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Daniel Lima

Künstler, Produzent, Verleger und Kurator

Brasilien


Die Zukünfte der afrikanischen Diaspora - Foto: Colourbox.com

Was sind die wichtigsten Fragen und Problemstellungen des Globalen Südens?

Zunächst möchte ich gerne betonen, dass der Globale Süden, den wir meinen, ein erweiterter Süden ist und nicht genau auf eine Fragestellung oder geografische Grenze festgelegt. Aber was ist dieser Süden, der nicht geografisch ist? Was eint ihn? Globaler Süden ist die Definition für einen Teil der Erde, der Kolonisierung erlitten hat. Oder anders gesagt, die Welthalbkugel, die das dreifache Trauma der kolonialistischen Ausbeutung durchlitten hat: Sklaverei, Ausrottung der einheimischen Bevölkerung und religiöse Verfolgung.

Diese Kolonisierungsverhältnisse schufen das in geopolitischer Hinsicht hauptsächliche Problem, nämlich die Fortführung europäischer Muster - im Kopf, in den kognitiven Prozessen, der Konstruktion von Wissen, den Legitimierungsprozessen dieses Wissens. Und auch in den Prozessen des Politischen und der Wirtschaft, also sehr objektiven Prozessen militärischer Herrschaft, der Herrschaft über Reichtümer und Herrschaft über Wirtschaftsbeziehungen.

Das ist die wichtigste Problematik, wenn vom Globalen Süden die Rede ist, der Idee einer Welt, die manche „unterentwickelt“ nennen und andere „Dritte Welt“. Das alles sind ideologische Konzepte für die Bezeichnung dessen, was dieser Globale Süden sei, die aber alle auf dieses historische Verhältnis zurückgehen, ein Verhältnis auf Basis des historischen Prozesses der Kolonisierung.

Und wo sind die Lücken im Süd-Süd-Verhältnis?

Wenn wir davon ausgehen, dass eines der Hauptprobleme die Kolonisierung ist, sowie die Geschichte dieser Kolonisierung, erkennen wir in den Herausforderungen, die sich uns für die Dekolonisierung (der Gedanken oder der politischen und ökonomischen Praxis) stellen, dass auch die Schwachstellen in diesem Süd-Süd-Dialog auf den Kolonisierungsprozess zurückgehen. Das heißt, die Kolonisierung schafft einen europäischen Referenzrahmen, einen Referenzrahmen der Nordhalbkugel - der im Prinzip europäisch ist und später ersetzt wurde durch das Hinzukommen der Supermacht USA.

Dieses Fehlen eines Dialogs innerhalb der Südhalbkugel, des Globalen Südens, ist eine Folge des dominierenden Vorbilds der Nordhalbkugel: ein Muster, das vorsieht, dass der legitimierende Dialog von Kenntnissen und des Wissens, auch der einer kulturellen Legitimation, über die Beziehung zur Nordhalbkugel geschieht. Und dies ist keine abstrakte Frage, sondern wird deutlich, wenn wir als Künstler zum Beispiel ein zeitgenössisches Kunstwerk zu entwickeln haben und dieses Kunstwerk in der Nordhalbkugel, also in Europa oder den USA unterwegs sein muss, um als ein Werk innerhalb eines internationalen Kontexts zu gelten. Nicht umsonst stehen die wichtigsten Museen, auf die man sich bezieht, innerhalb dieser nördlichen Achse. Und genauso wenig zufällig befinden sich auch die wichtigsten Events für zeitgenössische Kunst auf dieser nördlichen Achse - einige der wichtigsten, denn natürlich ist das ein Kampf und es gibt immer auch Opposition zu diesem Modell, diesem Hegemoniemodell.

Wie stellt sich die Episode „Neue Diaspora“ zu diesen Problematiken?

Neue Diaspora ist auch der Versuch, eine neue Geschichte dieser Beziehungen der Südachse zu erzählen. Daher sehen wir auch Haiti innerhalb dieses Globalen Südens und beschäftigen uns mit dem Prozess der Migration. Neue Diaspora versucht hier eine Perspektive aufzubauen, die nicht nur anklagt, sondern auch auf eine Welt verweist, in der diese Verbindungen nicht negativ gesehen werden und Einwanderung kein Problem ist, sondern die Lösung des Herrschaftsprozesses.

Daniel Lima ist Mitglied der „Frente 3 de Fevereiro“, einer transdisziplinären Gruppe mit Schwerpunkt auf urbane, musikalische und dokumentarische Interventionen zur Diskussion rassistischer Probleme in Brasilien und der Welt. Das Manifest der „Front 3. Februar“ stellt die so genannte Rassendemokratie als Maske bloß, hinter der sich die wirkliche Diskriminierung verbirgt.