Kommentare zum Europäischen Kulturkanon

Petros Markaris

Petros Markaris © Diogenes Verlag

Petros Markaris © Diogenes Verlag

Umfragen zu kommentieren ist spannend, vor allem wegen der Widersprüche.

Nehmen Sie zum Beispiel die Antwort auf die erste Frage „Was bedeutet Europa persönlich für Sie?“ An erster Stelle steht die Zivilisation und an zweiter die Kultur. Es ist doch schön, daß wir Griechen die europäische Zivilisation und die europäische Kultur so hoch bewerten.

Zugleich stehen aber die Demokratie und der Frieden ganz unten, an neunter und zehnter Stelle. Griechenland ist ein Land, dessen Geschichte durch Diktaturen und einen blutigen Bürgerkrieg gekennzeichnet ist. Schätzen die Griechen denn so wenig, daß die demokratischen Institutionen sowohl in den Verfassungen der EU-Staaten als auch im Bewußtsein der Bürger Europas so fest verankert sind und daß Europa zum ersten Mal in seiner Geschichte seit knapp siebzig Jahren keinen Krieg mehr erlebt hat? Ich frage mich, wie die Gründerväter Europas darauf reagiert hätten.
Es könnte aber auch sein, daß die Demokratie und der Frieden in Europa als Selbstverständlichkeit begriffen werden, weil sie ja zum Alltag der Europäer gehören. Das kann man als positiv bewerten. Diese Einschätzung wird auch von der Antwort auf die Frage „Wie sehr fühlen Sie sich als Europäer / -in?“ bestätigt. Nur 3% der Griechen fühlen sich überhaupt nicht als Europäer.

Die Freude dauert aber kurz, denn dann kommt schon der nächste Widerspruch. Auf die Frage „Was ist der bedeutendste Beitrag Europas zur Weltkultur?“ steht an erster Stelle die Demokratie.

Wie kann man die beiden Antworten auf einen gemeinsamen Nenner bringen? Einerseits liegt die Demokratie als persönliche Beziehung zu Europa ganz unten, andererseits steht sie als kulturelle Errungenschaft ganz oben.

Das bekräftigt zwar mein Argument, daß die Demokratie für die Europäer zur Selbstverständlichkeit geworden ist, aber die Demokratie und den Frieden als europäische Routine zu begreifen, ist gefährlich, weil die Demokratie ein dynamisches System ist, das immer neue Errungenschaften fordert. Um es nach Brecht zu sagen: „Fortschritt ist Fortschreiten, nicht Fortgeschrittensein.“ Die Auswirkungen davon sieht man im Aufstieg der rechtsextremen Kräfte in Europa, vor allem in Griechenland selbst.

Für ein Land mit 27% Arbeitslosigkeit und mit über 50% Jugendarbeitslosigkeit ist es leicht erklärbar, daß seine Bürger, wie auch andere Südeuropäer, in Deutschland die offene Tür sehen, die zu einem Arbeitsplatz führt. Es ist also einleuchtend, daß die Griechen Deutschland an der Spitze der Länder stellen, in denen sie außerhalb ihres Heimatlands leben möchten.

Es folgt aber noch ein Widerspruch. Auf die Frage „Welches Land verkörpert am meisten die Zukunft Europas?“ ist Deutschland wieder tabellenführend. Da kann man nur staunen. Die Griechen klagen fast täglich über die Sparpolitik, die ihnen aufgezwungen wurde, und sind fest davon überzeugt, daß diese Sparpolitik von Deutschland vorgeschrieben wird. Wenn man sie gefragt hätte, ob diese Sparpolitik die Zukunft Europas sichert, dann hätten sie die Frage fast einstimmig mit „nein“ beantwortet. Trotzdem glauben sie, daß Deutschland am meisten die Zukunft Europas verkörpert.

Zuletzt eine Kuriosität. Auf die Frage „Welche ist die ergreifendste Figur der europäischen Literatur“ antwortet die Mehrzahl der Befragten: Johann Wolfgang von Goethe. William Shakespeare kommt an zweiter Stelle.

Nun wissen viele Deutschen und Griechen von meiner besonderen Beziehung zu Goethe und daß ich fünf Jahre meines Lebens geopfert habe, um „Faust“ ins Griechische zu übersetzen. Na ja, man könnte sich ein bißchen Selbstherrlichkeit gönnen und behaupten, daß meine Faust-Übersetzung bei den Griechen so tiefe Spuren hinterlassen hat, daß sie Goethe ganz oben stellen.

Es ist aber für mich trotzdem schwer nachvollziehbar, wieso kein antiker griechischer Dichter auf der Tabelle steht. Nicht Aischylos, nicht Sophokles und Euripides auch nicht. Dabei greifen die Griechen, wenn sie ein Argument gegen die übrigen Europäer brauchen, fast immer auf ihre antiken Ahnen zurück, egal ob es um Demokratie geht oder um Kunst. Es kommt noch dazu, daß viele Griechen jahraus jahrein und mit jedem Mittel zum antiken Theater in Epidaurus fahren, wo jeden Sommer die Festspiele des antiken Theaters stattfinden. Aber ihre antiken Dichter sind den Griechen nicht einmal einen Platz auf der Skala der ergreifendsten Figuren der europäischen Literatur wert.

Widersprüche sind spannend und produktiv. Man kann von ihnen lernen.