Foto: Kai Wiedenhöfer

    Sharia, Recht und Gesetz

    Muslime und Rechtsstaat – Aufgabe, Probleme, Herausforderungen

    Aus dem Buch Iranian Photography Now, Verlag Hatje Cantz 2008Viele nicht-Muslime haben eine irreführende Vorstellung von dem, was die Scharia ist. In der islamischen Welt wird die Scharia als die Gesamtheit der arabischen Normen verstanden, sowohl die religiösen im eigentlich Sinn wie auch die rechtlichen, und dieses Gesamtsystem wird mit Gerechtigkeit assoziiert. Die Frage lautet jedoch: Wer kontrolliert die Interpretation der Scharia? Genau hier beginnt der Streit auch unter Muslimen.

    Herr Rohe, wenn Nicht-Muslime in Deutschland das Wort Scharia hören, denken sie an religiöse Tyrannei. Viele Menschen in der arabischen Welt hingegen verknüpfen mit der Scharia die Hoffnung auf Gerechtigkeit. Wieso dieser Gegensatz?

    Das hängt am unterschiedlichen Verständnis dessen, was Scharia bedeutet. Viele Nicht-Muslime verstehen die Scharia sehr eng und reduzieren sie auf Vorschriften des Familien- und Erbrechts und dieses drakonische Strafrecht mit Körperstrafen. In diesen Bereichen gibt es viele menschenrechtswidrige Aspekte wie Ungleichbehandlung der Geschlechter und Ungleichbehandlung der Religionen. Im arabischen Raum wird die Scharia hingegen weit verstanden, als die Gesamtheit aller Normen des Islam – religiöse Normen, rechtliche Normen – und dieses System wird insgesamt als gerecht empfunden. Das hat etwas mit der historischen Entwicklung zu tun. Diese Region ist nicht gerade privilegiert worden was Freiheit im Staat angeht. Etwa seit dem 10. Jahrhundert wird versucht, Gerechtigkeit auf den Prinzipien der Scharia aufzubauen, gegen einen ungerechten Herrscher, den man in aller Regel hatte. Die Scharia rettet einen also vor Unterdrückung, wenn man sie ernst nimmt. Daran knüpfen heute zum Beispiel die Islamisten in positiver Hinsicht an.

    Ist das in der heutigen Zeit realistisch, oder ist das Propaganda?

    Im Wesentlichen ist das Propaganda. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass die Islamisten selber glauben, was sie da sagen. Ihre Kritik an den autoritären Regimen ist ja berechtigt, das ist ihr Kapital. Nur: Sie haben überhaupt keine Lösungen parat. Letztlich flüchten sie sich in Vorstellungen von irgendeinem Idealzustand, den es so nie gegeben hat, und ich fürchte, letztlich wird die Scharia sehr oft dazu benutzt, um den eigenen Machtanspruch zu untermauern. Der springende Punkt ist ja: Die Scharia ist ein vielgestaltiges Gebäude, mehr ein System, wie man Normen herausfindet und interpretiert. Es ist das Gegenteil eines Gesetzbuches. Die Frage ist dann: Wer hat eigentlich die Herrschaft über die Interpretation? Und genau darüber wird gestritten. Es gibt eine lange kontinuierliche Entwicklung in der islamischen Geschichte, die dem jeweiligen Herrscher die Definitionsmacht zuweist. Das kann im Übrigen auch ein Parlament sein! Wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, kann der Herrscher die Interpretation bestimmen. Nun kommen die Muslim-brüder und sagen, wir wollen das selbst tun und stellen damit die Machtfrage. Sie können auf der Grundlage der Scharia zu einer Interpretation kommen, die zur Gleichbehandlung der Geschlechter oder zu krasser Ungleichbehandlung führt. Deswegen ist für mich vor allem interessant: Wer ist es konkret, der die Scharia im Munde führt und umsetzen will? Und da sieht es einigermaßen trist aus in der islamischen Welt. Denn überall dort, wo diese Leute stärker werden und der Staat Kompromisse eingeht, weil er sagt, wenn die der Gewalt abschwören, holen wir sie ins Boot, da geht es sofort gegen Frauen und sofort gegen religiöse Minderheiten. Das kann man in Ägypten, das kann man in Tunesien beobachten. Die versuchen, die Gesellschaft von innen in ihrem Sinne zu verändern. Reform heißt dann: Frau raus aus der Öffentlichkeit und unters Kopftuch mit ihr!

    In der ägyptischen Verfassung gilt die Scharia seit 1980 ja auch als die Hauptquelle der Rechtssprechung. Wie hat sich das konkret ausgewirkt?

    Es hat zu einer Veränderung der gesetzlichen Praxis geführt. Unter Anwar Sadat gab es eine liberale Familiengesetzgebung, die die Rechte der Frauen in der Ehe deutlich verbesserte. Aufgrund der Verfassungsänderung 1980 hat das Verfassungsgericht 1985 dieses Gesetz für verfassungswidrig erklärt. Trotzdem scheint mir die hohe Richterschaft in Ägypten eher noch liberal zu sein, sie hat viele andere Freiheiten verteidigt. Aber ich sehe mit einiger Sorge, dass das, was nachwächst, sehr stark von islamistischem Gedankengut beeinflusst ist. Wir haben mittlerweile in der Anwaltskammer und anderen wichtigen Institutionen islamistische Mehrheiten. Und ich habe selber schon Diskussionen unter Juristen erlebt, wo Professoren sagten, wenn ihr der und der Reform folgt, dann seid ihr Apostaten. Ich habe dann noch nachgefragt, ob er das wirklich so meint, mit allen Konsequenzen, dann sagte er: Ja! Damit ist jede Diskussion natürlich zu Ende, es traut sich keiner mehr etwas zu sagen. Und damit sind wir bei dem beklagenswerten Zustand, dass man in vielen Teilen der islamischen Welt nicht mehr unbefangen irgendwelche Reformdebatten führen können.

    Worum ging es bei der Frage konkret?

    Das war eine Veranstaltung in Deutschland mit ägyptischen Juristen. Es ging ums Erbrecht. Ich habe dort die Auffassung eines zeitgenössischen muslimischen Juristen im Westen wiedergegeben, der gesagt hat, die Ungleichbehandlung von Muslimen im Erbrecht – Männer bekommen das Doppelte – hängt damit zusammen, dass nur Männer unterhaltspflichtig sind. Wenn man aber zum Beispiel im Westen lebt und die Unterhaltspflicht alle trifft – geschlechtsneutral, wer etwas hat, muss dem anderen etwas geben –, dann entfällt die Grundlage für diese Ungleichbehandlung, so dass die islamische Lösung wäre: gleiche Erbteile für beide Geschlechter. Daraufhin sagte der ägyptische Kollege: Wer so etwas sagt und propagiert ist Apostat. Ein Fall direkt aus Ägypten ist Nasr Hamid Abu Zaid mit seiner neuen Herangehensweise der Koraninterpretation. Er wurde deswegen ja zwangsgeschieden. Das Urteil wurde von allen Instanzen bestätigt, und wie man hört, war der Oberste Richter, der das Urteil letztlich bestätigt hat, früher ein Liberaler. Er hat dann einige Zeit in Saudi-Arabien gelebt und manche vermuten, dass es dort eine Art Gehirnwäsche gegeben hat und er jedenfalls mit einer Haltung zurückgekommen ist, die manche als extremistisch bezeichnen.

    Findet in Ägypten in Bezug auf die Richterschaft also ein Marsch der Islamisten durch die Institutionen statt?

    Das ist zu befürchten. Ich kann nichts quantifizieren, aber das ist mein Eindruck. Mein letztes Beispiel: Vergangenes Jahr war ich in Ägypten. Da gab es gerade eine große rechtspolitische Debatte um die Frage, wie geht man mit Christen um, die zum Islam konvertiert sind und dann wieder rekonvertieren. Da hat sich immerhin der Leiter einer Azhar-Abteilung nicht entblödet zu sagen, das sind Apostaten, die entsprechend behandelt werden müssten – obwohl diese alten Apostasievorschriften in Ägypten selbstverständlich nicht gelten! Der wurde dann auch zurückgepfiffen. Aber es gab eine ernsthafte Debatte, ob man die nicht der Strafe der Apostasie unterziehen sollte, völlig losgelöst von der geltenden ägyptischen Rechtslage. Und das beobachte ich des Öfteren. Schauen Sie sich die neue ägyptische Rechtsliteratur an, da heißt es häufig: Das geschriebene Gesetz ist so und so, nach islamischem Verständnis ist das aber so und so. Das hat es früher nicht gegeben, da wird eine geistige Parallelstruktur aufgebaut, so dass die Leute unsicherer werden und sich fragen: Was gilt denn hier nun eigentlich? Das ist das Resultat der Verfassungsänderung 1980, als die Scharia zur Hauptquelle der Rechtssprechung erklärt wurde.

    Gibt es in anderen Ländern ähnliche Entwicklungen?

    Was auffällig ist: Alle Staaten, die versuchen, die gemäßigten Islamisten ins Boot zu holen, machen ihre Konzessionen in den Scharia-Hardcore-Bereichen, nämlich Familien- und Erbrecht. Das geht wie gesagt auf Kosten der Frauen und religiösen Minderheiten. Beispiel Tunesien: Eine Ehe zwischen einer Muslimin und einem Nicht-Muslimen ist nach klassischem Recht verboten, so auch in Tunesien. Aber: Bis 1998 haben die tunesischen Standesämter einfach nicht nach der Religionszugehörigkeit gefragt. Also konnte man die Ehen schließen, man wusste dann einfach nicht, welcher Religion die Ehepartner angehörten. Das ist die typisch pragmatische orientalische Lösung. Seit 1998 ist Schluss damit. Überall dort, wo sich der Traditionalismus mit den Islamisten verbindet, ist das der Preis, der bezahlt werden muss.

    Wer also im Westen verlangt, die nahöstlichen Regime sollen die gewaltlosen Islamisten einbinden, muss sich über diese Konsequenz im Klaren sein?

    Das ist das Afghanistan-Prinzip: Man will Ruhe im Karton und versucht, diejenigen zu gewinnen, die keine Gewalt mehr anwenden, aber dann lässt man eben die Mohnbauern Mohnbauern sein. Das ist alles andere als unbedenklich. Die Versuche, ehemalige Extremisten wieder einzubinden, sind unter sicherheitspolitischen Aspekten aus westlicher Perspektive sicher ein Gewinn. Wir müssen dann weniger Angst vor Bomben haben. Aber wie gesagt, es ist ein hoher gesellschaftlicher Preis in den islamischen Ländern zu zahlen.

    Was ist die Alternative? Sollte man Diktaturen unterstützen, die die Islamisten unterdrücken?

    Keinesfalls. Wir kennen in Deutschland aus guten Gründen den Satz: Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit. Allerdings darf man nicht sofort alle zu Feinden der Freiheit erklären, die einem nicht in den Kram passen. Das ist das Usbekistan-Prinzip: Da wird eine wüste Diktatur aus sicherheitspolitischen Gründen gestützt, man lässt ihr freie Hand und sie definiert alles, was dieses korrupte Regime kritisiert, als islamistisch oder sonst irgendwas und foltert sie und steckt sie in Gefängnisse. Das ist alles unendlich schwierig in der Praxis. Häufig muss man zwischen mehreren Übeln abwägen. Man sollte aber nicht allzu glücklich sein über die einmal gefundene Lösung, wenn sie mit erheblichen Nachteilen verbunden ist. Vielleicht muss man, um Schlimmstes zu verhüten, an einer Stelle mal eine Konzession machen, aber das sollte möglichst kein Dauerzustand werden. Man sollte vielmehr diejenigen stärken, die sich für wirkliche Demokratie einsetzen.

    Sind die orthodoxen Kräfte auch außerhalb der arabischen Welt auf dem Vormarsch?

    Insgesamt sieht es wüst aus, ja. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass sich traditionalistische Vorstellungen durchsetzen. Es gibt ein breiter angelegtes Dilemma, was das islamische Recht angeht, nämlich das Personal. Wir müssen nüchtern feststellen: Überlegungen darüber, wie Recht immer wieder Frieden in der Gesellschaft schaffen kann, setzt kluge Köpfe voraus. Aber wer beschäftigt sich in dieser Region mit Jurisprudenz? Da gibt es ein paar, die wirklich ein großes Interesse haben, aber in aller Regel sind es die, bei denen der Bildungsabschluss nicht reicht für Technik, Medizin, Ingenieurswissenschaft und ähnlich attraktive Dinge. Mit Juristerei verdienen sie ja fast nichts, die kriegen, wenn es gut geht, das untere Mittelmaß oder noch weniger, und da darf man auch nicht viel Innovation erwarten. Und die klugen Köpfe siedeln sich mittlerweile vor allen Dingen in westlichen Ländern an. Erstens geraten sie unter massiven Druck, wenn sie ihre Ideen im einheimischen gesellschaftlichen Kontext formulieren wollen, zweitens haben sie keine Entwicklungschancen dort. Interessantes, zeitzugewandtes muslimisches Denken findet deswegen im Moment vor allem im Westen statt.

    Welchen muslimischen Intellektuellen im Westen finden Sie derzeit am interessantesten?

    Den Sudanesen Abdullahi an-Naim. Er lehrt in den USA und hat im April 2008 das Buch Islam in the Secular State veröffentlicht. Das ist sehr lesenswert. An-Naim ist Jurist, er setzt sich konkret mit der traditionellen Auslegung des Rechts auseinander und gibt vergleichsweise konkrete Antworten. Er sagt, dass der Islam ohne Säkularität seinen Geist verliert. Das ist eine interessante Aussage. Er versucht, die spirituelle Essenz des Islams gegen diese weltlichen Machtansprüche zu retten. Religion lässt sich seiner Meinung nach nicht erzwingen. Man kann zwar versuchen, ein religiös begründetes Zwangssystem zu errichten, aber damit schadet man nicht nur den Menschen, sondern auch der Religion selbst. Wir sehen es ja deutlich im Iran, wo die jüngere Generation sich von der Religion abwendet, weil sie erleben muss, dass selbst ernannte Vollstrecker des göttlichen Willens sich alles unter den Nagel reißen. Das bewirkt letztlich, dass der liebe Gott dafür verant-wortlich gemacht wird, wenn die Wasserversorgung nicht funktioniert. Wenn Religion zu so kleiner Münze wird, verlieren im Zweifel alle Beteiligten.

    Wird an-Naim in der arabischen Welt wahrgenommen?

    Nein, praktisch nicht. Der gilt als Apostat. Insgesamt muss man feststellen, dass die Debatten im Westen weitgehend losgelöst geführt werden von der islamischen Welt. Wer vielleicht eher zur Kenntnis genommen wird ist jemand wie Mohammad Hashim Kamali, ein Afghane, der in Kuala Lumpur lehrt. Malaysia ist in dieser Hinsicht ein interessantes Terrain. Hashim Kamali ist traditionell ausgebildeter Jurist, er hat interessante Bücher zur Meinungsfreiheit im Islam geschrieben. Es ist auffällig, dass diejenigen, die noch einen Argumentationskontakt mit den Traditionalisten pflegen, am ehesten Chancen haben, akzeptiert zu werden. Wer ganz weit geht, wer nur noch in die neue Grundlageninterpretation reingeht, der ist ganz schnell raus aus dem Mainstream-Diskurs.

    Malaysia ist ein weitgehend islamisches Land. Lässt sich dort kontroverser diskutieren als zum Beispiel in Ägypten?

    Ja, je weiter man vom arabischen Kernraum wegkommt, desto interessanter werden die Debatten. Malaysia war in den 1990er Jahren höchst interessant, aber auch da ist ein gewisser Rollback zu verzeichnen. Ich bin selbst dort gewesen, da gibt es eine große Islamische Universität in Petaling Jaya, und ich habe mit einigen Lehrenden gesprochen, die sich sehr darüber beklagt haben, dass sich der Wahhabismus bei ihnen ausbreitet. Saudi-Arabien – eher Organisationen als der Staat selbst – pumpen einen Haufen Geld hinein, um den Islam dort in ihrem Sinne umzudrehen. Das höre ich nicht nur aus Malaysia, sondern auch aus Kanada, aus Bosnien, aus verschiedensten Teilen der Welt. Vom Golf, insbesondere von Saudi-Arabien, werden massive Kräfte aufgewendet, um Reformüberlegungen auszubremsen. Leider mit einigem Erfolg.

    Liegt es also hauptsächlich an Saudi-Arabien, dass die Debatten in der islamischen Welt stagnieren?

    Nein, nicht nur. Es gibt einfach keine öffentliche Atmosphäre, die einen wirklichen Diskurs über Neuinterpretation und Reformen erlauben würde. Das hat verschiedenste Gründe. Zum einen hat die islamische Orthodoxie seit der Kolonialzeit enorm an Macht verloren. In Ägypten gibt es zwei unterschiedliche Studiengänge im juristischen Bereich: Einmal das reguläre Jurastudium und dann die Scharia-Fakultät, wo es hauptsächlich um das Familien- und Erbrecht geht. Das sind auch Jobs, das muss man ganz nüchtern sehen. Wenn man versucht, da noch etwas wegzunehmen und in einen säkularen Rahmen zu bringen, verlieren die ihre Grundlage. Zum zweiten kommen Debatten um kulturelle Selbstbehauptung hinzu. Das habe ich auch in Indien gesehen. Da sind die Muslime in der Minderheit, viele sagen, wir bräuchten eigentlich dringend eine Reform, es gibt wirkliche Missstände im Rechtsbereich. Aber wir sind so unter Druck von außen, wenn wir auch noch das islamische Recht aufgeben, verlieren wir unsere Identität. Unglücklicherweise ist es bei vielen so, dass sie die Verteidigung des letzten Bisschens islamischer Identität, so wie sie es sehen, mit traditionellen Auffassungen verknüpfen.

    Umgekehrt nutzen Regime dieses Bedürfnis nach Identität aus, um sich zu profilieren. Sie stellen sich als Bewahrer der islamischen Identität hin und überlassen in kulturellen Fragen der Orthodoxie das Feld.

    So ist es. Das hat sich immer wieder gezeigt, bis hin zum islamischen Strafrecht – Hände abhacken für Diebstahl und solche Dinge –, die man in der Geschichte äußerst selten vollstreckt hat. Gaafar Numeiri, der sudanesische Diktator in den 1980er Jahren, hat irgendwann mal, nachdem er alles Mögliche probiert hatte, seine Rettung im Islam gesucht. Er hat einfach ein paar Hände abhacken lassen – in Fällen übrigens, in denen nach klassischem Recht die Hand dran geblieben wäre, wegen so genannter Rechtszweifel. Aber das ist eine sehr öffentlichkeitswirksame Politik, wenn man sich als besonders islamisch geben will. Gute Sozialpolitik ist viel teurer.

    Womit wir bei einem schwierigen Thema wären: dem islamischen Strafrecht. Tariq Ramadan, ein Enkel Hassan al-Bannas und sehr einflussreich unter muslimischen Jugendlichen in Europa, fordert ein „Moratorium“ für diese Strafen. Er sagt, die Muslime müssten darüber diskutieren, unter welchen Umständen das islamische Strafrecht Gültigkeit haben soll. Für die Dauer der Diskussion müsse eben dieses Moratorium gelten. Nicht-Muslime im Westen schütteln darüber natürlich nur den Kopf und fordern eine klare Distanzierung von Strafen wie etwa der Steinigung bei Ehebruch.

    Da haben wir einen echten Konflikt zwischen unterschiedlichen Strategien, mit Problemen fertig zu werden. Wenn wir das Beispiel Handabhacken nehmen: In Sure 5, Vers 38 steht ja, hackt dem Dieb und der Diebin die Hand ab, als Strafe für das, was sie getan haben und als Warnung vor Gott. Es gibt nur wenige muslimische Juristen, die jetzt schon bereit wären, sich über explizite Äußerungen des Korans so hinwegzusetzen und zu sagen, das ist per se veraltet und durch andere Bestimmungen aufgehoben. Fakt ist aber auch: Solche Strafen werden in den meisten islamischen Ländern seit langem nicht mehr vollstreckt. Welches sind die Strategien? Nummer eins: Vergessen. Man schreibt ein neues Strafrecht und übersieht peinlicherweise, das da reinzuschreiben. Damit vermeidet man einen Frontalangriff gegen die Orthodoxie. Wer sagen würde, wir schaffen das bewusst ab, der würde Widerstand provozieren. Wenn man es aber einfach so macht, wird das irgendwie hingenommen. Viele sind in klassischer Zeit schon auf diese Weise damit umgegangen. Der Kalif Omar zum Beispiel soll diese Strafe in Zeiten der Hungersnot nicht vollstreckt haben. Viele Rechtsgelehrte haben später daraus den Schluss gezogen: Die Welt ist immer noch ungerecht, es gibt immer noch Arme, und diese Strafen würden nur passen, wenn es den Leuten richtig gut geht. Das ist eine ganz typische Strategie zu sagen: Wir wollen diese Strafen nicht haben, aber wir gehen nicht so weit zu sagen, wir schaffen sie endgültig ab, weil es zu viel Widerstand provozieren würde. Auf der anderen Seite schafft das hier im Westen natürlich Unsicherheit, wenn jemand wie Tariq Ramadan von Moratorium spricht. Die Leute fragen sich natürlich, wann das Moratorium endet und was danach kommt. Da wird Muslimen leicht unterstellt, sie würden Europa unterwandern wollen, von wegen: „Ihr richtet Euch hier ein in Eurer Minderheitensituation, wenn Ihr aber die Mehrheit wärt, würdet Ihr diese Strafen einführen“. Das ist eine ziemlich theoretische Diskussion, aber es ist eine Diskussion, um die Muslime hier im Westen nicht herum kommen werden. In vielen Lebenssituationen genügt es, nur die geltenden Gesetze einzuhalten, ob das zähneknirschend geschieht oder freudig, interessiert zunächst nicht. Aber es gibt schon Lebenskontexte, wo es interessiert: zum Beispiel bei der Einbürgerung, bei der Übernahme öffentlicher Ämter. Wer dann ein Problem hat mit dem säkularen, demokratischen Rechtsstaat, mit Menschenrechten, der hat ein echtes Problem – und mit dem haben wir auch eines. Überdies haben wir eine Debattenkultur, die verlangt, dass man irgendwann auch mal in den Grundfragen für Klarheit sorgt.

    Warum ist es so schwierig, diese Grundlagen zu finden? Wie sieht denn die deutsche „Leitkultur“ aus?

    Auf ein paar Basispunkte wird man sich schnell einigen können: Unantastbarkeit der Menschenwürde, Grundrechtskatalog. Aber fangen Sie mal mit der Todesstrafe an. Sie ist abgeschafft im Grundgesetz, worüber ich sehr glücklich bin, aber alle Meinungsumfragen seit dem Zweiten Weltkrieg haben in unserer Bevölkerung eine stabile Mehrheit an Befürwortern der Todesstrafe hervorgebracht. Das schlägt bis zu weit über achtzig Prozent aus, wenn gerade wieder eines dieser schrecklichen Sexualverbrechen passiert ist. Ist also jeder ein Verfassungsfeind, der für die Wiedereinführung der Todesstrafe ist? Dann sind wir ein Volk von Verfassungsfeinden! Ich erinnere mich an mein Studium, wo jemand fragte, ob wir wieder die konstitutionelle Monarchie einführen können, oder ob das auch ein Umsturzversuch gegen das Grundgesetz sei. Es gibt so ein paar Punkte, wo wir weniger Klarheit haben, als wir uns das einbilden. Nehmen wir die Gleichberechtigung der Geschlechter: Die steht im Grundrechtskatalog. Was ist aber, wenn jemand für sich persönlich entscheidet, dass die Frau in den Haushalt gehört und der Mann soll das Geld verdienen? Ich habe schon gehört, dass nicht nur Muslime, sondern auch manche Nicht-Muslime diese meiner Ansicht nach nicht-billigenswerte Auffassung teilen. Darf man das? Stellt man sich damit außerhalb des Verfassungskonsenses?

    Muss denn immer alles grundsätzlich geklärt werden, oder hat die pragmatische Herangehensweise nicht auch etwas für sich? Anders gefragt: Gibt es da ein kulturelles Problem zwischen Europa und dem Nahen Osten?

    Aber gewiss. Im Orient gibt es diese Konsenskultur, möglichst Probleme nicht auf den Punkt zu bringen, sondern Lösungen zu finden, die es einem ersparen, die Fundamentaldebatten führen zu müssen. Das wahrt am meisten das Gesicht. Wir haben uns daran gewöhnt, besonders in Deutschland, ins Grundsätzliche zu gehen und Fragen endgültig zu lösen. Schon die Engländer haben einen größeren Hang zum Pragmatismus. Man muss aber immer sehen, über welche Region der Welt wir reden. In Afghanistan ist es schon ein Fortschritt, wenn sich die Richter an traditionelle Vorschriften halten, sie aber wenigstens die Ausweichstrategien nutzen, die dazu führen, dass die Hand dran bleibt. Für Deutschland wäre diese Herangehensweise natürlich keine befriedigende Lösung. Wir brauchen hier ein Bildungssystem für junge Musliminnen und Muslime, das ihnen vermittelt, dass sie gute Deutsche, gute Demokraten und gleichzeitig gute Muslime sein können. Die stellen ja auch die Fragen nach dem Handabschlagen. Müssen wir das umsetzen? Da brauchen wir irgendwann klare Antworten, und das ist eine Riesenherausforderung für muslimische Theologen und Juristen, neue Ansätze zu finden. Aber sie werden nicht drum herum kommen, das zu tun.

    Im Gegensatz zur islamischen Welt ist die Juristerei in Europa sehr angesehen. Vielleicht könnten junge Muslime, die in Europa Jura studieren, diese Lösungen finden?

    Ich kann mir das vorstellen. Ich sehe das ja selbst in der Ausbildung. Die dritte, vierte Generation kommt jetzt an den Universitäten an. Bei denen gilt Juristerei als etwas Reputierliches. Das sind Leute, die zum Nachdenken kommen, das merkt man. Das ist unsere Chance als Wissenschaftler. Wenn ich islamisches Recht lese, sage ich den Leuten immer: Erwartet nicht, dass ich Euch sage, was richtig ist im Islam, das kann ich nicht, schon weil ich kein Muslim bin. Von mir dürft Ihr erwarten, dass ich Euch unterschiedliche Positionen von Muslimen aus unterschiedlichen Kontexten vorstelle, diese Pluralität eben. Viele meiner Studenten hören überhaupt zum ersten Mal, dass es andere Ansichten gibt als die, die ihnen ihr lokaler Imam zu bieten hat. Da kommen gewaltige Prozesse des Nachdenkens in Gang. Das haben wir oft erlebt, nicht nur bei Muslimen, dass in einer Atmosphäre des geistigen Austausches neue Lösungen gefunden werden können. Man bedenke: Die Katholische Kirche hat erst im Zweiten Vaticanum 1962 ihren Frieden mit dem säkularen Rechtsstaat gemacht – nach einem Jahrhunderte langen Dialog mit anderen gesellschaftlichen Kräften. Ich hoffe nicht, dass es bei den Muslimen so lange dauert, es sieht auch nicht danach aus. Das ist also meine Hoffnung. Wir brauchen Institutionen, wo dieser gedankliche Austausch gefördert wird. Deswegen brauchen wir muslimische Bildung, wir müssen muslimische Religionslehrer und Imame ausbilden und in unsere säkularen Institutionen integrieren. Wenn wir das wollen, müssen wir allerdings auch ernst machen mit der Religionsfreiheit und ihnen eine echte Chance geben. Mein Horror wäre, wenn orthodoxe Muslime versuchen würden, ihre eigenen hermetischen Institutionen zu errichten, wo sie wieder im eigenen Saft kochen. Mir sagen auch viele Muslime, dass sie das nicht wollen.

    Ist es denn für Muslime grundsätzlich schwieriger, einen säkularen Staat zu akzeptieren, als für Anhänger anderer Religionen?

    Es gibt unterschiedliche Religionsverständnisse, wie stark Religion in konkreter Lebensführung und Institutionenbildung teilhaben soll. Da hat der Islam schon sehr viel weitergehende Ansprüche als der Buddhismus, Hinduismus oder vielleicht auch das Christentum. Abgesehen davon gibt es sehr viele muslimische Gelehrte, die aus meiner Sicht unpräzise Vorstellungen davon haben, was ein säkularer Rechtsstaat eigentlich ist. Die setzen sehr pauschal die gottgegebene Normenordnung in einen Widerspruch zur menschengemachten Normenordnung: Die eine ist demnach unfehlbar und gerecht, die andere willkürlich und gegen die göttliche Ordnung gerichtet. Aber die muslimische Tradition selbst sagt, wir müssen Gottes Regeln interpretieren, und das geht immer durch den menschlichen Kopf. Deswegen kommt man ja auch zu unterschiedlichen Ansichten. Oft wird von Muslimen dieser Hadith zitiert: „Meinungsverschiedenheiten in meiner Gemeinde sind eine Gnade.“ Die Sache mit den gottgegebenen Normen verdünnt sich dann sehr stark. Viele muslimische Gelehrte schauen auf die Demokratie und denken, bei uns ist alles der Mehrheitsentscheidung unterworfen. Das Gegenteil ist der Fall! Die wichtigen Sachen sind gerade nicht der Mehrheitsentscheidung unterworfen. Der Bundestag oder der Bundesrat könnten selbst mit 100prozentiger Mehrheit nicht den Grundwertekatalog abschaffen oder auch nur einschränken. Wo holen wir eigentlich die Menschenrechte her? Ist es Gott? Ist es die Vernunft? Ist es ein Gesellschaftsvertrag? Letztlich ist mir das fast gleichgültig, denn eines ist klar: Wir immunisieren die Grundlagen unseres menschlichen Zusammenlebens gegen menschliche Willkürentscheidungen. Und wenn wir uns mal darauf verständigen können, dass wir im Grunde genommen ähnliche An-sätze haben, dann müssten wir nur noch darüber diskutieren, ob wir auch die gleichen Inhalte schützen.

    Tun wir das denn?

    Da gibt’s mehr Übereinstimmungen, als man glauben sollte: der Rechtsgüterkatalog im Islam zum Beispiel, dass die Person und ihre Güter geschützt sein sollen, dass die Ehre geschützt sein soll. Der heikle Punkt ist die Religion und was das eigentlich meint. In großen Zügen ist der Katalog dem unseren vergleichbar. Aber da ist man noch ganz am Anfang, da muss noch dran gearbeitet werden. Deswegen brauchen wir Leute wie Abdullahi an-Naim. Noch sind wir aber in einer Phase größter Missverständnisse. Weder weiß man im Westen etwas über die Flexibilität der Scharia, noch weiß man in der islamischen Welt etwas von den Systemgrundlagen des demokratischen Rechtsstaates.

    Albrecht Metzger
    ist Islamwissenschaftler und Journalist in Hamburg.

    Mathias Rohe
    ist Richter und hat einen Lehrstuhl an der Universität Erlangen. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender der Gesellschaft für arabisches und islamisches Recht.

    Copyright: Goethe-Institut e.V., Fikrun wa Fann
    Januar 2009

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