Kommentare zum Europäischen Kulturkanon

Umberto Eco

Umberto Eco, Foto: Ulla Montan

Umberto Eco, Foto: Ulla Montan

Umfragen sind immer cum grano salis zu nehmen. Zum Beispiel könnte die Tatsache, dass Berlin von der Mehrheit als die  attraktivste Stadt angesehen wird, auf den Umstand zurückzuführen sein, dass die befragten Deutschen mehr als dreitausend und die befragten Franzosen nur halb so viele waren. Wären die Prozentsätze umgekehrt gewesen, würde ich jede Wette eingehen (als einer, der die Franzosen kennt), dass Paris gewonnen hätte.

Desgleichen scheint mir die Antwort auf die Frage nach dem bedeutendsten Bauwerk auf Klischees zu beruhen, die von der Presse und – beim Eiffelturm – vom Kino verbreitet werden. Gute Plätze erreichen das Kolosseum und der Parthenon, aber Befragte jenseits der Vierzig hätten den Parthenon an erste Stelle gesetzt. Mit dem Eiffelturm mag es jedoch seine Richtigkeit haben.

Auch die gute Bewertung Leonardo da Vincis scheint mir von massenmedialer Darstellung beeinflusst, insofern ja auch bei den Japanern die Zahl derer, die sich die Mona Lisa anschauen gehen, kleiner ist als die der Besucher der Sixtinischen Kapelle. Enttäuscht bin ich von der niedrigen Punktzahl für Shakespeare, aber man muss die Ansichten der jungen Leute nehmen, wie sie sind.

Natürlich freut es mich, dass die italienische Küche als die beste beurteilt wird, und ich glaube, das liegt auch ein wenig an den Antworten der Deutschen, aber wenn mehr Franzosen befragt worden wären, hätte sicherlich die französische Küche gewonnen. Ich kann verstehen, dass Angela Merkel für viele junge Menschen die bedeutendste Politikerpersönlichkeit ist, auch weil weit und breit kein ähnlich einflussreicher Politiker zu sehen ist. Aber wenn ich Napoleon (der immerhin, im Guten wie im Schlechten, für Europa etwas bedeutet hat) bei vier Prozent stehen sehe, dann scheint mir, dass die Frage nicht richtig verstanden worden ist. Die Jungen leben in der Gegenwart, und vielleicht ist für sie auch das Kolosseum etwas heutiges, das man auf Postkarten sieht. Napoleon gehört nicht zu dem, woran sie sich erinnern, sie haben ihn nicht im Gedächtnis, aber dadurch sind sie in Gefahr, die Geschichte Europas schlecht zu verstehen – und warum Napoleon auch für Beethoven so wichtig war. Doch wie auch immer, so denken die Jungen nun mal, und das muss man zur Kenntnis nehmen. Wäre die Zahl der befragten Italiener dreimal so groß gewesen, hätte es vielleicht auch Berlusconi auf die Liste geschafft.

Die hohe (sicher ästhetische und moralische) Wertschätzung für den Film Das Leben ist schön spricht für die intakte Gefühlswelt der jüngeren Generationen, aber eine oder zwei Generationen früher hätten die Befragten für Panzerkreuzer Potemkin votiert.

Es gibt jedoch eine Reihe von Antworten, die mir sehr bezeichnend erscheinen. Um zu definieren, was Europa für sie zusammenhält, hat eine Mehrheit, wenn auch nur eine sehr kleine, "die Kultur" genannt. Es ist wichtig, dass wenigstens eine junge Elite sich klarmacht, dass der Zement Europas, bei allen Unterschieden der Sprachen, der Regionen und der Regierungsformen, die Kultur ist, sehr viel mehr als der Euro. Ich weiß nicht, ob die Befragten dabei an die christliche Tradition, an den jüdischen Einfluss durch die Bibel oder an das griechisch-römische Erbe dachten. Vielleicht wäre das auch zu viel verlangt. In jedem Fall muss dies der Grund dafür sein, dass eine große Mehrheit sich zwischen "eigentlich schon" und "Vollblut-Europäer" als europäisch empfindet und die Zukunft Europas mit einem gewissen Optimismus sieht.

Die Bezugnahme auf die Kultur scheint mir auch durch die gute Position des Don Quijote bestätigt. Offensichtlich hat Europa jenseits aller nationalen Unterschiede ein Existenzrecht aufgrund einer gemeinsamen Kultur, und es ist zu hoffen, dass die jungen Leute dies immer besser verstehen. In gleicher Weise erscheint mir bezeichnend, dass fast zwanzig Prozent der Befragten das europäische Erbe mit der Erfindung des Buchdrucks identifizieren und die Demokratie als den größten europäischen Beitrag zur Weltkultur nennen.

Alles in allem erlauben die Antworten einen gewissen Optimismus, aber sie enthüllen auch eine Generation, die fast nichts von der Vergangenheit weiß, und dies ist ein Mangel, den eine Erziehung zu Europa beheben müsste.

Deutsch von Burkhart Kroeber