Mehrsprachigkeit und Bildung

Mehrsprachige Familien: Vermittler zwischen den Kulturen

Offene Grenzen, Urlaubs-, Arbeits- oder Studienaufenthalte im Ausland sowie die Anwesenheit von Migranten und Flüchtlingen lassen die Zahl binationaler Partnerschaften immer weiter steigen.

Entsprechend nimmt auch die Zahl der Kinder in Deutschland zu, die zwei- oder mehrsprachig aufwachsen. Nach Angaben des Verbands binationaler Familien und Partnerschaften e. V. hatten über 22 Prozent aller Kinder, die 2003 in Deutschland geboren wurden, einen „Migrationshintergrund“. Das heißt, dass wenigstens ein Elternteil ausländisch ist. Das heißt aber auch, dass Mehrsprachigkeit für fast ein Viertel der in Deutschland lebenden Kinder zum Alltag gehört.

Sicht der Sprachwissenschaftler

Von Kindesbeinen an mit zwei oder auch mehreren Sprachen aufzuwachsen, wird von den meisten Betroffenen als eine Bereicherung empfunden. Denn so leicht wie im Kindesalter lernt man später keine Fremdsprache mehr. Zudem werden über die Sprache auch Werte, Traditionen und Verhaltensregeln vermittelt, so dass ein Kind, das zweisprachig aufwächst, im Idealfall auch den sicheren Umgang mit zwei oder auch mehreren Kulturen erwirbt.

Gleichwohl betrachtet man in Deutschland den kindlichen Mehrsprachenerwerb oft noch mit Skepsis. So wird häufig angenommen, dass eine mehrsprachige Erziehung die Kinder überfordern und ihre Entwicklung beeinträchtigen könnte. Denn wer mit zwei Sprachen aufwächst, so ein lange gehegtes Vorurteil, sei in keiner von beiden richtig zu Hause.

Professor Jürgen Meisel vom Zentrum für Mehrsprachigkeit in Hamburg beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit dem kindlichen Mehrsprachenerwerb. Immer wieder kommen besorgte Eltern in seine Sprechstunde, um zu fragen, ob eventuelle „Auffälligkeiten“ ihres Kindes damit zusammenhängen, dass es bilingual aufwächst. Solche Bedenken kann Jürgen Meisel meistens zerstreuen. Wenn ein Kind zum Beispiel stottert, habe das in der Regel andere Ursachen als das Aufwachsen in einem zweisprachigen Milieu.

Sprachwissenschaftliche Untersuchungen haben nämlich gezeigt, dass Kinder in der Regel keine Probleme damit haben, zwei oder mehrere Sprachen gleichzeitig zu erlernen. Ganz im Gegenteil: Die menschliche Sprachfähigkeit, so Professor Meisel, sei eine Anlage zur Mehrsprachigkeit. Forschungsergebnisse belegten, dass bereits bilingual aufwachsende Zweijährige wüssten, über zwei Sprachsysteme zu verfügen. Sie belegten zudem, dass die Kinder ohne Probleme von der einen in die andere Sprache wechseln und beim Sprechen nicht mehr Fehler machen als Kinder, die monolingual aufwachsen. Das zeigt etwa die Studie Zum Spracheneinfluss im bilingualen Erstspracherwerb: Italienisch – Deutsch, bei der Professor Natascha Müller, die heute an der Bergischen Universität Wuppertal lehrt, bilingual aufwachsende Kinder beobachtet hat.

Was Eltern beachten sollten

Auch wenn Kindern die Mehrsprachigkeit gleichsam in die Wiege gelegt ist, sollten Eltern bei der Erziehung einige Dinge beachten. Am einfachsten umzusetzen ist dabei die Strategie „Eine Person – Eine Sprache“. Jedes Elternteil sollte mit dem Kind, wenn möglich, in seiner jeweiligen Muttersprache sprechen. Zudem sollte innerhalb der Familie die Nicht-Landessprache als "Familiensprache" gewählt werden, um zu gewährleisten, dass das Kind mit beiden Sprachen gleich häufig in Berührung kommt. Doch sollte man dabei die rein quantitative Frage des sprachlichen „Inputs“ nicht überbewerten. Denn Sprechenlernen hat auch eine affektive Seite: Wenn Kinder merken, dass sie mit ihrer Zweitsprache nicht gut ankommen – etwa im Kindergarten oder im Freundeskreis – lehnen sie diese Sprache ab.

Den Königsweg freilich zur perfekten Zwei- oder Mehrsprachigkeit hat man noch nicht gefunden. Zwar hat sich die genannte „Eine Person – eine Sprache“-Strategie bewährt. Doch können hier auch andere Varianten zum Ziel führen, wobei Untersuchungen jedoch den Schluss nahe legen, dass Kinder mit der Zweisprachigkeit besser zurechtkommen, wenn sie „vorstrukturierte Sprechsituationen“ erleben, die ihnen Orientierung bieten: Wenn sie sich zum Beispiel darauf verlassen können, vormittags immer Deutsch zu sprechen und nachmittags etwa Spanisch. An eine vollkommene Beherrschung von zwei Sprachen in allen Bereichen menschlichen Lebens ist dabei nicht gedacht. Zu welcher Art von Zweisprachigkeit ein Kind gelangt, hängt hauptsächlich von den Bedingungen ab, unter denen zweisprachiges Lernen stattfindet.

Welche Hilfestellungen gibt der Staat?

In Deutschland hat man inzwischen die Bedeutung der kindlichen Sprachförderung erkannt. Staatliche Maßnahmen richten sich dabei jedoch vornehmlich auf die Förderung der deutschen Sprache etwa bei Migrantenkindern. So unterstützt etwa das nordrhein-westfälische Jugendministerium seit 2003 Sprachkurse in Kindergärten.

Wenn Eltern ihren Kindern einen Spiel- und Lernraum in einer anderen Sprache bieten möchten, müssen sie meistens selbst die Initiative ergreifen und sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen. Wie das etwa spanische Eltern in Bonn getan haben. Der Elternverein organisiert Spanischunterricht, Näh-, Tanz- und Sportkurse sowie Informationsabende und Seminare. Denn den Mitgliedern ist – neben der Sprache – genauso wichtig, das kulturelle Erbe weiterzugeben. Schließlich sollen ihre Kinder die spanischen Wurzeln nicht vergessen. Denn eines sollte klar sein: Zweisprachig aufzuwachsen heißt nicht, sich für die eine oder andere Kultur entscheiden zu müssen, sondern in und mit beiden zu leben.

Antonia Loick
arbeitet als Redakteurin und Publizistin in Köln. Cleeves Communication UnitZwei

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2005

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