Einführung in die arabische Literatur

Die arabische Literatur heute – aus Deutschland gesehen

Sucht man von Europa aus nach der arabischen Literatur jenseits von „Tausendundeiner Nacht“, stellt sich sofort ein eigenartiges Phänomen ein. Beim besten Willen gelingt es nämlich nicht, den Blick scharf zu stellen, den richtigen Fokus zu finden. Ein Bildzentrum scheint es nicht zu geben, und für welche Perspektive man sich auch entscheidet, man trifft stets ein bißchen daneben. Bei einem geographischen Raum, der zweiundzwanzig zum Teil kraß unterschiedliche Länder umfaßt und sich vom Atlantik bis zum Persischen Golf erstreckt, sollte das nicht verwundern.

Das Problem des richtigen Blicks

Was immer man daher – zumal als Ausländer – in allgemeinen Worten zur arabischen Literatur sagt, muß daher Fragment bleiben und ist nicht mehr eine vereinzelte Facette, die zwangsläufig der Ergänzung bedarf und darauf angewiesen ist, daß es aus anderen Perspektiven und mit anderen thematischen und geographischen Schwerpunkten ergänzt wird. Bei einem so heterogenen und in ständiger Wandlung begriffenen Phänomen wie der arabischen Literatur ist eine objektive Darstellung unmöglich – so sehr man sie auch erstreben mag.

Besonders für Fremde tritt das Phänomen hinzu, daß die moderne arabische Literatur nicht nur (aus Gründen, die weiter unten genannt werden) sehr schwer zu erarbeiten ist, sondern auch kaum erforscht wird. Wer zum Beispiel in Deutschland Orientalistik studiert, findet kaum Professoren, die sich auf die moderne arabische Literatur spezialisiert haben. Forschungsliteratur ist rar, es gibt nur einige Aufsatzsammlungen und kleinere Dissertationen – aber derzeit gibt es auf dem deutschen Buchmarkt keine einzige Gesamtdarstellung der arabischen Literatur, geschweige denn der modernen. Und um hier nur einen Aspekt der Schwierigkeit anzudeuten: Schon bei der Frage, wo die „moderne“ arabische Literatur überhaupt beginnt, scheiden sich die Geister.

Wann beginnt die arabische Moderne?

Glauben wir einem ihrer berühmtesten Vertreter, dem syrischen Dichter Ali Ahmad Said, besser bekannt unter dem Pseudonym Adonis, hielt die Moderne schon im achten Jahrhundert in die arabische Literatur Einzug - zur Zeit des berühmten Kalifen Harun al-Raschid und seines frivolen Hofpoeten Abu Nuwas, von denen viele Geschichten in „Tausendundeine Nacht“ handeln. Muhdithun, Modernisten, wurden damals diejenigen Dichter genannt, die unter dem Einfluß des Lebens in der Großstadt Bagdad (damals tatsächlich die größte und prächtigste Stadt der Welt) Formen und Inhalte der überkommenen arabischen Beduinendichtung revolutionierten. Adonis nannte Abu Nuwas deshalb den „Baudelaire der Araber“. Der Gedanke einer literarischen Moderne vor der Moderne ist für Araber sehr verführerisch, denn er befreit sie von dem Minderwertigkeitskomplex, die Moderne nur aus Europa importiert zu haben. Aber er hat auch einen großen Nachteil: Diese Moderne vor der Moderne währte nur so lange wie die Blütezeit von Bagdad. Schon vor dem Mongolensturm auf die Stadt 1258 versank die arabische Kultur in einen mehrhundertjährigen Dornröschenschlaf. Und der Prinz, der sie dann wachküßte, war ausgerechnet ein Kind der französischen Revolution: Napoleon. Auf Napoleons Ägyptenfeldzug datieren die Historiker die allmähliche Renaissance der arabischen Kultur. Es war eine Renaissance, die explizit aus der Begegnung mit Europa erwuchs. Ob es gefällt oder nicht: Die gegenwärtige arabische Literatur hat mehr mit der modernen europäischen als mit der klassischen arabischen gemeinsam. Eine bloße Nachahmung ist sie deshalb noch lange nicht.

Die schwierigen Rahmenbedingungen für die arabische Literatur

Die politischen und wirtschaftlichen Umstände, unter denen die Araber innerhalb von 200 Jahren eine Entwicklung durchmachten, für die Europa fast ein Jahrtausend brauchte, waren dabei denkbar ungünstig. Wie widrig diese Umstände bis heute sind, davon dürfte sich der Leser, der in einer gut sortierten deutschen Buchhandlung die Übersetzung eines arabischen Werkes mit der gleichen Selbstverständlichkeit kauft oder bestellt wie jedes andere, keinen Begriff machen. Sie sind aber jedem arabischen Werk, das heute erscheint, teils bis in den Wortlaut eingeschrieben.

Die Problematik der arabischen Sprache

Es beginnt bei der Frage, wer überhaupt liest. Dabei ist dies nicht eine Frage des Analphabetismus, sondern eine Frage der aktiven Lesebereitschaft und Fähigkeit. Denn die arabische Sprache hält Schwierigkeiten bereit, die nur mit großem Zeitaufwand und Bildungseifer bezwungen werden können. Der Hauptgrund liegt darin, daß die arabische Hochsprache seit vorislamischer Zeit, also seit 1500 Jahren, morphologisch und grammatikalisch praktisch unverändert ist. Das macht es zwar für jeden gebildeten Araber leicht, die ältesten Texte zu lesen. Für einfache Leute jedoch ist Hocharabisch zunächst einmal eine Fremdsprache, da die Muttersprache der lokale Dialekt ist, der zwar in der Regel auf das Arabische zurückgeht (wenn es sich nicht um Berber- oder Minderheitensprachen wie Kurdisch, Assyrisch, Armenisch handelt), jedoch so weit davon entfernt ist wie ein zünftiges Schweizerisch von Hochdeutsch. Das hat zur Folge, daß man selbst bei etablierten arabischen Schriftstellern nicht selten grammatikalische Fehler findet, die man bei uns keinem Studenten durchgehen lassen würde, die aber von den Schreibern selbst durchaus als korrekt empfunden werden können. Das Gefühl für das, was sprachlich gut und richtig ist, geht in der arabischen Welt mehr und mehr verloren, und die Streitigkeiten unter den arabischen Schriftstellern, die sich gegenseitig vorwerfen, ihre Sprache nicht zu beherrschen, sind legendär. Dies alles ist aber nicht nur ein Verlust, sondern auch das Symptom der Befreiung vom Gängelband einer überalterten, von vielen für heilig erachteten Sprache, weil es die Sprache des Korans ist. Vielleicht ist diese Befreiung von der absoluten Autorität der klassischen arabischen Sprache sogar das wichtigste Charakteristikum der neuen Literaturströmungen in der arabischen Welt zum Anfang des 21. Jahrhunderts.

Die wirtschaftlichen Probleme der Literatur

Zu all diesen Schwierigkeiten kommt hin, daß in den Verlagen aus wirtschaftlichen Gründen ein funktionsfähiges Lektorat (also das Überprüfen und die bis ins Inhaltliche und stilistische eingreifende Korrektur dessen, was ein Schriftsteller geschrieben hat) meist fehlt. Aus allen diesen Gründen ziehen es viele arabische Schriftsteller vor, in anderen Sprachen zu schreiben, besonders auf Französisch (meist Nordafrikaner oder christliche Libanesen). Die europäischen Sprachen sind einfacher zu handhaben – und bieten dem, der in diesen Sprachen schreibt, sogleich Zugang zu einem zuverlässigen und finanzkräftigen Buchmarkt. Das nämlich ist das andere große Problem der gegenwärtigen arabischen Literatur: Sie hat keinen Markt, der so perfekt organisiert ist wie etwa in Deutschland. Es gibt auch kein Bestellsystem, kein zuverlässiges Verzeichnis lieferbarer Bücher, und außerhalb des Exils und der Golfstaaten auch keinen bedeutenden Internet-Buchhandel. Die Verlage, die sich auf moderne arabische Literatur spezialisiert haben, überleben häufig nur dadurch, daß sie jüngere und weniger bekannte Autoren für die Publikation der Bücher zahlen lassen. Dies ist nicht nur für den Autor verheerend, sondern auch für das Bild dieser Literatur an sich, denn es überschwemmt den ohnedies schwachen Markt mit einer Flut unreifer Werke, zwischen denen man die wirklich empfehlenswerten suchen muß wie die berüchtigte Nadel im Heuhaufen.

Selbst ein bekannter belletristischer Autor kann aber in der arabischen Welt mit seinen Büchern nicht ausreichend Geld verdienen, da es schlicht an Lesern fehlt. 3000 verkaufte Exemplare sind für die meisten ein Wunschtraum, und wer mehr absetzt, gilt schon als Star – und kann doch nicht davon leben. Fast alle Schriftsteller sind darauf angewiesen, in einer staatlichen Kulturbehörde, als festangestellter Journalist oder als Dozent und Lehrer unterzukommen - Jobs, die in der arabischen Welt zwar denkbar schlecht bezahlt sind, aber dafür genug Zeit fürs Schreiben lassen, wenn man bescheiden genug lebt.

Entgegen dem Bild, das sich in der westlichen Öffentlichkeit festgesetzt hat, sind literarische Zensur und Bücherverbote übrigens mittlerweile selten, und anders als in den sechziger und siebziger Jahren, anders auch als in Iran, kommt es gegenwärtig nur noch in wenigen arabischen Ländern, wie etwa Saudi-Arabien, zu Repressalien gegen Schriftsteller aufgrund ihrer Werke. Und fast alle, die bei uns als arabische Exilschriftsteller bekannt sind, können derzeit in ihre Heimatländer einreisen.

Umschlagplatz der Ideen und Traditionen

So schwierig die Bedingungen für gegenwärtige arabische Literatur sind, so groß ist andererseits der Druck, sich auszudrücken und die Stimme zu erheben – zumal die Literatur, das geschriebene Wort, traditionell größte Wertschätzung genießt. Und so vielfältig sind die kulturellen Strömungen, an die man als Autor anschließen kann. So wie die alten levantinischen Hafenstädte der Umschlagplatz für den Warenaustausch zwischen Ost und West waren, ist der arabische Autor heute ein riesiger Umschlagplatz für Ideen und Traditionen. Insbesondere die neunziger Jahre haben eine explosionsartige Vervielfältigung der literarischen Möglichkeiten gesehen. Heute bietet die arabische Literatur im wahrsten Sinne des Wortes alles: Spitzenliteratur und kitschige Banalitäten, Hermetisches und Orient-Romantisches, Experimentelles und Klassisches, Blasphemisches und Restauratives. Die Literaturszene in der arabischen Welt ist keine Wüste, sondern ein Dschungel. Zumal als Fremder traut man sich kaum hinein. Und wer sich hineintraut, findet womöglich nicht mehr heraus.

Die Vermittlung ins Ausland

Da es professionelle Scouts und Agenten wie für die Literaturen der anderen großen Weltsprachen nicht gibt, hat die arabische Literatur derzeit ein eklatantes Vermittlungsproblem. Nahezu die gesamte Vermittlungsarbeit ruht auf den Schultern der wenigen Übersetzer, die damit naturgemäß überfordert sind. Welche hervorragende Arbeit sie gleichwohl leisten, sieht man daran, daß auf deutsch derzeit mehr arabische Literatur zu lesen ist, als selbst der größte Orient-Fan lesen will. Fikrun wa Fann, die arabischsprachige Zeitschrift des Goethe-Instituts, hat alle aus der modernen arabischen Literatur ins Deutsche übertragenen Titel gezählt – es sind knapp 200. Dabei sind in dieser Liste weder Anthologien, noch Klassiker oder Werke genannt, die von Arabern in anderen Sprachen geschrieben worden sind. Zählte man diese dazu, käme man auf ca. 400 Titel. Die arabische Literatur auf deutsch lebt.

Beispiele und Empfehlungen

Aber was davon kann einem neugierigen, jedoch nicht spezialisierten Leser als Einstieg empfohlen werden? Wohlgemerkt, die Bücher, die hier erwähnt werden, sind die Empfehlungen eines Deutschen, der sich ein wenig auskennt, für Deutsche, die sich noch gar nicht auskennen – und es kann sich dabei natürlich nur um übersetzte Bücher handeln. Ein arabischer Fachmann wird wahrscheinlich ganz andere Bücher empfehlen wollen und es ist sicher gut, wenn er es auch tun kann. Wie gesagt: Auf die moderne arabische Literatur gibt es viele verschiedene Perspektiven. Aber egal, aus welcher Perspektive man spricht, man muß sich bewußt sein, daß es immer auch eine andere gibt und Objektivität vielleicht erstrebenswert ist, aber tatsächlich nie erreicht werden kann.

Romanliteratur

Viele der wichtigen und besten Werke der modernen arabischen Literatur sind in den letzten Jahren – von der größeren Öffentlichkeit unbemerkt - auch auf deutsch erschienen. Meistens handelt es sich dabei um die Klassiker der modernen arabischen Romanliteratur aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren. Der ägyptische Nobelpreisträger Nagib Machfus ist unter ihnen nur der bekannteste. In fast allen seinen Werken, die durchweg leicht lesbar sind, zeigt er auf, wie der moralische Verfall und die moderne Orientierungslosigkeit in die ägyptische Mittelschicht einsickern, so etwa in einem seiner berühmtesten Werke, „Ein Hausboot am Nil“.

Die arabische Literatur nach Machfus entfaltet aber noch einmal ganz andere Energien, Themen und Formen. Seit dem Erscheinen Ende der sechziger Jahre zählt Tajjib Salichs (geb. 1929) schmaler Roman „Zeit der Nordwanderung“ zu den ewigen Top Ten der modernen arabischen Literatur und ist für eine ganze Generation nahöstlicher Intellektueller ein Kultbuch. Es schildert die steile Karriere des sudanesischen Studenten Mustapha Said im Mutterland des Kolonialismus. Said ist ein berechnendes, intellektuelles Monster, der afrikanische Urahn der Helden Bret Easton Ellis’. Seine Rachegelüste gegenüber den ihn zwar fördernden, doch nie als gleichwertig anerkennenden Briten lebt er sexuell aus, indem er die Engländerinnen, die ihm reihenweise verfallen, in den Selbstmord treibt oder eigenhändig umbringt. Hinterfragt im Sinne eines „back to the roots“ wird die Manie Saids vom Erzähler der Geschichte, einem jungen Mann aus Wadd Hamid, dem Dorf am Nil, in das Said heimkehrt, um (freilich vergebens) seine ungewollt-gewollte Verwestlichung wieder abzuschütteln. Bis heute hat kein Werk das zwiespältige Verhältnis der arabischen Intellektuellen zum Westen tiefer durchleuchtet. Es ist hochaktuell.

Freilich ist die Kunst der Verknappung, die Salichs 190 Seiten Roman auszeichnet, nur bedingt repräsentativ für die moderne arabische Literatur - sieht man einmal von ausgewiesenen Meistern der Kurzgeschichte wie dem Ägypter Jussuf Idris oder dem Syrer Sakarija Tamer ab. Salichs weit ausgreifende epische Antipoden sind zum Beispiel der Libyer Ibrahim al-Koni (geb. 1948) und der irakisch-saudische Romancier Abdalrachman Munif (1933 – 2004). Al-Konis Werk beschreibt eine Welt, die eigentlich gar keine arabische ist: Die der Tuareg, der Saharanomaden. Dabei wird das Leben dieser Nomaden nicht in realistischer Weise mit ihren aktuellen Problemen geschildert, sondern als mythisch aufgeladener Gegenentwurf zur Moderne inszeniert. In der archaischen Welt al-Konis kämpfen die ewigen Antipoden Geld und Moral, Exzeß und Askese, Mann und Frau, Tradition und Erneuerung noch einmal gegeneinander, etwa in seinem 800-seitigen Opus-Magnum „Die Magier“.

Der Verkaufserfolg von Al-Koni im deutschsprachigen Raum deutet darauf hin, daß die westlichen Leser an der arabischen Literatur bemerkenswerter Weise gerade das völlig Andersartige schätzen, dasjenige, was sie nicht ebensogut in deutschen und amerikanischen Romanen finden. So ist auch das große Echo auf den aus Saudi-Arabien stammenden Abdalrachman Munif zu erklären, dessen 560 Seiten starker Roman „Die Salzstädte“ (eigentlich nur der erste Teil einer Pentalogie!) im Jahr 2003 endlich auf deutsch erschien. Munif schildert einfühlsam, aber ohne Scheu vor Tabus, die Verwandlung Saudi-Arabiens von einem vormodernen Beduinenland zum westlich unterwanderten Ölstaat. Das aus dem Jahr 1984 stammende Werk klärt auch über die Ursprünge des gegenwärtig drohenden Bürgerkriegs in Saudi-Arabien auf.

Auch Frauen schreiben

Aber die arabische Literatur ist längst keine Domäne der Männer mehr, und das gilt nicht nur für auf französisch schreibende Autorinnen wie Assia Djebar. Kämpferisch, selbstbewußt und emanzipiert sind auch die arabophonen Schriftstellerinnen - etwa die derzeit prominenteste Vertreterin der palästinensischen Literatur, die 1941 geborene Sahar Khalifa, deren jüngstes Werk, „Die Verheißung“, jetzt auch auf deutsch erscheint. Khalifa, die lange in Amerika gelebt und gelehrt hat, vermittelt bestürzende Einblicke in den Alltag palästinensischer Frauen. Diese haben einerseits mit den Schikanen durch die israelische Besatzung, andererseits mit den patriarchalischen Strukturen der palästinensischen Gesellschaft zu kämpfen. Zu einem regelrechten arabischen Fräuleinwunder haben in den neunziger Jahren viele jüngere Schriftstellerinnen beigetragen. So schildert etwa die 1968 geborene Ägypterin Miral al-Tahawi in ihrem Buch „Die blaue Aubergine“, wie sie während des Studiums in die Kreise von Islamisten geriet und welche inneren Kämpfe sie austragen mußte, um sich davon zu lösen. Dabei zeugt sogar in der Übersetzung ihre symbolisch aufgeladene, für deutsche Ohren bisweilen überanstrengt wirkende Sprache von dem quälenden Prozeß dieser Emanzipation.

Die Bedeutung der Lyrik

Nicht nur mit ihrer Erzählkunst klopfen die Araber vehement an die Panzertür des westlich dominierten Clubs „Weltliteratur“. Die Gattung, die bis heute bei den Arabern als die angesehenste gilt, ist nämlich die Lyrik. Wer einmal das Vergnügen hatte, einem arabischen Gedichtvortrag zu lauschen, weiß warum. Ein Fall für eingefleischte Poesie-Fans ist der 1930 geborene Adonis. Dabei ist seine Dichtung keineswegs so hermetisch, wie man auf den ersten Blick denken mag. Einleuchtend beschreibt er den Einbruch der Moderne in die alte arabische Welt: „Das Minarett weinte / Als der Fremde kam / Er kaufte es ohne Not / Er baute darauf einen Schlot.“ Besonders brisant ist sein aus dem Jahr 1971 stammendes, endlich auf deutsch übersetztes Langgedicht „Ein Grab für New York“, das von vielen Interpreten als dichterische Vorausahnung des 11. September gedeutet wird. Wer einen sanfteren Einstieg in die arabische Lyrik sucht, ist mit Fuad Rifka am besten beraten. Der Libanese, der in Deutschland über Heidegger promoviert hat und viel deutsche Lyrik übersetzt, schreibt genau so, wie er es in dem Gedicht „Sprache“ aus dem Band „Das Tal der Rituale“ formuliert hat: „Nackt, / einfach und arm, / Kindersprache / in des Sprechens Anfang / ist seine Sprache: / Die Sprache der Tiefen.“ Aber die moderne arabische Poesie ist so reichhaltig, daß es unmöglich ist, sie mit wenigen Beispielen angemessen zu schildern. Wer sie sich wirklich erschließen will, sollte zu einer der auch auf deutsch erschienenen Anthologien greifen (siehe Bücherverzeichnis unten).

Araber, die nicht auf arabisch schreiben

Erwähnt werden müssen aber noch diejenigen arabischen Autoren, die in westlichen Sprachen schreiben. Sie sind geradezu die Verkörperung kultureller Verschmelzung. Die weitaus meisten Leser verdanken ihnen die erste literarische Begegnung mit dem Orient, und in aller Regel sind sie bekannter als ihre arabisch schreibenden Kollegen. Der deutsche Syrer Rafik Schami und der frankophone Marokkaner Tahar Ben Jelloun sind nur die populärsten. Schami legt in diesem Herbst seinen bislang umfangreichsten Roman vor, eine Art Romeo und Julia-Geschichte aus Damaskus mit dem romantischen Titel „Die dunkle Seite der Liebe“.

Die auf arabisch schreibenden Autoren beobachten den Erfolg ihrer in Fremdsprachen schreibenden Kollegen natürlich nicht ohne Neid und werfen ihren gerne vor, sie würden der westlichen Öffentlichkeit ein exotisch verkitschtes Orientbild präsentieren. Auf manche trifft dies zu, auf die große Mehrheit sicherlich nicht. Die von Arabern in westlichen Sprachen geschriebene Literatur zeichnet sich vielmehr durch fulminante Erzählfreude, große Lust am Spiel mit der Sprache und dramatische Stoffe aus – auf deutsch bei dem Syrer Rafik Schami ebenso wie bei dem Iraker Hussain Al-Mozany, auf französisch bei dem frankophonen Marokkaner Ben Jelloun, den Algeriern Rachid Boujedra, Yasmina Khadra oder Bouallem Sansal ebenso wie bei den Libanesen Amin Maalouf und Vénus Khoury-Ghata. Alle diese Autoren sind eine Bereicherung für die arabische Literatur und zugleich für die Sprachen, in denen sie schreiben.

Stefan Weidner studierte Islamwissenschaften und ist Redakteur von Fikrun wa Fann. Unlängst erschien sein Buch: „Erlesener Orient. Ein Führer durch die Literaturen der islamischen Welt“, Edition Selene, Wien 2004.

Im Artikel für deutsche Leser empfohlene Literatur:

Adonis: Ein Grab für New York. Gedichte, arabisch und deutsch. Ammann Verlag, Zürich 2004. 24,90 EUR
Ibrahim al-Koni: Die Magier. Roman. Lenos TB. 16,50 EUR.
Sahar Khalifa: Die Verheißung. Roman. Unionsverlag. 16,90 EUR.
Nagib Machfus: Das Hausboot am Nil. Roman. Bibliothek Suhrkamp, 12,80 EUR
Abdalrachman Munif. Salzstädte. Roman. Diederichs, München 2003. 24,90 EUR
Fuad Rifka: Das Tal der Rituale. Gedichte, arabisch und deutsch. Straelener Manuskripte, Straelen 2002. 24.90 EUR
Tajjib Salich. Zeit der Nordwanderung. Lenos TB 9,95 EUR.
Miral al-Tahawi: Die blaue Aubergine. Roman. Unionsverlag, Zürich 2002. 16,90 Eur.
Lyrik-Anthologien: Khalid Al-Maaly (Hg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Das Arabische Buch, Berlin 2000.
Stefan Weidner (Hg.): Die Farbe der Ferne. C.H. Beck Verlag, München 2000.

Stefan Weidner