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Off-Guide Regionalworkshop 2012 - Festung Španjola, Herceg Novi

© Clemens Hess© Clemens Hess

Was fällt uns beim Schlagwort „Festung“ als Erstes ein? Zuerst vielleicht hohe Mauern und Türme, die als Schutz vor irgendwelchen Feinden errichtet worden sind, hinter deren Öffnungen Soldaten, Gewehre, Kanonen oder Bogenschützen unermüdlich wachen und aufs Erscheinen der besagten Feinde warten. Festungen gelten als Orte, die kaum zu betreten oder gar zu erobern sind, bei deren Erstürmung jeder einzelne Stein mehrere Menschenleben kostet. Wenn aber eine Festung von ihren Verteidigern verlassen wird, wenn es keine unbekannten Belagerer mehr gibt, die von ihrer Eroberung träumen, wenn ihre Mauern von der Natur zurückerobert werden, schwindet zwangläufig auch die Bedeutung des Bauwerks selbst.

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Eine Festung lebt, solange darin Menschen leben, aber sobald alle Soldaten ihre Mauern und Türme verlassen haben, sobald die Kanonen nicht mehr geladen werden, sobald es in den Köchern von Schützen keine Pfeile mehr gibt, wird die ganze Anlage von der Natur zurückerobert, der sowohl das Baumaterial als auch die ganze Gegend ursprünglich sowieso gehört hatten.

Die „grünen Soldaten“ erobern das Gemäuer Stück für Stück, erklettern es über die Leitern aus Efeu, während ganze Heerscharen von Grillen ihre Schlachtrufe im Mondschein zirpen. Hinter Schießscharten lauern Wachen aus Tier- und Pflanzenwelt, gerüstet für die Schlacht mit gefährlichen Waffen aus Brennnesseln. Schwere eiserne Tore werden nur noch von großen Kiefern bewacht, die ernst und feierlich daneben strammstehen, und ihre Nadeln, wie kleine Speerspitzen, gegen etwaige Feinde richten. So lebt eine verlassene Festung weiter, aber auf eine andere, ursprüngliche Art und Weise. Man könnte fast sagen, sie sei kein Bauwerk, kein menschliches Erzeugnis mehr, und sei in eine lange vergangene Zeit zurückgekehrt, als ihre Erbauer noch nicht einmal geboren waren. Dabei spielt die Natur aber eine zweifache Rolle: sie verteidigt die Festung, zerstört sie aber auch gleichzeitig, Tag für Tag, Stein für Stein.

© Clemens Hess

In viele Festungen wird kein Mensch mehr je einen Fuß setzen, viele sind sogar aus unserer Erinnerung ganz verschwunden. Es gibt aber auch zahlreiche Festungen, die scheinbar vollkommen verlassen und vergessen sind, die aber doch immer noch in Erinnerung mancher Menschen leben. Von Zeit zu Zeit besucht sie der eine oder andere Nachkomme jener Eroberer oder Verteidiger aus fernen Zeiten, oder eben jemand anders, kämpft dann seinen oder ihren Weg durch die Verteidigungslinien der Gewächse, um für einige Augenblicke Herr über diese Mauern und Türme zu werden. Dann löst sich die Festung – aber eben nur scheinbar und für kurze Zeit - aus der Umarmung der Natur und öffnet sich dem Menschen, der es gewagt hat, ihre verlassenen Wege und Pfade zu beschreiten. Sie lebt auf in seinen Gedanken, die ihr gewidmet sind, ihrer Geschichte, ihrer Architektur und ihrer Zukunft. In Gedanken solcher Besucherinnen und Besucher wird dieser Natur gewordene Stein wieder als Festung bezeichnet und dadurch noch einmal zu einer „richtigen“ Festung umgewandelt.

© Stefan Malešević

Zu solchen Festungen, die schon restlos von der Natur zurückerobert worden, aber immer noch nicht für immer in Vergessenheit geraten sind, gehört auch die Španjola-Festung in der kleinen montenegrinischen Küstenstadt Herceg Novi. Errichtet wurde sie im 15. und 16. Jahrhundert, unter türkischer Herrschaft, während der Name selbst aus dem 16. Jahrhundert stammt, als sie für kurze Zeit unter spanischer Besatzung stand (Španija/Španjolska – Spanien). Obwohl die neuen Eroberer schon nach einem Jahr wieder abziehen mussten, konnte sich der Name erstaunlicherweise bis zum heutigen Tage halten.

Ihren heutigen Besuchern bietet die Španjola-Festung ein ungewöhnliches Ambiente. Die Anlage besteht aus vier Türmen, die miteinander durch Mauern verbunden sind. Das Innere besteht aus mehreren Baukomplexen, welche in den vergangenen Zeiten unterschiedlichen Zwecken gedient haben. Einer der Komplexe ist beispielsweise das einstige Munitionslager, das sich vom Westwall bis zum zentralen Teil der Festung erstreckt.

© Clemens Hess

Am Merkwürdigsten ist jedoch, dass die Španjola-Festung unmittelbar nach ihrer Aufgabe einfach den Naturgewalten überlassen wurde. Dementsprechend ist sie heute vollkommen mit Pflanzen bewachsen. Die Mauern sind hinter Kletterpflanzen gut versteckt, die Häuser im Inneren der Festung von Efeu und zahlreichen anderen Pflanzen verdeckt, etliche Räume nur noch von Baumkronen überdacht. Der zentrale Teil hat sich in ein tiefes Gebüsch verwandelt, während man bis zum rechten Turm kaum noch vordringen kann. Es scheint fast so, als hätten die Menschen seinerzeit die Španjola-Festung bewusst der Natur überlassen, als hätten sie die Anlage sozusagen der Natur zur freien Verfügung gestellt. Diese Entscheidung kommt uns heute ziemlich ungewöhnlich vor, da die Španjola-Festung fast inmitten der sonst sehr belebten Touristenstadt Herceg Novi liegt, und nicht irgendwo außerhalb, fern von menschlichen Siedlungen, wo ein solches Zurückgeben an die Natur logisch und sogar unvermeidlich wäre. Das Kultur- und Tourismuspotenzial der Španjola-Festung, aber auch von anderen Festungen in und um die Adria-Stadt Herceg Novi wird immer noch kaum genutzt.

Im montenegrinischen Herceg Novi gibt es eigentlich mehrere Festungsbauten, sodass dieses Städtchen in der Vergangenheit auch unter dem italienischen Namen Castelnuovo (neues Kastell) bekannt war. Besonders erwähnenswert sind - neben der Španjola-Festung – auch die Festung auf der nahegelegenen Mamula-Insel und die Arza-Festung auf dem gleichnamigen Kap. Obwohl sie alle bedeutende Kulturdenkmäler darstellen, werden die meisten Festungsanlagen in und um Herceg Novi nicht gepflegt und befinden sich sozusagen einfach in der Obhut der Natur.

© Clemens Hess

Um das öffentliche Interesse an der Španjola-Festung zu erwecken, veranstaltete die Goethe-Guerilla im Sommer 2012 - in Zusammenarbeit mit der Belgrader Künstlerinitiative Dis-Patch-Kolektiv und dem Synästhesie-Festival Herceg Novi - einen regionalen Goethe-Guerilla-Workshop innerhalb der Festungsmauern. Diese Veranstaltung fand zwischen dem 4. und 9. Juli 2012 statt, unter Beteiligung von Goethe-Guerilla-Gruppen aus Belgrad, Zagreb, Sarajewo, Prishtina, Skopje und Herceg Novi. Das Ziel des Workshops war es, auf die einzigartige und ungewöhnliche Atmosphäre der Španjola-Festung hinzuweisen, auf ihre kulturhistorische Bedeutung und ihr vielfältiges Potenzial, aber auch auf den verwahrlosten Zustand, in welchem sie sich gegenwärtig befindet. Ein weiteres Ziel war es außerdem, den dritten Off-Guide zu entwerfen, also einen Indie Travel Guide, der die Bedeutung und das Potenzial der Španjola-Festung der Öffentlichkeit vorstellen würde.

Der Off-Guide Španjola ist der dritte Off-Guide insgesamt und der zweite, der in Zusammenarbeit mit der Goethe-Guerilla entstanden ist.

Hier klicken, um mehr über das von Relja Bobić entwickelte Off-Guide-Konzept zu erfahren, sowie über den zweiten Off-Guide, der dem Belgrader Savamala-Viertel gewidmet war.) Während das zweite Off-Guide-Projekt aus der Arbeit am Off-Guide selbst sowie aus einem Stop-Motion-Workshop bestand, umfasste das Španjola-Projekt drei Workshops. Neben der Entwicklung des Indie Travel Guides unter Leitung von Isidora Nikolić und Dušica Dražić fand auch eine Intervention im öffentlichen Raum unter Leitung von Izabela Matoš statt, sowie eine Klang-Werkstatt unter Leitung von Nicholas Bussmann, Musiker und Komponist aus Berlin. Während dieses fünftägigen Workshops mit dem unvermeidlichen Blick auf die Adria ist es jeder von diesen drei Gruppen gelungen, die Španjola-Festung auf ihre eigene Art und Weise zum neuen Leben zu erwecken.

Nach dem schon fast Tradition gewordenen Prinzip stellt der Off-Guide die Španjola-Festung und ihre unmittelbare Umgebung in Text und Bild vor. Wie die ersten zwei Off-Guides, die der ostserbischen Bergbaustadt Majdanpek bzw. dem Savamala-Viertel in Belgrad gewidmet sind, stellt auch der dritte alternative Reiseführer einen Raum vor, der auf eine gewisse Art und Weise paradox und kontrastreich ist. Die Kontraste, die bei der Španjola-Festung ins Auge stechen, bestehen einerseits in dem ungenutzten Potenzial der Anlage und in ihrer kulturhistorischen Bedeutung, sowie andererseits in dem Zustand, in dem sie sich momentan befindet. Diese Kontraste wurden noch weiter vertieft durch die Anwesenheit der Goethe-Guerilleros, die – als neue „Festungsbewohner“ – versucht haben, die aktuellen Probleme der Anlage durch Interventionen zu unterstreichen.

© Sanja Aleckovic

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Werkstatt, die sich mit Interventionen im öffentlichen Raum beschäftigten, haben versucht, durch ihre unterschiedlichen künstlerischen Interventionen nicht nur die besagten Kontraste, sondern auch die Symbiose zwischen dem Menschen und der Natur zu betonen  aber auch, auf das Potenzial der Španjola-Festung als Veranstaltungsort für verschiedenartige künstlerische Projekte hinzuweisen. Sowohl die Kontraste als auch die Symbiose kommen darin zum Vorschein, dass die Menschen erst die Festung errichtet haben mit dem Material, das sie in der Natur gefunden hatten, um sie dann später zu verlassen, und damit sozusagen an die Natur zurückzugeben. Als wir, Mitglieder der regionalen Goethe-Guerilla-Gruppen, die Španjola-Festung für kurze Zeit von der Natur zurückerobert haben, war es uns klar, dass wir die Spuren der Natur und ihres Wirkens nicht beseitigen können. Deswegen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entschieden, dass ihre Interventionen eine Art Imitation der Natur darstellen sollten, also der Tier- und Pflanzenwelt, die das Bild der Španjola-Festung heute prägt.

© Clemens Hess

Neben den eben beschriebenen und ähnlichen wurde durch andere künstlerische Interventionen auch der verwahrloste Zustand der Španjola-Festung betont. Als wir dort eingezogen, lag in der Festungsanlage allerlei Abfall, sodass wir als Erstes eine Putzaktion durchführen mussten. Um diesen negativen Aspekt der Vernachlässigung vom Kulturerbe zu betonen, haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einige Installationen aus weggeworfenen Gegenständen produziert. Aus alten Sesseln, die sie in der unmittelbaren Nähe der Festung gefunden haben, haben sie beispielsweise eine äußerst interessante Installation hergestellt, während sie aus Kartondeckeln von unseren Essenspaketen eine Flagge „genäht“ haben, die dann an einem der Festungstürme gehisst wurde. Die meisten Interventionen sind in der Španjola-Festung geblieben, um dort allmählich mit der Natur zu verschmelzen, welche wir dort nur für kurze Zeit gestört haben.

© Clemens Hess

Zu den interessantesten Interventionen, die wir vor Ort gelassen haben, gehört mit Sicherheit auch eine Inschriftentafel, die wir am Eingangstor befestigt haben, und zwar nach Vorbild von zwei älteren Tafeln, die noch aus der Zeit Jugoslawiens  stammen. Unsere Tafel steht jetzt parallel zu den älteren Tafeln, mit denen sie nicht nur in visueller Hinsicht verbunden ist, sondern auch auf eine humorvolle Art und Weise, nämlich als eine Hommage oder als Parodie, wodurch wir selbst zum Teil der Festungsgeschichte geworden sind.

© Clemens Hess

Der Klang-Workshop hat einen ähnlichen Weg eingeschlagen wie die Werkstatt, die den Interventionen im öffentlichen Raum gewidmet war. Bei diesem Workshop lag die Grundidee darin, anhand von akustischen Spezifika der Španjola-Festung eine Klanginstallation zu entwerfen. Während ihrer Suche nach den entsprechenden Klängen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer festgestellt, dass das Zirpen der Grillen für die Festung im besonderen Maße charakteristisch ist. Gezirpt haben die Grillen nämlich den ganzen Tag lang, manchmal nur mit monotonen Geräuschen, aber manchmal haben sie auch komplexere Rhythmen hervorgebracht. Das hat die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die Idee gebracht, das Zirpen der Grillen aufzunehmen, um das aufgenommene Material später zu modifizieren, wodurch dann auch die gewünschte Klang-Installation zustande kommen sollte. Indem sie die Höhe, die Frequenz, das Tempo, den Rhythmus, die Lautstärke und andere Charakteristika modifiziert haben, haben sie ein fünfzehnminütiges Musikstück komponiert, das aus unterschiedlichen Modulationen des Zirpens bestand. Dieses Musikstück beginnt mit dem „normalen“ Zirpen der Grillen, um sich dann etwas später stufenweise zu verändern, bis es zum Schluss jede erkennbare Ähnlichkeit mit dem „Original“ bzw. mit dem Zirpen verloren hat. Nachdem dieses Musikwerk „fertig komponiert“ war, wurden in der Festungsanlage ein paar Lautsprecher montiert, und zwar an den akustisch besonders interessanten Stellen, sodass sich die Musik vollkommen anders anhörte, je nach dem, wo genau man sich in dem Moment befand. Während die Musik aus den Lautsprechern ertönte, begannen nach einiger Zeit auch die „richtigen“ Grillen zu zirpen, sodass die natürlichen Klänge und die Aufnahmen nicht mehr voneinander eindeutig zu trennen waren. Einen Eindruck von dieser Komposition kann man sich auch hier, auf unserer Webseite machen, wobei sich die Aufnahme leider mit dem Klangerlebnis vor Ort, im Festungs-Ambiente, kaum messen lässt.

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Alle unsere Aktivitäten in der Španjola-Festung wurden bei einer gut besuchten Ausstellung präsentiert, die am 8. Juli nach dem Sonnenuntergang in der Festungsanlage eröffnet wurde. Die Besucherinnen und Besucher hatten dabei die Möglichkeit, alle Interventionen von den Goethe-Guerilleros zu sehen, und zwar in diesem fast unwirklichen Ambiente, das von Sternen und Scheinwerfern mit vereinten Kräften beleuchtet wurde. Zu dieser Unwirklichkeit des Ambientes und der Ausstellung selbst trug auch die erwähnte Klang-Installation mit Grillen bei, deren ungewöhnliche Klänge durch die Festungsanlage erschallten. Darüber hinaus wurden auf einem der Festungsmauern die Fotos präsentiert, die wir während unseres mehrtägigen Aufenthaltes in der Španjola-Festung aufgenommen haben, genauso wie die Videoarbeit, der den ungewöhnlichen Innenraum in einem der Türme zeigt.

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Die Arbeit am dritten Off-Guide war sehr erfolgreich, genauso wie die begleitenden Workshops. Die Tradition von Off-Guide-Projekten, sich mit sogenannten Un-Orten zu beschäftigen, d. h. mit verlassenen und vergessenen Orten mit ungewöhnlichen Merkmalen und mit großem Potenzial, haben wir in der montenegrinischen Adria-Stadt Herceg Novi mit Erfolg weiter gepflegt. In den fünf Tagen, die wir dort verbracht haben, konnten die Mitglieder von regionalen Goethe-Guerilla-Gruppen die Erinnerung an lange vergangene Zeiten wieder erwecken, als dieses beeindruckende Bauwerk noch von Menschen bewohnt war, als die Festungstürme noch nicht mit Kletterpflanzen bewachsen waren und, als die Urahnen der heutigen Grillen erst dabei waren, ihr Zirpen-Lied anzustimmen.
Simon Marić, Goethe-Guerilla Belgrad
Aus dem Serbischen von Jelena Kostić-Tomović
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