Mehrsprachigkeit und Künste

Mehrsprachigkeit und Quersprachigkeit – Kreativpotenzial von Autorinnen und Autoren mit nichtdeutscher Muttersprache

Bücher. Foto: Gerd Altmann, Copyright: www.pixelio.de

Migrantenliteratur erfährt in den letzen Jahren mehr und mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung seitens des Publikums, der Kritik und der Wissenschaft. Das besondere kreative Potenzial dieser Autorinnen und Autoren liegt in ihrer Mehrsprachigkeit und dadurch bedingten Transkulturalität.

Von Muttersprache im Zusammenhang mit Mehrsprachigkeit zu sprechen, ist eigentlich – wäre der Begriff nicht so sehr in unserer Alltagssprache verankert – ein Paradoxon. Muttersprache ist in den Augen der meisten Sprecher etwas Einzigartiges, entstanden als Analogiebildung zur Person einer leiblichen Mutter, von der es eben auch nur eine einzige geben kann (zumindest bis vor dem Beginn künstlicher Befruchtungen.) Die Alltagsbezeichnung Muttersprache schließt also echte Zweisprachigkeit (Bilingualismus) und Mehrsprachigkeit (Plurilingualismus) von vorneherein aus, ist Teil eines monolingualen Sprachkonzepts.

Die Linguistik bevorzugt den Begriff Erstsprache. Ein Mensch kann durchaus – bei einigen wenigen der Autorinnen und Autoren der sogenannten Migrantenliteratur ist das auch der Fall – zwei Erstsprachen haben, insofern die Eltern zwei verschiedenen Sprachen angehören. Erreichen die Sprecher letztlich in beiden Sprachen ein muttersprachliches Niveau, spricht man von echtem oder – so Harald Weinreich – „koordiniertem“ Bilingualismus.

Zwiegespaltenheit bei der ersten Generation

Gastarbeiter 1963. Foto: Ludwig Wegmann, Copyright: Deutsches Bundesarchiv, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/Die weitaus häufigere Form des Bilingualismus ist aber die, der vor allem die Pioniere der Migrantenliteratur – damals Gastarbeiterliteratur oder Ausländerliteratur – der 1970er- und 1980er-Jahre zugerechnet werden können. Der Erwerb der Zweitsprache setzte bei ihnen zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt, in den allermeisten Fällen im Erwachsenenalter ein und erfolgte vor allem als „gesteuerter“ Fremdsprachenerwerb. Die Arbeitsmigration und ein gesellschaftlich-geistiges Klima der Voreingenommenheit der Einheimischen gegenüber Fremdem und Fremden taten ein Weiteres dazu, dass bei den Schriftstellern und Schriftstellerinnen dieser Generation eine gewisse Zwiegespaltenheit vorherrschte, die sich auch sprachlich und thematisch manifestierte. Prägnante Beispiele hierfür finden sich in dem von Irmgard Ackermann herausgegebenen Band In zwei Sprachen leben aus dem Jahr 1983.

In den Sprachbiographien der jüngeren Autorinnen und Autoren,, die entweder der „zweiten Generation“ der Gastarbeiter angehören, oder die im Zuge einer neuen, durch die politischen Umbrüche um den Mauerfall und die jüngsten Balkankriege ausgelösten Migrationswelle in die deutschsprachigen Länder kamen, spielen in den meisten Fällen mehrere Sprachen eine Rolle. Erstere wurden im deutschsprachigen Schulsystem zumindest mit Englisch als obligatorischer Fremdsprache konfrontiert, in den Schulen des damaligen Ostblocks hingegen war die erste Fremdsprache zumeist Russisch, und auf dem Balkan war Mehrsprachigkeit ein Teil des gesellschaftlichen Alltags.

Zur prinzipiellen Mehrsprachigkeit kommt die „Quersprachigkeit“

Natürlich gilt für die Autoren und Autorinnen mit nichtdeutscher Erstsprache auch die prinzipielle (tätige und verstehende) Mehrsprachigkeit des Menschen, die Ende der 1970er-Jahre von Mario Wandruska auf den einfachen Nenner gebracht wurde: „Eine Sprache ist viele Sprachen“. Gemeint ist damit zweierlei: Erstens, dass jeder Sprecher auch innerhalb einer Sprache, mehrere Sprachen spricht beziehungsweise sprachkompetent auf mehreren Sprachebenen ist. So kann er zwischen dialektalen, umgangssprachlichen und standardsprachlichen Sprachformen unterscheiden, aktiv Registerwechsel vollziehen, verschiedene Stilebenen einnehmen, seinen Idiolekt (die spezifische Sprache eines jeden einzelnen) ausbilden, Fachsprachen (Technolekte) erkennen, sie sich gegebenenfalls auch aneignen, und letztlich das Verständnis für Literatursprache (Poetolekte) ausbilden, sie sogar erschaffen. Zum Zweiten meint Wandruschka mit seiner Aussage, dass eine Sprache nie als perfektes homogenes Monosystem gesehen werden kann, vielmehr handle es sich jeweils um dynamische Polysysteme, in denen – gleich den theoretischen Modellen des Atomkerns – ständig Interpenetrationen, Osmosen, Symbiosen und Hybridisierungen stattfinden.

Kulturelle und damit sprachliche Überlagerungen und Interferenzen auch in der deutschen Sprache waren immer Teil ihrer Sprachentwicklung. Schon Goethes Plädoyer für Mehrsprachigkeit in den Maximen und Reflexionen, „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen”, kann in diesem Sinne gedeutet werden. Wandruschkas mehrsprachige Registerkompetenz wird in jüngsten Forschungen ausgeweitet zum Begriff der „Quersprachigkeit“; so lautet auch der Titel eines Bandes von Gundula und Günther List, der die transkulturellen Sprachpraxen und den multiplen Sprachgebrauch von gesellschaftlichen Gruppen, wie beispielweise den Zuwanderern, bezeichnet.

Sprachspielerische Experimente

Feridun Zaimoglu. Foto: Hans Weingartz, Copyright: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/Es zeigt sich, dass sich in den Werken einiger der zugewanderten Schriftsteller und Schriftstellerinnen durch die Quersprachigkeit eine Vielzahl von kombinatorischen Möglichkeiten ergibt, die oft, auch weil sie Erwartungshaltungen zuwider laufen, vorerst befremdlich wirken. Auf den zweiten Blick erkennt man aber gerade darin – es handelt sich da oft um sprachspielerische Experimente – einen Teil des kreativen Potentials dieser Autoren und Autorinnen. Feridun Zaimoglu, Emine Sevgi Özdamar, Dragica Rajčić und Alma Hadzibeganovic wären hier als Beispiele zu nennen.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen in diesem Zusammenhang auch die Bemühungen der Kognitionswissenschaften und der Hirnforschung, die Mehrsprachigkeit zu erforschen – etwa durch bildgebende Verfahren. Ergebnisse, wie die, dass bei Menschen, die früh mehrere Sprachen erwerben, nur ein Hirnareal beansprucht wird, also mehrsprachige Sprachaktivität einfach überlappend passiert, während späte Mehrsprachigkeit mehrere Areale in Anspruch nimmt, könnten ein Anfang sein auch dem Zusammenhang von Mehrsprachigkeit und Kreativität von empirischer Seite auf die Spur zu kommen.

Hochgepriesener Beitrag zur deutschen (Literatur-)Sprache

Die Evaluierung von intentionaler Mehrsprachigkeit und den Auswirkungen einer mehrsprachigen Sprachbiographie muss allerdings letztlich vom Resultat, also von den Texten her angegangen werden: Erste Ergebnisse eines umfassendes Projekts, das den vielerorts hochgepriesenen Beitrag zur deutschen (Literatur-)Sprache seitens der Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund im letzten Jahrzehnt beschreibt und aus linguistischer und dann sprachästhetischer Sicht analysiert, werden ab Herbst 2009 präsentiert.

Literatur

Irmgard Ackermann (Hrsg.) (1983): In zwei Sprachen leben. Berichte, Erzählungen, Gedichte von Ausländern. v.. Frankfurt/M.: dtv.

Mario Wandruschka (1979): Die Mehrsprachigkeit des Menschen. München, Zürich: Piper.

Gundula List u. Günther List (Hrsg.): Quersprachigkeit. Zum transkulturellen Registergebrauch in Laut- und Gebärdensprachen. Darmstadt: Stauffenburg. (=Tertiär. Drei- u. Mehrsprachigkeit. Band 5.)

Katharina Stockert (2009): Mehrsprachigkeit in den Kognitionswissenschaften. Ein Abriss. In: Inst Nr. 17 (Juli 2009)

Michaela Bürger-Koftis
unterrichtet Germanistik an der Universität Genua und forscht zur Migrationsliteratur.

Foto „Bücher“ © Gerd Altmann / PIXELIO

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Juni 2009

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Migration und Integration

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