Goethe.rmx

Robert Henke: „Es geht um das Eintauchen in eine andere Welt“

Fragile Territories © Robert Henke© Robert Henke 2010Im Februar 2012 organisiert das Goethe-Institut Brüssel in Zusammenarbeit mit dem belgischen Musiklabel meakusma eine Elektro-Nacht. Höhepunkt ist die „Monolake Live Surround“, eine Performance des deutschen Künstlers Robert Henke. Dieser entführt sein Publikum in völlige Dunkelheit und neue Klangsphären.

Herr Henke, Sie gelten als Klangkünstler. Was kann man sich darunter vorstellen?

Üblicherweise wird Musik zuerst mit Melodie, Rhythmus und Harmonie assoziiert und der Klang der Instrumente als gegebene, eher funktionale Eigenschaft gesehen. Bei mir ist es umgekehrt: Mich interessieren der Klang und seine Ausarbeitung und Gestaltung an erster Stelle. Moderne Computertechnologie hilft hier natürlich sehr. Allerdings ist eine auf Klang bezogene Denkweise in der Musik keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, auch Komponisten aus anderen Epochen haben sich damit beschäftigt.

Tarik Barii und Robert Henke 2010 © Robert HenkeBei Ihrem Konzert in Brüssel kann man eine Sechs-Kanal-Performance erleben. Wie hört sich das an?

Man kennt mehrkanalige Klänge aus dem Kino: Die Stimme kommt aus der Mitte, die Musik in Stereo von links und rechts und der Straßenlärm von überall. Dagegen gibt es keine definierten Konzepte, wie elektronische Musik räumlich verteilt sein soll. Ich forsche hier noch. Klänge werden sich bewegen und es werden Räume entstehen, die wesentlich weiter klingen. Dabei werden viele sehr ähnliche Klänge aus verschiedenen Richtungen das Gefühl einer großen Dichte und Anzahl an Klängen vermitteln. Es geht um immersion, das komplette Eintauchen in eine andere Welt.

Auf Augenhöhe

Sie treten nicht auf einem Podium auf, sondern stehen buchstäblich auf Augenhöhe mit Ihrem Publikum. Ist dies auch im übertragenen Sinn gewünscht?

Es ist ganz pragmatisch gedacht: Ich möchte genau das hören, was das Publikum hört, damit ich es am besten manipulieren kann. Wenn ich mittendrin bin, ist das am einfachsten.

Sie werden in einem völlig dunklen Raum auflegen. Was möchten Sie damit bewirken?

Ich denke sehr visuell. Entweder ich arbeite bewusst mit visuellen Aspekten oder ich sorge dafür, dass der Raum möglichst verschwindet, damit die Zuhörer sich auf den Klang konzentrieren können. Mit Video ist in den Räumen in dem Brüsseler Club nicht zu arbeiten, daher die Dunkelheit.

Fragile Territories © Robert HenkeSie sind auch als Fotograf und Installationskünstler tätig und arbeiten mit visuellen Künstlern zusammen. Was fasziniert Sie an audiovisuellen Erlebnissen?

Ich interessiere mich für Strukturen, für Farben, Formen, Muster. Diese gibt es in Musik und Klängen, aber auch in Landschaften oder in den Häuserschluchten der Metropolen. Mich faszinieren daher die Fotografie und auch die Kombination von bewegten Bildern und Klängen. Klänge verstärken oder relativieren Bildinhalte, haben emotionale Wirkungen. Und es gibt das Vergnügen, exakt synchrone Reize durch verschiedene Sinne zu erfahren: akustische und visuelle Reize oder auch Vibration, also Berührung, Klang und Bild. Das ist ein sehr mächtiges künstlerisches Mittel.

Besteht hier nicht auch eine Konkurrenz zwischen den Sinneserfahrungen?

Das ist die Gefahr. Man muss sehr genau überlegen, was man tut, sonst heben sich die Effekte auf und es wird beliebig und ornamental.

Dauerhaftigkeit und Veränderung

Cover: Ghosts © MonolakeGerade ist das neue Monolake-Album „Ghosts“ erschienen. Sie betonen darin „dunkle und böse Elemente“. Warum?

Ich mag die düsteren Farben in der Musik. Sie geben mehr Raum für Dynamik und Interpretation und vor dunklen Hintergründen heben sich leuchtende Momente besser ab. Oft ist mir elektronische Tanzmusik zu sehr auf den sofortigen Reiz hin konzipiert – „Gebrauchsmusik“, die heute wichtig ist und morgen vergessen sein wird. Ich möchte Dinge tun, die man in zehn Jahren immer noch interessant finden kann.

Zusätzlich zu Ihren künstlerischen Engagements unterrichten Sie auch an der Berliner Universität der Künste. Was ist Ihr wichtigster Hinweis für Studenten in einem Bereich, der sich so schnell weiterentwickelt?

Die Technologie eröffnet nun mehr Möglichkeiten, als wir jemals nutzen können. Die wichtigste Frage lautet daher nicht mehr: wie mache ich etwas, sondern was und warum. Alles andere ist Handwerk.

Elektronische Musik hat in Deutschland eine lange Tradition. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ein zufälliges Zusammentreffen von guten Ingenieuren und jungen Menschen, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine andere Idee von Kunst in die Musikwelt brachten. In einem Karl-Heinz Stockhausen manifestiert sich ja eine Sehnsucht nach etwas radikal Neuem, nach einer anderen Welt als der bisher gelebten. Musik ist immer ein guter Indikator von gesellschaftlichen Veränderungen.

Kennen Sie sich auch in der belgischen Szene aus?

Bei Belgien denke ich als erstes nicht an einzelne Künstler, sondern an ein sehr wichtiges Plattenlabel, R&S Records, auf dem außerordentlich viel relevante elektronische Clubmusik erschienen ist.

Biografie
Robert Henke, geboren 1969 in München, ist als Komponist, Sound Designer, Software Entwickler, Installationskünstler und audiovisueller Darsteller tätig. Monolake, ursprünglich aus Gerhard Behles und Robert Henke bestehend, prägt seit zwanzig Jahren das Klangbild in der elektronischen Musik mit. 1999 gründeten die beiden Künstler mit Bernd Roggendorf die Softwarefirma Ableton. Inzwischen führt Henke Monolake allein weiter und brachte 2012 das neue Album „Ghosts“ heraus.
Cordula Singer
führte das Gespräch.
Sie ist Internet-Redakteurin am Goethe-Institut Brüssel.

Copyright: Goethe-Institut Brüssel
Februar 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@bruessel.goethe.org

Links zum Thema