkerstaats war und bleiben würde, erkannten bereits die Begründer der indonesischen Unabhängigkeitsbewegung Anfang des vergangenen Jahrhunderts: Am 28. Oktober 1928 trafen sich im Indonesischen Clubhaus des damaligen Batavia mehr als 70 junge Nationalisten aus dem ganzen Archipel, um den Grundstein für ein unabhängiges Indonesien zu legen. Satu Nusa, satu bangsa, satu bahasa – ein Land, eine Nation, eine Sprache – lautet die Kurzform ihres so genannten Jugendschwurs (Sumpah Pemuda), den bis heute jedes indonesische Schulkind von der ersten Klasse an lernen muss. Zum ersten Mal ersetzte damals der Begriff Bahasa Indonesia (indonesische Sprache) offiziell den Begriff Bahasa Melayu (malaiische Sprache). Der vom englischen Ethnologen George Earl erfundene Name „Indonesien“ – zusammengesetzt aus dem lateinischen Wort Indus (Indien) und dem griechischen Wort nesos (Inseln) – wurde zwei Jahre zuvor bei einem internationalen Friedenskongress in Paris zum ersten Mal offiziell als geopolitische Bezeichnung für das heutige Staatsgebiet verwendet. Seit der Unabhängigkeitserklärung vom 17. August 1945 heißt das Land Republik Indonesien mit Indonesisch als Landessprache.

    Politiker und Wissenschaftler in aller Welt haben diese Wahl seither als sehr klug und voraussichtig gepriesen: Keine andere ehemalige Kolonie hat es geschafft, Verwaltung und Bildungswesen sowie das nationale Bewusstsein so effektiv auf eine nicht-koloniale Sprache umzustellen. „Wenn man bedenkt, dass fast die Hälfte aller Indonesier Javaner sind und auch die Mehrheit der Unabhängigkeitskämpfer aus Java stammte, ist es tatsächlich bemerkenswert, wie selbstverständlich Malaiisch – trotz aller genannten Vorteile – als Nationalsprache angenommen wurde“, sagt Kiswondo. Der Literaturwissenschaftler weist aber auch darauf hin, dass seit der Ära Suhartos eine sehr starke Javanisierung der indonesischen Sprache stattgefunden hat: Das streng hierarchische Regime des ehemaligen Präsidenten griff nicht nur verstärkt auf die sozial abgrenzenden Anredeformen des Javanischen zurück, sondern führte auch Begriffe zur Unterscheidung der Geschlechter ein.

    Als grenzübergreifende Verkehrssprache war das Malaiische seit jeher zahlreichen Einflüssen ausgesetzt. Die ältesten Überlieferungen zeugen davon, dass Sanskrit die damalige Sprache stark geprägt hat – Worte wie guru (Lehrer) oder sastra (Literatur) zeugen bis heute davon. Ab dem 13. Jahrhundert sind vorwiegend arabische Einflüsse zu erkennen (etwa hakim = Richter oder nikah = heiraten). Während die ersten schriftlichen Zeugnisse des Altmalaiischen aus dem siebten Jahrhundert noch in Sanskrit-Zeichen geschrieben sind, wurde ab dem 14. Jahrhundert fast ausschließlich die arabische Schrift verwendet. Mit den Kolonialmächten mischten sich in den folgenden Jahrhunderten immer mehr europäische Einflüsse hinein. Vom Osten des heutigen Indonesiens drangen zunächst die Portugiesen auch in sprachliche Sphären ein und hinterließen Begriffe wie gereja (Kirche) oder mentega (Butter). Später kämpften dann Engländer und Niederländer um die Vorherrschaft über die Inselwelt, die vor allem wegen der dort wachsenden Gewürze so begehrt war.

    Zu jener Zeit begann das Malaiische, sich in zwei verschiedene Richtungen zu entwickeln. Im heutigen Malaysia führten die Briten Englisch als Kolonialsprache ein. Die als altmodisch angesehene Bahasa Melayu verarmte regelrecht. Erst nach der Unabhängigkeit Malaysias 1957 wurde sie neben Englisch wieder zur Nationalsprache – angereichert mit Tausenden von Neologismen. Seit 1969 heißt sie Bahasa Malaysia (malaysische Sprache). Im Gebiet des heutigen Indonesien dagegen blieb Malaiisch immer die wichtigste Verkehrssprache, mischte sich aber zunehmend mit holländischen Ausdrücken (zum Beispiel kantor = Büro oder handuk = Handtuch) und Worten aus lokalen Sprachen. Vor allem Dinge, die erst von den Kolonialherren eingeführt wurden – zum Beispiel technische Neuerungen wie Autos, Züge oder elektrische Gegenstände – erhielten aus dem Niederländischen (in Malaysia aus dem Englischen) entlehnte Bezeichungen. So heißt etwa der Auspuff auf Indonesisch knalpot, auf Malaysisch paip ekzos (von exhaust pipe). Im Laufe der Zeit haben sich Malaysisch und Indonesisch so weit voneinander entfernt, dass sie mittlerweile als zwei eigene Sprachen gelten. Die Unterschiede finden sich aber vor allem in der Umgangssprache: Wenn sich beide Seiten um ein hohes Sprachniveau bemühen, können sie sich immer noch gut miteinander verständigen.

    Lateinische statt arabische Schrift

    Im Gegensatz zu Malaysia, wo das Malaiische bis nach dem Zweiten Weltkrieg in arabischen Schriftzeichen geschrieben wurde, führten die Niederländer in ihrem Hoheitsgebiet 1901 die lateinische Schrift ein. Zu diesem Zweck entwickelte der Orientalist Charles Adriaan van Ophuysen ein Rechtschreibungssystem für eine Hochsprache, die er alten Schriften aus Riau entnahm – dem so genannten Herzland des Malaiischen. Sieben Jahre später gründeten die Niederländer den Verlag Commissie voor de Volkslectuur (Kommission für Volkslektüre), der 1917 in Balai Pustaka (Literaturhaus) umbenannt wurde. „Die Kolonialherren wollten sicherstellen, dass Bücher nach ihrem Geschmack veröffentlicht wurden und sie somit unterschwellig ihre politischen Botschaften verbreiten konnten“, erklärt die deutsche Indonesienwissenschaftlerin Katrin Bandel. „Das Ironische daran ist, dass die damals entstandenen Kolonialromane bis heute als Anfänge der modernen indonesischen Literatur gelten.“ Wer sich nicht an die standardisierte Kolonialsprache hielt, war automatisch aus dem staatlichen Publikationssystem ausgeschlossen – dies galt vor allem für islamische und chinesische Schriftsteller. Der chinesisch-stämmige Autor Kwee Tek Hoay zum Beispiel vertrat die Auffassung, dass die geschriebene der gesprochenen Sprache entsprechen müsse und orientierte sich daher beim Schreiben an der Umgangssprache seiner Umgebung. Seine Bücher wurden daher wie alle sino-malaiischen Werke, die nicht der Standardsprache entsprachen, als Minderheitenliteratur an den Rand verdrängt.

    Die neue Hochsprache setzte sich zunächst vor allem schriftlich und als Verwaltungssprache durch. Nach kleinen Änderungen im Jahr 1947, gab es 1972 eine bis heute geltende Rechtschreibereform, bei der die Schreibweisen der Bahasa Malaysia und der Bahasa Indonesia aneinander angepasst wurden. Heute ist Indonesisch die Sprache der Medien, des modernen Theaters, Kinos oder auch poetischer Vorträge. Bahasa Indonesia ist heute im ganzen Land die einzige offiziell anerkannte Verwaltungssprache, in den Schulen wird ausschließlich auf Indonesisch unterrichtet. Dennoch ist es für die meisten Indonesier erst die zweite oder dritte Sprache: 80 Prozent der Bevölkerung lernen zuerst ihre lokale Muttersprache. Kinder aus gemischt-ethnischen Beziehungen sprechen häufig schon zwei Sprachen, bevor sie in der Schule auf Indonesisch umstellen müssen. „Meine Eltern stammen aus Zentraljava, wir haben uns zu Hause also immer auf Javanisch unterhalten. Aufgewachsen bin ich aber im Westen Javas, wo Sundanesisch gesprochen wird. Indonesisch habe ich erst als dritte Sprache in der Schule richtig gelernt“, erzählt die Journalistin Fitriani Dwi Kurniasih. „Heute allerdings beherrsche ich Indonesisch am besten, denn nur in dieser Sprache kann ich schreiben.“ Die wenigsten Javaner beherrschen die Schrift ihrer Muttersprache, vor allem wenn es sich wie beim Javanischen oder Balinesischen um Sanskrit-Zeichen handelt. Nur noch an einigen Orten sind diese alten Schriften überhaupt noch öffentlich in Gebrauch – wie etwa auf Straßenschildern in den alten Sultansstädten Surakarta und Yogyakarta. In der Regel werden die lokalen Sprachen samt Schriften nur in den ersten beiden Grundschulklassen als eigenes Schulfach unterrichtet und das auch nur einmal die Woche.

    „Die lokalen Sprachen werden immer mehr aus dem Alltag verschwinden, viele beherrschen schon heute nur noch einfache mündliche Ausdrucksweisen“, sagt I Dewa Putu Wijana, Leiter der sprachwissenschaftlichen Abteilung an der renommierten Gadjah Mada Universität in Yogyakarta. „Vielleicht sollte die Regierung die lokalen Sprachen wieder mehr auf den Bildungsplan setzen. Ansonsten werden diese Sprachen bald nur noch in traditionellen Künsten wie dem Schattenpuppenspiel oder in abgelegenen, dörflichen Gegenden eine Rolle spielen.“ Kinder in Großstädten wachsen inzwischen zunehmend mit Indonesisch als erster Sprache auf. Die Jugendlichen hier entwickeln häufig einen Slang, in dem sich Indonesisch mit der jeweils lokal vorherrschenden Sprache sowie mit globalen – vor allem englischen – Einflüssen vermischt (zum Beispiel ngechat = chatten oder klabing = clubbing). „Kaum eine andere Sprache saugt so viele fremde Begriffe in sich auf wie Indonesisch. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es ursprünglich eine Handelssprache war, die sich immer wieder neuen Umständen anpassen musste“, erklärt Linguistik-Professor Putu Wijana. „Das ist aber grundsätzlich nichts Schlechtes, sondern eine normale Entwicklung, die überall auf der Welt stattfindet.“

    Von allem ein bißchen

    Für das Alltagsindonesisch in Jakarta bedeutet dies: von allem ein bisschen. Der eher derbe Hauptstadt-Slang mischt Begriffe aus diversen einheimischen Sprachen mit Worten aus dem Englischen und Französischen, dem Arabischen oder Chinesischen. Diese Bahasa Prokem (Umgangssprache) kennt nur noch wenige grammatische Regeln und verschluckt oder verwandelt die im Indonesischen so wichtigen Vor- und Nachsilben, bis sie für Uneingeweihte nicht mehr zu erkennen sind. Aufgrund der großen Medienkonzentration in Jakarta verbreitet sich dieser Metropolen-Slang via Popmusik, Seifenopern und Kinofilme mittlerweile im ganzen Land. Die gesellschaftliche Oberschicht dagegen setzt sich sprachlich gern ab, indem sie in jeden Satz mindestens ein paar englische Redewendungen mischt.

    Durch dieses Sprachengewirr entstehen bei vielen Jugendlichen natürlich Identitätskonflikte. „Wir haben früher zu Hause immer Indonesisch gesprochen, obwohl wir eigentlich eine Batak-Familie sind. Die Batak-Sprache gilt als ordinär, während Indonesisch für Nationalismus steht – und mein Vater war beim Militär“, erzählt der Schriftsteller Saut Situmorang, der in Medan, der Provinzhauptstadt von Nordsumatra, aufwuchs. „Folglich kann ich nur ein paar Brocken Batak. Wenn wir in das Heimatdorf unserer Familie fuhren, wurde ich immer als arrogant angesehen, weil ich mich besser auf Indonesisch als in meiner vermeintlichen Muttersprache ausdrücken konnte.“

    Doch obwohl sich die Bewohner einiger Provinzen zunächst mit ihrer ethnischen Herkunft und erst in zweiter Linie als Indonesier identifizieren, kommt heute wohl kein Volksstamm mehr ohne Indonesisch aus. „Auf den kleinen Inseln im Osten des Landes spricht jeder vom Kleinkind bis zur Großmutter Indonesisch. Ohne die gemeinsame Sprache könnte kaum jemand auch nur die Nachbarn hinter der nächsten Bergkette verstehen“, erklärt Sozialforscher Kiswondo. Das Beispiel Osttimors hat gezeigt, wie schwer es ist, sich einer lingua franca zu entledigen: Nachdem die Inselhälfte 1999 in einem von den Vereinten Nationen unterstützten Referendum die Unabhängigkeit erlangt hatte, erklärte die neue Regierung Portugiesisch und das lokale Tetum zu den Landessprachen, die Sprache der verhassten Besatzer galt nur noch als „Arbeitssprache“. 24 Jahre indonesische Herrschaft hatten jedoch dazu geführt, dass die jüngeren Generationen als Schriftsprache vor allem Indonesisch und kaum noch ein Wort der früheren Kolonialsprache Portugiesisch beherrschten. Zudem ist die kleine Inselrepublik wirtschaftlich abhängig von ihren großen Nachbarn Australien und Indonesien und kann eine offizielle Kommunikation auf Indonesisch und Englisch kaum vermeiden. Inzwischen wird überlegt, Indonesisch auch offiziell wieder einzuführen.

    Südostasien-Experte Ron Hatley machte ähnliche Erfahrungen bei Nachforschungen zu anderen Landesteilen Indonesiens, die nach Unabhängigkeit streben: „Als ich Studenten aus Papua fragte, was sie denn als ihre Landessprache ansehen, antworteten sie: Die Sprache, mit der sie aufgewachsen sind und sich in ganz Papua verständigen könnten – also Indonesisch. Sie würden es allerdings Bahasa Papua nennen.“ So schwierig es ist, die vielen verschiedenen Völker und Kulturen Indonesiens in einer Republik zu vereinen, so klar scheinen sie zumindest ein gemeinsames Merkmal zu teilen: die indonesische Sprache. „Ohne eine gemeinsame Form der Kommunikation wäre es unmöglich, dieses Land als Nation zusammenzuhalten“, meint Fotograf Paul Kadarisman. „Inzwischen kann ich mich fast auf jeder noch so kleinen Insel verständigen. In diesem Sinne muss man Indonesisch wohl als äußerst erfolgreiche Sprache bezeichnen.“
    Christina Schott
    ist Reporterin mit Sitz in Jakarta und die Indonesien-Korrespondentin von Art&Thought.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2009

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