Foto: Kai Wiedenhöfer

    Übersetzung zwischen den Kulturen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Zwischen Hammer und Amboß

    Zwei Bilder scheinen mir am besten die Aktivität von ÜbersetzerInnen zu erfassen, dasjenige vom Fluss mit seinen beiden Ufern und dasjenige von Hammer und Amboss und dem, was zwischen die beiden gerät.

    Das Bild vom Fluss ist so hübsch wie geläufig – der Übersetzer durchquert denselben mit seiner wertvollen Ladung, dem zu Übersetzenden, entweder als Fährmann mit einem Nachen oder zu Fuss als Christophorus. Das von Hammer und Amboss ist weniger liebenswürdig, da es bei der Verwendung dieser beiden zu einer gewissen Gewaltanwendung kommt.

    Doch auch das Bild vom Fluss ist in seiner Idylle trügerisch und wird meist eher in einer zu einfachen, unhistorischen Form wahrgenommen, mit der Frage wie der Transport über den Fluss hinweg vollzogen wird. Das ist jedoch nur eine Frage, deren Beantwortung Auskunft über Übersetzungprozeduren oder –techniken gibt. Im Rahmen heutiger Diskussion über den Kulturaustausch oder denn Dialog der Kulturen scheint mir jedoch eine andere Frage im Zusammenhang mit der Flussmetafer bedeutsam, nämlich, wie die beiden Ufer beschaffen sind. Die Frage woher wohin übertragen wird, wie die Herkunfts- und wie die Zielseite aussieht, belehrt über Kulturgefälle, über kulturelle Abhängigkeiten, über kulturelle Bevormundung und vieles andere.

    Wenn wir also heutiges Übersetzen aus dem Arabischen ins Deutsche betrachten, egal ob von deutscher oder arabischer Seite aus betrachtet, hilft es wenig, von Bagdad zu träumen, wo im 9. und 10. Jahrhundert so tüchtig ins Arabische, oder von Toledo, wo im 12. Und 13. Jahrhundert so eifrig ins Lateinische übersetzt wurde; auch selige Erinnerungen an die deutsche Romantik nützen nichts, als sich grosse und kleine Literaten mit frisch übersetzten orientalischen Stoffen befasst haben. In allen diesen Fällen war die Übersetzungssituation eine je eigene. In Bagdad hat die frisch etablierte Führungsschicht sich von den "Einheimische" Schriften in die arabische Eroberersprache übersetzen lassen – aus Sprachen, die diese Schicht zu erlernen nicht für nötig hielt. Nach Toledo kamen im Gefolge der Reconquista-Heere wissbegierige Männer, die bei sich zuhause (in Frankreich, Deutschland, England) erfahren hatten, dass es dort Wissenswertes zu holen gibt, womit sie anschliessend ihre neugegründeten Universitäten versorgten. Und in der deutschen Romantik trieb die Suche nach Paradiesen und Idyllen Schriftsteller dazu, sich für die vergangene orientalische Welt voller Weisheit, Menschlichkeit und Fantasie zu interessieren.

    Von alledem sind wir heute weit entfernt. Die Ufer sehen anders aus. Das arabische ist, vom Westen her betrachtet, kein Ufer mehr, zu dem man geht, um sich etwas zu holen. Die Gleichgültigkeit der arabischen Welt gegenüber hilft im besten Fall die Traum- und Fantasieklischees aus der Romantik zu erhalten, im schlimmeren Fall erlaubt sie dem Westen, sich mit den "Probleminhalten" zu befassen, die uns aktions- und konfrontationsorientierte Medien liefern. Das heisst, dass die Nachfrage nach Übersetzungen zunächst einmal verschwindend gering ist – und damit natürlich auch die Kenntnisse über die arabische Welt bescheiden bleiben.

    Doch dann gibt es auf dem arabischen Ufer, durchaus zu Recht, die Überzeugung, schriftliche Äusserungen arabischer Kultur sollten in andere Sprache übertragen werden, damit der Kenntnismangel reduziert und eine Annäherung ermöglicht werde. Ähnliches ist auf dem anderen Ufer zu bemerken, nur dass dort die Zahl derer eben viel geringer ist, die glauben, durch Übersetzungen eine solche Annäherung erreichen zu können. Wünschenswert wäre an diesem Punkt ein Zusammenfinden und eine Zusammenarbeit der Interessierten von beiden Ufern, um, so in diesem Fall, das Interesse an arabischer Literatur auf dem westlichen Ufer zu fördern. Aber was tun, wenn diejenigen, die ihre eigene Literatur gern in grösserem Masse übersetzt sähen, keine Hand dazu bieten, sondern sich nur hinter Klagen und Vorwürfen verschanzen? Was tun, wenn die arabische Seite nur klagt, nicht handelt?

    Hier wird derjenige, der dennoch übesetzt, leicht zum Prügelknaben oder, um im genannten Bild zu bleiben, er gerät zwischen Hammer und Amboss. Dies ist die erste Ausgestaltung der Hammer-und-Amboss-Situation: der Übersetzer zwischen den beiden Ufern West und Ost, von der arabischen Seite sozusagen für die Vernachlässigung dieser Seite verantwortlich gemacht, von westlicher Seite für sein Engagement mit Mitleid oder Geringschätzung (manchmal noch mit etwas verhaltener Bewunderung) bedacht. Für die Übersetzung aus dem Arabischen ist dies eine durchaus realistische Situationsschilderung.

    Eine spezifische Variante dieser Situation zwischen Kulturen ist die Stellung des Übersetzers zwischen AutorIN und VerlegerIN. Auch sie bilden Hammer und Amboss, zwischen denen der Übersetzer bearbeitet wird. Da sind die wunschschweren Blicke, die Träume von AutorINNen, übersetzt, durch eine Übersetzung aus dem sprachlichen Käfig des Arabischen befreit zu werden. Da sind auf der anderen Seite die Anforderungen des Verlags, ein brillantes Werk und wundervoller Übersetzung und natürlich möglichst preiswert zu bekommen. Gerade über diesen letzten Punkt liesse sich viel sagen, denn von literarischer Übersetzung (zumal aus dem Arabischen) lebt man nicht. Das bedeutet, dass ich durch andere Tätigkeiten meine Übersetzungen arabischer Literatur ins Deutsche subventioniere! Das gilt auch bei, relativ gesehen, halbwegs anständigen Honoraren. Hier kommt noch ein weiterer Schlag des Übersetzers zwischen Hammer und Amboss hinzu. Sehr viele zu übersetzende Werke schlägt der Übersetzer selbst vor, d.h. er sucht sie, liest sie, empfiehlt sie. Das ist unbezahlte Zusatzarbeit, die bei westlichen Sprachen vom Verlag oder von Agenturen geleistet wird. Von vielen anderen wenig oder nicht bezahlten Tätigkeiten einmal ganz zu schweigen: Nachworte, Autoreninformationen usw.

    Und wenn er dann wirklich arbeitet, gerät der Übersetzer nochmals zwischen Hammer und Amboss, diesmal diejenigen seiner eigentlichen Tätigkeit: zwischen Herkunfts- und Zielsprache. Hier muss er nun wirklich zusehen, wie er oder sein Übersetzungswerk "geschmiedet" werden oder von welcher Seite er oder es sich schmieden lässt. Hier ist es, wo der Party-Scherz vom traduttore (Übersetzer), der zum traditore (Verräter) werde, zumindest als Frage angebracht ist. Hier beginnt die eigentliche Übersetzertätigkeit, die alle Kolleginnen und Kollegen miteinander verbindet, egal aus oder in welche Sprache.

    Denn was soll man machen, wenn die Herkunftssprache sechs, sieben oder acht Wörter für Wüste hat, die Zielsprache halt gerade eines. Oder was machen wir mit Kleidern und Nahrungsmitteln, was mit Bildern, Symbolen, Metafern oder gar mit intertextueller Verwendung altarabischer Literatur? Oder gar mit der arabischen Eule, die im deutschen eher ein Rabe, nämlich ein "Unglücksrabe" sein sollte.

    Hier verengen sich die Fragen zu rein technischen oder stilistischen, zu diskutieren unter ÜbersetzerINNEn. Die Uferfragen aber reichen weiter. Sie betreffen alle. Denn dabei geht es ums Verhältnis unterschiedlicher Sprachbereiche – oder sollen wir Kulturen sagen? – zueinander. Und diese Frage ist eine eminent politische. Übersetzer also arbeiten in einem politisch bestimmten Umfeld.

    Hartmut Fähndrich

    Hartmut Fähndrich ist einer der bekanntesten Übersetzer arabischsprachiger Literatur ins Deutsch. Er hat Werke von Ibrahim al-Koni, Youssef Idris, Sonallah Ibrahim und vielen anderen übersetzt.

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