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Abbas Khider
Der Erinnerungsfälscher

Autor Abbas Khider
© Peter-Andreas Hassiepen

 „Nicht nur Kleider machen Leute, sondern auch ihre Dokumente.“

Aus diesem Grund trägt Said Al-Wahid seinen deutschen Reisepass selbst beim Gang in den Supermarkt mit sich. Er weiß genau, wie wichtig der Ausweis für seine Identität ist, wie schutzlos und ausgeliefert man sich ohne das Dokument fühlen kann.

Von Florina Evers

Das hat Said auf der jahrelangen Flucht aus seiner Heimatstadt Bagdad über Afrika nach Europa gelernt. Ohne die richtigen Papiere könnte man ihn mit einer flüchtigen Bewegung, wie einen überflüssigen Satz, aus den Akten der deutschen Behörden streichen.

Inzwischen lebt Said Al-Wahid mit seiner Freundin und ihrem gemeinsamen Sohn in Berlin, er ist Schriftsteller und gerade dabei, mit seinem Schreiben erste Erfolge zu feiern. Doch auf dem Rückweg von einer Lesung in Mainz erfährt er von seinem Bruder, dass ihre Mutter im Sterben liegt. Für Said bedeutet der Anruf, dass er zum ersten Mal seit vielen Jahren zurück in seine Heimat fliegen muss. Auf dem Weg zum Flughafen geht Said seinen Erinnerungen nach. Wie immer stellt er fest, wie groß die Lücken sind, wenn er versucht, sich an Land und Leute seiner Kindheit, an die vielen Gesichter, Namen und Begebenheiten seiner Flucht zu erinnern. Vieles bleibt unscharf – ein Zustand, der ihm vor ein paar Jahren noch Sorgen machte und zu einem Therapeuten führte, der ihm wenig überraschend ein Trauma bescheinigte. Doch wo soll man anfangen, „wenn das ganze Leben ein Trauma ist“?

Vergessen, um zu Überleben


Buchcover Der Erinnerungsfälscher Abbas Khider © Florina Evers Said hat seine Antwort im Schreiben gefunden. Es ist seine Möglichkeit, die Leerstellen im Gedächtnis mit Geschichten zu füllen. Und so reist man als Leser*in zurück in Saids Vergangenheit, läuft mit ihm durch die staubigen Straßen seiner Kindheit in Bagdad und begleitet seine Flucht in stickigen Bussen, Zügen, Fähren und Flügen von Irak nach Afrika und Europa. Es folgen die ersten Jahre in Deutschland, die sich für Said anfühlten, als befände er sich in einer „riesigen düsteren Höhle“ in die von irgendwo ein wenig Licht eindrang, kaum genug, um den steinigen Weg aus der Höhle hinauszufinden. Und schließlich wandeln wir mit ihm durch das Labyrinth der deutschen Bürokratie und erfahren von den vielen gesichtslosen Menschen, die ihm zu spüren gaben, dass er hier nicht gewollt war und den wenigen, die ihm dabei halfen, die „Mauer der Paragrafen“ zu überwinden.

Es ist beeindruckend, was für ein dichtes Leben Abbas Khider in nur 125 Seiten entfaltet, ohne den Roman zu überladen – und das, obwohl dem Protagonisten eine Hürde nach der anderen in den Weg gestellt werden. Man fängt an zu verstehen, warum ihn auch nach all den Jahren in Deutschland noch Existenzängste plagen. Nach und nach wird ebenfalls klar, dass das Vergessen ein Überlebensmechanismus von Saids Körper ist, der von Folter, Krieg und dem Verlust geliebter Menschen geprägt ist. Trotzdem durchzieht den Roman etwas Lebensbejahendes, Hoffnungsvolles, u.a. in Form der Novelle Die Taube von Patrick Süßkind, die immer wieder und in den überraschendsten Momenten in Saids Leben auftaucht, zum Beispiel, als Said in einer Gefängniszelle sitzt und sich Die Taube von seinem Zellengenossen ausleiht. In dieser Nacht lässt ihn das schmale Bändchen all seine Sorgen vergessen.

Ich habe im wiederholten Auftauchen der Novelle eine Hommage an die Literatur und das Schreiben gelesen. Beides kann auch in den schrecklichsten Momenten Trost und Hoffnung spenden, denn gute Literatur ist wie ein Fenster in eine neue Welt, die selbst Gefängnisgitter sprengen kann. Das trifft nicht nur auf Süßkinds Die Taube zu, sondern eben auch auf Abbas Khiders Der Erinnerungsfälscher. Es ist wahrhaftig keine schöne oder angenehme Welt, die sich einem präsentiert, aber es ist die bittere Realität vieler Geflüchteter und entblößt die Schattenseiten der deutschen Bürokratie. Ich finde, es ist ein Blick, der sich lohnt und einer, der in der deutschen Literatur noch viel präsenter sein sollte.

Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, wurde mit 19 für seine politischen Aktivitäten verhaftet und floh 1996 nach seiner Entlassung aus dem Irak. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in Potsdam. Der Erinnerungsfälscher ist sein sechster Roman. Für sein Werk erhielt Abbas Khider verschiedene Auszeichnungen, u.a. 2013 den Nelly-Sachs-Preis sowie 2017 den Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein bisheriges Gesamtwerk.
 

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