Mehrsprachigkeit und Bildung

Lernen mit der Soap – fördert Alltagsfernsehen die Fremdsprachenkompetenz?

Kinder vor dem Fernseher. © ColourboxDeutsche Untertitel im deutschen Fernsehen sind relativ selten und wenden sich in erster Linie an Hörgeschädigte. In skandinavischen Ländern hingegen besteht die Möglichkeit, Produktionen in der jeweiligen Landessprache mit Untertiteln anzusehen. Auf diese Weise sollen Migrantinnen und Migranten beim Erlernen der Fremdsprache unterstützt werden. Aussagekräftige Studien über die Effizienz dieser Strategie liegen indes noch nicht vor.

In Deutschland denkbar?

In Deutschland fordert die Aktion „Gegen Synchro“ beziehungsweise „Against Dubbing“ die Ausstrahlung von Filmen in der Originalsprache mit deutschen Untertiteln. Bei einem Film handele es sich nämlich nicht um „bunte Bilder, sondern auch um eine Vielfalt von Hörerlebnissen“. Viele kulturelle und sprachliche Assoziationen sind nicht in eine Fremdsprache übertragbar. Deshalb lehnen die Initiatoren und Initiatorinnen Synchronisation ab.

Eine von ihnen, Ute Engemann, betont, dass Fernsehen in der Originalsprache beim Erlernen der Aussprache sehr hilfreich sein kann. Sie sieht den Zeitpunkt, deutsche Produktionen generell zu untertiteln, allerdings als verpasst an, da sich die deutsche Fernsehlandschaft in den letzten zehn Jahren vermehrt in Richtung „Trash“ bewegt und seinen Bildungscharakter eingebüßt habe. Aus eigener Erfahrung berichtet sie, dass sie von schwedischen Filmen mit schwedischen Untertiteln beim Erlernen der Sprache sehr profitiert hat. Vorher hatte sie sich die sprachlichen Grundkenntnisse angeeignet: „Ohne Grundkenntnisse wird man den Aufbau der Sprache nicht verstehen und auch nicht viel dazulernen können.“ Filme können in ihren Augen somit kein Lehrbuch und erst recht keine menschliche Interaktion ersetzen.

Lernen, ohne zu lernen

Migrantinnen und Migranten in Deutschland können muttersprachliche Programme via Satellit empfangen. Eine Studie der Stiftung „Zentrum für Türkeistudien“ vom August 2009 bestätigt, dass türkischstämmige Zuwanderer in Deutschland vermehrt das türkische Fernsehen nutzen. Die Ursache ist allerdings weniger in der Sprachbarriere, sondern vielmehr in der Tatsache zu finden, dass sie sich mit deutschen Programmen nicht identifizieren können. Da Türken keine EU-Ausländer sind, werden sie bei der Messung der Einschaltquoten nicht erfasst. So werden ihre Wünsche an das deutsche Fernsehprogramm wohl auch in Zukunft kaum berücksichtigt werden.

Untertitelte Szene aus dem Film „Elephants Dream“. © Ton Roosendaal et al., http://orange.blender.org/wp-content/themes/orange/images/media/gallery/s7_both.jpg

Zuzana Leetz, Sprachdidaktikerin bei der Rundfunkanstalt Deutsche Welle, bewertet das Erlernen einer Fremdsprache durch Fernsehen als sehr effektiv. Durch die visuellen Eindrücke erschließe sich die jeweilige Szene, so dass die Lernenden direkt wüssten, worum es gehe. Insbesondere anspruchslose Soaps hält sie für geeignet: „Die Dialoge sind kurz, sie wiederholen sich und Bilder wie beispielsweise Stadtimpressionen geben dem Lerner Zeit zum Durchatmen. Und vor allem: Er lernt, ohne zu lernen.“

Durch das Fernsehen lassen sich, so Leetz, gängige Phrasen erwerben und relativ schnell ein praktischer Wortschatz aufbauen, den die Lernenden aufgrund der „abgeguckten“ Fernsehsituation angemessen einsetzen können. Konventionell per Lehrbuch wäre das so schnell und umfangreich nicht zu bewerkstelligen. Sie hat beobachtet, dass Menschen aus osteuropäischen Ländern immer besser Englisch sprechen und sieht den Grund darin, dass im Fernsehen dort, wenn auch aus Kostengründen, englische Originalversionen mit Untertiteln laufen.

Langsamer und trotzdem authentisch

Damit auch Deutsche profitieren können, wünscht sie sich einen englischsprachigen Kanal mit Serien und Hollywoodfilmen, die ein langsameres Tempo als BBC oder CNN vorlegen und authentischen Wortschatz beinhalten. Von der Idee, deutsche Produktionen generell auf Deutsch zu untertiteln, hält sie indes wenig, da das Lesen dem Lerner ein hohes Maß an Konzentration abverlangt und von den entlastenden Bildszenen ablenkt.

„Fernsehen macht gesund“? Das vielleicht nicht, aber beim Spracherwerb hilft es. 
Foto: Nils Gaudlitz, © www.jugendfotos.de, CC-License(by-nc): http://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/deed.de

„Marodes Schulsystem“

Nicolas Böll, Pressesprecher des Interessenverbandes Synchronschauspieler (IVS), führt ein weiteres Argument gegen Untertitelung an, nämlich den technischen und kostenintensiven Aufwand. Untertitel dürfen aus technischen Gründen nicht zu lang sein, so dass das Gesagte häufig verkürzt wird. Somit stimmt dann das Gehörte nicht mit dem Gelesenen überein. Bölls bewusst überspitzt formuliertes Fazit: Das Fremdensprachenlernen in Deutschland kranke am „maroden Schulsystem“ und die Verantwortung dürfe nicht an das „fragwürdige Medium“ Fernsehen abgetreten werden.

Das Fernsehen kann gewiss weder einen Sprachkurs noch ein Lehrbuch ersetzen, aber den Prozess des Lernens unterstützen. Neben den bereits erwähnten Soaps kommen Quizsendungen wie „Wer wird Millionär“ besonders in Frage, da die Fragen und potentiellen Antworten lange eingeblendet werden und der Lerner sie hören und in aller Ruhe lesen kann.

Katrin Berentzen
ist Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und Journalistin..

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2009

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