ΕΥΡΩΠΑΙΚΗ ΛΙΣΤΑ: Σε αναζήτηση μιας ευρωπαϊκής κουλτούρας

Roman Schatzde

© Roman Schatz

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Zunächst: Am wenigsten überrascht hat mich der Eiffelturm als bedeutendstes europäisches Bauwerk. Schließlich ist auch mir trotz kurzen Nachdenkens nichts Besseres eingefallen. Dabei hätte man natürlich auch die Öresund-Brücke, den Teilchenbeschleuniger LHC in Genf, die größte je von Menschen gebaute Maschine, oder Stonehenge anführen können.

Aber klar, der Eiffelturm - ursprünglich gegen breiten Protest und nur für befristete Zeit errichtet - ist das Phallischste, was Europa an Bauwerk zu bieten hat. Erstaunlicherweise rangiert la Tour Eiffel bei den Franzosen selbst erst auf Rang drei - auf dem ersten Platz prangt das Brandenburger Tor! Offenbar hat man linksrheinisch doch noch Mores vor den unberechenbaren Deutschen...

Dass die Berliner Mauer auf Platz sieben dieser Liste gelandet ist, kann eigentlich nur erheitern, denn die Reste dieses - nach Betonverbrauch und Längenkilometern gemessen - einst bei weitem größten Bauwerks in ganz Europa muss man heutzutage mit dem Reiseführer und der Lupe suchen.

Leonardo da Vinci ist nach allgemeiner Ansicht der bedeutendste europäische Künstler. Das ist zwar ziemlich einfallslos, aber eben wohl schlicht und einfach wahr, denn schließlich waren Galileo Galilei und Albert Einstein offiziell keine Künstler, obwohl sie unserem Weltbild auf noch deutlich größere Sprünge halfen als Leonardo.

Überraschend ist aber, dass die meisten Jordanier, Ägypter und Marokkaner sich ‚eigentlich schon' als Europäer fühlen. Ich kenne weder Deutsche noch Finnen, die auf die Frage, inwieweit sie sich als Araber oder Afrikaner fühlen, mit ‚eigentlich schon' antworten würden, obwohl ja die gesamte Menschheit nachweislich ihren Anfang in Afrika genommen hat. Über diese Asymmetrie der Perspektiven werde ich bei Gelegenheit nachdenken müssen.

Auch dass die wichtigsten Beiträge Europas zur Weltkultur die Demokratie, die klassische Musik, die Literatur, die Philosophie und die Kunst (übrigens alles Feminina) sein sollen, erstaunt. Europäer sämtlicher Couleur geben hier hehre, immaterielle, humanistische, gar spirituelle Werte an - sind wir etwa doch keine Materialisten, obwohl wir pausenlos nur über hunderte von Milliarden reden? Interessieren wir uns wirklich so innig für unsere noblen, weichen Werte? Wären wir im Ernstfall bereit sie zu verteidigen? Wie lange? Zu welchem Preis? Mit welchen Mitteln? Und gegen wen?

Ein bisschen stolz bin ich darauf, dass von den zehn laut Liste besten europäischen Filmen fünf in deutscher Sprache gedreht wurden. Und darauf, dass Berlin die attraktivste Stadt Europas ist. Und darauf, dass die meisten Europäer gerne einmal längere Zeit in Deutschland leben würden. Den meisten Deutschen täte es gut, einmal längere Zeit im europäischen Ausland zu leben.

Zur ergreifendsten literarischen Figur der europäischen Literatur wurde zwar knapp, aber doch deutlich genug der Antiheld Don Quijote erkoren. Und das ist auch nur recht und billig so, denn was Europa derzeit mit sich selbst tut, erinnert unfreiwillig oft an den erbitterten Kampf des liebenswerten, aber komplett verwirrten alten Ritters gegen die eigenen sieben Windmühlen und gegen den ganzen Rest des Bösen auf dieser Welt.

Und dann gibt es doch tatsächlich Witzbolde, die als bedeutendste europäische Erfindung den ungarischen Kugelschreiber, die polnische Petroleumlampe, das finnische Geschirrabtropfgitter oder den spanischen Wischmopp ansehen. Lokalpatriotismus und Humor in Ehren, aber ein wenig mehr europäischer Stolz täte euch Jammerlappen gut. Wie wäre es beispielsweise mit der Relativitätstheorie? Oder mit dem Aquädukt? Oder mit dem Flugzeug? Na, immerhin sind die Franzosen stolz auf ihr Kino und die Belgier auf ihr Saxophon.

Das absolute Highlight der Europa-Liste ist aber der neunte Platz bei der Antwort auf die Frage nach der bedeutendsten europäischen Erfindung: Amerika. Amerika als Erfindung, gar als europäische Erfindung zu bezeichnen, zeugt von einem gesunden europäischen Selbstwertgefühl, das mich gelinde gesagt aufs angenehmste überrascht. Und es stimmt ja - so wie Australien eine britische Erfindung ist, ist Amerika eine europäische Erfindung. Schließlich haben auch wir Europäer unsere Elite nach Übersee verschifft: religiöse Fanatiker aus England und dem Schwarzwald, kriminelle Elemente aus Sizilien, halbverhungerte Landarbeiter aus Irland und alle möglichen anderen Minderheiten, die im Leben nur noch etwas zu gewinnen hatten.

Besonders schön ist auch, dass Monsieur Adolf Hitler auf der Ranking-Liste der bedeutendsten lebenden oder toten europäischen Politiker weit abgeschlagen auf Platz neun landet. Vielleicht wird er eines schönen Tages noch ganz verschwinden, verdient hätte er es allemal. Und verwunderlich ist, dass zu den bedeutendsten europäischen Politikern kein einziger römischer Kaiser zählt, nicht einmal Julius Caesar persönlich. Undank ist der Welt Lohn, o imperatores, da ist eben auch Europa keine Ausnahme.

In letzter Zeit wird immer öfter der Ruf laut, Deutschland solle endlich wieder etwas Selbstbewusstsein, etwas Identität entwickeln und in Europa die wegweisende Rolle übernehmen, die ihm angeblich von Natur aus zufällt.

Vielleicht könnte man mit dem neuen deutschen Selbstbewusstsein ja in der Küche anfangen: Dass die deutsche Küche es europaweit nur auf Rang acht schafft, kann nur das Ergebnis jahrzehntelanger Gehirnwäsche durch die Medien sein. Seit ich in Finnland lebe, weiß ich: Die deutsche Küche ist tausendmal besser als ihr Ruf. Und wer nichts von echter Hausmannskost versteht, bekommt in Deutschland Europas besten Gyros, Europas besten Kebab, Europas besten Cappuccino und Europas beste Pizza.

Nur eins hält Leib und Seele noch besser zusammen als Essen und Trinken: Frieden. Und der kletterte bei der Frage ‚Was bedeutet Europa persönlich für Sie?' immerhin auf Platz acht. Für mich persönlich ist Frieden das Allerwichtigste an Europa. Seit fast siebzig Jahren leben wir ohne Krieg, denn: Es hat in der Geschichte noch keinen einzigen Krieg zwischen zwei demokratischen Staaten gegeben. Wo befindet sich die größte Ansammlung demokratischer Staaten? In Europa.

Alles in Allem: Diese Liste ist ernüchternd, ergreifend und erheiternd. Europa ist zwar Jahrtausende alt, aber immer noch weit davon entfernt, zu wissen, was es ist und was es sein will. Immerhin strahlt die Europa-Liste einen gesunden Optimismus aus. Die meisten Europäer glauben, dass es mit Europa bergauf geht. Eins ist uns Europäern seit Jahrtausenden klar: Die Zukunft wird zeigen, wie's weitergeht.