Mehrsprachigkeit und Künste

Tatkraft statt Tristesse

Kebab Connection; Copyright: WÜSTE Film, Fotograf: Georges PaulyAuf der anderen Seite; Copyright: Pandora-Film„Ich bin ein Kind des europäischen Kinos“ sagte Fatih Akin bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises 2007 in Berlin für Auf der anderen Seite und umreißt damit den Stand der Dinge. Das türkisch-deutsche Kino ist schon seit Jahren „en vogue“, bereits vor dem „Goldenen Bären“ für Akins Gegen die Wand (2004). Es hat sich vom Sektiererischen befreit und inzwischen sogar ein aufgeschlossenes Mainstream-Publikum erreicht.

Verzicht auf wütende sozialkritische Bilder

Draußen bleiben; Copyright: Zorro Film GmbHMigranten-Kino als Betroffenheits-Kino für eine Minderheit, das ist vorbei. Filme von türkischstämmigen Regisseuren dominieren das Kino, das sich mit Migration beschäftigt, andere aus Nordafrika, Iran, dem früheren Sowjetreich oder Asien stammende Gruppen spielen eine untergeordnete Rolle, ihnen widmet sich – wenn überhaupt – der Dokumentarfilm. Und es sind dann größtenteils deutsche Filmemacher, die das Thema aufgreifen. So müssen die jungen Mädchen in Alexander Riedels Dokumentarfilm Draußen bleiben (2007). Die Freundschaft der jungen Kosovarin aus dem Flüchtlingsheim und ihrer Freundin, einer Uigurin, gibt beiden Halt zwischen Erwachsenwerden und Kindheit, zwischen der neuen Heimat, in der sie noch nicht beheimatet sind und der alten, in der sie nichts mehr hält. Sie wollen bleiben und dazugehören, wenn man sie nur lässt. Auch wenn der Film die Hässlichkeit des Flüchtlingsheimes zeigt, verzichtet er auf wütende sozialkritische Bilder, will kein schlechtes Gewissen suggerieren und Ausländer nicht als getriebene Opfer darstellen. Die Protagonistinnen beweisen Mut und Stärke, nicht Tristesse, sondern Tatkraft bestimmt ihr Handeln, sie ergeben sich nicht in ein Schicksal, sondern nehmen es selbst in die Hand.

Fremde Haut; Copyright: Ventura-FilmIn ihrem Spielfilm Fremde Haut (2005) erzählt Angelina Maccarone die Geschichte einer Asylbewerberin in Deutschland ohne die üblichen Klischees. Sie inszeniert das Schicksal einer jungen lesbischen Iranerin, die aus dem intoleranten Gottesstaat nach Deutschland flieht, wo sie die Identität eines Landsmannes annimmt und sich in der schwäbischen Provinz in eine blonde Kollegin verliebt. Nicht nur ein persönliches Drama, sondern auch ein Blick in deutsche Realitäten mit Auffanglagern, endlosen Befragungen und Übergangsheimen.

Deutsch-türkisches Kino dominiert

Chico; Copyright: Maria Krumwiede/Corazón InternationalDer Begriff deutsch-türkisches Kino ist seit den 90er Jahren ein fester Begriff, laut Deutschem Filminstitut sowohl „Teil eines internationalen Phänomens des ‚Cinema du métissage’ als auch Zeichen für ein neues selbstbewusstes Auftreten der Türken innerhalb der deutschen Kulturszene“. Die 2. und 3. Generation von Einwanderern hinter der Kamera gibt dem deutschen Film eine Auffrischungskur und geht weit über die Darstellung des Gefühls von Fremdsein wie in Filmen aus den 70er, 80er und 90er Jahren hinaus. Die Regisseure und Regisseurinnen empfinden sich als Teil dieses Landes, nicht mehr nur als Kinder von so genannten „Gastarbeitern“ und bringen ihre Sicht- und Lebensweisen hinein in den interkulturellen Kosmos.

Die Grenzen zwischen Heimat und Fremde verwischen sich, ohne die eigene Identität aufzugeben. Es geht nicht um Beschönigung, sondern schonungslos wird der Finger auf die Wunde gelegt, die da heißt, sich zwischen zwei Kulturen zurechtzufinden, einen Platz im Leben zu erobern, eine Brücke zu schlagen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Vielfältige Themen

Kebab Connection; Copyright: WÜSTE Film, Fotograf: Georges PaulyDer Bonner Anno Saul zeichnet nach einem Drehbuch von Fatih Akin und Ruth Thoma in Kebab Connection (2004) den Zusammenprall der Kulturen mit buntem sprachlichen Treiben, Missverständnissen im Milieu und totalem Chaos. Neben einer Liebesgeschichte und Familienkomödie gibt es noch Nebenschauplätze, wo „der Türke“ und „der Grieche“ um Gäste konkurrieren und Vorurteile ad absurdum geführt werden, wenn auch nicht immer ganz fein gewoben, sondern mit dem Holzhämmerchen. Bereits in ihrem Regiedebüt Auslandstournee (2000) interessierte sich Ayse Polat für die schwierige Situation eines türkischen Schlagersängers und Außenseiters. Die geborene Kurdin beschreibt in En garde (2004) das Schicksal einer 16jährigen Deutschen, die von der Mutter in ein katholisches Mädchenwohnheim abgeschoben wird und sich dort mit einer jungen Kurdin befreundet, die auf ihren Asylbescheid wartet. Mit Gewalt verstört der Hamburger Özgür Yildirim in seinem Spielfilmdebüt Chiko (2007), ein blutiges Gangsterdrama im Hamburger Kiez, das Aufstieg und Fall eines türkischstämmigen Kleinkriminellen im Drogengeschäft behandelt. Yildirim stellt in einem Mix aus Milieustudie und Action-Drama die tödlichen Folgen eines übersteigerten Ehrenbegriffs dar, die Ambivalenz zwischen Moral, Moschee und Männlichkeitswahn.

Erschütternd: Yilmaz Arslans Brudermord, die Tragödie eines jungen Kurden, der seinem Bruder nach Deutschland nachreist und durch eine Auseinandersetzung mit zwei Türken eine Welle der Gewalt auslöst. Trotz Brutalität ein Plädoyer gegen Rassismus und Intoleranz.

Zeichen von Integration

Interessant und als Zeichen von Integration zu deuten, dass junge Deutschtürken Filme drehen, die nicht mit ihrer unmittelbaren Realität oder wie wir sie uns vorstellen zu tun haben: Züli Aladag (Grimme-Preisträger für den umstrittenen WDR-Fernsehfilm Wut (2005) stellt in den Mittelpunkt seines Coming of Age-Dramas Elefantenherz (2003) beispielsweise einen aufstrebenden deutschen Boxer, der in die Fänge eines schmierigen Boxpromoters gerät (nur sein Kumpel ist türkisch).

Auf der anderen Seite
Von Fatih Akin
Deutschland 2007

Brudermord
Von Yilmaz Arslan
Deutschland/Luxemburg/Frankreich 2005

Chiko
Von Özgür Yildirim
Deutschland 2007

Draußen bleiben
Von Alexander Riedel
Deutschland 2007

Elefantenherz
von Züli Aladag
Deutschland 2003

En garde
Von Ayse Polat
Deutschland 2004

Fremde Haut
Von Angelina Maccarone
Deutschland/Österreich 2005

Gegen die Wand
Von Fatih Akin
Deutschland 2004

Kebab Connection
Von Anno Saul
Deutschland 2004

Margret Köhler
ist Filmjournalistin in München.

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Juli 2008

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Migration und Integration

Migration verändert Kulturen. Das Goethe-Institut reflektiert diese Entwicklungen in Deutschland und weltweit und engagiert sich bei der sprachlichen Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern.