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    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Blüte oder Verhängnis? - Ein Bericht aus Bombay

    'Straßenszene im muslimischen Viertel Mumbais'; Photo: Roemers/laifVor ein paar Monaten schien es unmöglich zu sein, in Indien einen englischsprachigen Fernsehsender einzuschalten ohne dem berühmtesten Filmstar des Subkontinents zu begegnen, während er ein alarmierendes Eingeständnis machte: Die Dynamik der aufsehenerregenden Explosion des ökonomischen Wachstums ist nicht den Ärmsten des Landes zu Gute gekommen, schien er zu sagen. "Es gibt zwei Indien in diesem Land", erklärte Amitabh Bachchan in einer Werbekampagne seitens der "Times of India" - der größten englischsprachigen Zeitung des Landes - zur Feier von sechzig Jahren Unabhängigkeit.

    Dieses Zugeständnis einer Zeitung, die sich selbst als Sprachrohr der neuen Begüterten in Indien positioniert, sollte denen etwas Trost spenden können, die dem neo-liberalen ökonomischen Kurs des Landes skeptisch gegenüber stehen, alarmiert von der Tatsache, dass trotz eines Wachstums von mehr als 9%, nach Schätzungen der Vereinten Nationen ganze 35% der Bevölkerung in absolutem Elend leben, 35%, die über weniger als einen Dollar pro Tag zum Ausgeben verfügen. Nirgendwo sind die Konsequenzen dieser Politik sichtbarer als in Mumbai, das seit jeher eine Art Barometer für die Nation ist. Obwohl die Stadt nach der Forbes Liste der Reichsten die Heimat von fünfzehn der sechsunddreißig Milliardäre Indiens ist, entdeckte medizinisches Personal im Juli, dass zwei Kinder, die am Rande der Filmstadt leben, in der viele Bollywood-Filme gedreht werden, an gravierender Unterernährung litten. Dies war nur der jüngste von vielen ähnlichen Vorfällen der Unterernährung, die in Mumbai in den letzten Monaten bekannt wurden. Das Elend des freien Marktes ist überall sichtbar. Die Börse in Mumbai war im Juli an ihrem bisherigen Spitzenwert angelangt, mehr als 55% von Mumbais annähernd 15 Mio. Einwohnern jedoch leben in Slums.

    Der Drehbuchautor des "Times"-Werbespots aber hatte einen ganz neuartigen Blick auf die Krise: Er tadelte die Armen dafür, dass sie Indien daran hinderten, sein wahres Potential zu verwirklichen. Im Werbespot führt Bachchan aus: "Das eine Indien zerrt an der Leine, wild darauf vorwärts zu springen und alle Eigenschaften zu erfüllen, mit der die Welt uns jüngst bedacht hat. Das andere Indien ist die Leine."

    Bachchans Schwafelei war auf gerissene Weise passgenau formuliert, um die Neureichen der Nation (und das alte Geld ebenfalls) von jeglicher Verantwortung freizusprechen, die sie für ihre weniger glückhaften Landsleute empfinden könnten. Obwohl der außergewöhnlich lange Spot (er läuft 2 Minuten und 30 Sekunden) nicht mehr auf Sendung ist, wird er noch immer von Tausenden im Internet verfolgt...

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    Naresh Fernandes ist Chefredakteur der TimeOut Bombay.

    Copyright: Goethe-Institut, Fikrun wa Fann

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