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Neue Diasporas Senegal: Daniel Lima und Raquel Borges

Der Koordinator und die Produktionsleiterin der Episode Neue Diasporas reden über die Etappe des Projekts in Senegal und vergleichen sie mit der Episode davor in Haiti.

Warum fiel die Wahl auf Senegal?

Raquel Borges (Produktionsleiterin): Einer der Gründe ist, dass Senegalesen die zweitgrößte Gruppe der Asylbewerber in Brasilien sind. Sie leben in einer provisorischen Situation, weil sie dieses Asyl nicht bekommen. Unsere Wahl hat auch damit zu tun, dass wir uns mit dem frankophonen Afrika beschäftigen wollten und damit, was es für den Neoimperialismus bedeutet, welche Bedeutung die französische Besatzung in Afrika hatte, als Senegal das französische Eingangstor nach Afrika war. Und was dies für die neuen Migrationen von heute bedeutet. Wie sich dies zwischen den Ländern des Globalen Südens darstellt.

Wir greifen auch eine Beziehung auf, die es seit der Kolonialzeit zwischen Senegal und Amerika gegeben hat. Die versklavten Schwarzen wurden nach Senegal gebracht, auf die Insel Gorée, und wurden von dort aus verschifft. Wir alle kamen auf die eine oder andere Weise durch diese Tür. Wir haben also versucht, uns mit der Vergangenheit in Beziehung zu setzen, mit dem Prozess der Besiedelung Amerikas. Wir haben Senegal ausgewählt als Repräsentant dieser Recherchen, als Repräsentant des Neoimperialismus, wegen der Bedeutung dieses Landes in der Gegenwart und in der Vergangenheit.

Daniel Lima (Koordinator): Es hat auch mit den Bedingungen unserer Reise zu tun. Senegal erschien uns am geeignetsten, um unsere Arbeit innerhalb des Zeitrahmens und der vorhandenen Struktur zu verwirklichen. Da das französischsprachige Afrika (Kongo, Elfenbeinküste, Mali) hier in Brasilien sehr präsent ist, können wir über Senegal in einer Episode auch diese anderen Präsenzen miteinbeziehen – nicht allein die Senegalesische, sondern auch die aus anderen Ländern, die sich untereinander über die gemeinsame Sprache verständigen.

Unsere Herausforderung bei der Arbeit zum Thema Einwanderung war, wie ich vom Anfang des Projekts an betont habe, zu versuchen, Investigationslinien zu schaffen, die nicht allein innerhalb der Diskussionsperspektive Einwanderung bleiben, sondern Kartografien entstehen lassen. Also, wie verhält sich die haitianische Einwanderung zur Geschichte Haitis im Verhältnis zu ganz Amerika? Wie verhält sie sich zur militärischen Präsenz und zur Entwicklung des Militärischen und der Kontrolltechnologien in Amerika? Wie erweitert man Perspektiven, die Fragen der Einwanderung berühren (ohne sie auf die technische, spezifische Diskussion der Einwanderung zu zentrieren - nicht zuletzt, weil ja viele NGOs und Wissenschaftler dies bereits sehr gut tun)?

Wir versuchen, eine allzu technische Diskussion über Gesetze und Rechte zu vermeiden, weil dies nicht unser Ansatz ist. Unser Ansatz ist, dieses Thema in eine kulturelle, künstlerische, geopolitische Diskussion einzubringen. Wenn Senegal auch als Recherche erscheint, kommt damit die senegalesische Einwanderung zusammen mit der Beschäftigung mit dem französischen Neoimperialismus, aber auch mit dem Neoimperialismus in Afrika im Allgemeinen. Wie vollzieht er sich? Welche Mechanismen machen ihn im Alltag spürbar? Inwiefern drückt sich der Neoimperialismus im Alltag der Menschen in einer Stadt aus, in kulturellen Beziehungen, in den Beziehungen zwischen den Menschen? Also ein makropolitischer Ansatz, der aber diese mikropolitische Seite besitzt, wie es die Menschen erleben, wie es den Einzelnen direkt betrifft. Der Ansatz unserer Untersuchung ist, diese Frage der Migration immer ausgehend von einer übergreifenden Perspektive zu verstehen.

Über die Vorgehensweise: Wie stellen Sie sich diese Beteiligung vor? Als Protagonismus? Nicht als Protagonismus? Wie ist die Beteiligung an den Workshops?

Daniel Lima: Ich verwende diesen Begriff „Protagonismus“ nicht, weil er die Idee einer Koordination, die wir ausüben, scheinbar ins Negative kehrt. Meine Motivation als Koordination - ich bin kein Senegalese, aber als Schwarzer Produkt der schwarzen Diaspora in der Welt - ist, diese Einwanderung verschränkt mit der Frage des Neoimperialismus zu diskutieren, verschränkt mit dem Thema Haiti. Über diese Kontrolltechnologien zu sprechen, darüber, wie sie sich in der Welt ausbreiten. Das ist eine Diskussion, die mich interessiert, und ich glaube, sie interessiert auch eine Reihe von Leuten, die darüber forschen und sie erleben. Ich lehne meine Rolle als „Protagonist“ nicht ab, insofern als ich durchaus einer der Motivatoren für das Zustandekommen der Untersuchung bin. Was wir aber in diesem Fall anzuwenden versuchen, ist ein pädagogischer Prozess der horizontalen Produktion von Erkenntnis. Also, welche soziale Technologie lässt sich erfinden, um Wissen auf kollektive und horizontale Weise, also nicht hierarchisch, zu produzieren? In diesem Sinn ist unser Projekt ein Labor auf der Suche nach der Erfindung dieser Wege.

Was den Reiseverlauf angeht: Was schwebt Ihnen in Senegal vor?

Raquel Borges: Wir haben einige Städte ins Auge gefasst, doch vermutlich bleiben wir in der Umgebung von Dakar und den angrenzenden Orten. Diese Entscheidung hat mit unserer Zeit zu tun: Wir werden sehr wenig Zeit haben, die Reise wird rund zehn Tage dauern, und wir können nicht allzu weit reisen. Wir schauen uns einige nahe gelegene Städte an: vielleicht Rufisque, Saint Louis, Thiès, das eine Savanne mit Baobabs ist.

Daniel Lima: Der größte Baobab Afrikas … angeblich der größte Baobab Afrikas. Das alles ist sehr symbolisch, und wir müssen das nutzen. Was kann das auslösen, für eine Aktion oder eine Frage, eine Art der Beziehung zu den Menschen, ausgehend von diesem Symbol? Und lässt sich das als Bild festhalten? Wir werden mit diesen Symbolen arbeiten: einmal das Bild des Baobabs im Hintergrund, einmal die Insel Gorée …

Wir versuchen über Dreiecksbeziehungen zu arbeiten, wie die zwischen Afrika, Brasilien und anderen Ländern Südamerikas. In diesem Zusammenhang war die Situation von Haiti in der vergangenen Episode eine andere, weil es sich um ein Land der Karibik handelte. Im Fall von Senegal, gibt es da dieses Dreieck zwischen Afrika, Europa und Brasilien?

Daniel Lima: Ja, ich glaube, diese Arbeit über Senegal umfasst ein Dreieck, das sich aus Europa (in Gestalt von Frankreich) und vor allem der Beziehung zwischen Senegal und Brasilien bildet. Diese Geschichte ist untereinander verbunden, sei es durch Prozesse der Gegenwart, sei es durch die Geschichte. Im Fall von Haiti hatten wir eher eine Beziehung Brasilien-Haiti-Vereinigte Staaten. Interessant an den Neuen Diasporas wäre, wenn man bereits an eine dritte Episode denkt, eine Dreiecksbeziehung dieser Orte (Port au Prince, Dakar, Haiti, Senegal) zu einem dritten Punkt, vielleicht Kolumbien, um über die dortigen schwarzen Bevölkerungen zu reden, oder auch zu Ländern der Anden, wie Bolivien oder Peru.

Überall in den Anden gibt es diesen Begriff der „cabecitas negras” („Schwarzköpfe“), der für die dortige Bevölkerung genau so funktioniert, wie bei uns das „schwarz“: ausgeschlossen zu sein von der ökonomischen und politischen Elite, der sozialen Dynamik, die den Gang der Gesellschaft zu diktieren versucht. Natürlich verändert sich das zur Zeit, glücklicherweise, innerhalb des Globalen Südens. In diesem Süden, diesen Ländern, die das Trauma der Kolonisierung erfahren mussten: Sklaverei, Vernichtung und religiöse Verfolgung. Selbst wenn man die schwarzen Bevölkerungen nicht explizit einbezieht, können wir versuchen, sie in Beziehung zu setzen, und in einem kulturellen Diskurs herausstellen, dass es zwischen diesen Bevölkerungen eine gewisse Gemeinsamkeit gibt, insofern als sie Völker sind, die gegen die Traumata der Kolonisierung gekämpft haben und immer noch kämpfen. Unterschiedliche Perspektiven für dieselbe Richtung der Fortführung des Kampfes.



Lorena Vicini ist Publizistin, Kulturpoduzentin und Leiterin des Projekts Episoden des Südens.