Ausstellung

Das Spiel hört erst auf, wenn es zu Ende ist: Ein Projekt zur WM 2014

Abstrakte Gewalt, Muu Blanco, Video
Abstrakte Gewalt, Muu Blanco, Video
Mehr als andere Sportarten, ja mehr als viele sonstigen gesellschaftlichen Phänomene, eignet sich der Fußball aufgrund seiner narrativen Struktur, seiner Bildsprache und seines allegorischen Reichtums für eine Umsetzung in Kunst.

Epische, dramatische, tragische und komische Elemente fließen in dieses große Spiel ein, das trotz aller Tabellen immer noch etwas vormodern Unproduktives an sich hat. Der Fluss der Ereignisse, die man nicht gegeneinander aufrechnen kann, ja ein gewisser positiv verstandener Leerlauf münden in eine quasi musikalische, polyphone Struktur. Eine Ausstellung mit Video, Fotografie und Klangkunst nimmt eine Betrachtung des heutigen Fußballs und seiner gesellschaftlichen und kulturellen Verwicklungen vor.

Als zeitbasierte Kunst sind Video und Film besonders geeignet, die unterschiedlichen Zeitbegriffe des Fußballs in verschiedenen Gesellschaften zu beleuchten. Dieser Ansatz wird sich auch in der Präsentation widerspiegeln. Die Werke werden nach Möglichkeit in einem einzigen großen, dunklen Raum als Einklang aus Bewegung und Ton projiziert, wobei ein unwiderstehlicher Bildersog entsteht. Der Fußball, wie viele andere Sportarten, die mit Chronometrie arbeiten, ist der nicht immer unautoritäre Versuch, 22 Individuen, die je ihre ganz eigene Vorstellung von Zeit und Rhythmus haben, in einen kollektiven Strom der Gleichzeitigkeit zu versetzen.

Im Fußball, der ja schon immer eine mächtige Metapher und ein unverwüstliches Gleichnis fürs wirkliche Leben war, sind, wenn man den Zeitbegriff betrachtet, zwei widerstrebende Kräfte am Werk. Eine Kraft – in unserem scheinbar paradoxen Titel das “acabar” - drängt mit Hilfe der Uhr des Schiedsrichters auf ein rasches Ende der Begegnung, die andere, höhere Instanz des “terminar”, hält mit ihrem elaborierten sprachlichen Code den unerbittlichen Fluss der Zeit auf, trachtet nach Aufschub und strebt eine Verlängerung ins Unendliche an: schließlich stehen noch so viele unerledigte Dinge an, in der Spielzeit wie im Leben.

In unserem Titel geht es um mehr als linguistische Feinheiten: Das Spiel selbst ist aufgehobene Zeit, jedes Tor aber die jähe Unterbrechung dieses erhabenen Zustands und eine Verkürzung der Zeit. Der Sieg gilt gemeinhin als geglückter Versuch, die zweite Instanz, das “terminar” also, auszuhebeln und damit Zeit zu gewinnen. In einer rein chronologischen Logik mag dies zutreffen, in Wirklichkeit ist der Sieg jedoch ein gravierender Zeitverlust, beendet er doch abrupt einen Zustand, in dem die Zeit stillstand.

Prosa x Poesie

Theoretiker und Kulturkritiker auf beiden Seiten des Atlantiks werden nicht müde, im Fußball einen Katalysator nationaler Eigenheiten zu sehen. Auf der einen Seite, in Europa, vermutet man mit Pasolini die nüchterne “Prosa”, d.h. eine geradlinige Art, die nur das Ergebnis im Blick hat, auf der anderen, südamerikanischen, vor allem brasilianischen Seite, die berauschende “Poesie” des Spiels mit ihren scheinbar zwecklosen Schnörkeln und ziellosen Abschweifungen in weiten, leeren Räumen, in denen sich jedes Kalkül und jede Abwehr verliert.

Für den Rest der Welt, einschließlich jener Länder, die nicht unmittelbar am Geschehen teilnehmen, wird die globale lingua franca des Fußballs als unüberhörbares Orakel Aufschluss geben über den Zustand der Welt, über ihre Großzügigkeit und ihr Ressentiment, ihre Verzweiflung und ihr Glücksversprechen. Vornehmstes Anliegen des Fußballs wird es aber weiterhin sein, angesichts der Zwänge einer anonymen, globalen Weltordnung die Tugenden des homo ludens hochzuhalten.

Die Künstler und ihre Werke

Eine Kunstausstellung zum Fußball ist weder eine Fernsehübertragung noch ein public screening, ganz im Gegenteil, die Künstler entfernen sich so weit wie möglich vom affirmativen Spektakel und suchen die verborgenen Seiten des Fußballs und die scheinbaren Nebensächlichkeiten abseits der großen Stadien. Der richtige Ort des Fußballs ist meist dort, wo ihn niemand vermutet, eine Regel, die übrigens auch für die zeitgenössische Kunst gilt.


Lela Ahmadzai (Berlin): Afghanische Frauennationalmannschaft

An der Ausstellung, die von Alfons Hug und Paz Guevara kuratiert wird, nehmen folgende Künstler teil: Michael Wesely (Deutschland), Lela Ahmadzai (Deutschland), Lukas Ligeti (Österreich), Pablo Lobato (Brasilien), Marina Camargo (Brasilien), Dias/Riedweg (Brasilien), Gabriel Orge (Argentinien), Sebstián Gordín (Argentinien), Anaclara Talento (Uruguay), Gianfranco Foschino (Chile), Álvaro Olmos (Bolivien) e Muu Blanco (Venezuela).

Die Ausstellung wird in Brasília, Salvador-Bahia, Rio de Janeiro, Fortaleza, Santa Cruz de la Sierra, Montevideo, Buenos Aires, La Paz (2013); Sao Paulo, Porto Alegre, Belo Horizonte, Lima, Córdoba, Bogotá, Caracas, Santiago de Chile und Quito (2014) gezeigt.
Alfons Hug
ist Leiter des Goethe-Instituts Rio de Janeiro.

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
April 2013

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