Artikelsammlung

Igors Šuvajevs

Igors Šuvajevs

Igors Šuvajevs

Je präziser die Fragen, desto präziser die Antworten. Leider richten sich die Fragen mehr an die emotionale Intelligenz und der lettische Anteil der Antworten ist oftmals nur schwer auszumachen. Daher kann ich nur einen Kommentar zu den geäußerten Meinungen anbieten – einige Tendenzen scheinen sich doch abzuzeichnen.

293 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Lettland. Die Anzahl der Befragten ist gering und auch ihre Zusammensetzung ist nicht bekannt. Es ist jedoch kennzeichnend, dass die Frage nach der nationalen Zugehörigkeit nur von den Wenigsten nicht beantwortet wird. Das Ergebnis zeugt insgesamt aber keineswegs von einem Nationalismus, ganz im Gegenteil. Das Europabild ist sehr verschieden, daher ist auch die Diversität der Antworten so groß; außerdem wird Lettland in diesem Fall nicht spezifisch aufgeführt. Europa ist in der Tat vielfältig. Diese Tatsache veranlasst aber gerade auch dazu, über das wirklich Gemeinsame in Europa nachzudenken. Kein Wunder, dass die Letten ziemlich skeptisch hinsichtlich der Zukunft Europas und ihres Gefühls als Europäer sind. Man darf annehmen, dass die Skepsis eng verbunden ist mit dem Ersetzen von „Europa“ durch „die EU“. Das sich Befreien von einem Imperium (UdSSR) macht vorsichtig gegenüber neuen Machtinstitutionen. Gleichzeitig besteht ja kein Gegensatz zwischen „dem Letten“ und „dem Europäer“, schließlich liegt Lettland geographisch fast in der Mitte Europas, und die ganze Okkupationszeit hindurch wurde die Vorstellung eines europäischen Lettland aufrechterhalten. Aber es sei daran erinnert, dass „Osteuropa“ schon im 18. Jahrhundert erfunden wurde, und ebenso jener Vorhang, der im 20. Jahrhundert zum Eisernen Vorhang wird. Ohne die (erfundenen) Westeuropäer wäre das nicht möglich. Man kann nur daran erinnern, dass sich Riga und Athen auf annähernd dem gleichen Längengrad befinden. Gedanklich tritt meist jedoch ein anderes Bild zu Tage.      

Die Letten scheinen sich als sehr gutmütig einzuschätzen, zumindest legt die Wahl von Pu der Bär als literarische Figur solche Gedanken nahe (der in den Antworten vorkommende Shakespeare oder Goethe zeugt dagegen vermutlich eher von einem Missverstehen der Frage). Paris und Riga sind für die Letten die attraktivsten Städte; wahrscheinlich sind sie bereit auf Reisen zu gehen und selbst Gäste zu empfangen. Gleichzeitig ruft diese Wahl ins Gedächtnis, dass sich die Letten ihrer nationalen Zugehörigkeit nicht schämen. Und sie ist eine Mahnung, dass die Bedeutung des (nationalen) Staates noch immer nicht abgenommen hat; oder mehr noch — dass sich der Staat von seiner durch politische Magersucht verursachten Schlankheit erholen sollte. Die Nennung des Eifelturms wiederum lässt die Frage aufkommen, ob es sich für viele dabei nicht nur um ein Wunschbild handelt; das literarische Motiv – Paris zu sehen und zu sterben – geht einem nicht aus dem Sinn.

Dass Deutschland die Zukunft des Staates verkörpert, ist nicht verwunderlich. Auch dass die Letten Angela Merkel als die wichtigste Politikerin nennen, ist nichts Verwunderliches. Die Letten haben ja eine enge Verbindung zur deutschen Kultur und auch eine wohlwollende Einstellung der Frau gegenüber (nicht nur in der Politik). Jedoch fehlen in dem Sternbild der genannten Politiker zwei mörderische Vertreter: Lenin und Stalin. Jedenfalls spielen sie im 20. Jahrhundert (und auch heute) eine maßgebliche Rolle.

Der Beitrag Europas zur Weltkultur? Seltsam, dass die Eroberungen nicht erwähnt werden, die man politisch korrekt Europäisierung nennen kann. Die bedeutendste Erfindung – der Buchdruck – ist in Wirklichkeit eine chinesische, die die Europäer als ihre eigene verbreitet haben. Das ist ein Stereotyp, genau wie die Nennung der bedeutendsten Künstler. Warum sollte Rabelais nicht dieser Künstler sein? Aber er hat offensichtlich keinen Eingang gefunden in den Kanon der Stereotypen in der Konsumgesellschaft. Die Fragen nach den bedeutendsten europäischen Sportlern, Filmen usw. zeugen im Prinzip von der verbreiteten Konsumorientierung. Darauf kann man aber kaum stolz sein. Die Nennung der besten Küche wiederum zeigt, dass die Europäer Geschmack haben.

Igors Šuvajevs, Prof. Dr. phil., korrespondierendes Mitglied der Lettischen Akademie der Wissenschaften

    Jakob Klemenčič

    © Jakob Klemenčic

    © Jakob Klemenčic

      David van Reybrouck

      David Van Reybrouck. © CC innl

      David Van Reybrouck. © CC innl

      Das Europa von David Van Reybrouck: ein doppeltes Erbe

      Das deutsche Goethe-Institut hat sich bei über 22.000 Europäerinnen und Europäern sowie bei Bürgerinnen und Bürgern auf der anderen Seite des Mittelmeers danach erkundigt, was Europa für sie bedeutet. Die „Europa-Liste‟, eine Erhebung, die das Goethe-Institut in 24 Sprachen und 30 Ländern in und um Europa durchgeführt hat, nennt Leonardo da Vinci als wichtigsten europäischen Künstler, Don Quijote als ergreifendste Figur in der europäischen Literatur und die Demokratie als wichtigsten Beitrag Europas zur Weltkultur. MO* hat den Schriftsteller David Van Reybrouck nach seiner Ansicht zu diesem Thema gefragt.

      Van Reybrouck: Europäisch zu sein bedeutet für mich, dass ich ‒ wie jeder Mensch ‒ von irgendwoher komme. Wir starten nicht bei Null. Die europäische Geschichte ist eine ziemlich depressive Geschichte, mit den schlimmsten nur denkbaren Gräueltaten und daneben auch einigen Versuchen, Formen von Menschenwürde und Brüderlichkeit auszubauen. Das ist eine Art doppeltes Erbe, das man mit sich herumträgt.
      Wir können nur hoffen, dass wir von einer negativen zu einer positiven Phase übergehen. Es gibt eine Reihe von Trends, die Hoffnung wecken, von der französischen Revolution bis zum Stimmrecht, aber wir sind noch nicht angekommen.
      Das Projekt der Europäischen Union, die nur ein Teil von Europa ist ‒ wir sollten diese beiden auf keinen Fall miteinander gleichsetzen ‒, betrachte ich seit jeher als progressives Projekt. Aber heute sehen wir, dass es dabei ist, im Sand zu verlaufen. Wegen der technokratischen Kultur springen viele Bürger ab.
      Doch ein anderes Europa ist möglich und notwendig. Wenn allerdings zwischen nationalem Protektionismus einerseits und europäischem Neoliberalismus andererseits gewählt werden muss, dann ist es wirklich eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

      Van Reybroucks Europa-Liste

      Welche drei Elemente verbinden Sie mit Europa?
      Gaskammern, Demokratie und Solidarität.

      Auf einer Skala von 1 bis 4: Wie europäisch fühlen Sie sich?
      4, mit Leib und Seele Europäer.

      Wie sehen Sie die Zukunft Europas, von sehr gut bis schlecht?
      Schlecht.

      Welches europäische Bauwerk ist das wichtigste für Sie?
      Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.

      Welcher europäische Film ist Ihrer Meinung nach der beste?
      Das Leben der Anderen, oder Europa von Lars von Trier.

      Wer ist die wichtigste Figur in der europäischen Literatur?
      Odysseus oder Don Quijote.

      Was betrachten Sie als die wichtigste europäische Entdeckung oder Erfindung?
      Demokratie. Obwohl, das ist vielleicht keine rein europäische Erfindung, denn sie kam auch an anderen Orten vor. Nein, dann nehme ich lieber die Höhlenmalerei.

      Was ist Europas wichtigster Beitrag zur Weltkultur?
      Die Menschenrechte.

      Wer ist der wichtigste europäische Künstler?
      Der unbekannte Mensch, von dem die Malereien in den Höhlen von Lascaux stammen.

      Wer ist der wichtigste aktuelle oder historische europäische Politiker?
      Klemens von Metternich, da er der erste war, der Europa auf diplomatische Weise zusammengebracht hat.

      Wer ist der größte europäische Athlet?
      Eddy Merckx geht bestimmt nicht mehr? (lacht) Ich bleib aber doch bei Eddy Merckx.

      Welches Land in Europa hat die beste Küche?
      Ich fürchte, dass ich hier im Zweifelsfall zu Gunsten von Italien entscheiden muss.

      In welcher europäischen Sprache außer Englisch sollte ein Europäer mehr als „bitte‟ und „danke‟ sagen können?
      In Französisch.

      Welches Land verkörpert Europas Zukunft am besten?
      Spanien, für die düstere Zukunft Europas. Spanien und Griechenland laufen Gefahr, die Demokratie zu verlieren. Ich glaube, dass dort eine kritische Grenze überschritten ist; vor allem im Hinblick auf die Jugendarbeitslosigkeit mache ich mir Sorgen.

      In welchem anderen europäischen Land würden Sie denn gern eine Zeitlang leben?
      In allen, ohne jeden Zweifel.

      Welche europäische Stadt finden Sie am angenehmsten?
      Budapest.

      Van Reybrouck betrachtet die Erhebung des Goethe-Instituts als amüsante Initiative, die jedoch, da sie eher auf Leichtigkeit ausgelegt ist, nicht speziell die Werte Europas oder der europäischen Einrichtungen auslotet. „Es ist Europa light und sexy, könnte man sagen, Europa im Minirock‟, so der Schriftsteller.

      Er findet es aufschlussreich, dass gerade eine kulturelle Einrichtung eines Landes wie Deutschland, das bei vielen Europäern derzeit nicht sehr beliebt ist, sich daranmacht, das europäische Gefühl der Menschen zu untersuchen. Dass es an einem europäischen Gefühl zutiefst mangelt, steht laut Van Reybrouck außer Frage. „Europa ist zurzeit ein Projekt von der und für die Elite, und diejenigen, die sich damit identifizieren, sind auch Teil dieser Elite, vor allem hoch gebildete Menschen mit Universitätsabschluss. Personen mit einem niedrigeren Bildungsniveau profitieren zwar auch von diesem Europa, über Sicherheit, Lebensmittelsicherheit, Infrastruktur, aber sie identifizieren sich nicht mit diesem Europa."

      Dies liegt David van Reybrouck zufolge an dem Sprachenreichtum, der sprachlichen Vielfalt Europas. „Das ist ein Reichtum, aber auch ein gewaltiges Hindernis‟, sagt Van Reybrouck. „Es ist nicht leicht, eine Gemeinschaft zu entwickeln, wenn die Menschen nicht miteinander sprechen können. Europas Sprachpolitik war schon immer eine sehr sonderbare Politik: Jede Sprache Europas ist eine Amtssprache. Aber kennen Sie aus der Geschichte ein Beispiel eines Imperiums ohne Sprachpolitik?‟, fragt er sich.

      „In Frankreich sprach um 1840 nur jeder sechste Franzose Französisch. Die anderen sprachen Deutsch, Flämisch, Baskisch, Okzitanisch, Bretonisch... Dort hat man diese Unterschiede durch zahlreiche Gesetze und Bildungsentscheidungen bewusst geglättet. Deshalb fühlt sich der Franzose heute als Franzose. Wegen unserer Sprachpolitik fühlt sich der Europäer nicht als Europäer. Es ist eine sehr schwierige Frage, denn einerseits möchte ich den sprachlichen Reichtum bewahren, aber andererseits auch ein Gemeinschaftsgefühl schaffen. Ich finde schon, dass Europa eine gemeinsame Sprache wie das Englische anregen sollte‟, schließt Van Reybrouck.

      Schauen Sie sich die vollständigen Ergebnisse der Europa-Liste-Erhebung an.

        Michal Hvorecký

        Michal Hvorecký

        Michal Hvorecký

        Goethe, Fallschirm und Demokratie

        Was denken die Slowaken über Europa und Deutschland? Was schätzen oder bewundern sie? Die Onlineumfrage erzielte erstaunliche Ergebnisse

        Wenn es um Europa geht, sind die SlowakInnen jetzt auch dabei. Noch vor zehn Jahren hat der französischer Präsident Jacques Chirac den Osteuropäern gesagt, dass sie sich mit der eigenen Meinung lieber zurückhalten sollen (es ging um die Stellung zum Irakkrieg). Jetzt will man wissen, was den alten Kontinent eigentlich ausmacht, man will ihn wieder erlebbar machen. Das jemand dabei überhaupt auch in Richtung Osten oder Süd-Osten fragt, ist schon ein Gewinn. Nur gemeinsam kann man dieses riesige Projekt, das gerade an so vielen Ebenen scheitert, sinnvoller neustarten.

        „Was bedeutet die Slowakei persönlich für Sie?“ Die Frage würde ich einem Westler lieber nicht stellen wollen. Man will ja nicht gleich die Gegenfrage hören: „Meinen Sie Slowenien, oder was?“
        Was bedeutet also heute Europa für SlowakInnen? 282 Teilnehmer aus der Slowakei haben an der Onlineumfrage „Die Europa-Liste“ teilgenommen. Genau so viele Einwohner hat Háj, zu Ungarisch Áj, ein slowakisches Dorf in der Nähe von Košice, zu deutsch Kaschau. Die Antworten klingen in der Tat so, als hätte man die Befragung ausschließlich in diesem Nest gemacht.
        Denn Europa heißt für SlowakInnen vor allem Reisefreiheit, Euro, Vielfalt. 53 Prozent fühlen sich als „Vollblut Europäer“ und fast genauso viele sehen die Zukunft gut oder sogar sehr gut und dazu noch sehr deutsch (57 Prozent!).

        Die Slowakei galt tatsächlich lange als Land der EU-Optimisten. Groß war die Freude über die offenen Grenzen und über die Möglichkeit, endlich legal im Ausland arbeiten zu dürfen. Der EU-Beitritt bestätigte die westliche Orientierung des Staates. Der Slowake hat geglaubt, die Europäische Union bringe nur Vorteile, jedoch keine Verpflichtungen und schon gar nicht teure Rechnungen für andere, eigentlich reichere Staaten. Der Westen hat den Slowaken (wie auch den anderen Osteuropäern) die EU als Paradies auf Erden dargestellt und die Schattenseiten verschwiegen.
        Die Arbeitslosigkeit in meiner Heimat ist die zweithöchste in Europa, die Preise steigen, die Inflation ist mit über vier Prozent auf Rekordhöhe. Das einzige osteuropäische Land mit Euro spürt mehr als zuvor die eigene schwierige Lage. Trotz der gemeinsamen Währung sind Einkommen und Pensionen wesentlich niedriger geblieben als im Westen oder Südwesten der Eurozone.

        Doch immer noch liebt man Europa: Bauwerke wie Eiffelturm, Kolosseum und Sagrada Familia sind die bedeutendsten, sogar Stonehenge landete auf Platz 10! Aber wo ist, bitte, die Pressburger St. Martins Kathedrale oder futuristische UFO-Brücke über die Donau nach Petržalka (Engerau), und wo zum Teufel der Dom des heiligen Jakobs in Levoča/Leutschau mit dem höchsten gotischen Holzaltar auf der Welt?

        Die wichtigsten Erfindungen für Slowaken sind Antibiotika und der Fallschirm (Ausnahme der Euro-Rettung Schirm). Wichtiger als die Elektrizität und sogar viel wichtiger als die Demokratie. Die ergreifendste europäische literarische Figur ist nach slowakischer Meinung Johann Wolfgang von Goethe! Wie bitte? Figur??? Knapp daneben, ist auch vorbei.  Und wo sind der kleine Prinz und Anna Karenina? Als hätte höchstpersönlich der brave Soldat Schwejk geantwortet, übrigens, auf dem neunten Platz gelandet, trotz seiner langen satirischen Kämpfe für die k.u.k. Monarchie auf dem slowakischen Gebiet. Den Buchdruck schätzt man auch, kann man doch dank ihm den Briefroman „Die Leiden des jungen Goethes vom Rechtspraktikant Werther“ lesen.

        Der Slowake, wie ich ihn kenne, ist meistens sehr stolz auf sein Land und seine Sprache, er wählt auch gerne nationalistisch und populistisch. Doch in der Umfrage verschwindet dieses Land ins Unbekannte, ins politisch korrekte, ins Vorgeschriebene. Das Minderwertigkeitsgefühl ist die slowakische Europaanschauung. Die Hauptstadt Bratislava landete am Platz 10! Im Vergleich: für die Tschechen ist Prag Nummer 3, für die Slowenen ihr Ljubljana Nummer 7. Kein slowakisches Buch hat es ins Finale geschafft, kein Künstler, kein Gebäude. Nicht einmal der tschechoslowakische Kultfilm „Das Geschäft an der Hauptstraße“ von Ján Kádár und Elmar Klos, der 1966 den Oscar gewonnen hat, hat sich auf die Liste durchgeboxt.

        Noch viel mehr hat mich die Kategorie Sport verwirrt. Das man keinen slowakischen Politiker nennenswert findet, kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber keinen einzigen Eishockeystar? Gerade haben zwei Topspieler den Stanley Cup der NHL gewonnen! Wofür haben wir denn eigentlich unseren Nationalsport, der genau das für die Slowaken bedeutet, was für die Deutschen der Fußball ist? Slowakei ohne Eishockey – das ist wie München ohne Bayern oder Hamburg ohne St. Pauli. Gottseidank feiert der Radrennfahrer Peter Sagan (doch nur Platz 2, gleich nach Federer) internationale Erfolge, gerade wird er sogar fürs Grüne Trikot der hundertsten Tour de France favorisiert.

        Also was bedeutet den Slowaken Europa? Ein Durchschnittslowake, wahrscheinlich aus Háj, will in einem nicht zu demokratischen Deutschland leben, gerne auch ohne Elektrizität, wenn nötig, nicht ohne Fallschirm, Halušky (Nockerln mit Schafkäse) essen, die literarische Figur Goethe bewundern, aus der Ferne den Eiffelturm beobachten, dabei Bücher drucken, Antibiotika fressen und ein bisschen glücklich sein. Die Zukunft Europas spricht slowakisch.

        Michal Hvorecký
        Schriftsteller, Bratislava

          Nelleke Noordervliet

          Nelleke Noordervliet, © Ernie Enkelaar

          Nelleke Noordervliet, © Ernie Enkelaar

          Ein Kontinent durchs Kaleidoskop betrachtet

          Weiß ich jetzt, was europäische Kultur bedeutet? Über 22.000 Teilnehmer haben sich an der Europa-Liste beteiligt.  Eine von ihnen war ich, aber ich weiß eigentlich nicht mehr so genau, wie ich den Fragebogen ausgefüllt habe. Bei der Frage nach dem bedeutendsten Bauwerk habe ich jedenfalls bestimmt nicht den Eiffelturm gewählt. Es war ziemlich schwierig, die Fragen zu beantworten. Bei den meisten Umfragen wird dem Befragten eine Auswahl an Antworten vorgelegt, die bei der späteren Auswertung relativ leicht erfasst und beurteilt werden können. In der Europa-Liste gab es zahlreiche offene Fragen. Wir durften zum Beispiel sehr liberal und anarchistisch uns selbst einen Begriff ausdenken, von dem wir meinten, dass man ihn am ehesten mit Europa verbindet. Aus den Antworten konnte meistens ein bestimmter Prozentsatz abgeleitet werden, doch regelmäßig entfiel der größte Prozentsatz auf die Kategorie „sonstige“. So wurde vor allem die Zersplitterung deutlich, die Europa seit jeher zu Eigen ist und an der auch eine über sechzigjährige Zusammenarbeit nicht wirklich etwas ändern konnte.

          Wie repräsentativ sind die Ergebnisse einer solchen Umfrage? Überhaupt nicht. Es gibt nichts, woraus sich ein allgemeiner Schluss ziehen lässt. Der Großteil der Teilnehmer kam aus Deutschland, was ungefähr dem Anteil an der europäischen Bevölkerung entspricht, doch ihnen folgten sogleich die Serben! Mäßige Teilnahme der Engländer, ordentliche Teilnahme in größeren Ländern, doch die Niederlande rangieren mit 214 Teilnehmern (0,96%) ganz unten, knapp vor den Portugiesen und Iren. Außer Teilnehmern europäischer Mitgliedsstaaten wurde die Liste auch Ägyptern, Libanesen, Marokkanern, Türken und noch weiteren Einwohnern aus dem Mittelmeergebiet vorgelegt. Ein seltsames Phänomen war dabei, dass 6,71% keine Nationalität eintragen wollten und dass ungefähr genauso viele Teilnehmer (6,02%) eine andere als die der 30 genannten Nationalitäten besaß. Zwar kann man auch mit einer eher niedrigen Anzahl von Befragten eine ziemlich repräsentative Umfrage durchführen, doch ich befürchte, dass 214 Niederländer, von denen ungefähr 50% zwischen 20 und 40 Jahre alt sind, keine sehr verlässliche Stichprobe der Bevölkerung darstellen.

          Was bedeutet Europa für Sie persönlich? Nennen Sie drei Begriffe, die Sie mit Europa assoziieren. Gute Frage, aber auch ziemlich „offen“.  Und so sah das Ergebnis aus: 59% gaben eine Antwort, die nicht in Prozentangaben ausgedrückt werden konnte! Vielleicht befanden sich unter den Antworten Begriffe wie „Bürokratie“,  „Zollmauer“, „Besserwisserei“, „Konflikt“. Das Ergebnis der Auswertung, ausgedrückt in Prozentangaben, umfasst nur positive Begriffe. Kultur bekommt 9%, nicht weiter verwunderlich. Die Frage nach der europäischen Kultur war Ausgangspunkt der Europa-Liste, und dieser Begriff wird uns sogleich zurückgespielt. Vielleicht hätte man die Freiheit hier ein wenig einschränken sollen? Hätte es zehn Begriffe zur Auswahl gegeben und wäre einer von den zehn die „Bürokratie“ gewesen, bin ich mir sicher, dass er auf einem der ersten drei Plätze gelandet wäre. Man hätte nämlich nur auf die Idee kommen müssen, dass die Freiheit, eine Antwort zu formulieren, einem auch die Freiheit gibt, kritisch zu antworten.

          Der Großteil der Niederländer hat auf die obige Frage geantwortet, dass sie Europa mit dem „Euro“ assoziieren, bei den Italienern ist es die „Einheit“, bei den Griechen die „Zivilisation“ und bei den Deutschen die „Vielfalt“. Daraus lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen. Erstens: Bei der Diskussion über Europa stehen in jedem Land andere Begriffe im Mittelpunkt. Und  zweitens: Die Befragten sind pro Europa. Das ist auch der Grund, weshalb die Griechen die „Zivilisation“ aufs Tapet bringen, eine Zivilisation, von der sie behaupten, sie hätten sie Europa geschenkt, und nicht etwa die „Unterdrückung“, weil die Griechen  von Europa in der gegenwärtigen Krise zu rigorosen und schmerzhaften Maßnahmen gezwungen werden.

          Welches ist das bedeutendste europäische Bauwerk? Das hätten wir erraten können. Der Eiffelturm. Scheint mir eine zweifelhafte Wahl zu sein. Vollkommen überschätzt. Aber wie schafft es die Akropolis so weit oben auf Platz 3? Unglaubliche 9%! Das liegt daran, dass 347 der 456 Griechen die Akropolis auf Platz 1 wählen. Chauvinisten bis auf die Knochen. Zu meinem Erstaunen schnitt auch das Europäische Parlament ziemlich gut ab. Weder das Gebäude noch das Institut sind prägende Wahrzeichen Europas. Viele der Befragten gaben, wie bei solchen Umfragen üblich, eine gesellschaftlich wünschenswerte Antwort. Die Mehrheit der Befragten ist wirklich von der Idee „Europa“ angetan und kennt sich mit verschiedenen europäischen Einrichtungen aus oder würde gerne daran teilhaben. Das sehen wir auch bei den Antworten auf die Frage nach der Zukunft Europas. Für 55% der Befragten sieht die Zukunft Europas ziemlich rosig aus. Ich glaube nicht, dass Europa bei einer seriösen Umfrage mit einem derart guten Ergebnis abgeschnitten hätte, außer vielleicht vor vierzig Jahren. 43 % fühlen sich denn auch als Vollblut-Europäer! Das glaube ich einfach nicht!

          Dann kommen die wirklich kulturellen Fragen, nach dem besten Film, der ergreifendsten literarischen Figur, dem bedeutendsten Künstler oder Autor, der bedeutendsten Erfindung und dem bedeutendsten Beitrag Europas zur Weltkultur. Geschmack ist etwas sehr Persönliches und wird von bestimmten nationalen Vorlieben geprägt, weshalb die die Antworten von Land zu Land sehr verschieden ausfallen. Die Kategorie „sonstige“ schneidet daher bei den meisten Fragen am besten ab. Ungefähr 60% haben ganz eigene Vorstellungen. Wenn 8% Das Leben ist schön von Roberto Benigni und 1% Das süße Leben von Fellini wählen, was sagt mir das dann? Ungefähr 2000 Leute haben den Film von Benigni gesehen und er hat ihnen gefallen, 200 Leuten hat Fellini besser gefallen oder sie haben Benigni nicht gesehen. Das Leben der Anderen und Good Bye, Lenin! liegen in absoluten Zahlen in Deutschland wahrscheinlich ganz weit oben. Ansonsten kann man noch sagen, dass der Film Liebe von Michael Haneke zu dem Zeitpunkt, als die Europa-Liste ausgefüllt wurde, wahrscheinlich gerade in den slowenischen und bulgarischen Kinos und Kulturzentren lief. Die Franzosen haben nahezu ausschließlich – wie die Franzosen so sind – ihre eigenen Filme gewählt, daher auch die Platzierung von Die fabelhafte Welt der Amélie und L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr. Der letztgenannte Film lief, soweit ich weiß, in den Niederlanden gar nicht. Also kann man ihn auch nur schwer wählen. Etwas lächerlich wirkt die Anmerkung, dass Marokko eine Ausnahme bei der Wahl der besten drei Filme bildet, da es nicht die Präferenzen der anderen Länder teilt, sondern für Das Parfum auf Platz 1 stimmt, da bei 3 von 36 Antworten (wohlgemerkt 8%!) dieser Film genannt wird. Worum geht es hier eigentlich?

          Am ehesten überzeugen da noch die 25% für Leonardo da Vinci als bedeutendstem europäischen Künstler. Der uomo universale verkörpert in der Tat das Beste von dem, was die europäische Kultur in ihrem tiefsten Inneren zu bieten hat. Die Mehrheit der Niederländer wählt Rembrandt an die Spitze: 21 von 144 Nennungen. Das verstehe ich. Aber was ist das? Was ist denn hier passiert? Es gab doch 214 Teilnehmer aus den Niederlanden. Haben sich etwa 70 geweigert, eine Antwort auf die Frage nach dem bedeutendsten Künstler zu geben? Wo sind diese 70 Antworten geblieben? Oder wurde das Formular vielleicht noch an anderen Stellen einfach nicht ausgefüllt? Hätten diese 70 Dienstverweigerer alle für Rembrandt gestimmt, dann hätte unser Rem es in die Top 10 geschafft!

          Dass die italienische Küche am besten abgeschnitten hat, wundert mich keineswegs, doch bei dieser Frage spielen nationale Vorurteile eine sehr große Rolle. Kein vernünftiger Niederländer wird die niederländische Küche an die Spitze wählen, doch dass ein Spanier oder Franzose die eigene Küche mehr schätzt als irgendeine andere cuisine, kann ich gut nachvollziehen. Dass die Bulgaren so sehr von Mutters Küche angetan sind, ist eigentlich nur ein Beweis dafür, dass es nur wenige gute italienische Restaurants in Sofia gibt.

          Deutschland schneidet bei dieser Umfrage auffallend gut ab und belegt Spitzenplätze mit Angela Merkel als wichtigster Politikerin, als Land, das am meisten die Zukunft Europas verkörpert und wo man gern eine Weile leben würde, und mit Berlin als attraktivster Stadt in Europa. Weshalb überrascht mich das nicht?

          Die Europa-Liste ist ein nettes Sammelsurium und keine ernstzunehmende Erhebung. Aus den Ergebnissen der Umfrage lassen sich keine besonderen Schlüsse ziehen, außer dass Europa eine Flickendecke aus vielen Nationen ist, ein Turm zu Babel, ein Kaleidoskop der Ansichten, und dass genau darin höchstwahrscheinlich der Kern unseres Kontinents liegt. Über die europäische Kultur ließe sich einiges sagen, denn die einzelnen Flicken der Decke sind fest miteinander verbunden. Die Decke hält uns warm und nährt unsere Träume. Um diese zu veranschaulichen,  braucht es jedoch etwas Anderes als eine Liste mit schlechten bis mittelmäßigen Fragen und entsprechenden Antworten, die ein äußerst oberflächliches und einseitiges Bild vermitteln von den Ansichten über Europa und die europäische Kultur.

          Aus dem Niederländischen von Heike Baryga