Stimmen



Claudia Mattos

Professorin, Psychologin und Kunsthistorikerin

Brasilien


Bildrecht: Brooklyn Museum CC BY 3.0

Welche sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Fragen und Problemstellungen des Globalen Südens?

Die Territorien, aus denen sich der „Globale Süden“ zusammensetzt, teilen ein gemeinsames historisches Erbe von Kolonisierung und Ausbeutung, aus dem sich für die gesamte Region brennende Fragen und Problematiken ergeben. Diese Probleme betreffen sowohl den Bereich des materiellen Lebens, die lokale Ökonomie und den Markt, als auch den der symbolischen Produktionen und Beziehungen. In diesem, also im Bereich der Kultur, sind einige Fragestellungen fundamental: Wie lassen sich horizontale Bezüge und Beziehungen herstellen, die nicht mehr der Vermittlung durch die (ehemaligen) Metropolen bedürfen? Wie lassen sich außerhalb der Parameter europäischer Kultur stehende lokale Traditionen besser wertschätzen? Wie geht man mit der Komplexität und dem Reichtum der Vermischung von Traditionen um, die eine Region prägen? Wie geht man mit Genderfragen um? Wie lässt sich die Stimme der Nachkommen der Völker wahrnehmen, die in der Kolonialzeit vernichtet wurden? Während sich der „Globale Süden“ dieser schwierigen Fragen annehmen muss, kann und muss er zugleich Schauplatz von außergewöhnlichen Begegnungen und der Entwicklung neuer Perspektiven auf globaler Ebene sein. Welchen Beitrag könnte der „Globale Süden“ zur Lösung der weltweiten Probleme leisten? Wie lässt sich unter Einbeziehung der Perspektive und der Geschichte dieser Territorien mit Umweltthemen umgehen oder dem ausgehenden Kapitalismus begegnen? Die Einbeziehung der Perspektive des „Südens“ in die Diskussion über die Welt ist ein grundlegender Schritt.

Und wo sind die Lücken im Süd-Süd-Dialog? ?

In den letzten Jahren konnten wir Bemühungen zum Aufbau alternativer und institutioneller Räume für eine Süd-Süd-Kommunikation und -interaktion beobachten. Doch diese Brücken sind erst wenige und sehr zerbrechlich. Auf dem Gebiet der Humanwissenschaften denken wir immer noch hauptsächlich ausgehend von den historisch zwischen Kolonien und Metropolen entstandenen Beziehungen, favorisieren zum Beispiel die Beziehungen zwischen Lateinamerika und Europa oder den USA und schauen kaum auf die starken Verbindungen zwischen Brasilien und seinen Nachbarn, Brasilien und Afrika oder Brasilien und Asien. Auf dem Gebiet der Kultur müssen wir nicht nur theoretisch investieren, sondern auch in Praktiken, die eine Süd-Süd-Kommunikation einbeziehen. Wir müssen den „Globalen Süden“ kennenlernen, um Ähnlichkeiten und Unterschiede zu finden und sie in unsere soziale Vorstellungswelt einzubeziehen. Es gibt viel zu tun.

Wie bezieht sich die Episode „Konversationen mit Objekten“ auf diese Problematiken?

Die Konversationen mit Objekten wurden auf das Zustandekommen einer kritischen Haltung zu Theorie und Praxis der Kunstgeschichte und der Visuellen Forschung hin ausgerichtet. Als europäische, im 19. Jahrhundert entstandene Disziplin konstituiert sich Kunstgeschichte als Forschung über das europäische Erbe, sowohl in als auch außerhalb von Europa. Die theoretischen Werkzeuge und Praktiken wurden genau für den Umgang mit dieser Realität geschaffen, eine der wichtigsten Gepflogenheiten ist dabei der Vergleich über Fotografien. So wurden bis vor sehr kurzer Zeit alle übrigen visuellen Traditionen der Erde der größeren Tradition einverleibt - als lediglich Faktoren der Modifizierung europäischer Tradition. Seit einigen Jahrzehnten versuchen Kunsthistoriker ihre Kanones und Theorien zu hinterfragen, um das Forschungsgebiet über dieses europäische Erbe hinaus zu erweitern. Wir möchten die in unterschiedliche Territorien unterschiedlichen visuellen Traditionen in deren eigenen Begriffen bewerten und den Raum für alternative Diskurse innerhalb der Kunstgeschichte und der neuen Disziplin der visuellen Forschung öffnen.

Konversationen mit Objekten schafft günstige Bedingungen für das Aufkommen solcher Debatten, vor allem in ihrer Ablehnung der traditionellen Form der Präsentation der Objekte über Dias zugunsten einer direkten Konfrontation mit der Materialität des betreffenden Werks. Zugleich zeigen wir immer Objekte, die gegen die traditionellen Diskurse stehen und laden verschiedene Experten aus dem Gebiet der visuellen Kultur, nicht immer nur Kunsthistoriker, ein, mit dem Werk und dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Die Wirkung war mächtig und eröffnete neue Wege der Dekolonisierung des Diskurses und des Aufbaus neuer Beziehungen mit diesen Objekten und ihrer jeweiligen Referenzkultur.

Claudia Mattos lehrt an der Universität des Bundesstaates Campinas (Unicamp) und leitet das von der Getty-Stiftung Los Angeles finanzierte Projekt Expanding Art History: Teaching Non-European Art at Unicamp.




Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen
Claudia Mattos Avolese äußert sich über das Konzept Süden