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    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Farbenpracht und iranische Identität

    Lesender junger Mann, Isfahan 1625 Auf einen chinesischen und einen römischen Herrscher folgt im Reigen der Londoner „Kaiser-Ausstellungen“ jetzt Abbas I. Abbas' Herrschaft von 1587 bis 1629 soll Besuchern der Schau zum Verstehen des modernen Iran ein Schlüssel sein.

    Abbas I. stammte aus der persischen Dynastie der Safawiden und kam an die Macht, nachdem er seinen Vater in einer Palastrevolution gestürzt hatte. Auf den Sechzehnjährigen wartete eine harte Bewährungsprobe: Im Westen des Reiches waren die Osmanen eingedrungen und im Osten die Usbeken – während europäische Mächte wie Portugal ein Auge auf die Golfküste hatten. Doch er – auch Abbas der Grosse genannt – stellte in erfolgreichen Feldzügen den territorialen Bestand dieses Reiches wieder her. Nicht umsonst wird jetzt dieser Herrscher vom British Museum als ein früher Gestalter des modernen Iran präsentiert. Durch den Bau von Strassen, Brücken und Karawansereien schuf Abbas die Voraussetzung für eine starke Zentralverwaltung, und nachdem er die Hauptstadt von Qazvin nach Isfahan verlegt hatte, verstand er es, mit grossartigen Bauten und dem Fördern von Künstlern wie dem Kalligrafen Ali Riza Abbasi im Volk das Empfinden von einer nationalen Identität zu wecken. Wohlgemerkt, zur Schlüsselkomponente dieser Identität erhob Abbas den schiitischen Islam (Zwölfer-Schia), für die Safawiden schon seit 1501 die „Staatsreligion“.

    Die halbe Welt

    Diese Story der Verwandlung eines Landes unter seinem Herrscher erzählt das British Museum mittels Textilien, Metallarbeiten, Keramik und illuminierten Handschriften. Teils sind es Leihgaben, teils kommen sie aus der eigenen Sammlung – und oft sind diese Objekte solchen verwandt, die Schah Abbas den religiösen Stätten als Schenkung übermachte. Denkt man im Vergleich an Kaiserbüsten aus der kürzlichen Hadrian-Ausstellung, fehlt einzig einer: Abbas der Grosse. Freilich, öffentliche Bildnisse – sogar auf Münzen – liess Abbas' Religion nicht zu. Nur auf einigen wenigen privaten und kleinen Darstellungen erscheint er. Also lebt sein Andenken fort in dem, was er zustande brachte. Es war viel – wie allein das Beispiel Isfahan verdeutlicht. Mit den Bauten, die Abbas hier in Auftrag gab, erfüllte sich das alte persische Sprichwort Isfahan nesf-é jahan: Dem Volk, und auf der Dachterrasse des Ali-Qapu-Palasts wohl manchem fremdländischen Gast des Schahs, erschien Isfahan als die halbe Welt. Lässt der frühere Safawiden-Stil eine gewisse künstlerische Stagnation erkennen, zeugen unter Abbas auch Ziermotive auf Wandgemälden und -fliesen von einer neuen Vitalität.

    Über die Hälfte des Katalogs zu der Londoner Ausstellung gilt den Heiligtümern von Ardebil, Mashhad und Qum. Abbas hätte es wohl so gewollt. Nicht nur schenkte er Ardebil seine chinesische Porzellansammlung (über 1000 Stücke) und demonstrierte so gleichzeitig seinen Reichtum und seine Frömmigkeit: Er, der Mashhad 1598 den Usbeken abgerungen hatte, unternahm drei Jahre später eine Pilgerreise dorthin – etwa 1000 Kilometer – zu Fuss. Einige der schönsten Manuskripte in der Sammlung von Mashhad waren eine Schenkung Abbas'. Indem er so den in Mashhad ruhenden und als Märtyrer geltenden Imam Reza zu einer Art von Schutzheiligem erkor, wusste Abbas die schiitischen Kleriker hinter sich zu scharen. Was den Schrein von Qum betrifft, verhalfen diesem die Safawiden und Abbas zum Ruf eines Zentrums der Gelehrtheit. Zwischen Isfahan und Teheran gelegen, wurde Qum zu einer Brücke von der alten Hauptstadt der Safawiden zu derjenigen der Qajar- und Pahlavi-Dynastien sowie der Islamischen Republik.

    Prominenter Platz

    Zugegeben, Abbas I. war ein paranoider Autokrat – aus Angst, dasselbe Schicksal wie sein Vater zu erleiden, liess er von seinen Söhnen zwei blenden und den ältesten töten. Die Iraner aber mit ihrer langen Geschichte sowohl der Konflikte als auch des Handels mit anderen Reichen, sei es mit den Osmanen im Westen, den Moguln und Briten in Indien oder den Russen im Norden, danken diesem Herrscher die tief verwurzelte Überzeugung, in der Welt einen prominenten Platz einzunehmen. Wie schon vor vier Jahren mit der Ausstellung „Forgotten Empire“ hat jetzt das British Museum das historische und kulturelle iranische Erbe einmal mehr aus jenem diplomatischen Gefrierfach hervorgeholt, das ihm seit der Revolution unter Khomeiny zugewiesen schien. In einer Zeit, die andere Arten der Kommunikation immer wieder scheitern sah, ist ein solcher Versuch des Verstehenwollens nur zu begrüssen. Wohl gibt die Ausstellung einem mehr an figürliche Kunst als an Ornamente gewöhnten Publikum auch Rätsel auf. Doch das Auge erfreut sich daran – so eben wie beim Betrachten des farbenprächtigen Labyrinths auf einem Perserteppich.
    Georges Waser
    ist England-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung. Zuerst Publiziert in Neue Zürcher Zeitung am 10.3.2009.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2009

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