Europa-listen: På jagt efter en europæisk kultur

Igors Šuvajevsde

Igors Šuvajevs

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Je präziser die Fragen, desto präziser die Antworten. Leider richten sich die Fragen mehr an die emotionale Intelligenz und der lettische Anteil der Antworten ist oftmals nur schwer auszumachen. Daher kann ich nur einen Kommentar zu den geäußerten Meinungen anbieten – einige Tendenzen scheinen sich doch abzuzeichnen.

293 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Lettland. Die Anzahl der Befragten ist gering und auch ihre Zusammensetzung ist nicht bekannt. Es ist jedoch kennzeichnend, dass die Frage nach der nationalen Zugehörigkeit nur von den Wenigsten nicht beantwortet wird. Das Ergebnis zeugt insgesamt aber keineswegs von einem Nationalismus, ganz im Gegenteil. Das Europabild ist sehr verschieden, daher ist auch die Diversität der Antworten so groß; außerdem wird Lettland in diesem Fall nicht spezifisch aufgeführt. Europa ist in der Tat vielfältig. Diese Tatsache veranlasst aber gerade auch dazu, über das wirklich Gemeinsame in Europa nachzudenken. Kein Wunder, dass die Letten ziemlich skeptisch hinsichtlich der Zukunft Europas und ihres Gefühls als Europäer sind. Man darf annehmen, dass die Skepsis eng verbunden ist mit dem Ersetzen von „Europa“ durch „die EU“. Das sich Befreien von einem Imperium (UdSSR) macht vorsichtig gegenüber neuen Machtinstitutionen. Gleichzeitig besteht ja kein Gegensatz zwischen „dem Letten“ und „dem Europäer“, schließlich liegt Lettland geographisch fast in der Mitte Europas, und die ganze Okkupationszeit hindurch wurde die Vorstellung eines europäischen Lettland aufrechterhalten. Aber es sei daran erinnert, dass „Osteuropa“ schon im 18. Jahrhundert erfunden wurde, und ebenso jener Vorhang, der im 20. Jahrhundert zum Eisernen Vorhang wird. Ohne die (erfundenen) Westeuropäer wäre das nicht möglich. Man kann nur daran erinnern, dass sich Riga und Athen auf annähernd dem gleichen Längengrad befinden. Gedanklich tritt meist jedoch ein anderes Bild zu Tage.      

Die Letten scheinen sich als sehr gutmütig einzuschätzen, zumindest legt die Wahl von Pu der Bär als literarische Figur solche Gedanken nahe (der in den Antworten vorkommende Shakespeare oder Goethe zeugt dagegen vermutlich eher von einem Missverstehen der Frage). Paris und Riga sind für die Letten die attraktivsten Städte; wahrscheinlich sind sie bereit auf Reisen zu gehen und selbst Gäste zu empfangen. Gleichzeitig ruft diese Wahl ins Gedächtnis, dass sich die Letten ihrer nationalen Zugehörigkeit nicht schämen. Und sie ist eine Mahnung, dass die Bedeutung des (nationalen) Staates noch immer nicht abgenommen hat; oder mehr noch — dass sich der Staat von seiner durch politische Magersucht verursachten Schlankheit erholen sollte. Die Nennung des Eifelturms wiederum lässt die Frage aufkommen, ob es sich für viele dabei nicht nur um ein Wunschbild handelt; das literarische Motiv – Paris zu sehen und zu sterben – geht einem nicht aus dem Sinn.

Dass Deutschland die Zukunft des Staates verkörpert, ist nicht verwunderlich. Auch dass die Letten Angela Merkel als die wichtigste Politikerin nennen, ist nichts Verwunderliches. Die Letten haben ja eine enge Verbindung zur deutschen Kultur und auch eine wohlwollende Einstellung der Frau gegenüber (nicht nur in der Politik). Jedoch fehlen in dem Sternbild der genannten Politiker zwei mörderische Vertreter: Lenin und Stalin. Jedenfalls spielen sie im 20. Jahrhundert (und auch heute) eine maßgebliche Rolle.

Der Beitrag Europas zur Weltkultur? Seltsam, dass die Eroberungen nicht erwähnt werden, die man politisch korrekt Europäisierung nennen kann. Die bedeutendste Erfindung – der Buchdruck – ist in Wirklichkeit eine chinesische, die die Europäer als ihre eigene verbreitet haben. Das ist ein Stereotyp, genau wie die Nennung der bedeutendsten Künstler. Warum sollte Rabelais nicht dieser Künstler sein? Aber er hat offensichtlich keinen Eingang gefunden in den Kanon der Stereotypen in der Konsumgesellschaft. Die Fragen nach den bedeutendsten europäischen Sportlern, Filmen usw. zeugen im Prinzip von der verbreiteten Konsumorientierung. Darauf kann man aber kaum stolz sein. Die Nennung der besten Küche wiederum zeigt, dass die Europäer Geschmack haben.

Igors Šuvajevs, Prof. Dr. phil., korrespondierendes Mitglied der Lettischen Akademie der Wissenschaften