Kamerun

Leseförderung in Kamerun

Wenn man von „Lektüre“ spricht, denkt man dabei einerseits an „das Buch“, ob gedruckt oder elektronisch, und andererseits an verschiedene Formen des Lesens: Zeitung lesen, Plakate auf der Straße überfliegen, Lektionen für die Schule lernen usw. Wird die Leseförderung in Kamerun aktiv vom Staat vorangetrieben? Gibt es private Initiativen, die ebenfalls zur Leseförderung beitragen? Kamerun ist ein zweisprachiges Land mit den Amtssprachen Französisch und Englisch. Wird diese Tatsache bei der Förderung des Lesens berücksichtigt? Und gibt es schließlich grundlegende Bemühungen der Alphabetisierung, damit Kinder und teilweise auch Erwachsene überhaupt ihre Liebe zum Lesen entdecken können? Dies sind die zentralen Fragen unserer kritischen Betrachtung der Leseförderung in Kamerun.

Die Rolle des Staates bei der Leseförderung in Kamerun

Der gesetzlich garantierte Mindestlohn (SMIG) in Kamerun betrug bislang 28.216 FCFA (44 Euro). Der Premierminister hob ihn im Juli 2014 auf heute 37.270 FCFA (55 Euro) an. Wir weisen hier am Anfang darauf hin, denn selbstverständlich spielt die Kaufkraft für die Einstellung der Bürger zu Bildungsgut eine entscheidende Rolle. Der durchschnittliche Preis einer Tageszeitung beträgt in Kamerun 400 FCFA (0,60 Euro), der durchschnittliche Preis eines Buches – Roman oder Sachbuch – 5.000 FCFA (knapp 8 Euro). Für einen Angestellten, der den Mindestlohn verdient, oder auch für junge Lehrkräfte an der Universität, die über ein monatliches Einkommen von 300.000 FCFA (458 Euro) verfügen, sind dies stolze Preise. Nach unseren Berechnungen würde ein einziger Roman einen jungen Dozenten somit fast 2 % seines Gehalts kosten.

Die kamerunische Regierung scheint den wesentlichen Gliedern der „Buchkette“ keine ausreichende Unterstützung zu bieten, denn weder Verlage noch Buchhändler oder Autoren werden nachhaltig gefördert. Unter diesen Bedingungen ist es schwierig, die Produktionskosten zu senken, um Bücher erschwinglich zu machen. Vereinbarungen zur Förderung, wie den „Beschlüssen von Florenz“ und ihrem „Protokoll von Nairobi“ sind keine Taten gefolgt, obwohl sie von der Nationalversammlung ratifiziert und vom Staatschef öffentlich verkündet wurden. Dabei zielten diese Beschlüsse unter anderem darauf ab, den Import von Büchern und gewisse Teile der örtlichen Buchproduktion von der Mehrwertsteuer zu befreien.

Zudem schuf der Präsident der Republik Kamerun am 5. Dezember 2001 den „Fonds d’Affectation Spécial“, um „die literarische und künstlerische Produktion in Kamerun zu fördern“. Dieser Fonds hatte anfangs ein Budget von 1.000.000.000 FCFA (152.391 Euro). Doch den meisten Verlagen, Buchhändlern und örtlichen Verkäufern bringt dieser Fond keinen großen Nutzen, da dieser primär von den großen Schulbuchverlagen verbraucht wird, die für 90% des Umsatzes der Buchbranche verantwortlich sind, Bezüglich der Orte, die kostenlosen oder günstigen Zugang zu Büchern und anderen Lesemedien bieten, also öffentliche Bibliotheken, ist festzuhalten, dass es in Kamerun kein Bibliothekennetz für die allgemeine Bevölkerung gibt. Die Coopération Française hatte 1987 und 1993 ein kleines Netzwerk von öffentlichen Bibliotheken auf die Beine gestellt, deren Kopf die „Centrale de Lecture Publique“ in Jaunde war und es sollten weitere regionale Bibliotheken, sowie ein großes Netzwerk städtischer Bibliotheken aufgebaut werden. Dieses Projekt (zumindest die „Centrale de Lecture Publique“) lief fast zehn Jahre, solange die Coopération Française sich direkt um alles kümmerte. Doch seit dem Rückzug der Coopération Anfang der 2000er Jahre ist das Projekt fast gänzlich eingeschlafen. In den einzelnen Regionen hat es kaum Spuren hinterlassen, einzig die „Centrale de Lecture Publique“ in Jaunde öffnet immerhin noch ihre Pforten, doch mangels Veranstaltungen und aufgrund der fortgeschrittenen Veraltung des dokumentarischen Bestands hat sie kaum regelmäßige Besucher.

Bibliotheken in Rathäusern sind selten. Nur wenige Rathäuser (Garua 1, Jaunde 6, Duala 2, Sa’a, Messamena und Bokito) besitzen Bibliotheken, und diese sind sehr klein, da es an Mitteln fehlt. Dennoch ist es seit Inkrafttreten des Dezentralisierungsgesetzes Aufgabe der Stadtverwaltungen, öffentliche Bibliotheken zu schaffen.

Private Initiativen zur Leseförderung in Kamerun

„Die Natur fürchtet die Leere“, sagt man. Angesichts der dürftigen staatlichen Initiativen begannen verschiedene Verbände Bibliotheken zu gründen. Auch wenn diese Bibliotheken nicht zahlreich sind, „leben“ sie doch viel besser als der Großteil der öffentlichen Bibliotheken. Dies erklärt sich einfach durch das Engagement der Beschäftigten und die vielen dort angeboten Veranstaltungen. Wir wollen hier ein paar Bibliotheken nennen, die aus privaten Initiativen entstanden sind, der Allgemeinheit jedoch offenstehen: La Maison des Savoirs, Les Lucioles, La Bonne Case, Kalati, on lit au Cameroun und das CLAC von Jaunde.

Auch die Alliances Franco-Camerounaises, obwohl sie größtenteils von Frankreich unterstützt werden, können in gewisser Weise als private Initiativen betrachtet werden, besonders da diese Einrichtungen „Vereine nach lokalem Recht“ sind, ebenso wie die zuvor genannten. Ursprünglich gab es fünf Alliances Franco-Camerounaises (in Ngaundere, Garua, Dschang, Bamenda und Buea). Aktuell verbleiben nur noch drei (in Bamenda, Dschang und Garua). Die Existenz dieser drei „Überlebenden“ ist nicht gesichert, denn es gibt ernste Anzeichen dafür, dass die Unterstützung von Frankreich nicht ewig fortdauern wird. Von den drei letzten Alliances hat nur die in Garua noch einen französischen Leiter, die beiden anderen werden inzwischen von Kamerunern geführt. Zudem sind die Budgets für diese Einrichtungen in den vergangenen fünf Jahren drastisch gesunken und werden in den nächsten Jahren weiter zurückgehen.

Das Buch als Kulturgut ist in Kamerun nicht sehr gefragt, es ist vielmehr ein Mittel des sozialen Aufstiegs, das heißt, Bücher sind notwendig, um Prüfungen zu bestehen, aber man liest nicht zum Spaß. In der Tat wird in Kamerun hauptsächlich, ja beinahe ausschließlich für die Schule, für die Universität oder zu Recherchezwecken gelesen. Man geht nur dann in eine Bibliothek, wenn man Hausaufgaben macht, eine Hausarbeit schreibt, eine Abschlussarbeit verfasst oder ein anderes Projekt fertigstellt – es geht immer um eine derartige Aufgabe. Lesen zum Spaß ist quasi undenkbar. Diese bedauerliche Feststellung lässt sich sogar in den oben erwähnten privaten Vereinsbibliotheken machen. Die Benutzer gehen hin, um aus „bestimmten Gründen“ zu lesen. Wenn man ihnen einen Roman oder Comic vorschlägt, sagen sie: „Ich lese nicht einfach so“, „Comics sind was für Kinder!“, „Warum sollte ich meine Zeit mit Romanen verschwenden, wenn ich stattdessen eine Zeitung oder ein ‚richtiges Buch‘ lesen kann?“

Das „zweckgebundene Lesen“ ist somit viel weiter verbreitet als das „kulturelle Lesen“, was sehr schade ist.

Leseförderung im Hinblick auf die Zweisprachigkeit in Kamerun

Kamerun hat die zwei Amtssprachen Englisch und Französisch, doch in acht von zehn Regionen wird Französisch gesprochen. Die hier beschriebenen betrüblichen Zustände betreffen hauptsächlich den französischsprachigen Teil Kameruns, also knapp 80 % des Landes. Jedoch sieht es dort noch deutlich besser aus als im englischsprachigen Teil. Die staatlichen Aktivitäten bzw. Inaktivitäten betreffen alle Kameruner, sowohl die frankophonen wie auch die anglophonen und diejenigen, die beide Sprachen beherrschen.

Ist die Alphabetisierung eine Lösung?

Um das Lesen zu fördern, muss die Bevölkerung erst einmal lesen können, und dafür muss sie alphabetisiert sein. In dieser Hinsicht bemüht sich die kamerunische Regierung: Laut offizieller Statistiken steigt die Alphabetisierungsrate an und liegt heute bei über 80 %. Doch es gibt noch viel zu tun, besonders in den ländlichen Gebieten und im Norden des Landes, wo die Quote teilweise noch unter 50 % liegt. Dadurch wird die Leseförderung in jenen Regionen zusätzlich erschwert, selbst wenn es um „zweckgebundenes Lesen“ geht, also das Lesen für die Schule.

Fazit

Die Leseförderung ist noch kein konkretes Thema in Kamerun, zumindest wenn man davon ausgeht, welche Bedeutung der zentrale Staat – die Regierung – und der dezentrale Staat – die Stadtverwaltungen – dieser Problematik zuschreiben. Das stärkste und bestorganisierte „Lesenetzwerk“ in Kamerun besteht momentan durch die Kooperation mit ausländischen Instituten (Institut Français, Goethe-Institut, Bibliothèque de l’Ambassade des Etats-Unis), was nicht so sein dürfte. Trotz einiger weniger privater, ermutigender Initiativen, die das Handeln des Staates auf keinen Fall dauerhaft ersetzen können, ist es notwendiger denn je, sich bei den Entscheidungsträgern dafür einzusetzen, dass die Förderung des Buches und des öffentlichen Lesens in den Fokus der politischen Agenda rückt – denn aus unserer Sicht ist die Leseförderung vor allem eine Frage des wirklichen Willens der Politik.

Charles Kamdem Poeghela

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