Kunst

Die „Crônica“ über den Fußball: „Eine Tatsache hat für sich allein wenig oder gar keinen Wert“

Obwohl sie unter Umständen in Buchform erscheinen kann, sind Tageszeitungen und Zeitschriften der natürliche Ort, an dem sich die Crônica entfaltet. Für sie wird sie verfasst, und dort findet sie mit seltenen Ausnahmen auch ihre meisten Leser.

Aber die Crônica (und nicht nur die des Fußballs) ist in diesem Umfeld ein schwarzes Schaf, eine Textsorte, die sich von den anderen, die dort vertreten sind, stark unterscheidet. In den Nachrichten und Meinungsbeiträgen, die von den Medien normalerweise verbreitet werden, wird Fußball in der Regel ausschließlich als Sport betrachtet. Selbst seine spektakuläre Seite wird nur in ihren sachlichen Facetten beleuchtet, etwa das Leben und die Karriere der Spieler, das Verhalten der Fans und die politischen und wirtschaftlichen Interessen der Funktionäre. Die Crônica, eine Kolumne, in der der Autor Kurz- und Alltagsgeschichten rund um den Ballsport erzählt, ist dagegen der Ort, an dem die Deutung des Fußballs eine größere Freiheit erlangt und sich das Verhältnis zwischen Text und Sportereignis auf radikale Weise verändert.

Die moderne journalistische Crônica entstand in Frankreich in den ersten Dekaden des 19. Jahrhunderts, in dem Teil der Zeitung, den man Feuilleton nannte – zuerst stand dieses auf der Titelseite unter dem Strich am Fußende, dann auf ganzen Seiten, bis sich schließlich komplette Zeitungsbücher der Unterhaltung widmeten. Ende des 19. Jahrhunderts, als das Spiel mit dem runden Leder in Brasilien langsam Fuß fasste, war die Crônica in der Presse Brasiliens bereits fest etabliert. Da die Feuilletons durch die regelmäßige Veröffentlichung bestimmter Inhalte an festen Plätzen (in der Rubrik für Mode, für Theater- und Literaturkritik, für Gesellschaftskolumnen usw.) einen Prozess der Spezialisierung durchlaufen hatten, gab es inzwischen auch eine Sportrubrik.

Vor dem Fußball hatten Sportarten wie Pferderennen, Rudern oder Radfahren diesen Platz eingenommen. Als der Ballsport aufkommt – und zunächst eine weitere Mode unter reichen und kultivierten Jugendlichen zu sein scheint –, ist er ein geeignetes Thema für Kolumnisten. Die Entstehung der Crônica über den Fußball in den brasilianischen Zeitungen fällt also mit der eigentlichen Einführung dieses Sports im Land selbst zusammen. Die Verbreitung des einen geht mit der Verbreitung des anderen Hand in Hand. Wenn, wie Antonio Candido in dem Essay A vida ao rés-do-chão (Das Leben im Erdgeschoss) behauptet, die Crônica „unter verschiedenen Gesichtspunkten ein brasilianisches Genre ist“, können wir zu Recht sagen, dass auch die Fußballkolumne ein für uns typisches Genre ist.

Mário Filho: der Wegbereiter

Eine Geschichte der Fußballkolumnen in Brasilien wäre undenkbar, ohne den Namen des Journalisten Mário Filho zu nennen. Seit 1926 war er als Reporter, Redakteur und Herausgeber tätig und revolutionierte den brasilianischen Sportjournalismus. In seiner Kolumne Da primeira fila (Aus der ersten Reihe), die er in den 1940er Jahren in der Zeitung O Globo unterhielt, und in den Büchern, die er im selben Jahrzehnt veröffentlichte, trieb er diesen Wandel voran und legte den Grundstein für eine neue Art und Weise, über Fußball zu sprechen. Der vor ihm elitäre und vor englischen Begriffen strotzende Sportjargon wurde „brasilianisiert“, die populären Spielweisen und lokalen Ausprägungen des Fantums erfuhren eine Aufwertung, und der Fußball und die kulturelle Identität Brasiliens gingen eine feste Verbindung ein.

In Nota ao leitor (Bemerkung für den Leser) in der ersten Ausgabe seines bedeutendsten Buchs O negro no futebol brasileiro (Der Schwarze im brasilianischen Fußball) weist Mário Filho die Dekade der 1910er Jahre als die Zeit aus, in der in dem Land die ersten auf Fußball spezialisierten Kolumnisten in Erscheinung treten. Von den 1920er bis zu den 1940er Jahren wird der Fußball zu einem Massenphänomen, und die Crônica etabliert sich als das Genre, das der freien Behandlung sportlicher Ereignisse gewidmet ist. Doch erst im Zeitraum von 1950 bis 1970, der sogenannten goldenen Ära des brasilianischen Fußballs, finden wir unsere am meisten gefeierten Fußballkolumnisten, darunter zum Beispiel Nelson Rodrigues, den jüngsten Bruder und bekennenden Schüler von Mário Filho, Armando Nogueira, João Saldanha und Stanislaw Ponte Pieta.

Nelson Rodrigues: Kritik an den „Idioten der Objektivität“

In den Texten dieser und vieler anderer Kolumnisten, die sich dem Sport verschrieben, der Brasilien eroberte, stieß die thematische Breite der Crônica selbstverständlich auf eine Begrenzung: Man muss in ihr immer über Fußball sprechen – wenn nicht über das eigentliche Spiel, so doch zumindest über das Leben seiner Protagonisten und seiner Institutionen. Darüber hinaus aber herrscht völlige Freiheit. Ein Kick auf einer unbebauten Fläche kann genauso thematisiert werden wie die Eroberung eines Weltmeistertitels. Die Crônica zeichnet sich außerdem durch ihre Leichtigkeit und ihren freien Umgang mit der Sprache aus, durch ihre Einbeziehung von Umgangssprache, ihre ästhetische und manchmal lyrische Wiedergabe der Ereignisse, ihre formale Vielfalt usw.

Allein bei den oben erwähnten Autoren denken wir an den Strom der Erinnerung, mit dem Mário Filho die ersten Jahrzehnte der Geschichte des brasilianischen Fußballs rekonstruiert; die hitzige Polemik von Nelson Rodrigues, voll von Attacken auf die „Idioten der Objektivität“, die nicht in der Lage seien, die dramatische Seite des Sports zu erfassen; die lyrische Prosa von Armando Nogueira, der versuchte, die ästhetische Erfahrung des Fußballzuschauers durch Worte nachvollziehbar zu machen; der mal heroische, mal komische Reisebericht von Stanislaw Ponte Preta, der die brasilianische Seleção 1962 zur Weltmeisterschaft begleitete; und die pittoresken Episoden aus den Kulissen des Sports im Ton eines „Kneipengesprächs“ von João Saldanha.

Zwiespältiges Verhältnis zu den Fakten

Will man die Rolle der Crônica bei der Errichtung der großen und kleinen Mythen des brasilianischen Fußballs reflektieren, stellt sich ein Aspekt des Genres als besonders bedeutend heraus: sein zwiespältiges Verhältnis zu den Fakten. Davi Arrigucci Jr. schreibt in dem Essay Fragmentos sobre a crônica (Fragmente über die Crônica): „als Teil eines Mediums wie der Tageszeitung scheint sie dem reinen Zufall ausgeliefert, dennoch ficht sie mit letzterem ein gewagtes Duell aus, aus dem sie bisweilen aufgrund der ihr eigenen literarischen Vorzüge als Siegerin hervorgeht“. Dieses Duell ist der Versuch, mittels der Erfindung des Schreibens die bloß zufälligen Fakten in „eine Form der Erkenntnis über die feinen Winkelzüge unserer Wirklichkeit und unserer Geschichte“ zu verwandeln.

Genau das geschieht in den besten Momenten einer Fußballkolumne. Indem sie die Objektivität des Sportjournalismus negiert, bedient sie sich ihrer literarischen Beschaffenheit und wird so zu dem Ort, an dem es möglich ist, über das referenzielle Universum des Spiels und die sachliche Dimension des Spektakels hinauszugehen und dabei die kühnsten Deutungen der Fußballwelt zu wagen. Das heißt, die Fußball-Crônica nimmt den Sport aus dem objektiven Kontext der Nachricht heraus, die nur seine rein sportlichen Aspekte sieht, um ihm einen neuen Bedeutungsrahmen zu schenken. Auf ihre Weise ficht sie auch ihr Duell aus mit dem von den Umständen diktierten und auf Tatsachen fixierten Charakter des Journalismus.

Nelson Rodrigues hat dies in einer meisterhaften Crônica, die in dem Buch A pátria em chuteiras (Das Vaterland in Fußballschuhen) erschienen ist, wie folgt formuliert: „Eine Tatsache hat für sich allein wenig oder gar keinen Wert, (...) was ihr Autorität verschafft, ist die Zugabe von Vorstellungskraft“. Deswegen bestehe die Rolle des Kolumnisten darin, „die Tatsache zu überarbeiten, sie zu verklären, zu dramatisieren“. Nur so, „angefüllt mit Dichtkunst, ausgestattet mit Reimen“, gewinne sie „an Poesie, an lyrischer Kraft, an dramatischer Gewalt“ und verleihe derart „der stupiden und öden Realität einen Hauch von Fantasie“.

Marcelino Rodrigues da Silva
ist Professor für Literaturtheorie an der Bundesuniversität von Minas Gerais und Autor des Buchs „Mil e uma noites de futebol: o Brasil moderno de Mário Filho“ („Tausend und eine Fußballnacht: das moderne Brasilien Mário Filhos“).

Übersetzung: Timo Berger

Copyright: Goethe-Institut Brasilien
Dezember 2012

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