Projekte

Die Sprache Bollywoods – Dokumentarfilm über den Umgang mit Mehrsprachigkeit in Hindi-Filmen (Indien)


Bollywood-Produktionen sind heute anerkannte Erzeuger und Träger einer zeitgenössischen Volkskultur in Indien. Den Sprachgebrauch der Filme zeichnet eine bemerkenswerte überregionale und integrative Qualität aus. Je nach Thema, Schauplatz und Personen wechselt der Code zwischen Soziolekten, Hochsprachen mit starken persischen oder sanskritischen Merkmalen, Jargons oder regionalen Varianten bis hin zu anderen indischen Landessprachen wie etwa Panjabi, Marathi, Gujarati und nicht zuletzt auch Englisch.

Regelmäßige Zuschauer lernen daher nicht nur Hindi und Urdu kennen, sondern entwickeln auch ein Bewusstsein und ein gewisses Maß an Vertrautheit mit Mustern aus anderen (nord-)indischen Sprachen. Im Stil und in der Sprache der Bollywood-Filme werden verschiedene kulturelle Bestände vermischt, und in dieser Zusammensetzung reflektieren sie eine angesichts der realen Ausdehnung und Vielfalt nicht leicht zu erfassende Idee einer indischen nationalen Gemeinschaft.

Indien verfügt über keine Mehrheitssprache. Hindi und Englisch sind in der Verfassung als Nationalsprachen der Indischen Union aufgeführt und Hindi hat mit über 422 Millionen (Government Census of India 2001) zwar die meisten Muttersprachler, liegt aber trotzdem unterhalb der 50-Prozent-Marke. Jenseits der im Zensus angegebenen Zahlen ist Hindi jedoch auch als zweite oder dritte Sprache verbreitet. Man lernt es in der Schule, beim Militär, im Beruf, im Freundeskreis und auf der Straße oder eben über die Massenmedien. Insgesamt 22 in der Verfassung anerkannte indische Sprachen werden von etwa 98 Prozent der Bevölkerung gesprochen. Nach der Unabhängigkeit 1947 hat die Gründung zahlreicher indischer Unionsstaaten nach linguistischen Kriterien das identitätsstiftende Potenzial dieser Verfassungssprachen offiziell anerkannt und erhöht. Mit ihrer Erhebung zu Landes- und Verwaltungssprachen wurden sie zu einem Faktor bei der Abgrenzung gegenüber politischen Konkurrenten aus anderen Regionen. Der offizielle Status verschaffte ihnen nicht nur eine neue Position, sondern änderte sukzessive auch ihre Qualität. Durch den gezielten Aufbau von Vokabular und Registern der Landessprachen zum Beispiel für die schulische Ausbildung, den Technologietransfer, die Verwaltung, aber nicht zuletzt auch zur Konsolidierung des jeweiligen staatstragenden Mediums wurde die Dichotomie zwischen einem „entwickelten“, standardisierten, schriftgebundenen offiziellen Code und einer variantenreichen „Gemeinsprache“ verschärft. Gleichzeitig treten damit auch die Unterschiede und Grenzen zwischen den verschiedenen Landessprachen stärker in den Vordergrund.

Populäres Medium

Copyright: www.colourbox.com Die Bollywood-Film-, Musik- und Tanzproduktionen erscheinen demgegenüber als ein populäres Medium, in dem erfolgreich ein sprachliches Kontinuum gegen scharf abgegrenzte Einzelsprachen in Indien projiziert wird, auch wenn das zugrunde liegende Hindi/Urdu der Darsteller eine Verwurzelung in der Indo-Europäischen Sprachengruppe belegt und in Bengalen und Südindien eine eigene Filmindustrie in Bengali oder in drawidischen Sprachen floriert. Die von Linguisten konstatierte traditionelle Durchlässigkeit der Sprachgrenzen in Indien charakterisiert auch den Sprachgebrauch der Bollywood-Filme. Wohl mehr im Gefühl als in einem klaren Bewusstsein von fließenden Grenzen gründet die Einstellung, dass Personen von unterschiedlicher regionaler, kultureller und sozialer Herkunft zwar anders sprechen, aber deshalb nicht notwendig in einer fremden Sprache kommunizieren, so dass man sich innerhalb eines sprachlichen Kontinuums bewegt. Ähnlich wie sich das Englische im Zuge seiner „Indisierung“ veränderte, erscheinen auch indische Landes- und Regionalsprachen nicht in der standardisierten Form einer Schriftsprache, sondern in Varianten, je nach kommunikativen, ökonomischen, religiösen oder kulturellen Kontexten. Solche Flexibilität ist das Merkmal der Sprache Bollywoods. Das zugrunde liegende Hindi wirkt wie eine anpassungsfähige Trägersprache, die nicht allein unterschiedliche Sprechweisen von Muttersprachlern, sondern auch mühelos Einschübe aus anderen indischen Sprachen aufnehmen kann.

Copyright: www.colourbox.comMit der inzwischen über den indischen Subkontinent weit hinausreichenden Popularität der Filmproduktionen hat auch das Hindi eine wesentlich größere Verbreitung und Akzeptanz und gleichzeitig auch ein höheres Ansehen erreicht. Kampagnen der indischen Regierung zur Förderung des Hindi als Nationalsprache, ein stark sanskritisiertes Hindi, das früher in den staatlichen Medien gebraucht wurde oder der den Schulen verordnete Hindi-Unterricht erwiesen sich als nicht nur wenig erfolgreich, sondern hatten oft sogar einen gegenläufigen Effekt: Neben dem Verdacht, dass mit der Sprache die Hegemonie einer nordindischen Elite durchgesetzt werden soll, wurde Hindi als aufgesetzt, steril und konservativ empfunden und der Schulunterricht erstickte oft den letzten Rest von natürlicher Affinität und Begeisterung.

Rekordeinschaltquoten

Ganz im Gegensatz dazu steht der Siegeszug des Hindi in der Unterhaltungsindustrie. Heutzutage haben Hindi-Seifenopern der indischen überregionalen Fernsehsender Rekordeinschaltquoten, und Hindi ist neben dem Englischen die am meisten verbreitete Sprache in der Werbung und in Sportsendungen, allem voran natürlich bei Kricketübertragungen. Für das jüngere Publikum werden auf verschiedenen Musikkanälen der Fernsehsender gegenwärtig fast ausschließlich Videoclips mit Hindi-Popmusik angeboten, die ausländische englische Titel zunehmend verdrängen. Diese überwältigende Präsenz des Hindi in allen Unterhaltungsbereichen ist nicht zuletzt auf die in Mumbai (Bombay) produzierten Filme zurückzuführen. Bis nach Tamil Nadu, wo die vehementesten Proteste gegen das Hindi als Nationalsprache vorgebracht wurden, sind – nicht synchronisierte – Hindi-Filme Kassenschlager. Fast überall in Indien übertreffen sich die Zuschauer gegenseitig mit Zitaten aus Dialogen und Filmsongs, durch deren Rhetorik und Poesie das Hindi zu einem stilistisch attraktiveren, zeitgemäßen Medium für die alltägliche Kommunikation wurde.

Wie die Bollywood-Filme zeigen, lassen sich am Beispiel Indiens interessante Einsichten über den Umgang mit Mehrsprachigkeit gewinnen. Denn hier wird eine andere Sprache nicht notwendig als eine fremde Sprache aufgefasst, die nur mit großen Mühen in Bildungseinrichtungen gelernt werden kann. Insbesondere die Lebenswelt in den indischen Großstädten, aber nicht nur dort, lässt formell oder informell erworbene Mehrsprachigkeit als völlig normal erscheinen. Die meisten Menschen in Indien wachsen in einer mehrsprachigen Umwelt auf und kennen und gebrauchen mehr als eine Sprache. Ohne eine hinreichende kommunikative Kompetenz in verschiedenen Sprachen fällt es schwer, im sozialen und beruflichen Alltag zu bestehen. Anstelle einer binären Beziehung zwischen der eigenen und der fremden Sprache, wie sie in monolingualen europäischen Gesellschaften üblich ist, pflegt man häufig eine funktionale Mehrsprachigkeit. Allerdings sind oft nicht alle Bestandteile des sprachlichen Repertoires in gleicher Weise ausgebildet, was dazu führt, dass je nach Thema, Situation und Partnern zwischen verschiedenen Sprachen gewechselt werden muss. Dabei kommt es nicht immer auf Perfektion und Reinheit an, sondern auf die Fähigkeit, sich untereinander zu verständigen.

Im Auftrag des Goethe-Institut New Delhi entsteht derzeit ein dreißig Minuten langer Dokumentarfilm, der das Phänomen Bollywood und die damit verbundenen linguistischen Implikationen anschaulich präsentiert. Auszüge aus Filmen, TV-Werbespots und Musikvideos werden als Beispiele herangezogen. Zur Rezeption in Indien werden Interviews mit Zuschauern aus verschiedenen Landesteilen und unterschiedlichen Altersgruppen durchgeführt, verbunden mit der Aufforderung, Dialoge, Lieder oder Tanzszenen aus dem Stegreif zu reproduzieren. Filmemacher, Dialogtextautoren und Songtextschreiber sprechen zum Stil der Filmdialoge und der Songlyrik. Schließlich kommentieren Autoren, Journalisten, Kritiker, Sprachwissenschaftler und Lehrer die Sprache der Bollywood Produktionen und ihren Einfluss auf den sprachlichen Alltag in Indien.
    Links zum Thema

    mehrsprachICH

    Ihr habt gewählt: Das ist unser Mehrsprachigkeitsbotschafter!

    11 Fragen zur Mehrsprachigkeit

    © colourbox.com
    Erfolgreiche Litauer und Deutsche erzählen über das Sprachenlernen, Sprache im Alltag und die Mehrsprachigkeit in Litauen und Europa

    SCHIRMHERRSCHAFT DES PROJEKTS

    copyright: Europäische Kommission
    Leonard Orban, Mitglied der Europäischen Kommission zuständig für Mehrsprachigkeit