Jsou pro Vás cizí jazyky cizími jazyky?

Jaroslav Rudiš

Jaroslav Rudiš gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern einer neuen Generation, die Anfang des Jahrzehnts erstmals in Erscheinung trat. Sein Erstlingswerk Der Himmel unter Berlin bescherte ihm Erfolg, an den er mit seinen weiteren Romanen Grandhotel und Die Stille anknüpfte. Typisch für Rudiš ist, dass sich seine Helden im Grenzbereich zweier Sprachen bewegen, ob es sich um Bewohner des Sudetenlandes handelt oder beispielsweise um einen in Prag lebenden Amerikaner. Rudiš verheimlicht nicht sein Interesse an der deutschen Sprache und der deutschen Kulturlandschaft. Einige Stücke schrieb er sogar in Zusammenarbeit mit seinem deutschen Kollegen Martin Becker.

Sie begannen Ihr erstes Buch Der Himmel unter Berlin unter dem Eindruck Ihres Aufenthalts in Deutschland zu schreiben. Hatte die fremdsprachliche Umgebung einen Einfluss darauf, dass Sie sich des grundlegenden literarischen Instruments, der Sprache, bewusst wurden?

Ja, ganz sicher. Ich bin mir dort nicht nur meiner sprachlichen, sondern auch meiner kulturellen Andersartigkeit bewusst geworden. Ich habe schon früher versucht zu schreiben, aber irgendwie hat es nicht geklappt. Paradoxerweise überkam mich Tschechisch auf dieser Insel, wo ich praktisch keine Tschechisch sprechenden Freunde hatte, und als ich begann zu schreiben, sprudelte es nur so aus mir heraus. Eigentlich bin ich bis jetzt noch nicht darauf gekommen, was da eigentlich geschah, aber über das Deutsche hat sich mein Tschechisch befreit und erlangte plötzlich eine Art von Leichtigkeit. Ich habe gespürt, dass meine Texte Luft zum Atmen haben, fließen und sehr natürlich sind.

Bei welchen Texten haben Sie das beobachtet?

Das war bei meinem ersten Roman, Der Himmel unter Berlin, der im Jahr 2002 herauskam. Ich schrieb ihn größtenteils in Berlin, wo ich damals zur Uni ging. Dann ging es bei verschiedenen schöpferischen Stipendien so weiter, zum Beispiel in Österreich und wieder in Deutschland, wo ich weitere Romane schrieb, beispielsweise Grandhotel. Ich machte die Erfahrung, dass es gut ist, in einer anderen Sprache zu überlegen, zu sprechen und zu träumen und Tschechisch zu schreiben. Mir kommt es absurd vor, dass ich in Deutschland zu einem tschechischen Schriftsteller geworden bin.

Mir fallen zwei Erklärungen ein: Zum einen kann der räumliche Abstand hinsichtlich der Betrachtungsweise und der Fähigkeit etwas zu beschreiben, befreiend wirken, zum anderen kann man sich in fremder Umgebung mittels der Sprache darüber bewusst werden, dass eine Gefühlsbindung zur Heimat besteht.

Tatsache ist, dass ich dort viel Zeit hatte, in meinem Kopf aufzuräumen und mit jener U-Bahn zu fahren, in der sich die Handlung des Buches zu einem großen Teil abspielt, und der Abstand war dabei wohl gut ... mir fehlten dort meine Freunde aus der Kneipe „Zum ausgeschossenen Auge“ in Prag-Žižkov, also ließ ich sie Teil des Romans werden und holte sie so auch ein bisschen zu mir. Im Nachhinein wurde mir klar, dass der Roman ein inneres Reinemachen eines Lebensabschnitts von mir war. Für mich ist es eine wirklich große Herausforderung zu versuchen, etwas auf Deutsch zu schreiben. Bis jetzt habe ich mit meinem Freund, dem Berliner Schriftsteller Martin Becker, das Hörspiel Lost in Prag für den WDR in Köln geschrieben. Es handelt von zwei Deutschen, die sich in Prag verlieren. Sie denken, dass sie ihre Beziehung hier irgendwie auftauen könnten, aber die zerbricht schneller, als sie auftauen kann, und beide verlieren sich in dieser Stadt. Im Hörspiel demaskieren wir auch das Postkartenmythos deutscher Reiseveranstalter, wir zeigen Prag von einer wesentlich härteren Seite. Martin und ich haben auch zusammen das Libretto zur Oper Exit 89 geschrieben, die jetzt im Theater Archa aufgeführt wird.

Wie verläuft die Kommunikation, wenn Sie gemeinsam in einer Sprache arbeiten, die die Muttersprache des anderen ist? Fühlen Sie sich nicht unweigerlich benachteiligt?

Es klappt überraschend gut. Ich habe selbst zwei kürzere dramatische Texte für eine deutsche Rundfunkanstalt geschrieben, einen über Alois Nebel und eine Erzählung über Pan Tau und Weihnachten, beide auf Deutsch. Bestimmt ist es ein Handicap. Aber ich schreibe nicht so übereilt und unbesonnen. Ich schreibe langsamer, muss viel mehr nachdenken und genauer sein.

Manchmal habe ich die Gelegenheit, Texte von Autoren zu lesen, die nicht aus Tschechien stammen und es wird mir bewusst, wie umfassend und subtil die Erfahrungen eines Menschen sein müssen, um eine Sprache wirklich gut zu beherrschen. Haben Sie ein Rezept, wie man das richtige Gefühl für eine Sprache bekommt?

Also ich weiß nicht, in welchem Maß mir das gelingt. Martin Becker sagt mir ständig, schreib mehr auf Deutsch, dein Deutsch ist sehr interessant, es hat so einen tschechischen Touch. Und es gab in der Vergangenheit Schriftsteller, die laufend von einer Sprache in eine andere Sprache übergingen, obwohl sie nur eine Muttersprache hatten. Ich möchte auf jeden Fall einen weiteren deutschen Text allein schreiben. Ich habe einen Entwurf für eine tschechisch-deutsche Erzählung, die ich gern auf Deutsch schreiben würde. Auch mit Martin Becker ist ein weiteres Hörspiel geplant. Neben den Hörspielen mit Martin Becker und den Alois-Nebel-Comics mit Jaromír 99 habe ich mit Petr Pýcha drei Theaterstücke geschrieben. Mit Teamarbeit habe ich kein Problem, vielleicht wollte ich deshalb immer in irgendeiner Band spielen. Wenn wir wissen, was wir erzählen wollen, finden wir auch oft eine gemeinsame Sprache.

Ich denke, es ist so, dass Tschechien ein kleines Land ist und wir gezwungen sind, Fremdsprachen zu lernen. Das wird mir immer bewusst, wenn ich in einem größeren Land unterwegs bin. In Deutschland zum Beispiel sprechen so gut wie alle Englisch, aber in Madrid war ich überrascht, dass die Leute nicht mal elementare Englisch-Grundkenntnisse vorweisen konnten. Im Sommer war ich in Skandinavien, vor allem in Finnland und Schweden, und im Gegensatz zu Spanien sprachen eigentlich alle perfektes Englisch. Sie sind in derselben Situation wie wir, sie müssen einfach Fremdsprachen lernen. Das finde ich eigentlich gut. Mein Englisch ist zwar nicht perfekt, aber recht ordentlich. Wenn ich mich jedoch mit einem Deutschen auf Englisch unterhalten würde, dann könnte das Gespräch nie eine gewisse Tiefe erreichen. Auf Deutsch habe ich dieses Problem nicht. Nur wenn man eine Sprache wirklich gründlich kennt, kann man sozusagen in die Volksseele eintauchen. Deshalb finde ich es eigentlich schade, dass in Tschechien immer weniger Leute Deutsch lernen.

Sind wir nicht auch ein bisschen gefangen in unserer Sprache? Wir müssten doch von Kindheit an in einem mehrsprachigen Umfeld aufwachsen ...

Das ist vielleicht eine Frage. Ich habe auch irgendwo deutsche Vorfahren, aber das war vor 150 oder 200 Jahren. Ich glaube, fast jeder Tscheche könnte in seinem Stammbaum deutsche Vorfahren finden, genauso wie jeder Sudetendeutsche tschechische in seinem. Das steckt irgendwie in uns. Die Vorstellung von Mitteleuropa heißt für mich, Sprachen zu beherrschen und sich nicht nur als Angehöriger eines Volkes zu fühlen. So sind die tschechische Literatur, Kunst und Kultur nicht nur eine Angelegenheit der Tschechen, denn sie standen schon immer mit dem Geschehen in den umliegenden Ländern in Verbindung und kommunizierten mit ihnen. So sind auch Sprachkenntnisse eine ganz natürliche Notwendigkeit. Ich würde mich um vieles ärmer fühlen, könnte ich nicht Englisch, Deutsch und etwas Russisch. Könnte ich nicht auf meine Reiseerlebnisse zurückblicken, hätte ich die deutschsprachigen Bücher nicht lesen und die Filme nicht sehen können.

Wie viele Sprachen sollte man können, um als Mitteleuropäer die mit den Nachbarländern verbundenen Zusammenhänge erfassen zu können?

Man sollte die eigene Sprache gut können. Damit können wir uns mit den Slowaken und Polen verständigen. Und dann Deutsch, obwohl es jetzt in Tschechien bei weitem nicht so populär wie Englisch oder Spanisch ist. Es ist die Sprache der Deutschen und Österreicher, es ist die Sprache, die von einem Drittel der Bewohner unseres Landes gesprochen wurde. Das dürfen wir nicht vergessen. Klar, ich würde auch gern Ungarisch lernen, aber das wird eine harte Nuss.

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