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© Grada Kilomba

Wenn die Worte sich vom kolonialen Unterbewusstsein lösen

Die Psychoanalytikerin und Kulturkritikerin Suely Rolnik im Gespräch mit der portugiesischen Künstlerin Grada Kilomba, Teilnehmerin der 32. Biennale São Paulo.

Dieses Gespräch wurde per Skype geführt, an einem Sonntag Ende Juli. Das Bild, Grada Kilombas Gesicht, ihr Lächeln, ihre Gesten, der Ton ihrer Stimme, stehen nicht im geschriebenen Text. Doch sie sind wichtig für einen Zugang zu dem Ort, an den sich die Künstlerin angesichts der Probleme, die ihr Denken bewegen, stellt. Ich bitte den Leser, seine Vorstellungskraft zu bemühen, um Gradas Worte mit der Atmosphäre ihrer Anwesenheit zu erfüllen.

Aus dem Wenigen, das ich bisher von deiner Arbeit sehen konnte, und das mich begeistert hat, weiß ich, dass es eine schamanisch-psychoanalytische Arbeit ist. Was planst du für die Biennale?

Ich bereite zwei Projekte für die Biennale vor. Eins nennt sich „Projeto Desejo“ (Projekt Wunsch) und ist eine Videoinstallation, das andere heißt „Ilusões“ (Illusionen) und ist eine Performance, eine Lecture-Performance. Es sind zwei unterschiedliche Formate, und schon das mag ich. Mir gefällt dieser Gedanke, mich mit einem Thema zu beschäftigen, aber keiner konkreten Disziplin folgen zu müssen. So erscheint das Thema in unterschiedlichen Formaten und unterschiedlichen Disziplinen. Es ist absolut transdisziplinär, und das ist sehr wichtig für mich: Diese Freiheit, diese Flexibilität, nicht an eine Richtung gebunden zu sein, sondern nur auf ein Thema fokussiert, von ihm begeistert und vollkommen eingenommen zu sein, und dann, während man daran arbeitet, kristallisiert sich das Format, die Visualisierung heraus. Das gehört für mich zur Dekolonisierung des Wissens. Projeto Desejo ist eine Videoinstallation, die drei Momente erzeugt: Das Publikum betritt einen Raum und unternimmt einen kurzen Weg mit drei unterschiedlichen Filmen, drei unterschiedlichen Geschichten, die aber alle den gleichen Klang haben. Der Klang ist ein rhythmisches Schlagzeug, das ein bisschen an afrikanische Trommeln erinnert. Zum gleichen Klang erhalte ich unterschiedliche Informationen und sehe unterschiedliche Dinge. Womit ich hier arbeite, ist, dass es in diesen drei Videos keine Bilder gibt, sondern der Text wird zum eigentlichen Bild. Ich arbeite nur mit dem Text, Worten, Rhythmen und Stimmen. Es sind zum Verstummen gebrachte Erzählungen, die eine Stimme bekommen, sich Gehör verschaffen, ihre Geschichte erzählen. So ist der Verlauf: Die drei Momente bearbeiten diesen Gedanken einer Person, die nach einer Stimme sucht. Projeto Desejo ist: was ich will, was ich wünsche, was ich brauche, wie ich meine Geschichte erzählen will.

Also ein Experiment, ein Versuch darüber, den Wunsch Gestalt annehmen zu lassen, darüber, den Wunsch nicht aufzugeben und ebenso, nicht in Schweigen zu verfallen. Und welche Geschichten wirst du erzählen?

Ich habe mit dem Projekt begonnen, das ich in São Paulo gezeigt habe, als wir uns kennenlernten. Das war ein kleines Video, das sich While I Write (Während ich schreibe) nannte, ausschließlich mit Worten. Das war der Beginn des Projekts, und ich habe es weitergeführt: Während ich spreche, Während ich gehe. In diesem Lauf gibt es drei Momente. Es geht um genau die Erzählungen, die unterdrückt wurden und darüber, wie wir unsere Stimme wiedererlangen, unserer Geschichte wieder eine Stimme geben und uns unsere Geschichte, die fragmentiert wurde, wieder aneignen können. Drei unterschiedliche Momente, die davon erzählen, und in jedem Moment setzt sich das Publikum hin, schaut das Video, geht zum nächsten Video, schaut es an und geht zum dritten Video, schaut es an. Für mich ist das ein spiritueller Weg und der eines Nachdenkens, denn ich versuche, mit Rhythmus zu arbeiten, mit den Stimmen, der Musik und dem Text, und das ist etwas, das man auch körperlich spürt, auf der Gefühlsebene.

Die Trommeln selbst markieren bereits klangliche Territorien, die Rhythmen markieren ein Territorium, und schon dies führt uns zu diesem anderen Ort, den du spirituell nennst und den ich Körperwissen nenne, ein ethisch-ökologisches Wissen aus unserer Eigenschaft als lebendige Wesen heraus.

Comecei com o projeto que mostrei em São Paulo, quando nós nos conhecemos, que era um pequeno vídeo que se chamava While I Write (Enquanto escrevo), apenas com palavras. Esse foi o início do projeto e eu o continuei: Enquanto falo, enquanto caminho. Há três momentos nessa trajetória. Ela fala exatamente sobre as narrativas que foram silenciadas e como conseguimos chegar à voz, e como conseguimos dar voz à nossa história, ou recolher a nossa história, que está fragmentada. São três momentos diferentes que falam sobre isso, e em cada momento o público vai se sentar, ver o vídeo, passar para o próximo vídeo, ver de novo, e depois passar para o terceiro vídeo, ver de novo. Para mim, essa é uma trajetória espiritual e refletiva, porque quero trabalhar com o ritmo, as vozes, a música e o texto e é uma coisa que se sente no nível corporal também, no nível emocional.

Die Trommeln selbst markieren bereits klangliche Territorien, die Rhythmen markieren ein Territorium, und schon dies führt uns zu diesem anderen Ort, den du spirituell nennst und den ich Körperwissen nenne, ein ethisch-ökologisches Wissen aus unserer Eigenschaft als lebendige Wesen heraus.

Ganz genau. Ich habe mit dem Gedanken gearbeitet, dass Erzählungen zum Verstummen gebracht werden, weil andere Stimmen sie übertönen. Es ist ja nicht so, dass wir gar nicht sprechen würden, unsere Stimme wird nur nicht gehört. Es ist also nicht so, dass wir kein Wissen und keine Erzählung produziert hätten. Wir sprechen ständig, wir liefern permanent Wissen, aber unsere Erzählung, unsere Geschichte wird nicht gehört. Also habe ich eine Reihe von Aufnahmen an öffentlichen Orten gemacht, und am Anfang des Films benutze ich diese Hintergrundstimmen, die lauter sind als unsere eigene, um mit dieser Dialektik zu spielen, dass es nicht wir sind, die nicht sprechen, sondern die Stimme nur nicht gehört wird. Zum sprechenden Subjekt kann ich nur werden, wenn meine Stimme auch gehört wird. Das ist am Anfang das Spiel. Dann verschwinden die Stimmen und der Rhythmus und die Trommeln treten immer lauter in den Vordergrund. So begegnen sie sich. Aber ich wollte diese ganze Theorie über das Sprechen und das zum Schweigen bringen beinahe simultan in ein einziges Projekt bringen, denn Sprechen und Verstummen gehören zusammen: Ich kann nur sprechen, wenn meine Stimme tatsächlich gehört wird, und wer gehört wird, gehört dazu. Nicht zugehörig sind die, denen niemand zuhört. Ich wollte dieses Spiel allein über den Klang betreiben, und das passiert in diesem Projeto Desejo über die Metapher des Schlagzeugs und der Musik. Es ist dieses Spiel zwischen Hören, Sprechen und Verschweigen.

Dieser klangliche Rahmen ist eine schöne Lösung: die Stimmen als Hintergrund, die Stimme mit dem Bild, der Rhythmus der Trommeln. Wenn also eine Person nicht vollkommen neurotisiert ist, ihre Subjektivität nicht komplett dem Anthropo-Phallo-Ego-Logozentrismus der modernen westlichen Kultur unterworfen hat, wird sie bei der Begegnung mit diesem Werk kaum beim Inhalt der Worte verharren. Sie wird vom Rhythmus berührt werden, von der Textur der Stimmen, die sich aus dem Stimmengewirr heraus zunehmend Gehör verschaffen. Damit bringst du eine sehr wichtige Dimension der Präsenz der Schwarzen in allen ehemaligen Kolonien Lateinamerikas, in denen es Sklaven gab. Denn obwohl sie in der Vergangenheit und auch weiterhin komplett zum Verstummen gebracht wurden, als gäbe es sie überhaupt nicht, besetzten und besetzen sie immer noch komplett den klanglichen Raum. Wir sind uns dessen nicht bewusst, aber er ist da.

Es ist genau dieser klangliche Raum, den du ansprichst. Er ist wunderschön. Wie spricht man über diese Dialektik des Sprechens und Verschweigens, ohne zu reden, zu erklären, sondern allein über den klanglichen Raum? Wie transportiert man dieses Wissen über den klanglichen Raum? Das ist das Experiment dieses Projekts. Also habe ich mir gedacht: Ich werde ausschließlich mit Rhythmen arbeiten, nur mit Perkussion, nur mit den Stimmen. Und dann werde ich anstatt Bilder, wie wir es gewohnt sind, das Wort als visuelles Element bringen, wie wir es auf Papier drucken und damit erst sichtbar machen. Es ist ein Tausch der Formate und des Ortes der Dinge. Das ist das Projeto Desejo. Erscheint es dir nachvollziehbar?

Absolut nachvollziehbar. Der Gedanke ist wunderschön. Das bringt mich auf das, was du vorhin gesagt hast über die Bedeutung des Transdisziplinären in deiner Arbeit. Das, was du Thema nennst, etwas, das bereits eine Form und eine Bedeutung hat, würde ich Zustand nennen, der bereits in unserem Körper ist, zwar real, aber unsagbar und unsichtbar; ein Zustand, der sich aus den Auswirkungen der Kräfte in der Welt ergibt, der gesamten Erinnerung der Welt auf unseren Körper, vom aktuellen Staatsstreich in Brasilien, der Gefahr, dass Donald Trump Präsident von Amerika wird, bis hin zur gesamten Geschichte der Sklaverei, die Inquisition auf der Iberischen Halbinsel, weiter zurück … Diese Erfahrung bringt uns dazu, etwas zu schaffen, das sie spürbar werden lässt, und um dies zu tun, verbindet der Wunsch uns mit bestimmten Dingen, bis etwas entsteht, das den Zustand der uns innewohnenden Welt zum Vorschein bringt. In deinem Fall resultiert dieser Zustand aus den Auswirkungen der kolonialen Gewalt auf deinen Körper, insbesondere in deinem Schwarz-Sein, die dich dazu bringen, sich mit den Trommeln zu verbinden, dem Klang der Stimmen, das Bild wegzunehmen und Text an dessen Stelle zu tun, und so weiter. Angezogen von diesem Experiment, das du verwirklichen willst, treten alle diese Elemente in die Komposition deiner Arbeit ein. Wie also lässt sich dieser Prozess in eine Disziplin einbinden oder von ihr ausgehen, wenn der Ausgangspunkt eine Erfahrung ist ohne Worte, ohne Klang, Bild oder Geste, und diese zu erfinden genau das ist, was zu tun ist?

Es ist genau das. Genau das macht es später möglich, mit anderen Künstlern zu arbeiten, die versuchen, Sinn zu stiften für eine Erfahrung, die ihren Widerhall in unsere eigenen findet, wodurch sich unsere Wege begegnen.

Und wie ist die andere für die Biennale geplante Arbeit?

Die andere Arbeit nennt sich „Illusionen“. Es war ein Traum, den ich hatte: Ich wollte eine Performance machen, oder eine Lecture-Performance, eine performatische Vorlesung, ich weiß nicht genau, wie ich es nennen soll. Ich wollte mit der oralen Tradition arbeiten. Ich habe eine große Begeisterung für die Erzählung afrikanischer Geschichten, diese Tradition des Erzählens, der oralen Wissensvermittlung, des Geschichtenerzählens. Ich dachte, genau das will ich machen, Geschichten erzählen, diese afrikanische Tradition in einen zeitgemäßen und sehr minimalistischen Raum überführen, mit Text, Erzählung und Videoprojektion, die Erinnerungen, manchmal Bilder aus der Vorstellungswelt aufruft; so einfach, sehr einfach. Was mich diese Geschichten schreiben ließ, ist, dass ich manchmal das Gefühl habe, es gibt nichts mehr zu erzählen. Zum Beispiel über die Kolonialgeschichte. Wir wollen sie demontieren, doch wir erzählen immer wieder dieselbe Geschichte. Wir leben in einer vierfachen Ignoranz in Bezug auf diese Geschichte: Nicht wissen, nicht wissen müssen, nicht wissen dürfen, nicht wissen wollen. Also entschloss ich mich, in Ilusões eine andere Geschichte zu erzählen. Zwei Geschichten um zwei Mythen: Der Mythos von Narziss, die Liebesgeschichte von Narziss und Echo, die ich in einem kolonialen Kontext rekapituliere, als ein auf sich selbst bezogener Narziss, der nur sein eigenes Bild darstellt, nur sein eigenes Abbild in dem See gespiegelt sieht.



Derjenige, der am lautesten spricht, aber nicht hört.

Ganz genau. Und Narziss, der nur auf sich selbst schaute, war verdammt, weil er niemanden liebte, und dazu verurteilt, sich in jemanden zu verlieben, der seine Liebe nicht erwidern würde. Er kommt also zu dem See, sieht sein Spiegelbild und verliebt sich, ohne zu wissen, dass es sein eigenes, im Wasser gespiegeltes Abbild ist. Also wird er nicht zurückgeliebt und bettelt immer weiter um diese Liebe, indem er wie versteinert auf die Spiegelung im Wasser schaut in dem Glauben, es sei eine andere Person, die auf ihn nicht reagiert. Und dann kommt Echo, die seine Worte erwidert, weil auch sie verdammt ist, und zwar, nur die Worte zu sagen, die sie zuletzt gehört hat, weil sie zu viel geredet hatte. Sie kann immer nur die letzten Worte wiederholen, die sie gehört hat. Während Narziss also mit sich selbst redet und sagt: „Ich liebe dich, komm zu mir“, antwortet Echo: „Komm zu mir, komm zu mir, ich liebe dich, liebe dich“. Damit wiederholt sie nur die letzten Worte des Narziss. In Ilusões spiele ich ein bisschen mit dieser Mythologie, diesen Geschichten, als Metaphern für die koloniale Tragödie. Es ist eine unendliche Wiederholung und eine unendliche Selbstdarstellung, die nicht die Wirklichkeit zeigt, sondern nur dieses koloniale, weiße, patriarchale Bild, das sich permanent wiederholt und in sich selber verliebt ist, sich selbst idealisiert und verdammt ist, weil es nichts anderes sieht, als das eigene Abbild. Es ist eine Darstellung, eine Art Proklamation, in der alle anderen nicht existieren. Und besitzt zugleich die Bestätigung und das Einverständnis Echos, dermaßen auf Narziss fixiert, dass sie alles, was er sagt, wiederholt und bestätigt. Wie können wir bei diesem kolonialen, patriarchalen Narzissmus, in dem wir leben, andere Erzählungen, andere Geschichten wiederaufbauen? Die Arbeit ist eine Performance, in der ich diese traditionellen Geschichten erzähle.

Das ist ein unglaublicher Weg, die kolonialen Verhältnisse in ihrem lebendigen Beben zu zeigen und nicht nur als ideologische Darstellung. Es ist die körperliche Erfahrung der lebendigen Präsenz des Anderen, die Erfahrung des Körperwissens, die in der westlichen, weißen Subjektivität vollkommen betäubt ist, sodass der Andere lediglich Darstellung ist, also nicht existiert. Für mich definiert dies im Grunde, was ich das kolonialkapitalistische Unbewusste nenne. Narziss ist der perverse Kolonisator, der Echo missbraucht, und sie ist unweigerlich die Kolonisierte, mit dem Kolonisatoren untrennbar verbunden und dazu verdammt, ihn zu idealisieren und zu imitieren. Es ist wie ein Fluch, der allen Beziehungen unsere Gesellschaften innewohnt, und das nicht nur in denen zwischen Kolonisator und Kolonisierten. Es geht darum, diesen Zauber zu brechen, und ich denke, das ist es, was du mit deiner Arbeit versuchst.

Ganz genau. Es ist so schwierig, diesen Zauber zu brechen, auszubrechen aus diesen Orten. Lustig, wie die Psychoanalyse in unserer Arbeit präsent ist; ich sehe diese Verbindung in allen Dimensionen dessen, worüber wir sprechen. In diesem Ilusões steckt noch eine andere wichtige Dimension, für die ich die Ödipusgeschichte bemühe. Die Dimension der Loyalität. Wem oder wessen gegenüber sind wir loyal? Warum fällt Veränderung so schwer? Und das in Verbindung mit der anderen Frage: Was verteidigen wir eigentlich? Gegen wen müssen wir uns verteidigen? Daher schaffe ich eine Passage, um mithilfe verschiedener Geschichten, verschiedener Erzählungen, von postkolonialen Themen zu sprechen, und versuche das eine mit dem anderen zu verbinden.

Und was hat Ödipus damit zu tun?

Es gibt einen Teil, den ich sehr mag, weil er mich dazu gebracht hat, über die Gewalt nachzudenken, vor allem über die gegen die schwarze Bevölkerung. Woher kommt diese Gewalt? Warum ist der schwarze Körper Empfänger von derart viel Aggression, so viel Gewalt? Das konnte ich dann mit der Geschichte von Ödipus, der Loyalität verbinden, der Geschichte des Rivalen, des wirklichen Rivalen, den Gewaltfantasien gegen die Vaterfigur, gegen die Mutterfigur. Fantasien, die man nicht ausleben kann, weil man ansonsten den Zugang zur Macht verliert. Deswegen werden sie inszeniert, ausgelebt an dem Körper, den ich als den Anderen konstruiere. An diesem anderen Körper kann ich dann alle Gewalt ausleben und alle Aggressivität und halte damit die Familie und die kolonialen Strukturen gesund, sicher und ganz zivilisiert an ihren jeweiligen Orten. Diese ganze Aggressivität ist eine Performance die außer Haus geschieht. Und genau dafür werden die Anderen geschaffen. Das ist der Moment, an dem ich die Verbindung zu Ödipus herstelle. Woher kommt diese Gewalt? Wogegen müssen wir uns verteidigen? Natürlich, wenn ich mich auflehne, wenn ich diese Aggressivität in den eigenen vier Wänden auslebe, werde ich ausgestoßen …

Und da kommt die Loyalität ins Spiel, aber in Form von Unterwerfung und Gehorsam; als Erhaltung des Status Quo.

Genau. Warum kann ich kein anderes Narrativ haben, kein anderes Vokabular als das meines Elternhauses? Warum kann ich nicht anders reden als mein Vater oder meine Mutter? Wem gegenüber bin ich loyal? Wozu dient diese Loyalität? Ich glaube, in diesem Moment macht es Sinn, diese Geschichten zu erzählen und die Verbindung zu Ödipus herzustellen. Es ist auch eine hübsche Art, diese Thematik zu bearbeiten. Kannst du mir folgen?

Absolut. Wenn die Subjektivität auf ihre Erfahrung als Subjekt reduziert und von der anderen Erfahrung der Auswirkungen der Weltkräfte auf den Körper entkoppelt wird, wie es in unserer Kultur der Fall ist, interpretiert das Subjekt diese von diesen Auswirkungen ausgehende Destabilisierung als ein drohendes Ende der Welt, während in Wirklichkeit diese Welt an ein Ende gerät, weil eine andere Welt sich im Keimen befindet. Und für diese Subjektivität, die das Körperwissen übersieht, ist die Drohung des Auseinanderfallens dieser Welt zugleich Drohung des Auseinanderbrechens seiner selbst, denn in dieser Welt spiegelt sich ja der Narziss. Also muss die Subjektivität, um diese Welt und sich selbst zu erhalten, den Grund ihres Unbehagens auf einen Anderen projizieren, ein Gegenüber erschaffen als Projektionsfläche, und die Schauspieler, die diese Figur des Anderen verkörpern, variieren im Lauf der Geschichte. Aber der Schwarze steckt schon viel zu lange in dieser Rolle …

Das führt uns wieder zur Ignoranz, von der wir gesprochen haben. Ich weiß nicht, muss nicht wissen, soll nicht wissen und will nicht wissen. Und da bleiben wir immer auf der Stelle stehen, lösen uns nicht aus dieser kolonialen, patriarchalen, rassistischen, homophoben, etc. Geschichte, genau wegen dieses Narzissmus und dieser Loyalität. Es ist dieser Narzissmus und diese Loyalität, die ich in diesen „Illusionen“ erforschen will, allerdings im Format des Geschichtenerzählens, der Wissensvermittlung über die orale Tradition. Ich arbeite mit Video und Bildern und wollte auch einige Archivbilder sammeln. Ich arbeite noch an diesen Ilusões, an der Performance, aber es soll etwas sehr Minimalistisches, sehr Einfaches werden. Ich fokussiere gern auf das Geschichtenerzählen, wie in dem anderen Projekt, ohne viel Lärm und Spektakel, und denke, das ist auch ein anderes Format, eine andere Form, Performance einzusetzen. Ich suche noch immer nach Bildern.

Welche Bilder hast du denn schon?

Ich habe zum Beispiel einen Brief meines portugiesischen Urgroßvaters gefunden, den er, als er nach Angola kam, an meine Urgroßmutter und meine Großmutter geschrieben hat, die da schon auf der Welt war. Er kam als Koch nach Luanda und stammte aus einem Dorf. In dem Brief beschreibt er die Reise und was er in Luanda sieht, beschreibt die Leute mit all diesem rassistischen Vokabular. Es ist ziemlich kompliziert. Ich habe noch einen weiteren, jüngeren Brief, von meinem Vater, als er nach Angola kam, und der hat einen ganz anderen Ton. Und ich habe ein Dokument meiner Großmutter in São Tomé e Príncipe, als ihr der Name genommen wurde. Ich versuche gerade, eine Erzählung zu schaffen und finde den Teil mit dem Dokument hübsch, denn es stammt aus der Zeit, als der portugiesische Kolonialismus versuchte, Assimilation als Strategie einzusetzen: dem Kolonisatoren so ähnlich wie möglich zu werden. Deswegen haben wir alle denselben Namen, und eine der Formen der Assimilierung war das Verbot afrikanischer Namen. Mein Name Kilomba ist der Name meiner Großmutter. Kilomba stammt, wie auch das Wort Quilombo, aus dem Kimbundu, einer der wichtigsten Sprachen in Angola.

Was genau heißt Quilombo? Denn hier (in Brasilien) hat dieses Wort, wie du sicher weißt, die politische Bedeutung einer Gemeinschaft von Schwarzen, denen die Flucht aus der Sklaverei gelang. Und es gab Hunderte von Quilombos in der Kolonialzeit, von denen sich einige sogar zusammenschlossen und regelrecht Städte bildeten.

Auf Kimbundu bedeutet Quilombo Dorf, Ansiedlung, später wurde daraus allerdings ein politischer Begriff, jedoch mit derselben Bedeutung.

Und Kilomba war ihr Nachname oder Vorname?

Der Nachname. Wir hatten zwei Namen, Buzie und Kilomba. Buzie war der meines Großvaters und Kilomba der meiner Großmutter. Grada war der Vorname meiner anderen Großmutter. Doch in der Kolonialzeit wurden die afrikanischen Namen für nichtig erklärt. Ich bin in São Tomé in die Archive gegangen, um die Dokumente zu finden, weil meine Großmutter und meine Mutter mir erzählt hatte, wie ihr Name verboten wurde und verschwand. Und ich fand die Unterlagen, nach denen die Mutter meiner Großmutter noch den Namen Kilomba trug, der ihr entzogen wurde, weil sie wie viele andere Menschen gewaltsam vom Kontinent nach São Tomé e Príncipe verschleppt wurden, um auf den Kakao- und Kaffeeplantagen zu arbeiten. Sie kamen aus Angola, Mosambik, von den Kapverden und wurden nach São Tomé e Príncipe gebracht, auf verschiedenen Plantagen isoliert, sprachen unterschiedliche Sprachen, und ihre Namen wurden für nichtig erklärt. Genau deswegen haben wir fast alle, in Brasilien, Portugal, Angola, Mosambik, Kapverde, Guinea-Bissau, São Tomé e Príncipe, Goa, Osttimor dieselben Namen. Wir wurden alle zu Fernandes, da Silva, Ferreira und so weiter, und niemand weiß, woher der Einzelne ursprünglich stammt.

Und was ist Ihr Geburtsname?

Ich habe eine Reihe von eingetragenen Namen. Ich habe versucht, den früheren Namen meiner Familie, Buzie Kilomba anzunehmen, aber die Verfassung stellt sich noch nicht der kolonialen Vergangenheit und gestattet Namensänderung nur im Falle von Heirat, Scheidung oder Adoption. Die Kolonialgeschichte kommt nicht in der Verfassung vor, die keine Lösung dafür kennt, keinen einzigen Paragrafen zum Umgang damit, was doch eine ganze Bevölkerung betrifft. Man kann einen Namen, der aberkannt wurde, nicht wieder erlangen. Also entschloss ich mich vor einigen Jahren, meine ursprünglichen Namen als Künstlernamen wieder anzunehmen, denn obwohl es meine Namen sind, darf ich sie nicht im Ausweis stehen haben.

Und was steht in deinem Ausweis?

Ich habe alle portugiesischen Namen im Pass: Ferreira, Pereira … Und Grada ist mein Vorname, der, wie gesagt, von einer meiner Großmütter stammt. Alle andern Namen habe ich selbst gewählt, zum Beispiel Kilomba, den Namen meiner anderen Großmutter. Also habe ich zwei Frauennamen in meinem Namen. Doch das Schöne an dieser Geschichte mit den Namen ist, dass sie, wie in Brasilien, Teil unserer kolonialen Geschichte ist.

Hast du schon einmal darüber gearbeitet?

Ich habe bereits eine Geschichte geschrieben, die ich in das Buch hineinnehmen will, das ich gerade plane, „Performing Knowledge“ (Wissen Performen). Diese Geschichte des Namens ist eine der Geschichten darin.

Es ist unglaublich, die Erinnerung an den Namen ausgelöscht zu wissen; eine Auslöschung, die traumatischer Gewalt entspringt und sich fortsetzt in der Unmöglichkeit, ihn wiederzuerlangen.

Genau das. Und es ist nicht nur ein Trauma. Es geht auch um Entfremdung: Ich kann nur ich sein, meinen Namen nur offiziell, eingetragen, standesamtlich tragen, wenn es der Name des Kolonisatoren ist. Also ich kann eine eingetragene, offizielle Existenz nur über die Identität des Kolonisatoren, seinen Namen, besitzen. Wir dürfen nicht vergessen, dass lange, bis in die sechziger Jahre hinein, bis wann ganz genau, weiß ich jetzt nicht, die schwarze Bevölkerung [in den portugiesischen Kolonien; a.d.Ü.] nicht einmal das Recht auf Identität oder Staatsbürgerschaft hatte. Jetzt mache ich diese Archivarbeit, um herauszufinden, mit welchen Bildern ich arbeiten kann, um diese Geschichte der Illusionen zu erzählen, was ist und was nicht, wer ich eigentlich sein kann, wer ich sein muss, um mich sichtbar zu machen. Daher diese Spielerei mit den Illusionen. Wie kann ich diese Geschichte wieder hervorholen?

Und woher stammt dein Vater?

Mein Vater ist Portugiese und kommt aus Coimbra, einer Gegend, in der alle Juden sind. Es gab Verfolgung in dieser Region, und die gesamte jüdische Bevölkerung wurde gezwungen, einen neuen Namen anzunehmen. Das ist in der Familie meines Vaters der Fall. Alle portugiesischen Namen, die auf „eira“ enden, Macieira, Pereira, Ferreira, sind jüdisch.

Du hast also über deinen neuchristlichen Vater auch eine jüdische Seite mit dem ganzen Trauma, den das mit sich bringt. So wie auch ich einen polnischen Namen habe, der in einem bestimmten Moment angenommen wurde, um einer der Episoden der Judenverfolgung zu entkommen, und niemand weiß mehr, was genau und wann es geschah. Doch auch das schwarze Element ist Teil meines Lebens, wegen meiner Annäherung an die afrobrasilianische Kultur, aber vor allem wegen des Schmerzes, den der Rassismus mir in meinem Körper einer weißen Frau aus der Mittelklasse verursacht, immer wenn ich dieses kolonial-sklavokratische Leiden der brasilianischen Gesellschaft konstatieren muss - was viel tiefer geht als nur solidarisches Wohlwollen oder schlichte Empörung.Wir teilen die Arbeit an diesen zwei Traumata.

Ich finde das wirklich hübsch, in unserer Arbeit diese Brücke zur Vergangenheit schlagen zu können, zum Körper und zum Wissen über den Körper und seine Erinnerung, mit dieser spirituellen und so vielen anderen Dimensionen.

Für mich ist die Rückkehr zur Vergangenheit nicht Rückkehr zu Lebensarten, Verhaltensmustern und ihre Darstellungen, Moralsystemen oder einen bestimmten Philosophie. Es ist vielmehr die Rückkehr zu dieser Verbindung zum Körperwissen, je mehr wir uns von den toxischen Auswirkungen der Traumata freimachen, desto mehr Kraft bekommen wir, um der Gewalt zu begegnen, sie in der Gegenwart zu entlarven, und umso mächtiger und genauer erweisen sich unsere Handlungen, um den Zustand der Dinge zu ändern. Du hast recht, das tun wir, jede auf ihre Weise, in unserer Arbeit. Es ist eine Art Liebe zum Leben und zu Menschen, Gruppen und Communities, die den Kontakt mit dem Leben erhalten haben und weiterhin halten; die das Leben, getrieben vom Wunsch, es zu bewahren, in die eigene Hand nehmen.

Es ist wirklich Liebe, und vielleicht reden wir deswegen von ernsthaften Dingen - mit Ruhe und einem Lächeln auf den Lippen.

Daher kommt dieses Lächeln. Aber wir mussten viel kämpfen für dieses Lächeln. Dieses Lächeln war schon immer da, aber es hat immer Schläge bekommen, bekam Zweifel, verschwand, bis es sichtbar wurde.

Ich habe dieses Lächeln in meinem Gesicht, weil ich schon zu viel geweint habe.

Es reicht also, nicht wahr?

Genau. Wir haben schon so viel geredet. Es war so schön, mit dir zu reden. Vielen Dank.

Ich habe zu danken. Es war schön, dich zu hören.



Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift ARTE!Brasileiros die dieses Interview ursprünglich veröffentlicht.