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    Übersetzung zwischen den Kulturen

    Zur Übersetzbarkeit des Korans

    El Corán. Spanische Übersetzung von Julio Cortes. Tahrike Tarsile Qur’an, 2003.
    El Corán. Spanische Übersetzung von Julio Cortes. Tahrike Tarsile Qur’an, 2003.

    Seit Mohammed den Koran verkündigt hat, durch die gesamte Rezeptionsgeschichte hindurch, haben Muslime konstant behauptet, der Koran könne weder wirklich übersetzt noch in Prosa nacherzählt werden. "Die Auswahl der schönen Worte ist verantwortlich dafür", gibt der iranische Gelehrte Muhammad Taqi Schariati einen nahezu überall und zu jeder Zeit herrschenden Konsens unter muslimischen Korangelehrten wieder, "daß kein einziges Wort des Koran durch ein Synonym oder eine Analogie ausgetauscht werden kann, ohne die Schönheit der Diktion oder das Spezifische seiner Bedeutung zu beschneiden". Der Autor verweist zudem auf "die Konstellation der Worte, die Satzbildung, die ihm eigenen Ausdrücke und schließlich den Stil und die Sprachgestaltung", welche unmöglich zu verändern seien und die Göttlichkeit des Koran belegten. Wie hoch man den Anteil des Apologetischen in einer solchen Äußerung auch ansetzt, so hat sie doch im Besonderen der koranischen Redeweise einen Grund und zeugt sie von einem grundlegenden Verständnis der poetischen Sprache. "Der Gedanke des Schriftstellers realisiert sich in einer bestimmten künstlerischen Struktur", wußte der russische Semiotiker Jurij M. Lotman. Die "zum eisernen Bestand der Schulpraxis gehörende Methode, den ´Ideengehalt` und die ´künstlerischen Besonderheiten` getrennt zu beachten", gehe von einer falsche Vorstellung von Literatur aus, "so als sei diese eine Art und Weise, lang und ausgeschmückt die gleichen Gedanken darzulegen, die man auch kurz und schlicht sagen könnte". Lotmans Worte möchte man manchen Experten, die sich in diesen Tagen aus dem Kroan bedienen, als handele es sich dabei um einen Steinbruch, vorhalten: ". Die Idee ist nicht in irgendwelchen Zitaten enthalten, und mögen sie noch so glücklich gewählt sein, sondern sie kommt in der gesamten künstlerischen Struktur zum Ausdruck."

    Im Vergleich von zwei Übersetzungen einer beliebigen Sure läßt sich die Berechtigung der Lotmanschen These aufzeigen. In der 112. Sure, al-Ichlâs, ist das Einheitsbekenntnis zu einer Formel von großer sprachlicher Eleganz verdichtet: Qul huwa allâhu ahad / Allâhu samad / lam yalid wa-lam yûlad / wa-lam yakun lahû kufûwan ahad. "Sprich: Gott ist Einer, / Ein ewig reiner, / Hat nicht gezeugt / und ihn gezeugt hat keiner", hat der Dichter Friedrich Rückert den Vers im 19. Jahrhundert übersetzt. In der Übertragung des (in seiner Bedeutung schwierig zu bestimmenden) Begriffes samad gibt Rückert zu erkennen, daß er im Zweifel vom Wortsinn abweicht, um den literarischen Charakter des Originals nicht zu verfehlen. Mag das aus theologischer oder wissenschaftlicher Sicht zu mißbilligen sein, läßt sich aber auch nicht übersehen, daß ihm und nur ihm unter den deutschen Übersetzern es gelingt, die Poesie des Korans zu bewahren. Was geschieht, wenn man die Sure auf ihre kontextuelle Mitteilung reduziert, offenbart sich dagegen in der Version Rudi Parets, die heute immerhin als die Standardübersetzung gilt: "Sag: Er ist Gott, ein Einziger, Gott, durch und durch (er selbst)(?) (w. der Kompakte) (oder: der Nothelfer(?), w. der, an den man sich (mit seinen Nöten und Sorgen) wendet, genauer: den man angeht?). Er hat weder gezeugt, noch ist er gezeugt worden. Und keiner ist ihm ebenbürtig."

    Der Koran. Deutsche Übersetzung von Max Henning. Reclam UB.
    Der Koran. Deutsche Übersetzung von Max Henning. Reclam UB.

    Für den Koran gilt, was Jakobson für die Poesie festgestellt hat: Er ist "unübersetzbar"; möglich ist allenfalls "schöpferische Übertragung". Eine Sure wie die Ichlâs läßt sich nicht in gewöhnlicher Rede wiedergeben, ohne daß man ihre Struktur zerstört. Dadurch aber wird nicht nur die Eleganz der Verse, der ästhetische Reiz vernichtet, wie man ohne weiteres zugeben wird, sondern auch die Botschaft selbst, die "Idee", wie Lotman es nennt. Es ist ein Irrtum, wie Paret zu meinen, ein Übersetzer könne, um den Sinn getreu wiederzugeben, von der Form bewußt absehen. Seine Übersetzung ist, gerade in ihrer ostentantiven Genauigkeit, nicht einfach nur schlecht, sie ist falsch, sie vermittelt eine falsche Idee vom Koran. Dem Leser von Parets Übersetzung wird keineswegs der gleiche Informationsgehalt vermittelt, den die Verse im Original enthalten. Die Auffassung, Informationen würden nur durch den Inhalt der Botschaft transportiert und die poetische Form sei nur das äußere Gewand, diese sei das Glas, jener der Wein, beruht auf Verständnislosigkeit für das Wesen der poetischen Sprache. Wenn dem so wäre, würde die poetische Sprache ihre Existenzberechtigung verlieren. "Aber es verhält sich anders", schreibt Lotman; "die aus dem Material der (natürlichen) Sprache geschaffene, komplizierte künstlerische Struktur gestattet es, einen Informationsumfang zu übermitteln, der mit Hilfe der gewöhnlichen, elementaren sprachlichen Struktur gar nicht übermittelt werden könnte." Daß der Umfang an Informationen, die in einer poetisch strukturierten Botschaft wie dem Koran enthalten sind, niemals in einer gewöhnlichen Rede übermittelt werden könnte, daß in ihr die Informationen auf eine Weise kondensiert sind und eine Übersetzung (wenigstens auf den ersten Blick) ausgeschlossen scheint, hatte bereits der Exeget ar-Razi im 12. Jahrhundert unterstrichen. Es sei zwar richtig, so schreibt er in seinen ausgedehnten Reflexionen über die Übersetzbarkeit des Koran, daß etwa in der Thora und der Bibel vieles inhaltlich mit dem Koran übereinstimme, etwa die Lobpreisungen Gottes und die Erklärungen zum Jenseits, aber trotzdem dürfe man nun im Gebet nicht etwa die inhaltlich gleichen Passagen aus den anderen Offenbarungsschriften aufsagen. Den Überschuß an Bedeutung, den der Exeget vor Augen hat, ortet er also nicht auf der Mitteilungsebene, denn da liefen die Aussagen in Koran, Bibel und Thora in vielen Fällen auf das gleiche hinaus. Den Überschuß sieht er, so läßt sich seine Aussage heute übersetzen, in einem Mehr an ästhetischen - im Sinne von diskursiv nicht faßbaren - Informationen. Entsprechend verwirft ar-Razi auch das Argument derjenigen, die den Nicht-Arabern gestatten wollen, das Gebet auf persisch aufzusagen, um die Bedeutungen zu verstehen. Es komme sich keineswegs gleich, ob man den Koran nur den Inhalten nach kenne und im Gebet rezitiere oder ob man eben jene Ausdrücke verwende.

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    Navid Kermani, geboren 1967, ist Autor des Buches “Gott ist schön – Das ästhetische Erleben des Korans“. Er studierte Orientalismus an der Universität Bonn and arbeitet jetzt als Schriftsteller und Journalist. Eine kürzere Version dieses Artikels wurde in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht.

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