Sind für Sie Fremdsprachen fremde Sprachen?

Jan Delay, Musiker

Achim Hahn: Jan Delay – machen wir erst mal eine kurze Bestandsaufnahme. Welche Sprachen sprechen Sie selbst?

Jan Delay: Ich spreche hamburgisch und ein wenig englisch.


Achim Hahn: Hat denn dann Mehrsprachigkeit für Sie eine Bedeutung?

Jan Delay: Für mich persönlich hat sie wenig Bedeutung, weil ich nicht viele Sprachen spreche. Ich fände es aber gut, wenn alle Menschen auf der Welt aufwachsen und verschiedene Sprachen lernen und sie dann ihr Leben lang auch sprechen können und im Idealfall auch lesen und schreiben.

Achim Hahn: Sie kommen ja aus Hamburg, dem Tor zur Welt, wie es so schön heißt. Da – denke ich – ist die eingewanderte Sprachenvielfalt ganz normal. Wie erleben Sie das?

Jan Delay: Als etwas Selbstverständliches. Also, ich denke mal, das geht den Hamburgern, vor allem im Gegensatz zu anderen deutschen Städten schon seit Jahrhunderten so, weil wir ja den Hafen haben. Deshalb ist das für uns etwas ganz Normales, dass allerlei Sprachen und Kulturen bei uns in der Stadt auftauchen, und das ist eben auch das Gute. Das macht uns auch offen und tolerant; und auch wenn wir das meistens nicht verstehen, gehört es irgendwie zum guten Ton.

Achim Hahn: Dann ist das für Sie eine Bereicherung oder eher eine Herausforderung?

Jan Delay: Erst mal nur ne Bereicherung, weil ich bin auch nichts so sprachenfixiert, auf Fremdsprachen fixiert, dass es mich irgendwie reizen würde, das jetzt alles zu lernen, um die dann alle zu verstehen, weil – weiß nicht. Ich bin mit meiner eigenen Sprache genug bedient.

Achim Hahn: Wann ist es denn für Sie wichtig, auf mehrere Sprachen zurückgreifen zu können?

Jan Delay: Na wenn ich im Ausland bin und mich nicht verständigen kann. Aber irgendwie kann man sich immer verständigen. Außerdem ist ja meine Sprache bekanntlich auch die Musik, und die ist universal und wird überall verstanden.

Achim Hahn: Spielen denn andere Sprachen in Ihren Texten eine Rolle?

Jan Delay: Ne, auch nicht. Ich komm ja bekanntlich aus Hamburg und Deutschland und spreche auch nur die Sprache gut und deshalb werde ich mich halt auch nur in dieser Sprache ausdrücken. Wenn ich jetzt – keine Ahnung – die deutsche Sprache ist quasi der Gitarrist und der beherrscht seine Gitarre sehr gut; der kommt auch nicht auf die Idee, jetzt mal Bass zu ((spielen)), na okay – das vielleicht, aber mal Tuba zu spielen, weil ihn das irgendwie reizt, sondern er kann das halt einfach nicht, deshalb lässt er die Finger davon. Also ich mein jetzt auf ’ner Bühne. Und so ist das halt für mich mit der deutschen Sprache. Ich könnte das auch auf Englisch irgendwie versuchen, aber das wär’ irgendwie nicht echt, weil: so denke ich nicht. Und ich finde, wenn man sich ausdrücken will, dann muss man sich so ausdrücken, wie man denkt. Deshalb find ich’s auch immer faszinierend, wenn Leute erzählen, die halt ein, zwei Jahre im Ausland sind, wann der Zeitpunkt eintritt, wo man auch anfängt in der Sprache zu denken oder zu träumen, weil dann hat man’s auf jeden Fall erreicht.

Achim Hahn: Würde Mehrsprachigkeit in den Texten nicht möglicherweise den Marktwert erhöhen?

Jan Delay: Ja definitiv würde es das, aber das ist mir alles viel zu anstrengend. Jeden Song zwei Mal aufzunehmen und dann noch den ganzen Kack, den ich hier in den Ländern machen muss mit Promo-Interviews, Auftreten und alles, dann auch noch in anderen Ländern machen zu müssen, das wär’ eh nichts für mich.

Achim Hahn: Die Förderung der Mehrsprachigkeit ist ja auch ein Ziel des Projektes „Sprache ohne Grenzen“, das das Goethe-Institut in diesem Jahr durchführt. Welche Rolle kann die Musik dabei spielen? Sie haben gerade schon gesagt, das ist eine universelle Sprache für Sie. Kann Musik Mehrsprachigkeit fördern?

Jan Delay: Ja das kann sie definitiv, weil das Englisch, das ich wirklich gelernt hab’ – also natürlich hab’ ich’s in der Schule gelernt, aber wenn man irgendwie in Amerika aus dem Flugzeug aussteigt und in die Bronx fährt oder nach Brooklyn und sich anfängt in einem Englisch auszudrücken wie in seinem Schulbuch und mit so einem Vokabular, dann kommt man nicht weit. Das was ich an wirklichem Englisch, Amerikanisch oder Slang oder was auch immer gelernt hab, was man zum wahren Leben braucht, dass kenn’ ich von der Musik; ’n bisschen vom Film, aber vor allem von der Musik, und das ist ja das beste Beispiel dafür, dass wenn man einfach – meistens ist es auch so, dass wenn man ein paar Brocken von ’ner ander’n Sprache kennt, dann kennt man die auch nur durch den jeweiligen Hit des jeweiligen Landes in der jeweiligen Sprache. Deshalb kann Musik von allen Sachen am besten genau das fördern.

Achim Hahn: Glauben Sie, dass Europa eher zusammenwachsen könnte, wenn es eine einheitliche Sprache gäbe?

Jan Delay: Nö, ich find das eigentlich so gut wie es ist. Jedes Land behält immer dadurch noch seine eigene Identität und seine eigene Kultur und trotzdem ist man auch in gewisser Weise eins. Das ist eigentlich auch genauso richtig und ich find’ es immer falsch, wenn irgendjemand von irgendwoher kommt und sagt, es muss alles so oder so oder so laufen. Also – weder brauchen wir also eine Sprache, um uns besser zu verständigen und zusammenwachsen zu können, noch brauchen wir die nicht. Es läuft so wie es ist in Europa und das ist eigentlich ganz richtig so.

Achim Hahn: Welche Kraft trauen Sie der Sprache zu?

Jan Delay: Nicht so viel wie der Musik und auch nicht so viel wie dem Film und auch nicht so viel wie der Kunst, und ne – also. Sprache ist immer nur ein Werkzeug. Es hat nicht diesen Ausdruck und es kann nichts verändern, weil es kommt nur darauf an, dass du in der richtigen Sprache zu den Leuten sprichst, die du überzeugen willst. Das lassen wir mal außen vor, aber die Sprache allein hat keine Macht. Worte haben ’ne sehr große Macht. Die Worte sind das, von dem die Macht ausgeht, die Sprache ist nur das Werkzeug. Oder wenn ich sage, zum Beispiel Musik hat ’ne Macht und ’ne Kraft, dann heißt das eben nicht, dass jede Musik automatisch ’ne Macht und ’ne Kraft hat. Sie kann es nur haben. Je nachdem, was du dann für Tonfolgen nimmst, für Partituren, wie du das alles setzt – das ist so, wie: welche Sprache wählst du, um etwas auszudrücken.

Achim Hahn: Klingt da nicht auch ein bisschen Sprachskeptizismus durch?

Jan Delay: Ne. Nur ein Skeptizismus bezüglich dessen, dass Sprache eine Macht hat, weil ich finde, nur Worte haben eine Macht, Sprache nicht.

Achim Hahn: Was würden Sie sich für die Zukunft der Sprachen in Europa wünschen?

Jan Delay: Die Zukunft der Sprachen in Europa? – Ey ich würde mir ganz viele andere Sachen für Europa wünschen, die viel wichtiger sind als Sprache. Also ich weiß nicht. Es geht da um Sachen wie Zusammenleben und Toleranz und einander respektieren. Und ich glaub nicht, dass eine gleiche Sprache oder viele verschiedene Sprachen daran irgendwas ändert. Deshalb weiß ich nicht, was ich der Mehrsprachigkeit oder der Sprachgestaltung in Europa quasi wünschen kann, weil ich wünsch’ Europa ganz viele andere, wichtigere Sachen. Letzten Endes – kann ich dazu nur sagen – nach wie vor, dass es mir wichtig wäre, dass Identitäten bestehen bleiben und Länder ihr eigenes Ding machen können und es nicht von irgendwo versucht wird, eine Amtssprache durchzusetzen oder sogar eine esperantomäßige Universalsprache für ganz Europa, so wie die Währung. Weil bei der Währung, da macht das ja irgendwie Sinn, weil es ist etwas sehr Reales bzw. sehr Pragmatisches, etwas was wir in die Hand nehmen, was wir brauchen für den täglichen Bedarf, um unsere ganzen Aktionen durchzuziehen. Bei Sprache – man kann sich auch nur mit Hand und Fuß verständigen oder mit Musik, oder mit ein paar Brocken Englisch oder was weiß ich, da ist es nicht so wichtig. Also ich glaube nicht, dass man sich da durch irgendwelche Barrieren schafft, wenn weiterhin alle ihre eigene Sprache sprechen. Wenn allerdings alle mehrere Sprachen lernen, wie ich’s ganz am Anfang gesagt hab, dann ist es eine gute Sache, weil es noch mehr zu dem führen würde, was ich Europa wünsche, nämlich, dass Frieden ist und alle irgendwie cool miteinander klarkommen.

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